Bayern gegen Berlin: ein Nehmen … bis zum Ergeben

Es ist ein Geben und Nehmen? Nein, der Schlüssel in der BBL-Finalserie zwischen dem FC Bayern München und ALBA BERLIN liegt vielmehr darin, dass die Kontrahenten ihrem Gegenüber das nehmen, was ihn auszeichnet. Die Bayern steht deswegen kurz vor der erneuten Meisterschaft.

Man würde annehmen, ein Spieler, der sich gerade inmitten der BBL-Finalserie befindet, würde Emojis anderer Gestik posten. Hoffnungsvolle, angriffslustige beispielsweise. Peyton Sivas Emojis machen hingegen einen resignierenden, einen erschöpften Eindruck. Der Guard von ALBA BERLIN blickt nicht derart drein, weil sein Team mit 0-2 gegen den FC Bayern München im Rückstand liegt und kurz davorsteht, zum fünften Mal innerhalb der vergangenen zwei Jahre eine Finale bzw. eine Finalserie zu verlieren.

Vielmehr hat Siva derart auf einen Tweet Tyrese Rices zur langen Saison im europäischen Vereinsbasketball geantwortet. Während der NBA-Champion seit bereits einer Woche feststehe, so Rice, laufe in Europa (wie eben in der BBL) die Saison noch. Platz für Nationalmannschaftsfenster und einen frühen Trainingsbeginn müssen auch noch sein. Da kann man als US-amerikanischer Profi schon mal resignieren …

Diese Zeilen sollen nicht das leidigste Thema im Euro-Basketball befeuern. Sivas Post, so viel sollte klar sein, dürfte aber dennoch Gewicht hinsichtlicht der BBL-Finals haben: Denn sowohl physisch als auch psychisch ist eine solch lange, mittlerweile zehn Monate dauernde Saison (inklusive Trainingsstart) einfach zehrend. Womit sich keiner wundern sollte, dass wirkliche Klasse beim Duell der beiden besten deutschen Mannschaften bisher ausbleibt. Am ehesten war sie noch im zweiten Viertel des zweiten Spiels zu erkennen. 

Man vergisst schon mal, dass es beim Kalenderdauerstreit gar nicht so sehr um „FIBA gegen EuroLeague“ geht, als vielmehr um „FIBA und EuroLeague gegen Spieler“. Vechtas Philipp Herkenhoff stand 13 Tagen nach seinem letzten BBL-Playoff-Spiel übrigens schon wieder für die U20-Nationalmannschaft auf dem Parkett, welche sich auf die EM Mitte Juli vorbereitet. Was für eine „Offseason“.

Münchens Defense hat es geschafft, dass die Berliner seltener aus dem Schnellangriff und nach ballfernen Blöcken sowie viel häufiger aus dem Eins-gegen-Eins abschließen. Berlins Defense ist es gelungen, Bayerns Effizienz der Ballhandler und Anteil an Post-ups zu reduzieren.

Defensivgeprägte Duelle

Etwas „off“ sind in den Finals bislang die Offensivreihen beider Teams aufgetreten. Zum einen sprechen ungezwungene Fehler nicht von Finals-Qualität, zum anderen überzeugen die Defensivreihen schlicht mehr. Denn beide Teams verstehen es bislang sehr gut, ihrem Gegner das wegzunehmen, was ihn offensiv auszeichnet. Dies ist der bisherige Schlüssel der Finals und ein großer Punkt für das 2-0 der Bayern: Der amtierende Meister kommt besser damit zurecht, in der Offensive aus Aktionen zu punkten, die eigentlich einen geringeren Anteil ihr Offensiv-DNA entsprechen. Dahingegen kommen die Albatrosse damit weniger zurecht.

Ein Blick auf die Play-Type-Statistiken beider Mannschaften verdeutlicht dies. Die Berliner kommen in der Finalserie seltener aus Schnellangriffen zum Zug als in den vorherigen beiden Playoff-Runden. So haben es die Bayern geschafft, aus genauso vielen Transitionen-Aktionen abzuschließen als Berlin – und die Bayern agieren hieraus sogar effizienter (BER: 1,31 Punkte pro Possession; FCB: 1,56 PPP)!

