Ärenmänner

Wenn sich ALBA BERLIN und die EWE Baskets Oldenburg am Sonntag im BBL-Pokalfinale gegenüberstehen, kommt es auch zum Duell zweier unterschiedlicher Ären – um Aíto und Pauldingburg.

„Half Man, Half … Basketballrentner“. Man ist geneigt, den Spitznamen eines 43-jährigen Basketballers schon mal umzuschreiben. Doch Vince Carter bleibt „amazing“: Denn dem achtmaligen NBA All-Star ist es als erstem Spieler der NBA-Historie geglückt, in vier Jahrzehnten aufzulaufen. Und dabei immer noch eine gewisse Relevanz zu wahren.

37 Jahre alt, und dennoch schon zweimal in dieser Saison durchgespielt. Wenn man so will, ist Rickey Paulding so etwas wie der Vince Carter der BBL – zumindest hinsichtlich der Langlebigkeit. Wobei es Paulding gelungen ist, seiner Relevanz Jahr ein, Jahr aus bei einem Team Nachdruck zu verleihen: Seit 2007 trägt Paulding das Trikot der EWE Baskets Oldenburg, dort will der US-Amerikaner auch seine Karriere beenden. Nicht ohne Grund spricht man vom Standort im hohen Norden als „Pauldingburg“.

Und auch Paulding könnte Historisches leisten: nämlich drei Titel in drei Jahrzehnten zu feiern. 2009 gewann der damals 26-Jährige die bisher einzige Meisterschaft Oldenburgs, 2015 folgte der Pokaltitel, nun – 2020 – könnte eine weitere Trophäe hinzukommen. In der modernen BBL-Geschichte gelang ein solches Dreiklang bislang nur Sven Schultze (mit ALBA BERLIN) und Stephan Baeck (Bayer Leverkusen und ALBA BERLIN).

Wenn man Paulding im Jahr 2020 spielen sieht, schwelgt man auch immer in Erinnerung an vergangene Basketballjahre. An Vince Carter, an Michael Jordan – nicht nur wegen der Glatze. Der Ball im Post-up, die Drehung zur Baseline, der Fadeaway aus der Mitteldistanz – für die einen der ineffizienteste Wurf im Basketball, für die anderen die vollkommene Ästhetik unter den Sprungwürfen.

Als Rickey Paulding im Rückrundenspiel der Hauptrunde gegen Berlin in der Schlussminute des dritten Viertels gegen Marcus Eriksson isoliert wird, von der linken Ecke in das Face-up übergeht, packt der Flügelspieler jenen Wurf ebenfalls aus. Drive über rechts, Drehung über die linke Schulter, der Wurf im Zurückfallen, nichts als Netz.

Im nächsten Angriff sucht Paulding in der Early Offense erneut das Duell mit Eriksson. Ein Dribbling, eine Hand im Gesicht – und dennoch besorgt der Oldenburger per Dreier die 18-Punkte-Führung und krönt den 19:2-Lauf seines Teams.

Paulding nimmt nicht (mehr) die Rolle des konstanten Distanzschützen ein, doch wenn man einen Dreier von ihm benötigt, ist er zur Stelle … auch seinem direkten Gegenspieler den Dagger in die Basketballbrust zu schlagen. Leg’ dich nicht mit Zoran an? Über Zoran Dragic netzte Paulding im Halbfinale gegen ratiopharm ulm seinen fünften Dreier im fünften Versuch ein, um Oldenburg ins Endspiel zu tragen. Man könnte meinen, Paulding in der Defense zu beschäftigen, würde ihn bremsen. Doch gerade in direkten Duellen mit gegnerischen Go-to-Guys scheint Paulding aufzugehen.

Das könnte auch der Fall sein, wenn Paulding im 2020er Pokalendspiel gegen Rokas Giedraitis ran muss, oder je nach Matchup auch wieder gegen Berlins Edelschütze Marcus Eriksson. Zumal Paulding mit Berlin sicherlich noch eine Rechnung offen hat: In fünf Playoff-Duellen hatte es Paulding in seiner Oldenburger BBL-Zeit mit den Albatrossen zu tun, immer wurde den Donnervögeln die Flügel gestutzt (Halbfinale 2019; Viertelfinale 2018; Viertelfinale 2015; Viertelfinale 2011; Halbfinale 2008).

Paulding erzielt mit 37 Jahren und in seiner 13. BBL-Saison 15,6 Punkte pro Spiel – die zweithöchste Ausbeute seiner BBL-Laufbahn.

Defensiv werden sich die Berliner neben Paulding allen voran mit Rasid Mabalbasic auseinandersetzen müssen. Der MVP-Kandidat kann Center mit seiner Kombination aus Physis und Finesse im Post reihenweise aus dem Spiel nehmen, was die FRAPORT SKYLINERS kürzlich erfahren mussten. Wie tief werden die Berliner in ihrer Rotation gehen können? Hinter Landry Nnoko als Starting-Center könnte Johannes Thiemann verletzungsbedingt ausfallen, Tyler Cavanaugh dürfte als siebter ausländischer Profi aussetzen. Auch deshalb wäre es für Berlins Coach Aíto eine Überlegung wert, ab und an klein zu gehen und Luke Sikma auf der Fünf auflaufen zu lassen.

