Endspurt im EuroLeague-Marathon: Wer hat den längsten Atem im Playoff-Rennen?

Wie gut stehen die Chancen des FC Bayern München auf eine Teilnahme der EuroLeague-Playoffs? Vor allem mit Anadolu Efes Istanbul, dem AS Monaco und Fenerbahce Istanbul werden sich die Bayern duellieren. Die Analyse blickt auf die Stärken, Schwächen und Spielweisen jenes Quartetts.

Der russische Angriffskrieg in der Ukraine hat die Welt binnen kürzester Zeit verändert. Angesichts der nicht endenden Schreckensnachrichten mag es banal sein, über Basketball nachzudenken, doch zugleich kann es auch eine willkommene Ablenkung sein. Auch für den europäischen Spitzenbasketball hat der Ausschluss der drei russischen Clubs und die mögliche Annullierung aller Ergebnisse mit russischer Beteiligung als Reaktion auf den Krieg das Tableau in der Turkish Airlines EuroLeague ordentlich durcheinandergewürfelt.

Eine Woche zuvor sah es noch so aus, als würden sich sechs Teams um zwei Playoff-Plätze zanken. Nun stehen in der Tabelle ohne russische Clubs – diese Analyse fußt auf dieses Szenario – Anadolu Efes Istanbul (in der 18er Tabelle Neunter), der Bayern München (11.) und Maccabi Tel Aviv (12.) unverhofft auf einem der begehrten acht ersten Plätze. Das Trio sieht sich nicht länger in der Verfolgerrolle, sondern wird in den letzten Saisonwochen alles daran setzen, seine Position zu verteidigen.

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Ab dem fünften Platz beginnt die Riege der Aspiranten, die sich ihrer Playoff-Teilnahme allerdings keineswegs sicher sein können und die es sich daher genauer zu betrachten lohnt. Ein Team ist aus dieser Analyse ausgeklammert: Maccabi Tel Aviv. Nach dem überraschenden Halbfinalaus im israelischen Pokal mussten Spieler und Trainer von Sicherheitskräften vor randalierenden Fans geschützt und aus der Arena eskortiert werden. Dass James Nunnally, Jalen Reynolds und Derrick Williams am selben Abend noch beim Partymachen zu sehen waren, dürfte dann die Lunte endgültig zur Zündung bei den Clubverantwortlichen von Maccabi gebracht haben. Trainer Ioannis Sfairopoulos musste jedenfalls seinen Hut nehmen, und es bleibt abzuwarten, wie sich der Club aus der israelischen Metropole in den kommenden Wochen schlägt.

Anadolu Efes Istanbul

5. Platz, Bilanz: 11 Siege und 8 Niederlagen

In der vergangenen Saison waren die Spieler von Anadolu Efes Getriebene auf einer Mission. Getrieben von dem Gefühl, in der Saison 2019/2020 durch den Pandemie-bedingten Saisonabbruch um den Titelgewinn betrogen worden zu sein. Getrieben von dem Gefühl, ganz Europa beweisen zu müssen, dass der Titel ohne jeden Zweifel an Anadolu Efes gegangen wäre. Und natürlich getrieben von Trainer Ergin Ataman, der in seiner ihm ganz eigenen Art und Weise nichts anderes als den Titelgewinn akzeptiert hätte.

In dieser Saison ist diese vollkommene, obsessive Aura verblasst – gewissermaßen zurecht, denn schließlich hat das Team die Mission erfüllt und die EuroLeague-Meisterschaft gefeiert. Und dennoch dürfte ein gewisser Anspruch geblieben sein, den Titel verteidigen zu wollen oder sich bei dem Versuch zumindest teuer zu verkaufen.

Allerdings sieht es danach bislang noch nicht aus. Mit einer ausgeglichenen Bilanz von zwölf Siegen und Niederlagen taperten die Istanbuler durch die Saison, ehe es in die kurze Unterbrechung zur Austragung der nationalen Pokalwettbewerbe ging. Durch die Annullierung von einem Sieg aber auch vier Niederlagen sprangen die Istanbuler vom neunten auf den fünften Platz.

Die magere Ausbeute der ersten 24 Spiele erscheint auf den ersten Blick verwunderlich. Schließlich blieb der Kern der Mannschaft nahezu komplett erhalten. Doch ein Puzzleteil kehrte der türkischen Heimat den Rücken und schnürt seit dieser Saison ausgerechnet für Finalgegner FC Barcelona die Sneaker: Sertac Sanli.

Der Big mag auf den ersten Blick keine überragenden statistischen Werte aufgelegt haben, doch gerade die Kombination aus Größe und weichem Handgelenk war es, die ihn für Efes so wertvoll gemacht hat. Denn mit Sanli konnte der Titelverteidiger das Spielfeld in der Offensive enorm in die Breite ziehen und so Lücken für die vielen Guards und Ballhandler schaffen.

Ataman versuchte zu Saisonbeginn, den Abgang seines Starters auf der Fünf mit dem neuverpflichteten Serben Filip Petrusev zu kompensieren. Trotz seines jungen Alters ist der 21-Jährige schon viel herumgekommen, wurde mit Serbien zweimal U18-Europameister, genoss einen Teil seiner Ausbildung in Badalona, ehe er in den USA zunächst an zwei Highschools und schließlich für zwei Jahre bei den Gonzaga Bulldogs in der NCAA aktiv war. In der vergangenen Saison wurde der Big sogar zum MVP der Adriatic League gewählt und im Sommer von den Sixers in der zweiten Runde gedraftet.

