Olympia-Power-Ranking: Überraschungen an der Spitze

Nach Abschluss der Gruppenphase beginnt nun die heiße Phase im Olympischen Turnier! In unserem Power Ranking verraten wir, was bei den Teams gut lief und was noch besser werden muss auf dem Weg zu Edelmetall.

Wie gut sind die Teams vor dem Start der KO-Phase drauf? Im (höchst subjektiven) Power Ranking versuchen wir, die Kräfteverhältnisse nach der Vorrunde einzuordnen.

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8. Deutschland

Bilanz: 1-2 | Offensiv-Rating: 114,1 (5.) | Defensiv-Rating: 118,9 (10.) | Net-Rating: -4,8 (8.)

Das DBB-Team hat gezeigt, dass es verdientermaßen im exklusiven Olympischen Feld vertreten ist. In allen drei Gruppenspielen bewegte sich die Truppe von Coach Henrik Rödl bis ins vierte Viertel hinein auf Augenhöhe. Ein Sieg sprang am Ende heraus, der aufgrund der besseren Korbdifferenz im Vergleich zur Tschechischen Republik für die KO-Runde reichte.

In den Gruppenspielen hatten die Deutschen immer wieder Probleme beim Playmaking. Das Rödl-Team erzielte im Schnitt mehr Turnover (16,7) als Assists (16,0) und erlaubte sich die meisten Ballverluste aller Viertelfinalisten. Dafür arbeitete das DBB-Team gut an den Brettern. Der Eindruck aus dem Quali-Turnier in Split bestätigte sich bislang auch in Tokio: Die Mannschaft ist im Angriff nicht ausrechenbar; in jeder Partie ragen andere Spieler heraus. In den drei Partien in Tokio gab es drei unterschiedliche Top-Scorer. Auf der anderen Seite kann man auch das Fehlen eines verlässlichen Scorers bemängeln. Auch die Verteidigung, die das deutsche Team erst zu Olympia brachte, überzeugt noch nicht.

Gegen Slowenien ist die deutsche Mannschaft Außenseiter, doch das muss nichts heißen. Auf dem Weg nach Tokio hat die deutsche Mannschaft regelmäßig Favoriten gestürzt – vielleicht ja nun auch den Europameister.

7. Argentinien

Bilanz: 1-2 | Offensiv-Rating: 105,7 (8.) | Defensiv-Rating: 106,3 (7.) | Net-Rating: -0,5 (7.)

Nur ein Sieg aus sechs Spielen in diesem Sommer – mit dieser Ausbeute kann man nicht als Medaillenkandidat gelten. Die Argentinier präsentieren sich bislang im Angriff zu harmlos, um den Großen Paroli bieten zu können. Die Ursache ist schnell ausfindig gemacht: die fehlende Gefahr von Downtown. In Tokio trafen die Südamerikaner bislang nur 29,9 Prozent ihrer Dreier – ein sehr schwacher Wert.

Fällt der Wurf, ist mit dem WM-Zweiten von 2019 aber zu rechnen. Facu Campazzo, Nicolas Laprovittola, Luis Scola und Co. sind an jedem Tag für eine Überraschung gut. Die Argentinier zählen im bisherigen Turnier zu den besseren Offensiv-Rebounding-Teams und können Viertelfinalgegner Australien dort wehtun. In der Defense wurde Argentinien von Luka Doncic im Alleingang zerstört. Ob sie es gegen Patty Mills besser machen? Zweifel sind angebracht.

Pau Gasol (l.), Luis Scola

6. Italien

Bilanz: 2-1 | Offensiv-Rating: 115,4 (3.) | Defensiv-Rating: 106,8 (8.) | Net-Rating: +8,5 (5.)

Mit Danilo Gallinari stieß nach der erfolgreichen Qualifikation ein großer Name zum Team. In den drei Spielen seitdem nimmt der Star des Teams aber eine überraschend kleine Rolle ein. Der 32-jährige NBA-Profi kommt nur von der Bank und erhielt lediglich 17,6 Minuten Einsatzzeit pro Partie. Mit 8,7 Punkten pro Partie ist er gerade einmal fünftbester Scorer des Teams. Kommt in der KO-Runde nun seine Zeit?

Es überzeugen dafür weiterhin Simone Fontecchio (18,0 PpG) und Nicolo Mannion (15,0 PpG, 5,0 ApG). Der zweite Point Guard Alessandro Pajola zählt zu den besten Verteidigern des Turniers und ist eine gute Ergänzung zu dem offensivstarken Mannion.