Wenn Mahalbasic und Sikma auf den Parkett stehen, tun das zwei der stärksten Passer der Liga – unter allen Spielern, nicht nur unter Big Men. Mahalbasic bedient aus dem Low-Post die Oldenburger Schützen und findet per Bodenpass die Cutter, Sikma legt immer wieder aus dem High-Post nach Curls eines Mitspielers um ihn selbst ab und setzt – in einem ligaweit Signature-Move per Bodenpass hinter dem Rücken – die Berliner Cutter nach einem ballfernen Block an der Baseline in Szene.

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Wie beide Offensivhirne verteidigt werden, dürfte ein Schlüssel für den Ausgang des Endspiels sein. Die Frankfurter machten jüngst eine gute Figur, indem sie per Doppeln Mahalbasic von seiner tiefen Position brachten und so auch Ballverluste erzwangen. Im Lauf der Partie wichen die Hessen von dieser Strategie ab, und Mahalbasic brachte die Oldenburger Offensive wieder ans Laufen. Die Strategie des Doppelns gingen derweil die Oldenburger beim Hauptrundenrückspiel gegen Sikma ein.

Die Berliner werden sicherlich auch versuchen, Mahalbasic defensiv zu beschäftigen. In den letztjährigen Playoffs zwangen die Albatrosse den Oldenburger Big Man häufig in die Verteidigung des Pick-and-Rolls, der abgesunkene Mahalbasic schien defensiv dort mitunter nicht tragbar.

Auch wenn dies keine Stärke Mahalbasics mehr werden wird, und er in Kombination mit Braydon Hobbs ein Schwachpunkt in der Oldenburger Verteidigung darstellt, so lässt dies Mladen Drijencic kaschieren, wenn Mahalbasic in einer Hedge-and-Recovery-Variante zusammen mit dem Guard-Verteidiger Druck am Ballführer macht. Stimmen die Rotationen, passt die Help-Defense, kann dies ein probates Mittel sein. Um wieder das Beispiel Frankfurts heranzuziehen: Die Hessen machten in der ersten Halbzeit einen grandiosen Job darin, per Passstafetten auf den anderen Flügel diese Defensivvariante auszuhebeln, vor allem durch ihre Dreier. Kein Team weist in der BBL eine bessere Dreierquote auf als Berlin 41,7% 3FG).

Eigentlich sind die Berliner keine Mannschaft, die in der Offensive den direkten Abschluss aus dem Pick-and-Roll sucht bzw. überhaupt jenen Standardspielzug häufig nutzt. Aber wenn es eine Schwachstelle des Gegners ist? So traf Peyton Siva im Duell vor wenigen Wochen seine ersten drei Würfe – jeweils nach einem Ball-Screen.

Auf Siva wie auch Martin Hermannsson wird es aus Berliner Sicht offensiv ankommen: Die beiden Primär-Ballhandler müssen die Oldenburger Backcourt-Defense beschäftigen. Zusammen zeichnete das Guard-Duo im jüngsten Duell mit Oldenburg für 35 Punkte und zehn Assists verantwortlich. Makai Mason als Sollbruchstelle des Berliner Systems fällt verletzungsbedingt aus, Jonas Mattisseck hat seine Bedeutung offensiv mehr im Spot-up und vor allem defensiv in der Bewachung von Tyler Larson oder Braydon Hobbs.

Klingt nach X-Faktor? Schlüsselrollen könnten aber vielmehr Berlins Niels Giffey und Oldenburgs Armani Moore einnehmen. Mit Giffey auf der Vier kann Berlin wie erwähnt klein gehen, der Forward hat sich derweil aber auch zum versierten Post-up-Spieler entwickelt, der Mismatches kreiert. Moore bringt dem Oldenburger Spiel eine wichtige Komponente der Physis und Athletik – was vor allem im Frontcourt wichtig ist.

Im sechsten Anlauf: Feiert ALBA BERLIN den ersten Titel der Aíto-Ära?

Wenn das Pokalendspiel eng bleibt, wenn es dann in die Schlusssekunden geht, dürften solche taktischen Feinheiten eine Nebenrolle einnehmen – wenn der Kopf ins Spiel kommt. Für die Berliner wird es in der Aíto-Ära der sechste Versuch sein, endlich einen Titel zu gewinnen. Immerhin geht es mit Blick auf die nationale Konkurrenz nun nicht gegen den FC Bayern München, welcher die Berliner immerhin in drei Endspiel(serien) bezwang.

In diesen Duellen gegen das zweite deutsche Team von EuroLeague-Niveau wurde immer wieder ersichtlich, dass das egalitäre Berliner Offensivsystem letztlich vielleicht genau dort einen Schwachpunkt besitzt. Manchmal bedarf es eben den einen Spieler, der ins Eins-gegen-Eins geht. Doch aus Isolationen agieren die Berliner nicht sehr effizient.   

Selbstverständlich hat ALBA BERLIN unter Aíto mit diesem System und dieser Philosophie die Basketball-Bundesliga bereichert wie beeinflusst – und schon allein deswegen kann man von der erst zweieinhalbjährigen Amtszeit Aítos als Ära sprechen. Wie man es auch von den 13 Spielzeiten Rickey Pauldings in Oldenburg tun kann. Doch eine Ära hat erst dann das Potential zu einer Dynastie, wenn Titel errungen werden. Für ALBA BERLIN ist es an der Zeit, die Vorzeichen standen nie besser als jetzt.

Das Pokalfinale ist am Sonntag, dem 16. Februar, ab 20:15 Uhr live und kostenfrei bei MagentaSport zu sehen.