Martin Schiller: Vom Farmteam der Jazz zum Stolz Litauens

Martin Schiller ist neuer Head Coach von Zalgiris Kaunas, nach drei Jahren in der G-League ist der gebürtige Österreicher zurück in Europa. basketball.de hat mit dem 38-Jährigen über das Angebot des litauischen Traditions-Clubs, Verbindungen zu Zalgiris-Spielern und seine (neue) Philosophie gesprochen.

Wie für so viele im Basketballgeschäft endete auch für Martin Schiller die Saison 2019/20 abrupt. Besonders bitter für Schiller: Mit den Salt Lake City Stars war der 38-jährige Head Coach in der NBA G-League auf dem ersten Platz der Western Conference rangiert, ehe die Spielzeit unterbrochen und schließen beendet wurde. Die Chance auf den Titel oder zumindest auf einen tiefen Playoff-Ritt wurde dem Farmteam der Utah Jazz damit genommen.

Im dritten Jahr in Folge verbesserten die Stars unter dem gebürtigen Österreicher ihre Bilanz. Damit durfte sich Schiller immerhin über die Auszeichnung zum Head Coach des Jahres freuen. Doch bereits davor gab es für das Team, unter der alten Realität, etwas gemeinsam zu feiern: Die Stars gewannen den Winter Showcase, ein Turnier, das in erster Linie als Scouting-Event dient. Gescoutet wurden dabei aber nicht nur Spieler, sondern anscheinend auch Schiller selbst als Coach.

Doppelter Erfolg beim G-League Winter Showcase

„Die Scouts von Zalgiris Kaunas waren auch beim G-League Winter Showcase vor Ort, den wir mit den Stars gewonnen haben“, schneidet Schiller an, inwiefern die Leistung der Stars beim Event in Las Vegas ein doppelter Gewinn gewesen sein muss und ihm schließlich auf das Radar des litauischen Traditions-Club gebracht zu haben scheint.

Am 14. Juli gab Zalgiris die Verpflichtung Schillers als neuen Head Coach bekannt – überraschend für viele Beobachter, und auch für Schiller kam das Angebot aus dem Nichts. Entgegen seines Engagements bei den Stars, das Alex Jensen als Assistant Coach des DBB bei der EM 2015 angestoßen hatte, gab es zu Zalgiris keine Verbindung.

„Das ging über ein Scouting-System, das sie nicht nur für Spieler, sondern auch für Trainer haben“, schildert Schiller, wie Zalgiris auf ihn aufmerksam geworden ist, nachdem sie ihre Coaching-Suche geöffnet und nach einem bestimmten Profil Ausschau gehalten hatten. Schiller glaubt, dass Zalgiris einen jungen Trainer gesucht habe, der mit der Art von Modus in der EuroLeague Erfahrung habe – was auf den Spielplan in der G-League zutrifft.

Auch wenn das erste Pflichtspiel für Schiller als neuer Zalgiris-Coach noch aussteht, Unterschiede zwischen G-League und Europa waren ihm schon direkt im Training offensichtlich: „Die Tatsache, dass das Spiel hier wesentlich physischer ist, merkt man schon im Training“, erklärt Schiller. „Es ist physischer, weil die Regelinterpretation mehr zulässt. Es ist aber weniger athletisch – vor allem im vertikalen Bereich. Und das ändert das Spiel – auch taktisch.“

Hinsichtlich seiner Philosophie erklärt Schiller, dass das Grundgerüst schon stehe, es aber innerhalb davon noch eine Menge herauszufinden gelte: „In den letzten drei Jahren habe ich gelehrt: Wenn man den Korb attackiert und die Hilfe vom großen Spieler kommt, spielt man den Pass hoch über diesen großen Spieler, für einen Lob-Dunk. Es spielt sich in der G-League einfach alles über dem Korb ab“, führt Schiller ein kleines Beispiel an, von denen es eine Menge gebe. „Das ist hier aber nicht der Fall. Das hat Einfluss darauf, wie du mit den großen Spielern für ein gutes Spacing agierst.“

„Berührungspunkte in der Vergangenheit helfen, sich gegenseitig zu verstehen“

Apropos Big Men und Spacing: Mit Augustine Rubit hat Schiller einen großen Spieler in den Reihen, der nicht nur für Gefahr von außen sorgen kann, sondern auch schon in der BBL aufgelaufen ist (in Ulm und Bamberg) – wie vier weitere Akteure: Auch Thomas Walkup (Ludwigsburg), Marius Grigonis (Berlin), Steve Vasturia (Vechta) und Tomas Dimsa (Frankfurt) spielten schon in der deutschen Beletage.

Auch wenn dies Zufall ist, da Schiller mit der Kaderzusammenstellung nichts zu tun hatte, könne dies helfen, um „die Spieler sowie die Stärken und Schwächen der Mannschaft zu verstehen, wenn du manche Spieler bereits kennst und deren Niveau einschätzen kannst, weil du auf dem gleichen gearbeitet hast“, erklärt Schiller.