Verständlich also, dass Ataman das Experiment mit dem jungen Serben in verantwortungsvoller Rolle wagen wollte. Zunächst schien es auch aufzugehen, doch mit jedem weiteren Spieltag wurde der türkische Trainer ungeduldiger ob der defensiven Aussetzer seines Schützlings. Mittlerweile ist Petrusev komplett aus der Rotation gefallen.

Dafür darf nun Tibor Pleiß wieder als Starter ran und vertritt seinen ehemaligen Center-Kollegen Sanli mehr als würdig. Das kommt nicht überraschend, da sich die beiden als Spielertypen ohnehin gleichen: Beide Center sind groß gewachsen, haben einen sicheren Distanzwurf und beschützen obendrein auch noch den Korb. Jüngst knackte Pleiß die Top-fünf der ewigen Euroleague-Liste in der Kategorie „Blocks“.

Neben der Rim-Protection ist Pleiß‘ Shooting jedoch für Efes weitaus wichtiger, weil er seinen Guards dadurch sehr viel Platz in der Zone lässt. Gerade zu Beginn einer Partie ist oft zu beobachten, dass Pleiß die ersten Angriffe seines Teams abschließt und dabei meist lange Mitteldistanzwürfe oder Dreier versenkt, um so seinen Gegenspieler zur Verteidigung an der Dreierlinie zu zwingen. Verweigern die Gegenspieler das, wirft Pleiß weiter. Gegen Roter Stern Belgrad standen daher am Ende fünf Treffer bei fünf Versuchen aus der Distanz zu Buche. Über die Saison wirft der 2,18-Meter-Mann starke 47 Prozent aus der Distanz.

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Im Idealfall stehen alle fünf Angreifer außerhalb der Dreierlinie und werden dort von ihren Gegenspielern bewacht. Ist dieser Zeitpunkt in einem Spiel gekommen, geht es für das gegnerische Team nur noch darum, welche – und nicht ob – eine Kröte geschluckt werden muss: Kleben die Verteidiger an ihren Gegenspielern, ist die Zone gegen Drives und Cuts ungeschützt. Sinken die Verteidiger aber zu weit ab, kann das per Dreier bestraft werden. Je nach Lineup kann Efes mit Pleiß, Adrien Moerman, Rodrigue Beaubois und Shane Larkin vier Akteure gleichzeitig auf das Parkett schicken, die um die 40 Prozent ihrer Distanzversuche versenken.

Doch sich allein auf den Dreier zu verlassen, geht selten gut aus. 43 Prozent aller Abschlüsse aus dem Feld sind bei Efes Dreier – unter allen EuroLeague-Teams rangieren sie damit auf dem zweiten Rang. Die richtige Balance aus Insidespiel und Dreiern auszutarieren, ist aber oft nicht einfach. Umso schwieriger wurde es für Efes dadurch, dass Bryant Dunston zwischendurch verletzungsbedingt pausieren musste.

Der routinierte Big bildet den perfekten Gegenpart zu Pleiß. Als kleiner, muskulöser Big mit guter Fußarbeit und tiefem Körperschwerpunkt ist er einerseits defensiv von unschätzbarem Wert, da er die vielen kleinen Dinge richtig macht. Er weiß, wann er beim Pick-and-Roll helfen muss, wie er Cuts bumpt und wann er als Helpside-Verteidiger zu rotieren hat.

Andererseits ist er offensiv in der Lage, tief bis in die Zone abzurollen, auch schwierige Pässe zu verarbeiten und sich im Handgemenge nicht nur zu behaupten, sondern oft auch trotz Fouls erfolgreich zu vollstrecken. Jetzt, da beide Bigs fit und in Form sind, verfügt Efes wieder über eines der besseren Center-Gespanne der EuroLeague.

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Das Herzstück des Efes-Kaders ist jedoch ganz eindeutig der Backcourt, dessen Kronjuwel der amtierende MVP Vasilije Micic ist. Allerdings hat der Serbe bislang noch nicht die Form der Vorsaison erreicht.

Oder genauer: Sein Dreier fällt nicht auf dem Niveau wie in der Vorsaison. Da lag seine Erfolgsquote bei etwa 38 Prozent. In dieser Saison sind es nur 34 Prozent. Dieser Unterschied von vier Prozentpunkten ist insofern überraschend, als Micic insbesondere Schwierigkeiten hat, offene und gut herausgespielte Würfe zu treffen. Gerade in den Saisonwochen vor der Pokalunterbrechung sank Micic‘ Quote bedenklich. Seit der Covid-bedingten Unterbrechung lag die Dreierquote des MVPs in dieser Saisonphase bei 21 Prozent (7/33).

Auf der anderen Seite gilt jedoch festzuhalten, dass Micic nach wie vor unheimlich schwer zu verteidigen ist. Gerade in engen Schlussphasen ist er vermutlich der Spieler in der EuroLeague, den die allermeisten Coaches wählen würden, müssten sie sich auf einen Akteur für die entscheidende Spielphase festlegen. Micic ist nicht der explosivste Athlet, doch seine plötzlichen Rhythmus- und damit einhergehenden Handwechsel sowie seine Kreativität beim Finish machen ihn zu einem nahezu unlösbaren Matchup-Problem.