An den Statistiken ist zu erkennen, dass die Italiener in wenigen Bereichen herausragen, sich aber auch wenige Fehler leisten. Nur neun Turnover begehen die „Azzurri“ pro Spiel – Top-Wert unter allen Teilnehmern. Gerade diese disziplinierte Spielweise sorgt dafür, dass sich Italien bis zum Ende in jedem Spiel hält. Der Dreier fiel in den letzten drei Spielen nicht so sicher wie gewohnt; die Wurfquote lag nur bei 35,6 Prozent. Hier ist noch Luft nach oben. Gegen Frankreich muss der Wurf von draußen besser fallen, wenn die Italiener den Sieger der Gruppe A bezwingen wollen.

5. Australien

Bilanz: 3-0 | Offensiv-Rating: 113,4 (6.) | Defensiv-Rating: 99,5 (3.) | Net-Rating: +13,9 (4.)

Eigentlich müssten die „Boomers“ nach der makellosen Vorrunde und Vorbereitung höher eingestuft werden, doch das Olympia-Aus für Center Aron Baynes wegen Nackenverletzung schmerzt und ist ein herber Schlag für die Medaillenhoffnungen. Ohne ihren Starter auf der Fünf offenbarten die Australier gegen die deutsche Mannschaft Schwächen – insbesondere im Rebounding. 18 Offensiv-Rebounds ließ Australien gegen das DBB-Team zu.

Die fehlende Tiefe auf den großen Positionen war schon zuvor als möglicher Schwachpunkt ausgemacht worden. Nun müssen Jock Landale und Nick Kay noch mehr Verantwortung schultern. Aber sind die beiden bereit für die ganz großen Aufgaben?

In allen anderen Belangen sind die Australier spitze, weshalb sie nach wie vor die Favoritenrolle gegen Argentinien innehaben. Ohne ihren Anker in der Defense wäre das Team aus Down Under im Halbfinale gegen Spanien oder die USA aber sicherlich nicht in der Favoritenrolle.

4. USA

Bilanz: 2-1 | Offensiv-Rating: 129,4 (1.) | Defensiv-Rating: 96,3 (2.) | Net-Rating: +33,1 (1.)

Gegen den Iran und die Tschechische Republik hat das Team USA die Muskeln spielen lassen und deutliche Siege eingefahren. Dennoch bleibt der Makel der Auftaktniederlage gegen Frankreich. Auch die Testspielniederlagen gegen Australien und Nigeria haben gezeigt, dass die Amerikaner verwundbar sind. Selbst gegen die Tschechen dauerte es bis Mitte des dritten Viertels, ehe man sich absetzen konnte. Im Rebounding ist das Team USA angreifbar.

Gegen Spanien muss es die Mannschaft von Coach Gregg Popovich über die individuelle Klasse richten, denn das Starensemble verfügt logischerweise nicht über die Eingepieltheit des Weltmeisters, dessen erfahrene Spieler sich seit vielen Jahren kennen. Bei einigen Top-Spielern ist noch viel Luft nach oben. Weder Kevin Durant (14,3 PpG) noch Damian Lillard (13,3 PpG; 37,1% FG) haben diesem Turnier bislang ihren Stempel aufgedrückt. In jedem Fall muss sich das gesamte Team steigern, um überhaupt die Medaillenspiele zu erreichen …

Damian Lillard

3. Spanien

Bilanz: 2-1 | Offensiv-Rating: 107,8 (7.) | Defensiv-Rating: 103,4 (5.) | Net-Rating: +4,4 (6.)

… Denn der Gegner der Amerikaner hat in der Vorrunde noch einen etwas besseren Eindruck hinterlassen. Trotz der Niederlage gegen Slowenien haben die Spanier gezeigt, dass sie noch längst nicht zum alten Eisen gehören. Ricky Rubio liefert wie gewohnt ab (21,3 PpG; 7,3 ApG), und auch die anderen Veteranen erfüllen ihren Job. Einzig Big Man Marc Gasol (7,7 PpG; 36,8% FG) könnte noch effizienter agieren, tritt dafür aber als guter Ballverteiler in Erscheinung (4,3 ApG).

Gegen die USA haben die Spanier den Vorteil, dass sie bereits mehrere Turniere zusammengespielt haben und sich blind vertrauen. Das Net-Rating ist zwar nicht beeindruckend, doch gilt es zu bedenken, dass die Spanier mit Slowenien und Argentinien in der wohl schwersten Gruppe spielten. Zudem bekam man den Eindruck, als hätte sich der Weltmeister noch Kräfte aufgespart.

