Die Russell-Revolution (III)

Der dritte und letzte Teil der Russell-Revolution kreist um politische Athleten, den Freiheitskämpfer Bill Russell sowie sein Vermächtnis.

Bill Russell gilt als der größte Gewinner im nordamerikanischen Profiteamsport. Auch ist er als Gründervater der NBA gefragt und generell eine hochgeachtete Persönlichkeit. Seine einst revolutionäre Wirkkraft kommt indes nur spärlich zur Sprache. Ein guter Grund, um einen Deep Dive zu unternehmen und ihn ganzheitlich zu würdigen. Der dritte und letzte Teil kreist um politische Athleten, den Freiheitskämpfer Bill Russell sowie sein Vermächtnis.

[zum ersten Teil der Russell-Revolution]

[zum zweiten Teil der Russell-Revolution]

Integrierte Big League

Mitte der 1960er Jahre hatte die NBA den Status einer Big League erreicht und mit dem Sender ABC einen Dreijahresvertrag für Sonntagsspiele abgeschlossen. Die großen Märkte, einschließlich Los Angeles und die Bay Area, waren nun via Expansion und Standortwechsel besetzt. Auch bedingt durch ein vorteilhaftes Kartellrecht, eine sportaffine Konsum- und Populärkultur sowie die kommerzielle Luftfahrt erhielt die Profiliga nachhaltig Auftrieb.

Das Farbfernsehen verlieh dem Ballsport zusätzlich visuelle Attraktivität, während Einschaltquoten Investoren auf den Plan riefen. In puncto Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehungen wurde die paternalistische Dominanz der Teambesitzer aufgebrochen; wozu auch die konkurrierende American Basketball Association beitrug, die Arbeitsplätze bot und Gehaltssteigerungen bewirkte.

So erhielten NBA-Spieler am Ende der Dekade – vor allem dank der erstarkten Spielergewerkschaft (siehe folgendes Video) – großzügigere Pensionsleistungen, Minimalgehälter, Krankengelder und Tagespauschalen. Sie flogen nun erste Klasse und nächtigten in ebensolchen Hotels. Ausnahmespieler verdienten über 100.000 US-Dollar. Von einer weißen „bush league“ (siehe erster Teil) sprach kaum noch jemand.

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Denn auch die Mehrheitsverhältnisse hatten sich im Zuge der Modernisierung gewandelt. Seit 1958 waren langsam aber zunehmend mehr afroamerikanische Profis in die Association eingetreten. 1965/66 waren mehr NBA-Spieler Schwarz als weiß, inklusive zwei Drittel der Starter und die Hälfte der All-Stars. Wobei diese Entwicklung gewiss nicht allen Fans gefiel …

Dennoch stiegen der Zuschauerzuspruch und die TV-Quoten in den 60ern durchweg an. Die Popularität des Profibasketballs lag nicht zuletzt in dem innovativen Upgrade begründet, das Ausnahmekönner wie Bill Russell, Wilt Chamberlain, Oscar Robertson und Elgin Baylor erfolgreich installiert hatten.

Kultürlich sind sie hierbei keinem homogenen „Schwarzen“ Stil zuzuordnen – jedoch kombinierten sie allesamt Schnelligkeit und Stärke, Agilität und Athletik mit imposanten Allround-Skills. So prägten und dominierten afroamerikanische Profis das Spiel, während sie eine veränderte kulturelle Wahrnehmung des Basketballs mit ihren Darbietungen und Leistungen etablierten und konsolidierten: nämlich die Assoziation mit einer Schwarzen Ästhetik; mit Anmut, Improvisation, Zurschaustellung, Einschüchterung und individuellem Flair.

In dieser transformativen Phase bezog Russell erneut Stellung, diesmal als Autor. Gemeinsam mit dem Journalisten William McSweeny schrieb und veröffentlichte er 1966 „Go Up for Glory“, seine erste Autobiografie. Ein introspektives Buch voller pointierter Ansagen, persönlicher, professioneller und politischer Konflikte, das die üblichen Sportlermemoiren im Vergleich wie Kinderbücher erschienen ließ.

Sport als Aufstiegsvehikel wurde darin hinterfragt, der Bürgerrechtsprozess diskutiert, rassistische Diskriminierung angeprangert. Gleichzeitig lobte Russell seine Teamkollegen und pries demokratische Ideale. Die Leitmotive „Männlichkeit“ und „Charakter“ durchziehen sein bitter bissiges Erstlingswerk.