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Bei Efes stellt sich also in erster Linie die Frage, ob und wann die Spieler ihre bestmögliche Form erreichen und insbesondere ihre Treffsicherheit aus der Distanz wiederfinden. Nicht nur Micic hat Probleme. Auch Krunoslav Simon und James Singleton agieren hinsichtlich der Dreierquote unter ihren Möglichkeiten. Dazu hat Shane Larkin in dieser Saison immer wieder Spiele, in denen er nahezu unsichtbar wirkt.

Nach dem Pokalsieg im Heimatland, dem plötzlichen tabellarischen Aufstieg um vier Plätze und aufteigender Form bei vielen Akteuren ist Efes auch in dieser Saison wieder ein Team, das in den Playoffs einen Platz sicher haben sollte. In den folgenden Wochen könnte es sogar darum gehen, noch den Heimvorteil im Viertelfinale zu sichern.

FC Bayern München

6. Platz; 12-9

Irgendwie sind die Bayern-Basketballer noch mittendrin im Playoff-Rennen – aller Widrigkeiten zum Trotz. Covid-19-Erkrankungen und langwierige Verletzungen ziehen sich seit der Vorbereitung durch die Saison. Besonders der dreimonatige Ausfall von Darrun Hilliard wog schwer. Schließlich war der Flügelspieler als Go-to-Guy angedacht und sollte lernen, in diese Rolle hineinzuwachsen. Der Wiedereingliederungsprozess des Villanova-Alumnus wird seine Zeit beanspruchen, gegen die Hamburg Towers stand Hilliard erstmals seit Ende November 2021 wieder auf dem Parkett.

Wieder mal waren und sind die Management-Skills von Andrea Trinchieri gefragt. Für den Bayern-Coach gilt es auszutarieren, inwiefern er die notwendigen Siege mit oder eben ohne die Unterstützung seiner angedachten ersten Angriffsoptionen einfahren kann. Nach dem schwachen Saisonstart von 0-4 ist es dem Italiener gelungen, sein Team wieder auf Kurs zu bringen und die Chance auf die Playoffs zu wahren.

Ein wesentlicher Schlüssel zum Erfolg ist dabei, dass es den Bayern fast in jedem Spiel unabhängig vom Gegner gelingt, den eigenen Stil durchzusetzen. Das bedeutet, dass Partien mit Bayern-Beteiligung in der Regel eine langsame Pace entfalten. Im Ligavergleich sind die Bayern in dieser Kategorie Letzter. Das hat durchaus seinen Sinn, denn je weniger Ballbesitze es pro Spiel gibt, desto geringer ist auch die Möglichkeit, Fehler zu begehen. Und genau darum geht es Trinchieri, wie er in Interviews immer wieder gerne betont: Das Spiel soll Ballbesitz für Ballbesitz, Situation für Situation von den Spielern angegangen werden. Und in jeder dieser Situationen geht es darum, die eigene Fehlerzahl auf ein Minimum zu beschränken.

Das Mantra der Ballkontrolle in der Offense führt wiederum dazu, dass Bayern selten unorganisiert in der Transition-Defense ist und dem Gegner wenige Möglichkeiten zum Fastbreak gestattet. Dadurch können die Münchener ihre Halbfeldverteidigung aufstellen, die sicherlich zu den besseren der EuroLeague gehört. Oft zwingen sie ihre Gegner durch eine gute Verteidigung im Teamverbund bis tief in die Wurfuhr, was wiederum das Spiel zusätzlich verlangsamt.

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Kronjuwel der Bayern-Verteidigung ist auch in dieser Saison Nick Weiler-Babb. In seinen eineinhalb Jahren hat er sich den Status als einer der besten Verteidiger der EuroLeague erarbeitet. In der Eins-gegen-Eins-Verteidigung löst er Matchups so gut, dass seine Mitspieler ihm oft gar nicht zur Hilfe eilen müssen. Andersherum steht Weiler-Babb meist goldrichtig und bereinigt Fehler seiner Nebenleute.

Ein zusätzlicher Bonus besteht darin, dass Weiler-Babb dank seiner Größe und Physis ohne Probleme switchen kann und damit perfekt zu Trinchieris Defensivphilosophie passt. Je nach Kader des Gegners kann Weiler-Babb alle fünf Positionen verteidigen. Umso schwerwiegender käme ein längeren Ausfall nach seinem bösen Sturz gegen Hamburg gleich.

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So gut und verlässlich die Verteidigung der Münchener steht, so schwer fällt es ihnen bisweilen aber auch, selbst Punkte zu erzielen. Wenige Spieler im Kader sind auf EuroLeague-Ebene in der Lage, sich im Eins-gegen-Eins ihren eigenen, hochprozentigen Wurf zu kreieren. Da angesichts der engen Taktung des Spielplans kaum Gelegenheit für ordentliches Mannschaftstraining bleibt, können diese individuellen Nachteile allerdings kaum durch lange und komplizierte Spielzüge mit viel Bewegung abseits des Balls kompensiert werden. So etwas braucht seine Zeit, bis die Abläufe in Fleisch und Blut übergehen. Und Zeit ist eine Währung, die EuroLeague-Teams nicht kennen.

Insofern geht es für die Bayern immer wieder darum, von Spiel zu Spiel zu improvisieren, Schwachstellen beim Gegner zu identifizieren und somit mögliche Vorteile auszuloten. Ein beliebtes Stilmittel ist das Postup. Auch hier ist die Idee dahinter nachvollziehbar: Je näher am Korb ein Spieler seine Eins-gegen-Eins-Situation startet, desto höher ist die Chance, einen kleinen Fehler oder eine kurze Unaufmerksamkeit des Verteidigers sofort zu bestrafen. Zudem verfügen die Bayern mit Augustine Rubit und Vladimir Lucic über zwei exzellente Postup-Spieler.

