Schurwolle statt Kaschmir

Andrea Trinchieri hat den FC Bayern München zu einem hervorragenden EuroLeague-Start geführt – auch dank eines besonderen Defensivkonzepts. Die Analyse blickt auch auf Vladimir Lucic, Wade Baldwin und die Tiefe des Kaders.

Andrea Trinchieri betrachtet sich selbst als Schneider. Der Head Coach des FC Bayern München kommt schließlich aus Mailand, der italienischen Mode-Hauptstadt. „Ich bin wie ein Schneider: Man gibt mir das Material – ich hoffe, es ist Seide oder Kaschmir –, und ich habe daraus einen perfekten Anzug zu machen“, erklärte Trinchieri kurz nach seinem Amtsantritt in München.

Und dieser Anzug schien zum Saisonstart fast schon wie angegossen zu passen: Sieben ihrer elf Spiele haben die Bayern in der EuroLeague für sich entschieden, um nach dem ersten Saisondrittel auf dem vierten Platz zu rangieren. Nimmt man den Pokal-Ausrutscher gegen Bayreuth beiseite, haben die Münchener gegen die BBL-Konkurrenz in fünf Partien mit durchschnittlich 22,4 Punkten gewonnen – ohne dabei immer über 40 Minuten überzeugen zu müssen.

Betrachtet man diesen Anzug genauer, fühlt er sich jedoch nicht nach Seide oder Kaschmir an. Denn fein oder weich, wie noch während der Trinchieri-Ära in Bamberg, kommt sein Basketball bei den Bayern nicht daher. Vielmehr überzeugt die Mannschaft mit einer früh funktionierenden, aggressiven Verteidigung. Als sehr robust und vielseitig einsetzbar könnte man dahingehend das Team schon eher beschreiben. Welchen Stoff würde ein Schneider hierfür wählen? Statt Kaschmir wohl eher so etwas wie Schurwolle.  

Defense: Scram-Switches

Im BBL-Vergleich ein Alleinstellungsmerkmal ist die Switch-intensive Verteidigung der Bayern, und auch innerhalb der EuroLeague fällt Trinchieri mit seinem Defensivsystem auf: Nicht das bloße Übergeben der Gegenspieler im Pick-and-Roll ist ein Erfolgsrezept, sondern vor allem die oft folgenden Scram-Switches.

Unter Scram-Switch (oder auch Kickout-Switch) versteht man das Defensivkonzept, wenn der Ballhandler-Verteidiger, der auf den blockstellenden Big Man geswitcht ist, diesen Gegenspieler – dann in einer Situation ballabseits – wieder an einen anderen Mitspieler übergibt. Im Idealfall ist dies ein größerer Spieler. Mit diesem zweiten Switch soll ein potentielles Mismatch in Korbnähe verhindert werden.

In folgender Sequenz beim Auswärtsspiel gegen Maccabi Tel Aviv sind Nick Weiler-Babb und Leon Radosevic in ein Pick-and-Roll involviert. Beim Ball-Screen Maccabis tauschen die beiden ihre Gegenspieler.

Maccabis Center Ante Zizic findet nach dem Switch also ein potentielles Mismatch gegen Weiler-Babb vor, Zizic rollt nach dem Pick-and-Roll in die Zone ab. Gleichzeitig rotiert mit Vladimir Lucic ein größerer Flügelspieler von der Weakside in die Zone und übernimmt Zizic; Weiler-Babb rotiert in die Weakside-Ecke. Dieser Switch ist der sogenannte Scram-Switch.

Maccabi versucht ein Anspiel in die Zone zu Zizic. Doch Lucic hat seine Hände im Pass und forciert einen Ballverlust Maccabis.

Folgendes Video zeigt weitere Beispiele von Münchens Scram-Switches in der EuroLeague. Ton an für die Erklärung.

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Die letzte Sequenz gegen Olympiacos sticht heraus, weil dort gleich zwei Scram-Switches auszumachen sind. Für Malcolm Thomas geht es damit zur Ausgangssituation zurück: mit der Verteidigung eines Big Man. Er war im ersten Switch beim Pick-and-Roll auf einen Ballhandler Olympiacos’ geswitcht.