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„Go Up for Glory“ kreist um die Rolle Schwarzer Athleten und konturiert Sport als politische Arena, in der wie in der weiteren Gesellschaft Unaufrichtigkeit und Ungerechtigkeit vorherrschen. Daher spart die Kritikschrift nicht mit direkten Attacken gegen das überkommene Establishment. „When you slap me in the face, I acknowledge that you have slapped me“, betonte Russell, als er auf den Ton des Buches angesprochen wurde. „These things have happened to me, and I want you to know these things have happened to me.“

Mit dieser ungeschönten Ehrlichkeit provozierte er manche; die weiße Mehrheitsgesellschaft konfrontierte er mit einer komplexen Persönlichkeit, die herausfordernd Haltung zeigte und für Gerechtigkeit eintrat. Der Sportsoziologe Harry Edwards schrieb wenig später, „Go Up for Glory“ sei „the first publicly acknowledged indication that a revolt by black athletes was imminent“.

1967 verweigerte Muhammad Ali öffentlichkeitswirksam den Militärdienst, 1968 verzichtete Lew Alcindor auf seine Teilnahme an den Olympischen Spielen; Tommie Smith und John Carlos vollzogen in Mexico City ihre berühmte Protest-Performance (gleich mehr dazu).

Zuvor sorgte Russell wiederum für Aufmerksamkeit, indem er seine eigene Revolution als Spielertrainer der Boston Celtics fortschrieb. 1964 war Teameigner Walter Brown verstorben, woraufhin sich Red Auerbach auf die Managementaufgaben konzentrierte und 1966 nach dem achten Titel in Serie als Cheftrainer zurückzutrat.

Als Nachfolger visierte Auerbach seine ehemaligen Schützlinge Frank Ramsey (einst der Prototyp des Sechsten Mannes), Bob Cousy und Tom Heinsohn an – die alle nacheinander absagten. „I don’t think I could handle Russell“, bekannte Heinsohn stellvertretend. Denn für den stolzen und kritikempfindlichen Celtics-Captain galten ohnehin andere Regeln.

Russell ließ sich nur von „General“ Auerbach kommandieren und wartete mit den Trainingsgewohnheiten eines Allen Iverson auf. (Während die anderen schwitzten, durfte er etwa auf der Bank Zeitung lesen und Kaffee trinken.) Dass er das Traineramt schließlich selbst übernahm, war demnach eine weise Entscheidung. Zumal ihn die Herausforderung motivierte und er um die politische Bedeutung wusste. So war Russell der erste Schwarze Headcoach in den großen Profiligen Nordamerikas.

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Den Suggestivfragen der Journalisten erteilte der 32-Jährige dabei eine klare Absage – auch weil sie einem weißen Neutrainer wohl nie derart be- und hinterfragt hätten: „I wasn’t offered the job because I am a Negro, I was offered it because Red figured I could do it.“

Ungeachtet dessen erhielt Russell Unterstützung und Zuspruch. Etwa nannte Baseballpionier Jackie Robinson die Beförderung einen Türöffner für Schwarze Athleten und „a tremendous inspiration to a lot of young kids“. Time und Newsweek besprachen Russells übersportliche Bedeutung und öffentliches Image, die New York Times brachte eine anerkennende Titelstory. Die afroamerikanische Presse feierte seine Berufung als Meilenstein im Bürgerrechtsprozess.

Sportlich gesehen verbuchten die Celtics unter Russell 1966/67 zwar 60 Saisonsiege, doch musste sich der unerfahrene und gewohnt kompromisslose Coach erhebliche Kritik gefallen lassen. Er traf Fehlentscheidungen und war der Doppelaufgabe nicht immer gewachsen. Alldieweil sein Team in den Eastern Division Finals den starbesetzten Philadelphia 76ers überraschend deutlich unterlag.

Kurzzeitig erschien die 68 Siege starke 67er Meistermannschaft um Wilt, Hal Greer und Chet Walker als zukünftige NBA-Dynastie. Indes glückte den Celtics ein Jahr später (nach 3-1-Rückstand) die Revanche und anschließend gegen die Lakers der Titelgewinn. Entgegen aller Zweifler hatte Spielertrainer Russell sein Team zur Meisterschaft geführt, seine zehnte in zwölf Spielzeiten. Boston war also mitnichten „tot“, wie die Sixers-Fans bereits frohlockend skandiert hatten …