Weil die Reaktionszeit der Verteidigung durch die geringe Distanz zwischen ballführendem Spieler und Korb so gering ist, tendieren viele Teams und Verteidiger abseits des Balls dazu, sehr früh in Habachtstellung auf der Helpside zu verharren und sich auf den Ball zu fokussieren. Dadurch ist die Weakside meistens verwaist, und ein einfacher Skip-Pass führt entweder zum offenen Wurf oder gibt die Möglichkeit, ein Closeout zu attackieren.

So können selbst Spieler mit durchschnittlichen Offensiv-Skills für ihre Mitspieler Vorteilssituationen kreieren. Teilweise reizen die Bayern das soweit aus, dass in einem Ballbesitz auch mal zwei Postups von zwei verschiedenen Spielern genutzt werden, bis ein eindeutiger Vorteil entsteht – oder sich die Wurfuhr der Null annähert.

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Diese Taktik erfordert allerdings auch, dass die Spieler auf der Weakside in der Lage sind, eine zu weit absinkende Verteidigung zu bestrafen – in aller Regel dadurch, dass sie offene oder auch halboffene Würfe versenken. Tatsächlich nehmen die Bayern in dieser Saison wieder mehr Distanzwürfe. Gut 41 Prozent ihrer Abschlüsse aus dem Feld sind Dreier, womit sie leicht über dem Ligaschnitt liegen.

Auf der Suche nach verlässlichen Schützen setzen die Bayern seit einigen Wochen wieder auf Leon Radosevic. Seit seiner Rückkehr auf das Parkett hat der Deutsch-Kroate fast genauso viele Dreier wie Zweier genommen und nimmt dabei Würfe mit einer großen Selbstverständlichkeit in Situationen, in denen er vor einem Jahr vermutlich noch nicht mal den Korb angeguckt hätte.

Doch selbst ein verlässlicher Dreier ihres Big Mans kann keine Dauerlösung für die Bayern sein. Stattdessen müssen sie auf offensiven Output ihrer Rollenspieler hoffen. Zwei Kandidaten, die auch in den vergangenen Wochen eine aufsteigende Form aufweisen, sind für diese Aufgabe prädestiniert.

Einer davon ist Ognjen Jaramaz. Der Serbe kam vor der Saison von Partizan Belgrad und war der Gewinner der frühen Saisonvorbereitung, falls es diesen Titel gibt. Die Covid-19-Unterbrechungen nahmen ihm jedoch den Rhythmus, weswegen er für weite Teile der Saison konstant inkonstant war. Immer wieder deutete der 26-Jährige jedoch an, welches Potential in ihm steckt.

So ist er schnell und athletisch genug, um seinen Gegenspieler im Eins-gegen-Eins dank eines schnellen ersten Schrittes zu schlagen. Zugleich ist er kreativ im Pick-and-Roll und in seinen Abschlüssen am Korb. Besonders gerne kommt er aus Zipper-Cuts und rejectet den Screen. Gelingt all das nicht, kann er notfalls auch den Dreier aus dem Dribbling nehmen. Insgesamt bringt der Guard also ein ziemlich komplettes Paket mit. Allerdings müssen seine Anlagen noch verfeinert werden, und er muss sie konstanter nutzen. Immerhin: In fünf seiner letzten neun Partien scorte Jaramaz zweistellig. Allerdings ist Jaramaz seit Anfang Februar auch verletzt.

Kandidat Nummer zwei ist Andi Obst. Der Schütze mit dem vielleicht weichsten Handgelenk der BBL – dessen Name nicht Markus Eriksson lautet – hatte und hat nach seiner überragenden Saison im Vorjahr in Ulm Anlaufschwierigkeiten bei den Bayern. Auch bei ihm sorgte eine Covid-19-Erkrankung frühzeitig in der Saisonvorbereitung für Rückstand und Formprobleme.

Doch die Bayern werden die Wurfqualitäten ihres Schützen noch brauchen, wenn sie sich den Traum von den EuroLeague-Playoffs erfüllen möchten. Gegen ASVEL Villeurbanne und Zalgiris Kaunas scorte Obst erstmals zweistellig, und im letzten Spiel vor der zweiwöchigen Unterbrechung nahm er gegen Tel Aviv sechs Dreier. Solche Wiederholungen braucht Obst, da er einen gewissen Rhythmus entwickeln muss, um seine Würfe zu versenken.

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Sollte Bayern tatsächlich noch etwas mehr und auch konstanteren Output von diesen beiden X-Faktoren erhalten, und sollte Hilliard nach seiner Rückkehr schnell in die Lineups integriert werden können, wäre das willkommene Unterstützung für Vladimir Lucic und Augustine Rubit, die bislang viel Verantwortung in der Bayern-Offensive schultern mussten und entsprechend viel Aufmerksamkeit seitens der gegnerischen Verteidigung erhalten. Eine weitere Trumpfkarte ist Zan Mark Sisko. An dem Slowenen geht die Saison bislang ebenfalls vorbei. Findet er wieder in seinen Rhythmus, fügt er dem Spiel der Bayern durch seine Übersicht im Pick-and-Roll eine weitere Facette hinzu.

Die derzeitige Ausgangslage nehmen die Bayern sicher dankend an. Nach dem verkorksten Start in die Saison, den andauernden Personalproblemen und teils mäßiger offensiver Ausbeute haben die Bayern es nun selbst in der Hand, ihren Playoff-Platz zu verteidigen.