Außerdem drosseln die Münchener Berlins Abschlüsse nach ballfernen Blöcken (Anteil von 9,0% an allen Offensivaktionen, 1,00 PPP; Playoffs davor: 11,5% Freq, 1,08 PPP). Die Bayern können ballabseits nicht nur einfacher switchen, ihre Big Men verstehen es, kurz an den Flügel herauszutreten, das Anspiel auf den Offensivspieler nach dessen off-Screen-Bewegungen zu verhindern und schnell auf den eigenen Gegenspieler zurückzurotieren. So kamen die Berliner in der zweiten Halbzeit der ersten Partie in nur einer Off-Screen-Aktion zum Abschluss: als Joshiko Saibou beim Blockstellen umgerannt wurde.

Berlins Verteidigung hat bisher Münchens Ballführer im Pick-and-Roll stark beim Scoring gehindert: Nur 0,42 Punkte pro Possession erzielen Stefan Jovic, Maodo Lo und Nihad Djedovic daraus. Vor allem Lo kommt gegen die Berliner Defensive bislang nicht zurecht.

Die Albatrosse schicken hierbei mitunter einen dritten Verteidiger vom Flügel zu Münchens Ballführer. In folgender Sequenz aus der Anfangsphase der ersten Partie rotiert Martin Hermannsson kurz zu Lo, um ihn so den Drive abzuschneiden. Lo nimmt schließlich einen langen Pull-up-Zweier.

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Jovic kommt dagegen besser zurecht – zwar nicht beim eigenen Abschluss, aber als Passgeber. In der ersten Sequenz des folgenden Videos verdeutlicht Jovic, dass ihm seine Größe als Point Gurd hilft, gegen zwei Verteidiger – und damit vier ausgestreckte Hände – den abrollenden Devin Booker zu bedienen.

In der zweiten Aktion tritt Jovic nicht als passgebender Ballhandler in Erscheindung, sondern als Anspielstation am Flügel, der den offenen Mann bedient. Jovic präsentiert sich gedankenschnell und spielt den Skip-Pass auf den Weakside-Flügel zu Derrick Williams, der den Dreier einnetzt.

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Kurz zurück zur Aktion mit Lo: Der hätte nach dem Heraustreten Hermannssons schneller reagieren und den offenen Djedovic bedienen können.

Trotz der aggressiven Berliner Pick-and-Roll-Defense kommen die Münchener in vorheriger Videosequenz zum Abschluss: durch gute Ballbewegung und das Ausnutzen der Help-Verteidigung Berlins. Denn Tim Schneider muss den abrollenden Devin Booker aufnehmen, womit Berlins Forward seinen eigentlichen Gegenspieler Williams verlassen muss. Klingt einfach, doch so schnell und präzise wie Jovic muss man den Pass erstmal anbringen.

In der Schlussphase des ersten Duells agiert Williams aus einer ähnlichen Sequenz; dort hängt er nach dem Catch-and-Drive Luke Sikma dessen fünftes Foul an.

Doch die Berliner haben es über die bisherige Serie geschafft, zumindest die Effizienz Münchens aus Spot-up-Aktionen zu mindern (0,90 PPP; in den Playoffs davor: 1,26 PPP). Mitunter lag dies aber auch daran, dass die Münchener offene Würfe nicht getroffen haben, wie in der Auftaktbegegnung. Im zweiten Duell agierten die Münchener hierbei schon besser.

Dabei scheinen die Berliner solche Würfe aber auch in Kauf zu nehmen. Denn immer wieder doppeln sie beim bayerischen Post-up. Dann kommt ein zweiter Verteidiger kurz von der ballstarken Seite herunter – wie beispielsweise Mitte des zweiten Viertels im ersten Spiel. Durch ein Doppeln können die Berliner erst den Switch rückgängig machen, durch ein zweites Doppeln schaffen es die Berliner, dass Danilo Barthel gegen Tim Schneider nicht zum Aufposten kommt.

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Barthel gegen Sikma: das Duell der MVPs

Nur achtmal haben die Münchener bisher aus dem Post-up abgeschlossen, die Hälfte der Aktionen stammt von Danilo Barthel. Der amtierende Finals-MVP absolviert bislang dennoch eine eher ruhige Finalserie – womit sich das Duell der Power Forwards und MVPs neutralisiert hat.