Defense: Off-Ball-Switches

Ballabseits, also auf der Weakside, lassen sich bei den Bayern ebenfalls Switches beobachten. Häufig bleiben die beiden Verteidiger dann auf ihrer jeweiligen Position auf dem Parkett stehen, obwohl deren Gegenspieler sich durch Cuts bewegt oder ballferne Blöcke genutzt haben. Man könnte hier schon fast von einer Zone sprechen: Der Außenspieler bleibt vorne, der Big Man hinten am Zonenrand positioniert. Das hilft gegebenenfalls auch beim Rebound.

Gegen Ludwigsburg ist dies in einer Situation auch auf der ballstarken Seite zu beobachten. Robin Amaize steht am Flügel und verteidigt Jaleen Smith. Der Ludwigsburger Guard cuttet nach unten, als würde er einen Flare-Screen oder Pin-Down für Lukas Herzog stellen, welcher sich weiter oben positioniert. Amaize geht erst noch mit Smith mit – Paul Zipser kommuniziert aber den gewünschten Switch und dirigiert Amaize auch mit seiner Hand auf dessen vorherige Position.

Amaize und Zipser haben im Grunde ihre Gegenspieler getauscht. Nun stellt Herzog den zunächst zu erwartenden ballfernen Block für Smith. Amaize dreht sich nach Herzogs Bewegung um und mit Herzog mit …

… übernimmt dann aber Smith, der zu Jonas Wohlfarth-Bottermann zum Hand-Off rotiert. Damit haben die Bayern zum zweiten Mal ballabseits geswitcht. Amaize – oben am Flügel – und Zipser – unten am Zonenrand – haben ihre Positionen aber nicht verlassen. 

Mit der Kombination aus dieser auch in der EuroLeague besonderen Defensivtaktik, Außenspielern mit Physis (wie Nick Weiler-Babb!) sowie Big Men mit Schnelligkeit, um gegnerische Ballhandler vor sich zu halten (wie Leon Radosevic, der unter Trinchieri aufgeblüht ist), haben die Bayern einige ihrer Partien gewonnen. In der Verteidigung verortet Trinchieri auch die DNA seiner Mannschaft.

„Man muss ein erwachsenes Team sein, um eine solche Leistung in der Defensive abzurufen, wenn du in der Offensive nicht gut spielst“, urteilte Trinchieri nach dem 74:59-Heimsieg gegen Roter Stern Belgrad.

Gegen den serbischen Club hielten die Bayern deren Go-to-Guy Jordan Loyd bei neun Punkten und einer Quote von 14,3 Prozent aus dem Feld – dem damaligen EuroLeague-Topscorer wohl gemerkt. Shane Larkin kam beim 74:71-Erfolg Münchens gegen Anadolu Efes Istanbul nicht über 13 Punkte (30,8% FG) hinaus. Und CSKA-Guard Mike James wurde von Bayerns Defense immerhin in der ersten Hälfte in Schach gehalten (7 Pkt, 2/7 FG, 3 TO). In der Vergangenheit waren es immer wieder Guards gewesen, die den Bayern einschenkten.  

Die Münchener verstehen es nicht nur gut, gegnerische Go-to-Guys einzuschränken; auch scheinen sie in entscheidenden Phasen in der Verteidigung noch einmal anzuziehen: Beim 90:79-Heimsieg in Valencia gestatteten die Bayern in den letzten sechs Minuten nur zwei Feldkörbe (2/8 FG). Beim 74:68-Erfolg gegen Olympiacos Piräus war es nur ein Feldkorb in den letzten fünf Minuten (1/8 FG). Und beim angesprochenen Sieg gegen Anadolu Efes verwandelte Istanbul in den letzten 6:30 Minuten sogar nur einen ihrer zwölf Versuche aus dem Feld!

Mit einer tiefen Rotation zu spielen, „erlaubt es uns, immer frisch in der Verteidigung zu sein“, wusste Trinchieri nach dem Sieg gegen Belgrad um seine große Rotation. Die Belgrader versenkten, wie sollte es anders sein, in den letzten sieben Minuten nur einen ihrer sieben Würfe aus dem Feld … 

Clutch Che: Vladimir Lucic

Wo die Münchener in der Crunchtime defensiv im Kollektiv mauern, überragt offensiv immer wieder Vladimir Lucic – mit ungeheurer Effizienz. Auf 30 Minuten gerechnet, erzielt Lucic in der „Clutch“-Zeit (höchstens fünf Punkte Differenz bei weniger als fünf Minuten zu spielen) mittlerweile 24,8 Zähler pro Spiel, zudem 1,67 Punkte pro Possession. Zum Vergleich: Sein 30-Minuten-Schnitt über eine gesamte Partie liegt bei 15,1 Zählern …

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Lucic, der „Che Guevara“ der Münchener, wie Marko Pesic und Andrea Trinchieri gleichermaßen den dienstalten Forward bezeichnen. Diese Umschreibung bietet allerlei Möglichkeiten der Interpretation. Wo Che als Marxist den Umsturz in eine klassenlose Gesellschaft angestrebt hat, wäre Lucic, so eine Möglichkeit, als Spielertyp in die Vision des positionslosen Basketballs zu übertragen.