AS Monaco

8. Platz, 10-12

Auch der AS Monaco hat bereits – wie Tel Aviv – den Trainer ausgetauscht. Nach einem Start, der offensichtlich weder den Erwartungen in Monaco entsprach noch das investierte Finanzvolumen widerspiegelte, wurde der Montenegriner und EuroCup-Sieger der Vorsaison, Zvezdan Mitrovic, entlassen. Für ihn übernahm ein in Deutschland bestens bekannter Dirigent an der Seitenlinie: Sasa Obradovic.

Seit Obradovic übernommen hat, liegt die Bilanz von Monaco bei neun Siegen und vier Niederlagen. Nur Madrid (in zwölf Spielen) konnte in diesem Zeitraum genauso viele Siege einfahren. Sucht man nach Gründen für die Trendwende, sticht das exzellente Offensiv-Rating ins Auge. Auf 100 Ballbesitze gerechnet kommen die Monegassen auf knapp 122 Punkte pro Spiel. Damit liegen sie nicht nur weit vor der Konkurrenz in diesem Zeitraum, sondern ebenso deutlich über dem Schnitt vor dem Amtsantritt von Obradovic. In den ersten 14 Spielen lag das Offensiv-Rating noch bei 108 Punkten auf 100 Ballbesitze hochgerechnet.

Angesichts der Tatsache, dass Obradovic seit jeher eher als defensivorientierter Coach bekannt ist und einst regelmäßig seine ausladende Geste mit weit ausgestreckten Armen und Hohlkreuz, nur unterbrochen von kurzen Griffen an die Schläfen, und eine Tirade an Worten zum Besten gab, wenn seinem Team defensiv ein Fehler unterliefen, ist diese Entwicklung überraschend.

Doch bei einem Blick auf die Kaderliste sollte sich die Überraschung legen. Drei Namen stechen hier sofort ins Auge, und ihre Träger sind tatsächlich auch dafür verantwortlich, dass Monaco offensiv so ein Feuerwerk abbrennt. Die Rede ist von Mike James, Dwayne Bacon und Donatas Motiejunas.

Über James muss vermutlich nicht mehr allzu viel geschrieben werden. Kenner des europäischen Basketballs kennen den als „uncoachable“ gebrandmarkten James sicherlich bestens. Und selbst NBA-Fans dürften mittlerweile einen zumindest oberflächlichen Eindruck vom Guard, haben nach seiner Stippvisite in Brooklyn.

Und dennoch ist es immer wieder aufs Neue verblüffend, wie sehr Genie und Wahnsinn bei dem athletischen Guard Hand in Hand gehen. Ob es der Einfluss von Obradovic oder James‘ eigener Entschluss ist, lässt sich von außen schwer beurteilen, allerdings ist zu beobachten, dass James sich in Monaco zu Beginn einer Partie oder gar für die gesamte erste Halbzeit eher zurücknimmt und sich mit der Spielorganisation begnügt. Seine Zurückhaltung artet bisweilen dahingehend aus, dass er sogar Airballs wirft oder vermeintlich leichte Korbleger liegen lässt.

Dafür sind seine Scoring-Ausbrüche in der zweiten Hälfte meist umso eruptiver. 20 Punkte in einer einzigen Halbzeit aufzulegen, ist für James keine Herausforderung, wenn er das Gefühl hat, er müsse nun das Spiel an sich reißen. Zuletzt konnten sich die Fans in Monaco glücklich schätzen, dass James diesen Drang in sich verspürt, als Monaco einen scheinbar sicher geglaubten Sieg gegen Kazan noch zu verspielen drohte. James‘ letzte Heldentat war der Gamewinner zum 79:76..

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Wenn man Mike James im Kader eines Teams sieht, kommt insgeheim unweigerlich die Frage auf, ob die anderen Spieler des Kaders das Gefühl haben, genug Ballberührungen oder Abschlüsse zu erhalten. Wenn dann noch einer dieser Mitspieler den Namen Dwayne Bacon trägt, kratzt sich der geneigte Beobachter mit einem Stirnrunzeln am Kopf und fragt sich, wie das funktionieren soll.

Die Antwort ist überraschend einfach: Die beiden profitieren von der Existenz des jeweils anderen, wenn sie gemeinsam auf dem Court stehen. Obradovic versucht darüber hinaus die Minuten der beiden so geschickt zu staffeln, dass zumindest einer der beiden immer auf dem Parkett steht.

Bacon bringt viele Voraussetzungen mit, um ein exzellenter Basketballer zu sein: viel Athletik, lange Extremitäten, ein gutes Gefühl für den eigenen Körper und Kontaktsituationen auf engstem Raum, sehr viel Ballgefühl, ein breit gefächertes Arsenal an Moves und Abschlüssen sowie ein technisch sauberer Sprungwurf.

Warum Bacon dann „nur“ in der EuroLeague spielt? Nun, für die NBA ist sein Skill-Set dann doch nicht ausgereift genug, was vor allem mit seinem Ballhandling zusammenhängt. Im Sinne eines schludrigen Genies gelingt es Bacon selten, mehr als drei Dribblings nacheinander auf den Boden zu setzen, ohne sich zu verdribbeln.

Daher resultieren viele seiner Eins-gegen-Eins-Bewegungen oft in einem halben Spin-Move. Doch irgendwie gelangt Bacon immer an den Spot, den er erreichen möchte, und lässt dann meist einen schwierigen Midrange-Jumper durch das Netz rauschen. Es ist faszinierend, dass Bacon mit der exakt gleichen Spielweise in Highschool, College und EuroLeague ähnlich erfolgreich unterwegs ist.