Der Erfolg gab dem unnahbaren und herausfordernden Gewinner Recht und brachte ihm auch als Coach Respekt ein. Auf die Nachfrage der Sports Illustrated, ob er noch etwas beweisen müsse, antwortete Russell selbstsicher: „To tell you the truth, it’s been a long time since I tried to prove anything to anybody. I know who I am.“

The Revolt of the Black Athlete

Dennoch war der ehrgeizige und stolze Celtic weiterhin darauf bedacht, dass ihn die Öffentlichkeit als Mensch anerkannte. Als Individuum betrieb Russell Inklusion mit ikonoklastischem Touch, was auch seine Garderobe widerspiegelte – die ein wenig an die seines modisch extravaganten Namensvetters erinnert …

So trug der Renaissance Man (Bücherfreund, Kunstsammler, Musik- und Modellbahn-Liebhaber) Opernmäntel, Nehru-Jacken, Kaftane, Porkpie-Hüte, Fünf-Knopf-Sakkos, Schnürhemden, zweifarbige Schuhe und Love Beads.

Auch sein mürrisch-kaltschnäuziges Auftreten hatte Bestand. Rigoros erteilte Russell Autogrammwünschen (selbst seiner Mitspieler) und Smalltalkversuchen eine Abfuhr. „Why should I?“, fragte er und fügte an: „Most people just want my autograph or want to shake my hand so they can go back and tell their friends they spoke to me. They look at athletics as if it’s romantic. They’re not interested in me as a person but as an athlete.“ Die Idolisierung seitens der Fans betrachte er als Entmenschlichung.

Seinen politischen Ansichten verlieh Russell verstärkt Ausdruck, gegen Ungerechtigkeit sprach er sich weiter entschlossen aus. „Because I am a man“, wie er betonte. „Athletes are beginning to realize they can’t live in two different worlds.“ Jetzt oder nie sei für Schwarze Athleten das Gebot der Stunde.

Mit Blick auf den Profisport kritisierte Russell die unzureichende Diversität und Inklusion, die er mit seinen Celtics erfolgreich praktizierte. Führungspositionen sollten sonach auch mit Afroamerikanern besetzt werden. Überdies beklagte er die gesellschaftlich gemachte sozioökonomische Perspektivlosigkeit in den Großstadtvierteln. Russell verurteilte die Scheinheiligkeit des Vietnam-Krieges und verwarf das gewaltlose Ethos der Bürgerechtsbewegung, nachdem Martin Luther King 1968 ermordet worden war. Die USA seien auf Kollisionskurs, wie er verkündete.

1966 nahm Russell an der „White House Conference on Civil Rights“ teil, als er im Rahmen eines Workshops zu „Economic Security and Welfare“ auftrat und beanstandete: „Why are there not representatives of General Motors, Ford, and Chrysler here? What good is education without jobs? And it is big corporations such as these who control the good jobs.“ 1967 sammelte er gemeinsam mit 18 Profisportlern Geld für den NAACP Legal Defense and Educational Fund, einer wichtigen Bürgerrechtsorganisation im Kampf für soziale Gerechtigkeit.

Damit war Russells politische Aktivität keineswegs erschöpft. Im gleichen Jahr sprang er mit Football-Ikone Jim Brown, Lew Alcindor und weiteren namhaften Athleten seinem Freund Muhammad Ali zur Seite. Dieser hatte gerade seine Verweigerung des Militärdienstes bekundet: „Keep asking me, no matter how long. On the war in Vietnam, I sing this song: I ain’t got no quarrel with no Viet Cong.“ Formell verweigerte er die Einberufung aus religiösen Gründen.

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In der Konsequenz wurde Ali öffentlich an den Pranger und unter scharfe FBI-Überwachung gestellt. Zudem wurde ihm die Boxlizenz entzogen, sein Weltmeistertitel und der Reisepass genommen. Obendrein musste er sich wegen Wehrdienstverweigerung vor Gericht verantworten.

Russell beklagte, dass der couragierte Champ als „national whipping boy“ herhalten müsse. Alis Recht auf Meinungs- und Religionsfreiheit sei unveräußerlich, der wortgewandte Schwarze Muslim keine ignorante Marionette der Nation of Islam. Niemand solle ihn aufgrund seiner Prinzipientreue, seines Glaubens und seiner Überzeugungen verdammen.

„The hysterical and sometimes fanatical criticism of Ali is, it seems to me, a symptom of the deeper sickness of our times“, äußerte Russell. Um nicht auch als „unamerikanischer Radikaler“ gelabelt zu werden, stellte er dabei klar, dass er selbst weder NOI-Mitglied noch Kommunist sei.