Die Bayern können durch ihre Offensivoptionen Barthels ruhigen Auftritt kompensieren, von Luke Sikma hingegen wünscht man sich mitunter mehr den Fokus auf den eigenen Abschluss. Sicherlich macht er mit seiner Spielintelligenz und Passqualitäten einen großen Teil der Berliner DNA aus, aber gerade eine Finalserie wäre der Zeitpunkt, um zu übernehmen (Sikma mit nur 12 FGA, niedrigster Wert aller Berliner Starter). Mittlerweile kann man durchaus die Frage aufstellen, ob Sikma dazu (konstant) in der Lage ist.

Im NBA-Kosmos würde man hierbei schon die Vertragsverlängerung über vier Jahre diskutieren, zumindest mit Blick auf etwaiges Gehalt und den Anteil am Gesamtbudget. Sicherlich kommt man nicht umher, festzustellen, dass die Albatrosse für ihre anstehende EuroLeague-Saison Offensivspieler mit mehr Scoring-Gen benötigen.

Worin der Unterschied zwischen Barthel und Sikma liegt, konnte man Anfang des dritten Viertels im zweiten Spiel erkennen: Sikma versucht sich im Post-up gegen Barthel, kann Münchens Big Man aber nicht überpowern und sieht sich mit Münchens Big Man auch nach einem Spin-Move konfrontiert. Nach dem Doppeln von Nemanja Dangubic muss Sikma den Ball herausspielen.

Zwei Minuten später sind die Rollen vertauscht: Auch Barthel sieht sich mit dem Doppeln konfrontiert – doch der 2018er Finals-MVP bewahrt die Ruhe, beweist mit zwei Richtungswechseln seine Post-Skills und schließt mit seiner schwächeren Hand per Hakenwurf tief unter dem Korb ab. Diese Szene ist vielleicht ein pars pro toto für das Offensivspiel Barthels und Sikmas, was das eigene Scoring betrifft.

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Berlins Suche nach Iso-Gefahr

Die Finals-Vorschau sah einen Schlüssel darin, wie effizient die Berliner im Eins-gegen-Eins abschließen würden – sollte die Münchener Verteidigung doch das forcieren. Im Viertel- und Halbfinale entfielen nur 4,3 Prozent der Offensivaktionen Berlins auf Isolationen, in den Finals sind es bisher 12,8 Prozent (und damit häufiger als die Bayern)! Mit 0,70 Punkten pro Possession punkten die Berliner daraus genauso ineffizient wie in den zwei Playoff-Runden davor. Vor allem im zweiten Aufeinandertreffen war dies eklatant. Ob Peyton Siva, Martin Hermannsson oder auch Luke Sikma – hier und da verstehen es die Berliner zwar, aus der Isolation zu punkten (wie das vierte Viertel des ersten Spiels gezeigt hat), aber die Berliner finden hierbei einfach keinen konstanten Akteur in ihren Reihen.

Siva lief derweil im dritten Viertel des Auftaktspiels heiß, als er das Duell gegen Stefan Jovic bestimmte: Elf Zähler innerhalb von 127 Sekunden drückte Siva dem Bayern-Guard rein, vor allem im Pick-and-Roll präsentierte sich Siva stark. Die Bayern reagierten, wechselten Maodo Lo ein und stellten Djedovic gegen Siva – was Wirkung zeigte. In der zweiten Begegnung übernahm dann Djedovic primär Siva – ein Schlüssel, wie in der Finals-Vorschau prognostiziert. Mit seiner Verteidigung gegen Siva im zweiten Spiel und seinem abgeklärten Offensivspiel zum Auftakt (siehe Game Chart) darf sich Djedovic bislang die besten Chancen auf die Finals-MVP-Auszeichnung ausrechnen.

Wagners Ritt der Walküre

Ein Post-up von Landry Nnoko sollte beispielsweise nicht die erste Option sein, doch dorthin ging der Ball in der Schlussphase des zweiten Spiels, ehe Franz Wagner die Eier für den Dreier hatte. Keiner traute sich zu werfen, nahm eben der 17-jährige Franz Wagner das Heft des Handelns in die Hände (Shoutout an Benni Zander) – und heftete sich das Etikett des unerschrockenen Jungspunds ans Hemd.