Bacons Scorer-Gen ist allerdings insofern problematisch, als er den Ball meistens nicht mehr weiterpasst, wenn er ihn einmal in den eigenen Händen hält. An der Stelle kommt wieder die Frage auf, wie das im Gespann mit Mike James funktionieren soll. Eine Lösung: Viele Teams sind mittlerweile dazu übergegangen, James und Bacon am Ende eines Angriffs bei ablaufender Wurfuhr und einer sich anbahnenden Eins-gegen-Eins-Situation durch ein Doppeln aus dem Konzept zu bringen. Wenn James gedoppelt wird, ist es gar nicht schlecht, dass mit Bacon ein zweiter prädestinierter Scorer auf dem Feld steht, der sofort attackiert, wenn er den Ball erhält. Dadurch ergeben sich für Monaco (lies: Bacon) viele gute Abschlüsse.

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Trotz dieser geballten Ladung Scoring im Backcourt schaffen es die Guards – und insbesondere James ist an dieser Stelle lobend zu erwähnen –, ihre Waffe auf den großen Positionen nicht zu vernachlässigen. Donatas Motiejunas zeigt in seinen Minuten, warum er einst als das vielleicht größte Talent seines Jahrgangs in Europa galt. Die Kombination aus Größe, Masse, Touch und Skill-Set ist kaum zu stoppen.

Obradovic nutzt den Linkshänder dabei bevorzugt als Blocksteller, der sich je nach Position auf dem Court und Matchup entweder zum Korb abrollt, wenn er einen Größenvorteil hat, oder aber zur Dreierlinie hinaus baldowert, wenn er einen ähnlich großen Gegenspieler mit seinem Wurf nach draußen ziehen und anschließend per schnellem ersten Schritt schlagen kann.

Das Pick-and-Roll- bzw. -Pop-Duo aus James und Motiejunas muss sich sicherlich vor keinem anderen in der EuroLeague verstecken und ist im reinen Zwei-gegen-Zwei de facto nicht zu verteidigen. Allerdings ist es für gegnerische Teams gar nicht so einfach zu eruieren, von wo die Hilfe kommen soll, da Monaco solche Situationen gerne in der Spielfeldmitte initiiert.

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So viel offensives Potential in der Mannschaft auch steckt: Ganz ohne Defense funktioniert es schlicht nicht. Auf der Habenseite können die Monegassen verbuchen, dass sie mit Motiejunas und Donta Hall über zwei große Jungs verfügen, die wissen, wie sie den Korb beschützen müssen. Dadurch lässt sich der eine oder andere Fehler ausbügeln. Allerdings geraten die beiden dadurch auch schneller in Foul-Trouble, was entsprechend auch nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann.

Allein: Es ist für Obradovic gar nicht so einfach herauszufinden, an welchen Schaltern und Hebeln er drehen muss. Denn mehr oder minder alle Spieler der Rotation sind anfällig in der Verteidigung. Und wenn das nicht für die Eins-gegen-Eins-Verteidigung gilt, dann doch zumindest für die Teamdefense. Viel zu oft halten Verteidiger auf der Weakside ein Schläfchen, wenn sie eigentlich helfen sollten. In anderen Situationen unternimmt ein einzelner Spieler einen Alleingang, ohne dass die Mitspieler damit rechnen können und müssen den Fehler wiederum ausbaden.

Obradovic bemüht sich, mit kleinen Kniffen einen Einfluss auf das Spiel zu nehmen. So hat er es sich angewöhnt, zu Beginn einer Partie den Gegner vor ein Problem zu stellen, auf welches dieser nicht vorbereitet ist und es entsprechend erstmal lösen muss. Das kann eine 3-2-Zone oder eine Ganzfeldpresse sein. Ansonsten bleibt Obradovic nur, sich auf James zu verlassen und seine Ausbrüche auf die Crunchtime zu beschränken.

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Angesichts der fehlenden Konstanz und der defensiven Anfälligkeit fällt die Vorstellung schwer, dass nach der Endabrechnung die Playoff-Teilnahme für die Monegassen herausspringt. Auf der anderen Seite hat Monaco wie eingangs erwähnt eine starke Phase in den letzten Wochen und Monaten seit Obradovic‘ Verpflichtung gehabt. Nicht, dass sich die 82:83-Heimniederlage gegen Schlusslicht Kaunas vor drei Wochen noch ganz bitter rächt…

Fenerbahce Istanbul

9. Platz, 9-12

Ein ähnliches Schicksal wie das, welches Sfairopoulos in Tel Aviv und Mitrovic in Monaco ereilt hat, drohte auch für Sasa Djordjevic. Ende November, nach der 84:89-Niederlage gegen Stadtrivale Anadolu Efes, stand Fenerbahce bei einer Bilanz von drei Siegen aus den ersten 13 Spielen. Nachdem Fenerbahce bereits in der vergangenen Saison die Playoffs verpasst und den Trainer gewechselt hatte, schienen die Istanbuler sich auf eine ähnliche Saison einstellen zu müssen – was jedoch so gar nicht mit dem Selbstverständnis der erfolgsverwöhnten Fans und Verantwortlichen kompatibel gewesen wäre.