Geschickt vermied es Russell, solch einen Negativstempel aufgedrückt zu bekommen – unterdessen er seine Stimme politisch erhob. Besonders während der „Revolt of the Black Athlete“ (eine unbedingte Leseempfehlung!) der späten 60er Jahre kam diese eigenständige Haltung zum Tragen.

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Während nach der Ermordung von Dr. King urbane Unruhen vorherrschten und die Black-Power-Bewegung Auftrieb erfuhr, nahm Harry Edwards die rassistische Verfasstheit des Amateur- und Profisports ins Visier. Der Soziologe (San Jose State) begründete und befeuerte eine soziale Bewegung, die ausgebeutete und instrumentalisierte Athleten zu einen und politisch zu ermächtigen suchte.

Ein Boykott der Olympischen Spiele von 1968 sollte dazu dienen, auf die Problem- und Notlagen Schwarzer Athleten aufmerksam zu machen. Sportpartizipation würde nicht Aufstiegschancen, sondern Ungleichheiten befördern, lautete das untermauerte Argument. 

Wenngleich der Olympiaboykott letztlich nicht stattfand, organisierte die Bewegung zahlreiche Protestveranstaltungen (u.a. wurde die Wiedereinsetzung von Ali als Weltmeister gefordert) und generierte landesweite Aufmerksamkeit. Zumal einzelne Akteure, zuvorderst Alcindor, nicht nach Mexico City reisten, wo Tommie Smith und John Carlos ihren ikonischen stillen Protest auf dem Podest vollzogen.

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Russell ließ hinsichtlich der afroamerikanischen olympischen Protestbewegung verlauten: „A man should do what he feels is right.“ Konservative Boykottgegner verurteilte er gleichwohl als „do-nothings“; auch weil er mit den politisierten Athleten sympathisierte und ihren Gerechtigkeitssinn bejahte.

Edwards benannte Russell zudem als einen Inspirator, den er schätzte und dessen Unterstützung er suchte. So hatten sie 1968 gemeinsam die U.S. Olympic Trials besucht, wo sie laut Edwards – der stets wortgewaltig und in voller Black-Power-Montur auftrat – in der „poor people’s section“ Platz nahmen. Russell trug „a bright African cape“ und nahm im Gegensatz zu seinem Begleiter respektvoll Haltung ein, als die amerikanische Nationalhymne gespielt wurde. Das aus seiner Sicht bisweilen pseudorevolutionärere Getue der jungen Generation mied er.

Russell bezog demnach Stellung; er zeigte sich eigen und eigensinnig, verkörperte die Wut und Frustration vieler Afroamerikaner – allerdings ohne eine komplette Entfremdung vom Mainstream zu vollziehen. Anders also wie Ali oder Edwards, die seinerzeit als militante Provokateure, ja als Staatsfeinde galten.

1968 kam in einem CBS-Spezial über das Schwarze Amerika die Bedeutung des einzigen nicht-weißen Headcoaches zur Sprache. Es wurde gewarnt: „His presence in that job has not been a source of comfort to the black community, but an irritation. He stands out like a lighthouse, signaling tokenism.“ In einer umkämpften Ära repräsentierte Russell Schwarzen Fortschritt. Zugleich wies seine singuläre Präsenz auf den dringenden Handlungsbedarf hin. Im Sport und in der weiteren Gesellschaft.

Noch im gleichen Jahr erfuhr Russell die Anerkennung, die er über seine gesamte Karriere hinweg eingefordert und sich erarbeitet hatte. Er zierte die Titelseite der Sports Illustrated, die ihm zum „Sportsman of the Year“ gekürt hatte.

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Es war eine Auszeichnung, die Russell viel mehr als all gewonnenen Trophäen berührte, weil sie eine übersportliche Anerkennung bedeutete. „This award means to me, ‚You’ve been a man. We respect you.’“ Als beispiellos erfolgreicher Athlet und politisch ambitionierter Akteur, der unter schwierigen Rahmenbedingungen in den Pantheon Schwarzer Sportheroen einzog und dort eine Ausnahmestellung einnimmt.

Abgang und Nachklang

In der Saison 1968/69 landeten die alternden Kelten im Osten der NBA nur auf dem vierten und letzten Playoff-Platz. Viele Experten hatten das angeknockte Team bereits abgeschrieben. Doch reaktivierten sie unter Captain und Coach Russell in der Endrunde nochmals ihren Celtic Pride.