Eine Verbindung besteht auch zwischen Schiller und Walkup sowie Patricio Garino und Nigel Hayes: Jenes Trio hat auch Erfahrung in der G-League gesammelt. „Das kann helfen. Ich denke, es hilft immer, wenn es in der Vergangenheit Berührungspunkte gab – weil es hilft, sich gegenseitig zu verstehen“, meint Schiller. „Es ist leichter, als wenn ich beispielsweise nur litauische Spieler im Kader hätte.“

Aggressive Verteidigung teils über das gesamte Feld

In der G-League verbesserte Schiller nicht nur die Bilanz der Stars, sondern brachte das Farmteam der Jazz auch defensiv auf Vordermann: „Meinen Mannschaften der vergangenen beiden Jahre ist es gut gelungen, zu verteidigen: Statistisch waren wir beide Male eines der stärksten Defense-Teams“, stellt Schiller seinen Fokus auf die Verteidigung heraus. Für die Stars ging es unter Schiller beim Defensiv-Rating vom 21. über den zehnten auf den zuletzt vierten Platz!

„Ich möchte nicht passiv verteidigen lassen und auf Fehler des Gegners warten, sondern Fehler erzwingen. Ich will aggressiv verteidigen lassen, in selektiven Phasen auch über das ganze Feld“, führt Schiller aus – sofern ein voll gepackter Spielplan eines EuroLeague-Teams dies eben zulasse. Hierbei sei erwähnt, dass Schiller vor seinem Engagement in der NBA-Entwicklungsliga zwei Jahre lang an der Seite von John Patrick gearbeitet hat: Die MHP RIESEN Ludwigsburg sind unter Patrick europaweit bekannt für ihre Full-Court-Presse.

Offensiv bevorzugt Schiller ein System mehr aus vorgegebenen Spielzügen als ein freies Spiel – er stellt aber auch heraus, „dass es darum geht, ein so großes Playbook zu haben, wie es die Mannschaft zulässt. Es gibt Trainer, die haben zu viel in ihrem Playbook, worunter die Execution leidet.“ Schiller möchte offensiv „relativ schnell Mismatches und taktische Vorteile ansteuern. Und dann aus diesen Vorteilen heraus spielen.“

Testspiele mögen kein wirklicher Indikator für den Erfolg in einer regulären Saison sein, aber durchschnittlich 98,7 Punkte und 14,3 verwandelte Dreier in den ersten drei Partien lassen zumindest vermuten, dass dieses Team offensiv bereits gut harmoniert und eine Herausforderung für gegnerische Verteidigung darstellen kann. Bereits in der vergangenen Spielzeit landete Zalgiris laut den Stats von OverBasket unter den fünf effizientesten Offensivreihen der EuroLeague. Sieben Spieler aus der festen Rotation der vergangenen Saison sind zurückgekehrt; das erleichtert den Übergang zu einem neuen Coach und System.

„Ich kann Arne Woltmann basketballerisch als auch vor allem menschlich vertrauen“

Nach drei Jahren in der G-League wird Martin Schiller nun also wieder in Europa coachen. In seinem vierten Jahr als Head Coach wird er nun erstmals vollständig nach seinen Vorstellungen eine Mannschaft trainieren. War er bei den Stars offensiv schon ziemlich frei in seinem System, galt es aber defensiv, die Prinzipien und das Vokabular der Utah Jazz zu übernehmen.

Wer Schiller bei der Umstellung unter anderem zur Seite stehen wird, ist Arne Woltmann. Schiller kenne Woltmann „schon richtig lange vor allem als Competitor“. Vier Jahre lang begegneten sich beide in der BBL als Assistant Coaches: Schiller im Artland, Woltmann in Bamberg.

„Wir haben uns 2015 bei einer Maßnahme des DBB persönlich kennengelernt. Zudem ist die Verbindung zwischen ihm und Chris Fleming extrem eng, und die Verbindung zwischen Chris und mir ist eng – daher kam das eine zum anderen“, führt Schiller aus, warum er Woltmann als seinen Assistenten verpflichten wollte, nachdem sich dieser schon RASTA Vechta angeschlossen hatte. „Ich weiß, dass ich ihm sowohl basketballerisch als auch vor allem menschlich vertrauen kann.“

Chris Fleming als Kandidat bei den New York Knicks, Martin Schiller als neuer Trainer von Zalgiris – in Deutschland sozialisierte Coaches standen in diesem Sommer hoch im Kurs. Der Weg Schillers geht kontinuierlich nach oben – in einem nun basketballverrückten Land. „Meine Anonymität in der Stadt ist nicht mehr gegeben – obwohl wir noch gar keine Spiele hatten“, macht Schiller beim Interview noch vor dem Preseason-Start die Basketballtradition und -Begeisterung des Landes aus.

„Dieser Club ist extrem präsent in dieser Stadt – man merkt, dass er der Stolz der Stadt ist. Und Basketball ist auch der Stolz des Landes.“ Und Martin Schiller kann stolz sein, mit 38 Jahren und der Erfahrung von drei Jahren als Head Coach nun einen solch traditionsreichen Club Europas zu trainieren.