Doch vermutlich mit der letzten Chance gelang den Blau-Gelben der Turnaround. Ein 96:86-Heimsieg gegen Monaco war die Initialzündung. Inklusive dieses Spiels gewann Fenerbahce neun der letzten zehn Begegnungen vor der Pokalpause, schlug Piräus, Mailand und Madrid und steht mittlerweile sogar auf dem neunten Tabellenplatz.

Um die Weihnachtszeit hätten das wohl selbst die kühnsten Optimisten unter den Fans des Istanbuler Traditionsclub nicht zu hoffen gewagt. Da musste der Club nämlich gleich zwei Verletzungen hinnehmen. Zum einen erwischte es den französischen Spielgestalter und Kopf der Mannschaft Nando de Colo, der sich eine Fraktur in der linken Hand zuzog. Und mit Jan Vesely fiel und fällt der zweite Stützpfeiler seit mehreren Wochen mit einer Knöchelverletzung aus.

Doch Djordjevic machte aus der Not eine Tugend. Wenn es so etwas wie Glück im Unglück gibt, dann gilt dies für Fenerbahces Situation. Denn ohne ihre beiden Starspieler mussten die verbliebenen Kräfte enger zusammenrücken und entwickelten in diesem Zeitraum eine ganz klare Identität mit präzise definierten Rollen.

Und diese Identität basiert zu großen Stücken auf der Verteidigung. Was dem derzeitigen Kader vielleicht an offensiver Qualität fehlt, wird durch grenzenlosen Einsatz und sehr viel Intensität ausgeglichen. In den Wochen vor der Spielpause dürfte kein Team in der EuroLeague so konstant mit so einer Härte zu Werke gegangen sein wie die Mannen von Djordjevic.

Neben der reinen Intensität hilft in der Defensive der Umstand, dass Fenerbahces Lineups in der Regel vier oder gar fünf Spieler enthalten, die ähnlich groß und lang sind. Mit Pierria Henry ist der Aufbauspieler deutlich über 1,90 Meter, zudem besitzt der Veteran lange Arme und viel Sprungkraft. Dadurch kann Fenerbahce problemlos alle Matchups switchen.

Diese Länge über alle Positionen hinweg macht sich Djordjevic auch taktisch zu Nutze. Die Istanbuler nutzen ihre Athletik, um viel Druck auf den ballführenden Spieler auszuüben und versuchen gleichzeitig, die Einstiegspässe in einen Spielzug durch harte Deny-Defense zu unterbinden. Im Pick-and-Roll verteidigt Fenerbahce per „Next“-Defense, die in der BBL Aito bekannt gemacht hat, wobei es sich hierbei ebenfalls um eine aggressive Verteidigungsvariante handelt.

Schlagen gegnerische Ballhandler ihren direkten Verteidiger, ist eine Hilfe für den hinterherhetzenden Verteidiger meist sofort zur Stelle, da Fenerbahce gerne Peel-Switches nutzt: Der nächststehende Verteidiger stellt sich dem Ballhandler in den Weg und nimmt ihn auf, während der geschlagene Verteidiger sich gar nicht mehr um seinen ehemaligen Gegenspieler kümmert, sondern direkt zum Gegenspieler des helfenden Verteidigers durchsprintet.

Können alle erwähnten Taktiken den Durchbruch in die Zone nicht verhindern, verfällt Fenerbahce direkt – und durchaus auch mit Kalkül – in einen „Scramble Modus“. Alle fünf Verteidiger sind nun in Alarmbereitschaft, versuchen das nächste Closeout zu antizipieren, hechten dabei immer einen Pass weiter, springen mit ausgestreckten Armen auf den Schützen an der Dreierlinie heraus und forcieren damit weitere Dribblings und Pässe, ohne je einen ganz freien Wurf abzugeben. Angesichts der vielen Athleten im Kader ist das durchaus ein probates Mittel, denn einen Wurf aus dem Dribbling oder unter Zeitdruck wird die Verteidigung immer lieber abgeben, als einen Catch-and-Shoot-Dreier, bei dem der Schwierigkeitsgrad geringer und die Wurfquote dementsprechend höher ausfällt.

All diese defensiven Prinzipien fasst das folgende Video noch einmal zusammen:

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Neben dem reinen Fakt, dass eine gute Defense dafür sorgt, dass Gegner weniger Punkte erzielen und Fenerbahce dadurch auch selbst weniger Punkte erzielen muss, um Spiele zu gewinnen, generiert der Champ von 2017 auch viele Fastbreak-Möglichkeiten und somit die Chance auf vermeintlich leichte Punkte.

Allerdings muss hier konstatiert werden, dass das Team vom Bosporus diese Chancen bisweilen leichtfertig vergibt oder durch wankelmütige Entscheidungsfindung und Wurfauswahl die Dinge unnötig verkompliziert. Gerade Aufbauspieler Henry tendiert dazu, zu leichtsinnig zu sein und zu früh zu viel zu wollen. Dass Fenerbahce die höchste Turnover-Rate der EuroLeague (17,3 Prozent) verbucht, ist in Anbetracht dessen nicht erstaunlich.

Auf der anderen Seite ist Fenerbahce durchaus auf schnelle Punkte angewiesen, denn bisweilen mangelt es dem Team an der offensiven Durchschlagskraft, über die andere Playoff-Aspiranten verfügen. Besonders von der Dreierlinie haben die Istanbuler Probleme und weisen die drittschlechteste Quote aller EuroLeague-Teams auf.