Zunächst schalteten sie die Sixers (nunmehr ohne Wilt) aus. Dann wiesen sie die aufstrebenden Knickerbockers um Willis Reed und Walt Frazier in die Schranken, um in den Finals über eine Sieben-Spiele-Serie gegen ihre Lieblingsgegner zu gehen: die Lakers mit ihrem Star-Trio, bestehend aus Jerry West, Elgin Baylor und Neuverpflichtung Wilt Chamberlain.

Als formvollendeter Schlusssatz unterstreicht Spiel sieben Russells Status als ultimativer Gewinner. In seiner letzten Profipartie ging er nach einer denkbar knappen Serie – in welcher der 35-Jährige durchgespielt hatte – wiederum als Finalsieger vom Feld (zum siebten Mal gegen die Lakers).

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Die Celtics hatten der glitzernden Starpower der Lila-Goldenen mit 108:106 Einhalt geboten, die bereits groß vorbereitete Siegesfeier fiel trotz der famosen Leistung von Finals-MVP Jerry West aus. Ein letztes Mal stand Wilt dabei in Russells Siegerschatten, musste er sich seinem Konkurrenten nach 2-0-Serienführung geschlagen geben. Fünf Minuten vor Spielende ging der „Big Dipper“ angeschlagen auf die Bank, wo er verblieb. Sein Coach versagte dem streitbaren und sensiblen Star-Center die Wiedereinwechselung.

Russell untermauerte mit diesem Bilderbuchende hingegen seinen Ruf als „Clutch Player“ und Dauerbrenner. So spielte er in seiner Karriere elf entscheidende Playoff-Partien – zehn siebte Spiele (fünf in den Finals), einmal ein fünftes – ausnahmslos waren seine Celtics erfolgreich. Im Schnitt legte Russell in diesen „Do-or-die“-Begegnungen 18,4 Punkte (bei 67,5% FT), 29,5 Rebounds und 4,4 Assists auf. In 165 Endrundenspielen stand er im Schnitt 45,4 Minuten dem Hartholz und markierte 16,2 Zähler, 24,9 Abpraller und 4,7 Vorlagen.

Als Spielertrainer hatte Russell in drei Jahren zwei Titel gewonnen, in dreizehn Profijahren insgesamt elf Meisterschaften eingefahren. Entsprechend belobigte der Baltimore Afro-American „Fabulous Bill“ nach dem finalen Titelrun: „Bill did it all, despite the weight of a 35 years in a 20-year-old’s game. He made the hated cliché permissible, indulgence in the superfluous timely. Basketball has never seen his equal in the past, and may not ever in the future.“

Russell redefinierte die Center-Position, er trug zu einem aufregenderen und attraktiveren Basketball bei. Er triumphierte über seinen großen Rivalen und guten Freund. In eindrucksvoller Manier dominierte er mit den Celtics die 60er Jahre und legte damit den Grundstein für die Popularität der NBA.

Als König des Courts regierte Russell unter den Körben und übersah die Afroamerikanisierung des Sports – gewandelte Mehrheitsverhältnisse und eine veränderte Ästhetik, ja die umgestaltete Basketballkultur. Er machte als politischer Athlet von sich Reden, der die weiße Mehrheitsgesellschaft herausforderte und in Schwarzen Gemeinden Selbstachtung und Stolz entfachte.

„We see each other as men“, sagte der Teamportler nach dem finalen Titelerfolg. „We judge a guy by his character.“ Genau dies erwartete der couragierte Individualist von seinen Zeitgenossen – während er selbst für Irritationen sorgte.

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Nach den 69er Finals hatte Russell seinen Abschied vom aktiven Sport nicht formell verkündet. Vielmehr verschwand er wortlos aus Boston. Auch die Titelparade fand ohne ihn statt. Erst im August erfuhren die Celtics aus der Sports Illustrated, dass sie auf ihren Center und Coach nicht mehr zählen konnten. (Allein Red Auerbach gegenüber hatte Russell seinen Rücktritt angekündigt, wovon dieser aber nichts wissen wollte.) Ohne den Großmeister verpassten die Grünen daraufhin erstmals seit 1950, der Debütsaison der NBA, die Playoffs.

Russell erging es derweil kaum besser. Seine Ehe mit Rose war am Ende, und seine Geschäftsunternehmungen gingen den Bach runter (etwa seine Kautschukplantage in Liberia). Zudem erhitzte er hin und wieder die Gemüter des Establishments.

