Deutschland dominiert Ungarn: Im Schongang ins Achtelfinale

Im letzten EM-Vorrundenspiel schont die deutsche Nationalmannschaft Dennis Schröder, Daniel Theis und Nick Weiler-Babb. So dürfen beim bisher höchsten Sieg dieser Europameisterschaft die Reservisten wie Christian Sengfelder und Justus Hollatz ran.

Anti-Klimax. So könnte man das letzte Vorrundenspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Ungarn beschreiben. In der Partie davor hatte Luka Doncic noch mehr Magie als am Vortag auf das Parkett gezaubert, mit 47 Zählern die zweithöchste Punkteausbeute der EM-Geschichte markiert und durch den 88:80-Erfolg über Frankreich Slowenien den Gruppensieg gesichert. Die DBB-Auswahl selbst hatte sich zuvor mit europäischen Hochkarätern gemessen, dabei unter anderem gegen Litauen einen doppelten Overtime-Krimi für sich entschieden und durchaus Euphorie entfacht.

Am Mittwochabend für die letzte Vorrundenpartie ging es aber „nur“ gegen die sieglosen Ungarn. Nach dem Sieg Sloweniens stand zudem bereits vorher fest, dass die deutsche Auswahl ihre Vorrundengruppe B als Zweiter beenden würde. So wurde der Anti-Klimax zum Schongang, bei dem der eine oder andere Akteur geschont wurde.

Bundestrainer Gordon Herbert ließ Dennis Schröder und Daniel Theis pausieren, die während der Saisonvorbereitung mit Fuß- respektive Knieblessuren zu kämpfen hatten. Auch Nick Weiler-Babb setzte aus. Beim Defensivspezialist scheint ein Einsatz im Achtelfinale gegen Montenegro am Samstag nicht ganz so gewiss, wie Weiler-Babb nach der Partie im Gespräch mit basketball.de andeutete:

„Wir müssen in den nächsten beiden Tagen sehen, ob es besser wird, wir müssen einfach von Tag zu Tag schauen, wie sich meine Schultern anfühlt“, erklärte Weiler-Babb, der sich gegen Slowenien verletzte. „Es ist recht früh passiert. Ich bin an einem Block hängengeblieben, und die Schulter hat sich mehr zurückgedrückt, als sie es sollte.“

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Für das besagte Trio rutschten gegen Ungarn Maodo Lo, Andreas Obst und Johannes Thiemann in die Startformation. Ohne Schröder forcierte Franz Wagner im Halbfeld mehr, zudem drückte das deutsche Team – gerne mit Johannes Voigtmann nach Defensiv-Rebound – aufs Tempo. So fand die DBB-Auswahl, wenn auch nur gegen Ungarn, zum ersten Mal früh einen Offensivrhythmus. Nach vier Minuten sahen Justus Hollatz und Christian Sengfelder zudem ihre ersten Minuten des Turniers. Sengfelder netzte früh zwei Dreier ein und sorgte so für die 22:19-Viertelführung.

Wie wenig Spannung im Spiel war? Andi Obst packte einen Fastbreak-Dunk aus. „Ich denke, ich habe ihn zum zweiten Mal überhaupt dunken sehen – in zwei Jahren“, schmunzelte Weiler-Babb über seinen Teamkollegen in München.

In ungewohnten Lineup-Formationen, die vor zwei Monaten wohl niemand auf dem EM-Parkett erwartet hätte, stachen offensiv dennoch bewährte Kräfte heraus: Franz Wagner und ein mit Spielfreude strotzender Maodo Lo schraubten die Dreierquote Deutschlands in bei dieser EM noch nicht gesehene Höhen: Zusammen traf das Duo sieben seiner elf Dreier zur Halbzeit, bei der 54:39-Führung hatten Wagner und Lo zusammen 31 Punkte erzielt. Nach der Pause würde Wagner aber nicht auf das Parkett zurückkehren (müssen).

