Javonte Green: „Mir ist das Herz fast durch die Brust geschlagen“

Film-Session mit Javonte Green. Manuel Baraniak hat mit dem Ulmer Highflyer Videos von dessen Dunks und Steals gesichtet und mit Green über Applaus gegnerischer Fans sowie das Geheimnis seiner vielen Ballgewinne gesprochen.

Die aktuelle Saison war gerade zwei Minuten und acht Sekunden alt, da wurde den Fans von ratiopharm ulm bereits bewusst, was für eine Highlight-Maschine sie in ihren Reihen haben: the Uuulmer Highlight-Film.

Der 28. September 2018, Saisoneröffnung gegen den FC Bayern München, das erste Viertel hat gerade erst begonnen: Die Ulmer gehen in ein Set-Play über, in dem Javonte Green nach einem zweiten Hand-Off den Ball von Katin Reinhardt in der Spielfeldmitte erhält. In diesem Ulmer Spielzug rotiert Isaac Fotu nach oben, um einen Back-Screen für Reinhardt zu stellen. Anschließend würde Fotu eigentlich in ein Pick-and-Roll mit Green übergehen (siehe hier, wo zusätzlich ein Back-Screen hinzukommt) – doch Green bricht aus dem Play aus.

Sein Gegenspieler Vladimir Lucic bietet ihm eine Seite an, die Zone ist offen – Green tritt an, zieht durch, springt ab, explodiert und lässt es direkt vor dem Ulmer Fanblock krachen. Gestatten: Javonte Green, Highflyer, Top-Ten-Abonnent.

„Als ich gesehen habe, dass die Zone offen war und ich dunken könnte, ist mir das Herz fast durch die Brust geschlagen“, lässt Green die Szene in einer gemeinsamen Film-Session Revue passieren. „Ich konnte mich den Fans vorstellen. Ich wusste ja nicht, wie sie auf eine solche Aktion reagieren würden.“ Ansonsten nicht mit Emotionsausbrüchen auffallend, bricht es aus Green nach seinem Dunk doch ein wenig heraus. „Als ich die Reaktion der Fans gehörte habe, war das pure Freude.“

Es spricht für Green, in seinem Pflichtspieldebüt eine Aktion zu forcieren und aus dem Spielzug auszubrechen. Ein Spieler, der in seiner dreijährigen Profikarriere davor noch nicht auf diesem Niveau gespielt hat – und nun ausgerechnet gegen Bayern sich der BBL-Öffentlichkeit präsentiert. Es sei natürlich etwas Besonderes gewesen, dies gegen den amtierenden Meister zu tun, meint Green. Doch schon diese Auftaktpartie deutet an, dass der 25-jährige Flügelspieler das Potential besitzt, locker auf dem BBL- und EuroCup-Niveau zu bestehen.

Mit 15,1 Zählern pro BBL-Spiel und 14,5 Punkten pro EuroCup-Partie sticht Green bei einem Team heraus, das einige Offensivoptionen besitzt. „Wir glauben, dass keine Defense all unsere Optionen in der Offensive wegnehmen kann“, spricht Green seinen Ausstieg aus dem Play gegen Bayern an. „In unserem Offensivsystem geht es nicht um ein Play für einen bestimmten Spieler. Es geht vielmehr darum, Aktionen und damit Vorteile zu forcieren. Wir versuchen in der Offensive, dem entgegenzuwirken, was die Defense macht.“ Und wenn Greens Verteidiger eine Seite aufmacht, dann tritt der Flügelspieler eben zum Highlight-Dunk an.

Applaus von den Fans des Gegners? „In Spanien habe ich das oft erlebt“

Für Highlights sorgt Green auch zwei Wochen später beim Gastspiel in Oldenburg. So wie im dritten Viertel, aus einem Einwurf heraus – und einem Play, das explizit auf Green zugeschnitten scheint, wie man auch gegen Bonn sehen konnte. Green steht an der Dreierlinie auf der ballstarken Seite, erhält einen Back-Screen von Dwayne Evans und springt mit Anlauf zum Alley-Oop-Dunk in die dritte Etage.

Wer bei der Aktion genau hinhört, wird sich Greens ganzem Highlight-Gehalt bewusst: Denn sogar die Oldenburger Fans applaudieren! „In dem Moment habe ich den Applaus gar nicht wahrgenommen“, blickt Green zurück. Doch der US-Amerikaner erntet nicht zum ersten Mal in seiner Karriere Beifall von den Fans des Gegners: „In Spanien habe ich das oft erlebt. Die Fans dort waren einen Spieler meines Kalibers, der aus der Halle springen kann, einfach nicht gewohnt. Dort, in der dritten Liga.“

Verfolgt man Greens bisherige Auftritte, fragt man sich schon, wie ein Spieler dieser Qualität seine Karriere in der dritten spanischen Liga gestartet hat. „Viele Teams werden sich nicht sicher gewesen sein, in welcher Rolle man ihn in Europa nutzen und ob er überhaupt am Flügel spielen kann“, erklärt Ulms Trainer Thorsten Leibenath einen Grund. Denn Green läuft in der NCAA als Power Forward auf, trotz einer Größe von „nur“ 1,96 Metern.