Kulturellen Formen der Heldenverehrung erteilte er weiterhin eine konsequente Absage. Autogramme waren noch immer Tabu, öffentliche Feierstunden unerwünscht (O-Ton: „You know I don’t go for that stuff“). Als seine ikonische Nummer sechs 1972 unter die Hallendecke des Boston Garden gezogen wurde, geschah dies sonach im privaten Rahmen ohne Fans und Fachjournalisten. Der feierlichen Aufnahme in die Basketball Hall of Fame (1975) blieb Russell fern.

1977 heiratete er die dreizehn Jahre jüngere Euroamerikanerin Dorothy Anstett. Die kritisch beäugte Beziehung mit der vormaligen Miss USA – „interrassische“ Ehen wurden landesweit erst 1967 legalisiert und waren entsprechend selten – wurde bereits 1980 geschieden …

Indes bestätigte Russell seine Reputation als öffentlicher Intellektueller, indem er erneut schriftstellerisch aktiv wurde. Seine gemeinsam mit dem Historiker Taylor Branch (dieser gewann später den Pulitzer-Preis) vorgelegte zweite Autobiografie – „Second Wind: The Memoirs of an Opinionated Man“ (1979) – beschreibt eine Sternstunde in der oft trüben Geschichte der Sportlermemoiren. Introspektiv schaut Russell darin auf ein facettenreiches Selbst und die Widersprüchlichkeiten seiner selbst. Zugleich offeriert er eine kritische Reflexion der Welt, die ihn umgibt und als Person geformt hat.

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Nicht als Buchautor, sondern als Headcoach der Seattle SuperSonics (1973-77) und Sacramento Kings (1987/88) war Russell derweil nur mäßig erfolgreich, aber zumindest einträglich beschäftigt.

Auch trugen seine Auftritte an der Seitenlinie und als Co-Kommentator im Fernsehen zu einem nachhaltigen Imagewandel bei. Als NBA-Analyst für ABC und CBS brachte Russell seine fundierte Kenntnis des Spiels gewinnend ein. Er lieferte ehrliche und faire Einschätzungen der spielerischen Fähigkeiten und Fehlleistungen; er erklärte die Facetten und taktischen Feinheiten des Spiels, wenngleich sein teils monologisches Dozieren nicht nur auf Gegenliebe stieß. Hinzu kam sein trockener Humor, besonders sein einnehmendes Lachen, das der breiten Öffentlichkeit erstmals zugänglich war. Vielen erschien der einst so unnahbare Mr. Russell als menschlicher Charakter.

Seine Zeit als Cheftrainer machte ihn gleichermaßen menschlicher. Denn der große Gewinner gewann mit den von ihm aufgebauten Teams (in Personalunion war er General Manager) nur eine einzige Playoff-Serie. Für ihn selbst und viele andere war dies zuvor undenkbar.

Coach Russell hatte keinen Bill Russell, der für ihn auflief. Auch erreichte er die nachkommende Spielergeneration, die er für verwöhnt, ichbezogen und wenig opferbereit hielt, nicht wirklich. Seine Enttäuschung und sein relatives Scheitern (Seattle gewann zwei Jahre nach seinem Abschied unter Lenny Wilkens den Titel) trug er aber mit Anstand und Würde, was ihm zusätzliche Sympathien einbrachte.

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Der Prozess des Erinnerns ist ohnehin ein gegenwartsbezogener und -bestimmter, selektiver und subjektiver Vorgang. Viele Ereignisse und Erfahrungen werden aktiv vergessen oder bewusst herausgestellt. So wurde auch Russell mit der Zeit nostalgisch als wahrer Teamspieler und überlebensgroßer Gewinner von der Mehrheitsgesellschaft angenommen und von der NBA geehrt. Etwa trägt der 1969 eingeführte Finals-MVP-Award seit 2009 seinen Namen. Das einst polarisierende Auftreten war dabei nicht mehr von Gewicht.

In Anbetracht der nachfolgenden Spielergenerationen, die viele als undiszipliniert und unverantwortlich wahrnahmen, erschien Russell zusehends als vorbildhafter Altmeister. Zur Beendigung der notorischen „ShaKobe“-Fehde trug er etwa als Ratgeber und altersweiser Vermittler bei. O-Ton Shaquille O‘Neal: „I had orders from the great Bill Russell.“

Ehrenrunde und Vermächtnis

Auch die in den 90er und Nullerjahren lange erfolgslosen Celtics suchten nach heilen Helden- und Identifikationsfiguren. Ein altersmilder Russell, der mit Boston letzten Endes seinen Frieden schloss, beschrieb eine willkommene Wohlfühlgeschichte. So ließ er sein Trikot im Rahmen einer großen öffentlichen Feier 1999 nochmals re-retiren.