Dennoch bleibt die Crunchtime gegen Slowenien als fader Beigeschmack. In den letzten sechseinhalb Minuten erzielten die Spanier nur fünf Punkte. Mit einem 5:19-Lauf ließen sich die Iberer ein Spiel noch aus der Hand nehmen, das sie zweifellos unbedingt gewinnen wollten. Dieser letzte Eindruck trübt das Gesamtbild. Aufgrund der Niederlage und des verpassten Gruppensieges kann der Weltmeister nicht höher eingestuft werden.

2. Slowenien

Bilanz: 3-0 | Offensiv-Rating: 127,8 (2.) | Defensiv-Rating: 103,1 (4.) | Net-Rating: +24,7 (2.)

Der amtierende Europameister ist mit Wunderkind Luka Doncic weiterhin nicht zu bezwingen. Mit dem Superstar der Dallas Mavericks haben die Slowenen 16 von 16 Spielen gewonnen. In der Vorrunde war der 22-Jährige bester Spieler, erzielte 48 Punkte gegen Argentinien und legte über die drei Spiele im Schnitt 28,3 Punkte, 10,7 Rebounds und 7,0 Assists auf.

Die Qualitäten von Doncic sind hinlänglich bekannt, Fragezeichen standen lediglich hinter dem Supporting Cast: Kann das Team auch bestehen, wenn ihr Anführer aus dem Spiel genommen wird? Diese Frage wurde im Endspiel um den Gruppensieg auf die Probe gestellt, als die Spanier Doncic durch Double- oder gar Triple-Teams zwangen, den Ball abzugeben und der Mavs-Star auch noch früh in Foulprobleme geriet. Und das Team gab eine starke Antwort: Die Slowenen machten in der Phase ohne ihren besten Spieler sogar Boden gut und bogen mit ihm schließlich die Partie komplett.

Vlatko Cancar von den Denver Nuggets sowie der jetzige Valencianer und Ex-Oldenburger Klemen Prepelic als gefährliche Distanzwerfer, Mike Tobey (ebenfalls Valencia) als bester Rebounder des bisherigen Turniers, Baskonia-Akteur und Ex-Ulmer Zoran Dragic als vielseitige Offensivwaffe – Slowenien überzeugte bislang auch im Kollektiv und ist im Angriff kaum zu stoppen. Der Europameister war in der Vorrunde das mit Abstand beste Offensiv-Rebounding-Team (16,7 pro Spiel) und erarbeitete sich 25 Freiwürfe mehr als die nächstbeste Mannschaft. Nach Siegen im Qualifikationsturnier gegen Litauen und den Erfolgen in Tokio gegen Weltmeister Spanien und Vizeweltmeister Argentinien gelten die Slowenen zurecht als absoluter Medaillenkandidat.

Evan Fournier

1. Frankreich

Bilanz: 3-0 | Offensiv-Rating: 114,2 (4.) | Defensiv-Rating: 92,8 (1.) | Net-Rating: +21,4 (3.)

USA besiegen, in den beiden anderen Gruppenspielen ohne Probleme – Frankreich hat eine so gute Vorrunde gespielt, wie es nur ging. Evan Fournier (17,3 PpG), Nando de Colo (13,3 PpG; 6,0 ApG), Nicolas Batum (7,7 PpG) und Rudy Gobert (8,7 Ppg; 7,7 RpG) sind ein Gerüst, das im FIBA-Basketball ihresgleichen sucht. Gerade Gobert, der inzwischen mehrmals als bester Verteidiger der NBA ausgezeichnet wurde, dominiert ohne die Defensive-drei-Sekunden-Regel, wie sie in der NBA angewandt wird, noch mehr. Aus diesem Grund stellen die Franzosen auch die beste Defense des Turniers – und Defense gewinnt bekanntermaßen Titel (in diesem Fall Goldmedaillen).

Doch auch offensiv müssen sich die Franzosen nicht vor der Konkurrenz verstecken. Der WM-Dritte von 2019 weist bislang die zweithöchste Feldwurfquote auf (50,8 FG%). Auch die Tiefe spricht für Frankreich: Mit Guerschon Yabusele (Real Madrid) weist nur ein einziger Spieler ein negatives Plus-Minus auf. Was die bisherigen Leistungen wert sind, wird sich nun bereits gegen Italien zeigen, die durchaus in der Lage sind, ein Offensiv-Feuerwerk abzubrennen. Die Franzosen scheinen allerdings gut gerüstet für das Aufeinandertreffen mit den „Azzurri“.