„Wir nehmen ein gewisses Momentum mit nach Berlin“

So sehr das deutsche Team offensiv flowte, und so hochprozentig der Dreier (endlich) fiel, so löchrig zeigte sich auf Grund mangelnder Intensität manchmal die Verteidigung. Phasenweise wies Ungarn eine bessere Quote aus dem Feld auf als Deutschland. Dennoch pendelte sich der Vorsprung bald auf komfortable 20 Zähler ein. So nutzte Christian Sengfelder die Chance zu zeigen, welch starker Offensivmittelpunkt er phasenweise in der WM-Quali gewesen ist. Kurz vor Ende des dritten Viertels war dann auch Justus Hollatz mit seinen ersten EM-Punkten zur Stelle. Der Anti-Klimax hatte mit einer 81:56-Führung den Höhepunkt erreicht.

Diese Führung sollte das deutsche Team am Ende auf 106:71 ausbauen, mit einem 35-Punkte-Erfolg fuhr Deutschland damit den bis dahin höchsten Sieg dieser EM ein. Und so ist sich auch Christian Sengfelder sicher, dass „wir ein gewisses Momentum mit nach Berlin nehmen.“ Aus dieser Gruppe – die „Gruppe des Todes“, wie Herbert immer wieder betonte – mit einer Bilanz von 4-1 herauszugehen, ist beeindruckend. Bei großen Turnieren hatte ein deutsches Team erst einmal eine solch starke Bilanz in der Vorrunde: bei der WM 2006, wo es u.a. gegen Panama und Japan ging.

Obwohl der sportliche Wert gegen Ungarn gering war, freute sich Herbert darüber, „Vergnügen auf dem Parkett“ gesehen zu haben. „Ich war wirklich zufrieden mit Chris Sengfelder und Justus Hollatz. Sie haben vier Partien nicht gespielt, das ist keine einfache Situation“, erklärte Herbert zur Situation am Ende der Bank. „Sie haben aber einiges an Extra-Arbeit geleistet, um vorbereitet zu sein, und beide sind mit positiver Einstellung aufgetreten.“

Hollatz verteilte ganze elf Assists. Sengfelder avancierte mit 22 Punkten zum Topscorer, neun seiner 14 Würfe aus dem Feld versenkte der Big Man dabei. Wenn Herbert doch mal eine Low-Post-Option braucht, muss er nur zum Ende der Bank schauen. Sengfelder blieb, ganz der Elfte Mann, Understate-Man: „Ich habe heute viele offene Würfe bekommen, weil es auf Grund der Verteidigungssituation so entstanden ist – dann versuche ich einfach, die reinzumachen“, meinte Sengfelder.

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Wir müssen einfach etwas früher den Ball bewegen und einfache Würfe kreieren“

Ob er und Justus Hollatz in der nun anstehenden KO-Runde wieder auf dem Parkett stehen werden, bleibt abzuwarten. Doch Sengfelder machte zum Ende der Vorrunde auch deutlich: „Wir haben gelernt, dass wir ein sehr breites Team sind. In jedem Spiel kann jemand anderes aus der Masse herausstechen. Das macht uns unglaublich gefährlich und unberechenbar.“

Wirklich gefährlich trat das deutsche Team in der Offensive bisher nur punktuell auf, der individuellen Klasse sei dank. „Wir haben phasenweise einfach unsere Würfe nicht getroffen. Wenn wir ein wenig mehr Selbstvertrauen in unsere Würfe haben, fallen die auch“, machte Johannes Thiemann ein Verbesserungspotential aus. „Es kann aber auch nicht alles perfekt laufen: Wir sind ein zusammengewürfeltes Team, das nur kurze Zeit hatte, um zu trainieren und sich für de EM vorzubereiten. Deswegen ist das schon okay.“

Franz Wagner sieht einen Ansatzpunkt darin, dass „wir einfach etwas früher den Ball bewegen und einfache Würfe kreieren müssen. Das passiert aus Ballbewegung oder auch aus Fastbreaks. Daran können wir noch arbeiten.“

Mit Start der KO-Runde steht natürlich viel Arbeit an, doch auf das bisher Geleistete kann das deutsche Team aufbauen. Und auch wenn das letzte Vorrundenspiel nur im Schongang bestritten werden musste, so ist manchmal einfach genug, den Ball durchs Netz zappeln zu sehen. Wie 18 Mal bei Dreiern. Und bei 63-prozentiger Quote aus dem Feld. Für ein gutes Gefühl. Und das darf die deutsche Nationalmannschaft bei dieser EM bisher ohne Zweifel haben.