Zugegen waren im Fleet Center unter anderem langjährige Weggefährten wie Bob Cousy, Tom Heinsohn und Red Auerbach. Wilt Chamberlain hielt eine Laudatio auf seinen sichtlich gerührten Freund und großen Konkurrenten. Danach brachte der geschäftstüchtige Gründervater sogar seine Unterschrift unter die Celtics-Fans.

Wohlgemerkt vermarktet und verkauft er sie seither gewinnbringend über ein Memorabilia-Unternehmen, das von seiner vierten Frau Jeannine Russell gegründet wurde. (Seine dritte Ehefrau Marilyn Nault verstarb 2009.)

Überdies etablierte sich Russell als gefragter Redner, der landesweit „Leadership Lectures“ gab und vornehmlich Geschäftsmenschen mit seinem Humor, seinen Einsichten und Bedenken begeisterte. 2001 veröffentlichte er ein Buch mit dem einschlägigen Titel „11 Rules on Leadership from the Twentieth Century’s Greatest Winner“. Als treuer Teamplayer hebt Russell dabei stets seine Mentoren und Unterstützer, Kollegen und Freunde als Erfolgsgaranten hervor. (Besonders Auerbach; siehe die Hommage „Red and Me: My Coach, My Lifelong Friend“.)

2011 verlieh ihm Barack Obama für seine Verdiente um den Basketball und die Bürgerrechte die „Presidential Medal of Freedom“ – die höchste zivile Auszeichnung in den USA. Bis heute haben diese nur vier weitere NBA-Größen erhalten: Kareem Abdul-Jabbar, Michael Jordan, Jerry West und Bob Cousy.

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Seit 2013 schmückt eine überlebensgroße Ehrenstatue die Südseite der Bostoner City Hall Plaza. Umgeben von zehn Granitblöcken, auf denen Zitate aus seinem Leben zu lesen sind, die Konzepte wie Teamwork und Bildung repräsentieren, steht ein bronzener Russell neben zwei kleineren Kinderstatuen im Blickpunkt. Die Kunstwerke symbolisieren die gewonnenen Meisterschaften, Russells Einsichten und die Förderung der Jugend.

„For one, statues remind me of tombstones. Second, it’s something that ends up as a target for pigeons“, scherzte Russell zur Einweihung des Monuments. Das Wichtigste sei für ihn aber die Fortführung seiner Aufgabe, Heranwachsende zu unterstützen. „I think we should do all we can to prepare them to take over.“

In den letzten Jahren ist der sozial bewegte Gründervater der modernen NBA gesundheitsbedingt weniger präsent. Seine Frau Jeannine begleitet ihn nun zumeist. Sie steht ihm nicht zuletzt in medialer Hinsicht hilfreich zur Seite:

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Obschon der nimmermüde politische Athlet heute seltener öffentlich hervortritt, heißt das aber nicht, dass seine Wirkkraft auf den Profibasketball nicht mehr spürbar und er nicht mehr wichtig ist.

Seit den 80er Jahren hat die NBA eine globale Reichweite entfaltet. Konstante mediale und popkulturelle Sichtbarkeit; solide ökonomische Gefüge und satte Gewinne; gepflegte und wiederbelebte Rivalitäten; zu übersportlichen Aushängeschildern gemachte Ausnahmespieler; großartiger Ballsport und große Beliebtheit … die Liga hat kulturell wie kommerziell eine Explosion erlebt und eine anhaltende Erfolgsgeschichte geschrieben.

Die Russell-Celtics haben dazu wegweisende Vorarbeiten geleistet, indem sie eine Basketballtradition allererster Güte und damit die NBA als ernstzunehmende Liga etabliert haben. Zudem hat Russells Generation die afroamerikanische Ästhetik, Athletik und Kreativität, die wir heute sehen und schätzen, ins Profispiel innovativ eingebracht und als Kulturform parkettfähig gemacht.

Nunmehr ist letztere gewiss ein Mainstreamprodukt. Durch Marketingkampagnen, Medienkonglomerate und multinationale Konzerne beförderte Ikonen wie MJ und LeBron verkaufen mit ihr einträglich Sneakers und (Hoop) Dreams. Russells Erben genießen beispielslose Anerkennung und Sichtbarkeit – doch fungieren sie in erster Linie als Symbole der Kultur und des Konsum des Individuums. Also eines globalen Marktplatzes, wo Anmut und Erhabenheit mit Preisschildern versehen sind.