„Nach meiner College-Zeit wusste ich nicht, auf welcher Position ich spielen würde“, ergänzt Green. „Ich habe im Sommer hart daran gearbeitet, mein Spiel vom Post auf den Flügel zu transformieren.“ Titel in der dritten spanischen sowie zweiten italienischen Liga samt MVP-Auszeichnung verdeutlichen Greens Arbeitseifer, womit er dementsprechend die Karriereleiter nach oben geklettert ist.

Von oben herab schaute Green im erwähnten Spiel auch auf einen Verteidiger – bei seinem Poster-Dunk über Rasid Mahalbasic im zweiten Viertel. Aus einem seitlichen Pick-and-Roll mit Fotu greift Green den abgesunkenen Oldenburger Center an, umkurvt ihn und schlägt über Mahalbasic ein.

„Beim Basketball geht es um Winkel“

Ob er denn schon beim Drive gewusst hätte, dass er über Mahalbasic dunken würde? „Nein, das nicht. Aber er war außer Balance. Und ich habe ihn im richtigen Winkel erwischt – ich hatte den Winkel, über ihn zu dunken. Und bei jeder Möglichkeit, die sich bietet, versuche ich zu dunken“, analysiert Green seinen Drive-and-Dunk.

Solchen Aktionen sieht man von Green vor allem im offenen Feld, beim Schnellangriff. In Eurostep-Manier attackiert er hierbei gerne seine Gegenspieler. Ein Go-to-Move? „Wenn ich mit voller Geschwindigkeit auf dich zukomme und dann meine Richtung wechsele, bringe ich dich außer Balance. Beim Basketball geht es um Winkel. Wenn ich diesen einen Schritt mache, habe ich den Winkel zum Korb – dann ist es für den Verteidiger sehr schwer, mich zu stoppen. Ich würde es nicht einen Go-to-Move nennen – ich lese einfach, was der Verteidiger tut.“

Und das mit teils unglaublicher Geschwindigkeit. Schnell liest Green im Zusammenspiel mit Fotu auch die Oldenburger Verteidigung beim Poster-Dunk über Mahalbasic bzw. die ganze Sequenz. Fotu dribbelt auf Green zu, der alleine am linken Flügel steht. Aus einem solchen Dribble-Hand-Off von Big Man auf den Ballhandler schließt sich oft ein Ball-Screen an (im postmodernen Basketball scheint dies mitunter eine stärkere Waffe zu sein als ein eigentliches Pick-and-Roll). Dazu kommt es zwischen Fotu und Green jedoch nicht – vielleicht auch, weil Rickey Paulding stolpert und somit unter Fotu hindurchgehen will. Ulms Big Man dreht sich nach dem Hand-Off um 180 Grad und ändert somit die Blockrichtung. Green führt wie folgt durch die Aktion:

„Wie du siehst, ging [Paulding] unter Isaac. Es bestand also für mich nicht die Notwendigkeit, [über die Mitte] zu gehen – es ist kein Screen da. Isaac macht einen großartigen Job, die Defense zu lesen. Als [Paulding] unter den ersten Screen gegangen ist, wussten wir: Wenn ich in diese Richtung gehe, dann wird er im [zweiten] Block hängen bleiben und Schwierigkeiten haben, zu recovern.“ So werde den Ulmern die Offensive beigebracht.

„Javonte hat die Auffassungsgabe, schnell komplexe Situationen zu entschlüsseln“

Greens zweites Merkmal, mit dem er bisher auf sich aufmerksam gemacht hat, kann man wohl weniger beibringen: es sind Steals, oft resultierend aus einer starken Antizipation. Thorsten Leibenath erklärt dieses Erahnen bei Green wie folgt:

„Das hat mit generellem Spielverständnis zu tun – man muss ein Gefühl für Basketball haben. Das kann man natürlich entwickeln, es gehört aber auch Intelligenz und eine Auffassungsgabe dazu, schnell komplexe Situationen zu entschlüsseln. Ich halte ihn für einen intelligenten Spieler, der dazu einfach in der Lage ist. Auf Grund seiner athletischen Fähigkeiten hat er sicherlich auch Vorteile gegenüber anderen Spielern.“

Und mit diesen athletischen Fähigkeiten weiß Green blitzschnell den Weg zwischen eigenem Korb und Dreierlinie zu überbrücken, um in der gegnerischen Early Offense einen Ballgewinn zu verzeichnen – so wie beim Auswärtsspiel in Bayreuth.

Wenn man sich die Szene noch einmal ansieht, fällt auf, wie früh Green auf den Pass spekuliert. Bayreuths Gregor Hrovat hat den Ball gar nicht aufgenommen und befindet sich noch im Dribbling, als Green schon Richtung Dreierlinie sprintet – wohlwissend, dass Kassius Robertson, mit den Armen hochgestreckt, offen an der Dreierlinie auf das Anspiel wartet.