Diese Kaltschnäuzigkeit auch in entscheidenden Momenten ließ Wagner im Saisonverlauf immer mal wieder aufblitzen, doch einen solchen Wurf in einem Finalspiel zu treffen, ist nochmal etwas anderes. Im zweiten Finalduell bewies Wagner zudem die Körperbeherrschung bei einem Layup aus dem Einwurf heraus oder seine Spielintelligenz beim Abstoppen im Fastbreak, um Derrick Williams abheben zu lassen. Die Berliner sehen in Wagner schon jetzt ein gewisses Mismatch-Potential: Denn mit (offiziell gelisteten) 2,01 Metern besitzt Wagner einen großen Vorteil gegenüber anderen Zweiern – egal, wie schlaksig das Nachwuchstalent (noch) daherkommt.

So suchten die Berliner zweimal früh in der Wurfuhr Wagner, als dieser von Petteri Koponen verteidigt wurde. Wagner cuttet dabei von der Weakside in die Zone – dort ist er entweder per Lob-Anspiel oder nach kurzem Aufposten eine Option.

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Münchens Crunchtime

Mit jenem Dreier brachte Wagner die Berliner bei 13 Sekunden zu spielen auf einen Punkt heran, dennoch präsentierten sich die Bayern letztlich zu stark in der Crunchtime. Nach einer Auszeit von Dejan Radonjic 2:40 Minuten vor Schluss gingen die Münchener auf einen 5:0-Lauf. Der Dreier von Vladimir Lucic zur Sechs-Punkte-Führung sollte die Bayern letztlich auf die Siegerstraße führen.

Die Ironie ist, dass die Berliner jenen Spielzug gerne ihrerseits am Ende eines Viertels laufen. Dabei handelt es sich um ein Back-Screen Pick-and-Roll, wobei in diesem Fall der eigentliche Block eines kleinen Spielers (hier Petteri Koponen) gar nicht in den Rücken des Verteidigers gestellt wird. Koponen cuttet stattdessen direkt raus an die Dreierlinie. Die Berliner verteidigen hierbei zu stark auf den Ballführer Stefan Jovic, in einer Sequenz sieht man gar alle zehn Berliner Augen auf den Bayern-Spielmacher blicken.

Optimal wäre gewesen, wenn die Berliner im Pick-and-Roll geswitcht hätten: Wagner direkt auf den Ballführer Jobic, Siva stattdessen auf Koponen – die beiden kleinen Spieler hätte also ihre Gegenspieler übergeben. Mit diesem klaren Konzept hätte Landry Nnoko bei Devin Booker bleiben können.

Stattdessen bleibt Nnoko nach seinem kurzen Heraustreten an Jovic dran, Martin Hermannsson rotiert von der Weakside in die Zone, um den Abroller Booker aufzunehmen – somit steht Lucic ganz offen in der Ecke.

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Schon in der Crunchtime der Auftaktpartie spielten die Bayern Berlins Defensive aus. Nihad Djedovic wurde von Peyton Siva verteidigt, der mit vier Fouls womöglich nicht gegen den Ballhandler Maodo Lo ran sollte.

So erhält Djedovic den Ball im Post-up gegen Siva – und zieht einen zweiten Verteidiger auf sich: Martin Hermannsson kommt von oben runter, der Rest ist Ursache-Wirkungs-Prinzip: Johannes Thiemann muss aushelfen, weil Lo an der Ballseite offen an der Dreierlinie steht. Somit ist Thiemanns Gegenspieler Danilo Barthel ohne Mann – Luke Sikma muss Barthel sowie Derrick Williams in Schach halten. Williams liest dies, cuttet und stopft über Sikma ein.

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Diese zwei Aktionen verdeutlichen, wie gut die Bayern in der Crunchtime ihre Offensive ausführen und wie abgeklärt sie agieren. In der Verteidigung haben sie den Berlinern bisher mehr weggenommen als umgekehrt. Mit diesen Voraussetzungen spricht alles dafür, dass die Bayern auch das dritte Duell für sich entscheiden und den Repeat sowie Playoff-Sweep perfekt machen. Die Finals: ein Nehmen… bis zum Ergeben.


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