Inzwischen ist es aber nicht allein die kommerzialisierte kulturelle Präsenz, die Gewicht hat. Denn seit Mitte der 2010er Jahre kann in den USA von einer Renaissance politischer Athleten die Rede sein. Zentral ist hierfür die „Black Lives Matter“- Bewegung, die den systemischen Rassismus und die grassierende Polizeigewalt wieder in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt hat. In der Folge haben zuvorderst Schwarze Basketballprofis solidarisch Haltung gezeigt und ihre Stimme beständig erhoben.

Entsprechend nutzen sie vielfach ihre Plattform und mediale Reichweite, um gesellschaftliche Großprobleme zu adressieren sowie für Schwächere und soziale Gerechtigkeit couragiert einzutreten.

Die Vorbildwirkung sozial bewegter Superstars wie LeBron James ist dabei nicht zu unterschätzen. Schließlich finden sich derzeit immer mehr Profis, die den popularisierten Grundsatz „More Than An Athlete“ ernst nehmen und auf ihre Weise ausagieren.

Sie stehen damit in guter Gesellschaft und auch in großen Fußstapfen. Nämlich nicht zuletzt in denen von einem einzigartigen Vorkämpfer wie Bill Russell. Sonach bleibt die offen politische Dimension, die er als Wortführer ins Spiel brachte, im Profibasketball bisher unerreicht.

Umso wichtiger ist es, dass Russells Wirkkraft, sein unapologetisches Schwarzsein gesamtgesellschaftlich erinnert, dabei ausbuchstabiert und nicht auch weißgewaschen wird.

Der Journalist Brando Simeo Starkey beschrieb diese beobachtbare Dynamik der Weichspülung und Entpolitisierung 2016 wie folgt:

Most black folk, on the one hand, honor our racial justice warriors by exchanging stories and memories of how they empowered us to cherish our black skin as a source of strength, not bemoan it as a mark of inferiority. Far too many white folk, on the other hand, replace the essential ingredients of these warriors’ characters to make them more palatable, thereby destroying their true nature once Father Time has extinguished their fiery oratory.

Geschichtsprofessor Louis Moore hat solch eine Weißwaschung an den Beispielen von Muhammad Ali und Martin Luther King veranschaulicht:

Here’s Ali who challenged American racism who at one point was pro-separation and challenged American militarism but now I can go to Target and buy a $12 T-shirt. And that speaks to that idea that he’s been kind of MLK’ed. MLK challenged racism; he challenged American militarism. But when we talk about him it’s ‘I Have a Dream.’ When people talk about Ali they talk about ‘float like a butterfly, sting like bee.’ ‘I’m the greatest.’ This kind of Louisville Lip Muhammad Ali. But not Muhammad Ali who challenged American racism and who challenged militarism.

Nicht anders ergeht es William Felton Russell. Schließlich wird er in der weißen Mehrheitsgesellschaft vornehmlich als Gewinner und Gründervater der NBA gefeiert. Indes sollte sein Beispiel zugleich als übersportliches Vorbild und der politischen Anleitung dienen. Gerade in einer umkämpften Gegenwart, in der mit der rassistischen Vergangenheit und Verfasstheit der US-Gesellschaft gerungen wird.

So erreichte Russell persönlichen und mannschaftlichen Erfolg durch den Ballsport. Zugleich prangerte er die Ausbeutung Schwarzer Athleten und die Ungerechtigkeit im Sport vehement an. Er liebte und lobte seine weißen Mitspieler und Freunde, während er ein selbstbewusstes Schwarzsein demonstrierte. Er repräsentierte für viele gelungene Integration, aber er lebte und forderte gesellschaftliche Inklusion. Auf diese Weise führte der politische Athlet die Russell-Revolution an, dies es zu hegen und pflegen gilt.

Und auch der Basketballer Bill Russell sei hier abschließend mit den treffenden Worten von Black Thought gewürdigt:

„I fell in love with the game and never look back
My foundation and frame, they never shook that
Been trailblazing my name into the book that
Represent all the champs who had a chance and took that […]
You know me as the global dean from the noble team
So convene and the whole regime shall be overseen
I’m a pillar like a column in the Pantheon
Competition I can’t see ‚em, I’m champion.“