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Dennoch gibt es auch in der Set-Offense Lichtblicke. Besonders wenn die fünf Akteure auf dem Court sich strikt an die Spielzüge und Anweisungen ihres serbischen Trainers halten oder aber die Defense richtig lesen, passiert meist etwas Gutes. Besonders das Pitch-Back-Set für Marko Guduric sorgt in der Regel für leichte Punkte, da die Defense auf der Weakside durch einen Flare-/Hammer-Screen beschäftigt wird und beim Pick-and-Roll nicht so einfach helfen kann.

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Apropos Marko Guduric: Der Linkshänder personifiziert die Trendumkehr wie kein zweiter Akteur. Das verrät auch ein Blick auf seine Shooting-Splits, die in den beiden Abbildungen dargestellt sind:

Gegenüberstehen hier die ersten 13 Spieltage und die letzten zwölf Begegnungen. Nicht nur, dass Guduric seine Produktivität in diesem Zeitraum beträchtlich steigern konnte. Auch und vor allem hat Guduric die neue Rolle als Go-to-Guy mittlerweile verinnerlicht und weiß mehr und mehr als kreativer Playmaker zu gefallen.

Besonders die hundertprozentige Wurfquote unmittelbar am Ring ist eindrucksvoll und belegt den Eindruck, der sich auch beim Filmstudium ergibt: Guduric ist schlicht und ergreifend besser in Form und trägt keine zusätzlichen Kilos mehr auf den Rippen. Dadurch kann er mittlerweile Mismatches nach Switches attackieren und muss nicht auf halber Strecke abbrechen, weil ihm die Geschwindigkeit oder Wendigkeit fehlt, um seinen Gegenspieler vollends hinter sich zu lassen.

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Nach wie vor ist jedoch eine Menge Bewegung im Kader der Istanbuler. Auf der Schattenseite verletzte sich Pierria Henry in der Pokalwoche am Knie und fällt voraussichtlich drei Wochen aus. Dafür konnte Djordjevic Nando de Colo nach längerer Leidenszeit zurück auf dem Parkett begrüßen. Zudem gab Danilo Barthel auch unvermittelt sein Comeback. 15 Punkte gegen Belgrad und zehn Zähler gegen Monaco können sich durchaus sehen lassen. Allein: Beide Spiele gingen verloren, was aus Istanbuler Sicht nach dem starken Lauf der Vorwochen nicht nur ärgerlich ist, sonderlich angesichts der Tabellensituation gleich doppelt schmerzt. Schließlich handelt es sich bei den beiden Gegnern um die direkten Nachbarn.

Prognose

Alles in allem ist die Ausgangslage vor den letzten Saisonwochen in der EuroLeague nach wie vor sehr spannend und bietet die Möglichkeit für unterschiedlichste Szenarien. Sehr nüchtern betrachtet ist Anadolu Efes wohl zumindest hinsichtlich der Playoff-Teilnahme auf einem sehr guten Weg. Mit jeder Saisonwoche scheint der Titelverteidiger mehr den Ernst der Lage zu erfassen und sich dementsprechend von Spiel zu Spiel zu steigern. Der Gewinn des türkischen Pokals dürfte zusätzlichen Auftrieb gegeben haben. Steigern sich Vasilije Micic und Shane Larkin in ihren Leistungen, können sie jedes Team in jeder Halle schlagen und werden so vermutlich auch den Heimvorteil in den Playoffs anvisieren.

Fenerbahce hat noch viele Spiele nachzuholen, was natürlich den Vorteil auf den Gewinn zusätzlicher Spiele beinhaltet. Gleichzeitig kann das jedoch einen Stresstest bedeuten, der mit einer hohen Belastung verbunden ist. Angesichts der kräftezehrenden Spielweise ist auch diese Konstellation sicherlich nicht ideal. Insofern wird viel davon abhängig, wie schnell und in welcher Form die Rekonvaleszenten Henry, de Colo und Vesely zurückkehren.

Für die Bayern wird viel darauf ankommen, sich gegen die direkten Konkurrenten zu behaupten, Heimspiele zu gewinnen und offensiv genügend Scoring von möglichst vielen Akteuren zu erhalten, um in den kommenden Wochen regelmäßig Spiele zu gewinnen. Hoffnung macht, dass die Bayern ihre Hinspiele gegen beide Istanbuler Teams erfolgreich gestalten konnten.

Beim Rest sind die derzeitigen Gegebenheiten sehr unterschiedlich. Tel Aviv steht plötzlich in den Playoff-Rängen, allerdings löst auch das nicht das Problem der offensiven Abhängigkeit von Scottie Wilbekin. Es könnte durchaus sein, dass die Israelis noch nach hinten durchgereicht werden. Darauf dürfte insbesondere Fenerbahce hoffen. Schwacher Start, starke Aufholjagd und zuletzt zwei bittere Niederlagen gegen die direkte Konkurrenz: Das Nervenkostüm der Istanbuler Anhängerschaft wird in dieser Saison regelmäßig strapaziert. Der AS Monaco wirkt da noch wieder stabilste Aspirant. Unter Obradovic läuft es deutlich runder, da die Rollen klarer verteilt sind, der offensive Stil vereinfacht wurde und die Verteidigung notgedrungen halt erledigt wird, so gut es eben geht. Ein solches Team als Gegner wünscht sich vermutlich kein Erstplatzierter nach der Hauptrunde.


Quellen für Shot-Charts: Play-by-Play-Data EuroLeague; Shot-Charts: eigene Darstellungen

Quellen für Advanced Stats/Histogramme: hackastat.eu; Histogramme eigene Darstellungen

Videomaterial: magentasport.de