Kritik der Kategorien

Eines vorweg: Sportmediale Sprachpolizei soll hier nicht gespielt werden. Vielmehr geht es in diesem Beitrag darum, ein Bewusstsein für einen reflektierteren Umgang mit Sprache zu schaffen und jenes zu schärfen. Denn wiederholte Worte bringen bekanntlich Wirklichkeit hervor. Und damit Wahrnehmungen und Wahrheiten, die den beschriebenen und betroffenen Personen oft nicht gerecht werden.

Das gilt auch für NBA-Akteure, die viele medial vermittelt zu kennen glauben, sie aber als Menschen in ihrer Vielschichtigkeit meist weder sehen noch verstehen (wie der „King“ jüngst pointierte: „Do they know what LeBron James completely represents? I don‘t think so.“) So herrschen häufig zu einfache und einseitige Vorstellungen vor, die, anstatt sie zu hinterfragen, von Außenstehenden kopiert und reproduziert werden. Besonders meinungsstarke und junge Spieler bekommen derart vorschnell Label und Stempel aufgedrückt, die den Ruf beschädigen und ihre Karrieren beeinträchtigen können.

Wie über Sport und Spieler geschrieben und geredet wird, geht demnach mit Verkürzungen und Missdeutungen einher. Oberflächlichen Einordnungen, die oftmals vermeidbar erscheinen. Sie betreffen vor allem spielerische Befähigungen und Limitierungen sowie den gerne zitierten bzw. diskreditierten Charakter. (Nicht selten, zumal belehrend im Ton, wird Athleten etwa Unreife und Unmündigkeit unterstellt).

Auch wenn die NBA-Medienwelt wie die Liga selbst ein Copycat-Kosmos ist, gibt es also gute Gründe, mit Sprache bedachter umzugehen und sich öfter einmal mehr Mühe zu geben. Und zwar jenseits der Nachahmerei und bloßen Effekthascherei im sportmedialen Spektakelbetrieb. Vielleicht könnte dies zu Saisonbeginn ein Vorsatz sein.

In it to win it

In FIVE #141 hat der geschätzte Kolumnistenkollege Toby Jochheim jüngst die Kiste der Kategorien geöffnet und bespielgebend den sportromantischen Begriff der „Lifer“ herausgegriffen. Also Profis, die wie Kobe Bryant, Tim Duncan und Dirk Nowitzki ihre gesamte NBA-Karriere bei derselben Franchise verbracht haben. Dafür genießen sie in Fan- und Medienkreisen hohes Ansehen; der ihnen attestierten Loyalität und der gemeinhin überhöhten „Vereinstreue“ sei Dank.

Im beliebten wie bemühten Spiel der Kontraste (und Klicks) gilt die Figur des „Ringjägers“ als abqualifizierter Gegenentwurf. Damit einher geht das moralisierende Gerede von vermeintlich ehr- und treulosen „Söldnern“, denen nachgesagt wird, sie nähmen eine unfaire Abkürzung, den einfachen Weg zum Titel. Hierbei schwingt eine hypermännlich aufgeladene Empörung mit, die suggeriert, dass „Ringjäger“ keine harten Wettkämpfer, ja keine „richtigen Männer“ seien. (Man stelle sich hierzu nur kurz David West vor, um zu begreifen, wie lächerlich solche Äußerungen sind.)

Dies findet auch darin Ausdruck, wenn spät wechselnde Spieler als „Ringhuren“ diffamiert werden. Eine Unwort, das sich aus einer toxischen Männlichkeit speist, der sich nicht zuletzt Kevin Durant infolge seines Wechsels zu den Warriors ausgesetzt sah. Sein Abgang galt vielen bekanntlich als feige Flucht zum übermächtigen Feind. Es hieß: KD sei „soft“, ein „Weichling“, „Muttersöhnchen“ und „Verräter“, der dem leichten, schnellen Erfolg nachjage. Durant hatte zuvor wohlgemerkt neun Spielzeiten bei der gleichen Franchise, acht davon in Oklahomas Prärie verbracht.

Gleichzeitig – während selbstbestimmte und späte Wechsel zu Titelanwärtern Schmähkritik entfachen – werden erfolgreiche NBA-Karrieren (von außen) nicht zuletzt über errungene und gezählte Titel definiert, wird den Spielern der unbedingte Wille zum Triumph abverlangt. Ein absurder Doppelstandard, der ohnehin das Selbstbestimmungsrecht der Akteure als Profis und Menschen unterläuft. Alldieweil ihr Antrieb (mitunter ihre Angst) verständlich ist, beim zeitlich begrenzten Meisterschaftsbüffet nicht leer auszugehen.