„Flexibel bei den Positionen“, wollte Trinchieri mit seinem Team sein. Wenige Spieler im Bayern-Kader entsprechen diesem Ideal so sehr wie Lucic. In der Vergangenheit hat der 2,04-Meter-Forward gezeigt, dass er auch gegnerische Aufbauspieler effizient verteidigen kann. Seit jeher wandelt er auf beiden Forward-Positionen.

Offensiv kann Lucic im Pick-and-Roll gleichermaßen als Ballführer wie Blocksteller agieren, wenn er auch nicht häufig mit dem Ball in der Hand nach einem Block kreiert. Trinchieri hat hierfür aber auch einen Spielzug von Dejan Radonjic übernommen, aus dem Lucic per Pin-Down und Hand-Off samt anschließendem Ball-Screen attackieren kann – wenn er nicht daraus direkt den Dreier nimmt. Denn eine verlässliche Option aus dem Spot-up ist Lucic ebenso wie er per Spin-Moves gewandt aus dem Post-up agiert.

Und dennoch fällt Lucic oft über 35 Minuten nicht auf, ehe er in der die Crunchtime übernimmt. Kann er damit eigentlich ein EuroLeague-MVP-Kandidat sein? Dafür agiert Lucic wohl zu wenig am Ball, kreiert zu selten für sich selbst als auch für seine Mitspieler, um auf dieses Niveau aufzusteigen. Zum wertvollsten X-Faktor könnte Lucic aber allemal avancieren.

Scoring: Midrange-Assassin Wade Baldwin

Für sich selbst zu kreieren versteht wohl kein Bayern-Spieler besser als Wade Baldwin. Mit der Kombination aus Explosivität und Athletik, seinem Crossover-Dribbling und Seperation-Game und dem hoch angesetzten Sprungwurf ist Baldwin vor allem in der Mitteldistanz eine Macht. 46,3 Prozent (25/54 FG) seiner Midrange-Pullup-Jumper – also dem Wurf aus dem Dribbling, wenn er aus dem Eins-gegen-Eins oder als Ballhandler im Pick-and-Roll agiert – versenkt Baldwin in dieser EuroLeague-Spielzeit.

Zum Vergleich: In der NBA trafen in der regulären Saison 2019/20 von 21 Spielern mit mindestens vier Pullup-Jumpern pro Partie aus dem Zweier Bereich nur sechs Akteure mit einer besseren Quote. Wobei hier auch Würfe in der Zone berücksichtigt sind, was Baldwins Midrange-Effizienz noch beeindruckender macht.

Baldwins Körperhaltung beim Wurf sowie der aufrechte Gang beim Dribbling erinnern schon etwas an Russell Westbrook. Hat sich in der NBA schon ein gewisses „Westbrick“-Bashing etabliert, soll mit solchen Vergleichen kein Urteil über Baldwins Offensivspiel hinsichtlich der Effizienz gefällt werden. Dennoch darf man Baldwins Entscheidungsfindung bemängeln: wenn er einen Wurf zu früh im Angriff nimmt, wenn er beim Drive mit dem Kopf durch die Wand will, und wenn er als Point Guard seine Mitspieler in Szene setzen soll. Zu sehr basiert dies auf seiner Athletik.

„Du musst die Aufmerksamkeit deines Verteidigers auf dich ziehen; dann hast du zwei Dribblings, um eine Entscheidung zu treffen“, hat Trinchieri in einem Podcast von Chris Oliver einmal erklärt. Wenn es um Baldwins eigenen Wurf geht, ist diese Entscheidung klar. Doch als Playmaker, um für andere zu kreieren, nicht immer.

Tiefe: Zehn-Mann-Rotation nach 8:06 Minuten

Wo ein athletischer Wade Baldwin über das Hartholz rollt, der vor allem für sich selbst kreiert, steht dahinter ein spielintelligenterer Aufbauspieler wie Zan Marko Sisko, der vor allem seine Mitspieler einsetzt (Sisko hat ein fast doppelt so gutes Assist-Turnover-Verhältnis wie Baldwin). Womit die Bayern auf der Eins ein Komplementärduo zur Verfügung haben.