Kriegsgetöse und andere Krankheiten

Inflationär ist überdies (generell im Teamsport der Männer) der Einsatz von fragwürdigen Gewalt- und Kriegsmetaphern. Der Begriff des Söldners ist im Zusammenhang mit dem des „Ringjägers“ bereits gefallen und abzulehnen. Sind doch erstere gekaufte Kämpfer, die in den Krieg ziehen, dabei Menschen töten und andere Verbrechen begehen. Mit kompetitiven Ballsport hat dies – entgegen dem geläufigen hypermaskulinen und martialischen Getöse – nichts zu tun.

Profiathleten gehen vielmehr ihrem Beruf nach, wobei ihnen mitnichten alleinig die Entscheidung zukommt, wie lange sie wo spielen. So liegt auch die eher harmlos erscheinende Bezeichnung des „Journeyman“ griffbereit. Allerdings meist ohne zu hinterfragen, was ungewollte Franchisewechsel mit den Spielern und ihren Familien machen, was diese für sie und ihren Alltag bedeuten (das Mitreisen, Neuanfangen, Zurückbleiben, usw.). Wer nicht glaubt, wie sehr ein wiederholter Trade Profis zu Herzen gehen und sie als Menschen mitnehmen kann, sollte sich Isaiah Thomas‘ Ausführungen nach seinem unfreiwilligen Abgang aus Boston zu Gemüte führen.

Zweifelhaft erscheint in puncto „Gewalt“ auch das Label des „Coach-Killers“ oder das Attribut des sogenannten „Killerinstinkts“. Nochmal: Basketballspieler töten niemanden, selbst wenn sie wie LeBron James überaus machtbewusst auftreten oder wie einst Michael Jordan wiederholt spielentscheidend auftrumpfen.

Noch bedenklicher mutet die Negativzuschreibung „Locker Room Cancer“ an. Spieler, denen eine unprofessionelle Einstellung und ein schlechter Einfluss nachgesagt werden (die „Teammates of the Year“  Dwight Howard und Rajon Rondo lassen grüßen), mit weltweit drastisch steigenden Tumorerkrankungen zu verglichen – ist so geschmack- wie einfallslos. Was tatsächlich an Krebs erkrankte Menschen, denen wirkliches Leid und nicht selten der Tod droht, bei solch einem Sprachbild empfinden mögen? Und: Über die Pathologisierung sogenannter „Headcases“ und „Knuckleheads“ wollen wir hier lieber gar nicht erst schreiben …

Menschen statt Maschinen und Mysterien

Benannt sei außerdem ein wandelndes Klischee, nämlich das des Geheimnisvollen. Denn allzu gern wird in den USA das Stereotyp vom europäischen oder internationalen „Mystery Man“ bespielt (wie einst im Falle von Kristaps Porziņģis und Emmanuel Mudiay oder jüngst Celtics-Rookie Daniel Theis und Neu-New-Yorker Frank Ntilikina). Was dabei Abhilfe schaffen könnte? In hochmedialisierten Zeiten über den eigenen Spielfeldrand hinauszuschauen und genauer hinzusehen, sich ein wenig zu informieren und sich neue Teaser und Texteinstiege einfallen zu lassen.

Kritikwürdig ist auch das Negativlabel „Bust“, mit dem sich junge Spieler konfrontiert sehen, die überzogene Fremderwartungen nicht zu erfüllen vermögen oder vermochten. Was es mit teils noch nicht gefestigten Menschen machen kann, was es heißt, gemeinhin als „Flop“ und großer „Draft-Reinfall“ zu gelten, sollte jeder einmal für sich selbst ausbuchstabieren – oder direkt Betroffenen wie Greg Oden zuhören.

Grundsätzlich problematisch ist der Aspekt der Entmenschlichung. Denn aufgrund der kultivierten Tendenz zur Zahlengläubigkeit, Berechenbarkeit und Vorhersagbarkeit herrschen nicht selten Management-Perspektiven und Business-Sprech vor. Obsessiv kreisen viele Basketballteams, Berichterstatter und Beobachter um die Effektivität, Effizienzraten und Entwicklungspotenziale des sogenannten „Spielermaterials“, der transferier- und eintauschbaren „Anlagegüter“. Die Funktionalität des Personals wird analytisch aufgerechnet, bemessen und beurteilt. Franchise-Fehlkonstruktionen gilt es durch die als auswechselbare Bauteile der NBA-Maschinerie betrachteten Spieler zu restabilisieren. Die menschliche Dimension – die Bedeutung von Befindlichkeiten, Eigensinn und Interessen – kommt in solch einer durchökonomisierten Leistungsschau oft zu kurz oder erst gar nicht vor.

In diesem Sinne: Ein wenig mehr Sorgfalt im Sprachgebrauch und ein gelegentlicher Perspektivwechsel dürften nicht schaden – zuvorderst weil Menschen involviert und verletzlich sind.