Das aber schon mal gemeinsam das Parkett teilt, wie in den Schlussphasen der Erfolge gegen Valencia, Belgrad oder Anadolu Efes zu beobachten war. Nach dem Sieg gegen Istanbul erklärte Trinchieri, dass es „mein Job ist, fünf Spieler zu finden, die in bestimmten Momenten zusammen funktionieren. Wir haben ein Team, das ein wirkliches Team ist: In jeder Partie nehmen unterschiedliche Spieler das Heft in die Hand. Das ist der Grund, warum wir diesen Comeback-Modus besitzen.“ Wie wahr:

Gegen Anadolu Efes entschieden die Bayern das letzte Viertel mit 24:14 für sich. Auch gegen Fenerbahce (+14 im vierten Viertel), Belgrad (+9) und Valencia (+9) drehten die Münchener die Partie im letzten Viertel bzw. zogen davon. Trinchieri nutzt dabei eine Tiefe seines Kaders aus, indem er schon frühzeitig rotiert und somit während eines Spiels evaluieren kann, welche Formationen funktionieren. Im Schnitt hat er in der EuroLeague nach 8:06 Minuten bereits alle zehn Spieler eingesetzt!

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Ausblick: „Lösungen“ für die Offense?

So tief der Kader Münchens ist, im Saisonverlauf zeichnete sich dennoch eine Rotation ab, aus der T.J. Bray zu fallen schien. Ein großer Ballhandler mit Wurf scheint auf dem ersten Blick wie geschaffen für Trinchieris Offensivsystem. Doch Bray ist in der Verteidigung doch recht anfällig und entspricht dort nicht den Anforderungen der Flexibilität. So haben die Münchener Bray an Casademont Zaragoza ausgeliehen, dem Tabellen-16. der ACB, der zudem in der FIBA Basketball Champions League aktiv ist.

Geschäftsführer Marko Pesic hatte kurz davor im Podcast „Abteilung Basketball“ Veränderungen deutlich gemacht – nicht nur eine: „Wir haben ein paar personelle Probleme. Ich glaube, wir müssen die eine oder andere Lösung finden.“ Diese Lösung sieht neben der Verpflichtung von D.J. Seeley, der von Saragossa nach München kommt, auch ein Engagement von James Gist vor. Der EuroLeague-Veteran ersetzt Malcolm Thomas, der um eine Vertragsauflösung gebeten hatte.

Ob Seeley den Bayern im Playmaking unterstützen kann, darf bezweifelt werden. Ein Upgrade in der Verteidigung zu Bray ist Seeley allemal, offensiv kann er den Münchener Scoring geben. Mit dem 34-jährigen Gist kommt ein 33-prozentiger Dreierschütze über dessen zehnjähriger EuroLeague-Laufbahn nach München, der aber kein hohes Dreiervolumen aufweist.

Eigentlich bezeichnet sich Trinchieri selbst „vom Spacing besessen“. Doch wie gut kann das Spacing einer Mannschaft sein, wenn fast die gesamte Big-Men-Riege den Mitteldistanzwurf bevorzugt statt im Pick-and-Roll hinter die Dreierlinie zu poppen? Mit Baldwin als Midrange-Scorer dazu dürften nicht viele EuroLeague-Teams mehr Mitteldistanzwürfe nehmen als die Bayern. Eindeutig ist: Kein Team nimmt laut Overbasket prozentual an ihren Gesamtwürfen weniger Dreier in die EuroLeague als die Bayern.

Der gute EuroLeague-Start Münchens samt der Comeback-Siege fußt in erster Linie auf der Verteidigung – sowohl hinsichtlich der Art des Defensivsystems als auch der Frische in vierten Vierteln, die durch Trinchieris Rotationsprinzip begründet werden kann. Offensiv zelebrieren die Bayern (noch) nicht den Basketball, wie er bei Trinchieris Bamberger Teams auszumachen war – was mit diesem Bayern-Kader vielleicht auch schlicht nicht möglich ist.

Ob die Bayern auch weiterhin auf Kurs Playoff-Heimvorteil liegen werden, wird sich wohl mit Feinjustierungen in der Offensive entscheiden. Es bleibt abzuwarten, ob sich der Anzug dann mehr nach Kaschmir als nach Schurwolle anfühlen wird.