Um auch in diesem Angriff spektakulär abzuschließen, rettet Green den Ball vor dem Aus – und tut dies in Bruchteilen von Sekunden wahrhaft gekonnt: Er stützt sich mit der linken Hand am Boden, um den Ball nicht nur zu sichern, sondern blitzschnell die Richtung zu wechseln und, ohne viel Geschwindigkeit zu verlieren, eine freie Bahn zum Korb zu haben. „Das ist das erste Mal, dass ich realisiere, dass ich den Boden berührt habe“, zeigt sich Green bei der Sichtung der Szene überrascht – was auch verdeutlicht, wie sehr der Flügelspieler im Moment des Augenblicks spielt. „Das hat auch viel mit meiner Athletik zu tun.“

Apropos Athletik: Bei folgender Aktion gegen Roter Stern Belgrad sticht sicherlich Greens Windmill-Dunk heraus.

Doch gerade beim Steal aus dem gegnerischen Halbfeldangriff kommt Greens Auffassungsgabe noch mehr zum Tragen. In einem Fastbreak mag auch das gegnerische Offensivteam spontan reagieren, demnach mehr Risiko eingehen. Im Set-Play folgen die Aktionen hingegen meist einem bestimmten Play und damit Lauf- und Passwegen.

Green beobachtet das Belgrader Pick-and-Roll von der Weakside aus, das die Ulmer mit Fotu als Big Man hart verteidigen. Roter Sterns Ballführer Billy Baron „nimmt den Ball auf, Katin [Reinhardt] hilft beim [abrollenden] Big Man aus“, seziert Green die Szene. Baron „dreht sich mit dem Rücken [zur Mitte] – womit es zwei Optionen für ihn gibt. Ich platziere mich in der Mitte zwischen den beiden Spielern [auf der Weakside].“

„Mein High-School-Coach hat mich gelehrt, wie man den nächsten Pass antizipiert”

Als Schlüssel für seine Steals nennt Green folgende Punkte: Er verfolgt nicht nur, wo sein Gegenspieler, sondern auch, wo die anderen Spieler stehen. Zudem achtet Green auf die Augen des Ballführers, wohin dieser passen möchte. All dies habe Green von seinem High-School-Coach gelernt, dem er Respekt zollt. Dieser habe ihm beigebracht, wie „man den nächsten Pass antizipiert“.

Eine ähnliche Szene ereignet sich beim Pokalspiel gegen die FRAPORT SKYLINERS: dort resultiert einer von Greens Steals ebenfalls aus einem seitlichen Pick-and-Roll des Gegners, welches die Ulmer aggressiv verteidigen. Diesmal steht Green näher zum Ball, zudem soll der an die Dreierlinie rotierende WoBo die Frankfurter Anspielstation sein. Green muss also noch explosiver antreten, um den Ballgewinn zu verzeichnen – und somit noch schneller die Situation entschlüsseln.

„Wie man sehen kann, sind sie in einem Trap. [Brady Heslip] hat eigentlich nur eine Option, wohin er den Ball passen kann“, erläutert Green, der auch aus der Teamdefense heraus agiert. „Wenn Isaac nicht so verteidigt wie hier, kann ich gar nicht den Ball klauen. Es geht viel darum, das Spiel zu lesen: sowohl was das Offensivteam tut als auch, wie wir darauf reagieren.“

Greens Stärke für Steals, die Ulmer Verteidigung im Pick-and-Roll: Beides geht Hand in Hand. So erklärt Leibenath: „Dadurch fühlt sich ein Spieler wie Isaac Fotu wohler, richtig Druck [am Ballführer] auszuüben. Wenn Javonte nicht bereit ist, einen weiten Weg zu gehen, dann wird es für Isaac schwierig, ein hartes Pick-and-Roll zu verteidigen. Dann würde Isaac eher sagen: ,Ich spiele es eher passiver, damit ich schneller zu meinem Gegenspieler zurückkommen kann.’ Deswegen hat so eine Fähigkeit auch einen positiven Effekt auf die Mitspieler.“

Derart in Passwege zu springen, birgt auch immer ein Risiko. Denn gelingt es Green nicht, den Ball abzufangen oder zumindest wegzutippen, ist er erstmal aus dem Play – und der Gegner hat einen Fünf-gegen-Vier-Vorteil. So wie in einer Szene gegen Ludwigsburg, aus der ein Dreier Greens Gegenspieler Malcolm Hill resultiert.

„Wir leben beim Basketball nicht in einer Demokratie. Javonte darf etwas mehr gamblen“

Green ist sich dieses Risikos bewusst, weiß aber auch: „Da ich nunmal häufig diese Steals bekomme, ist der Coach nicht sauer, wenn es mir ein- oder zweimal misslingt. Wenn es sich öfter wiederholt, dann ist es natürlich schwer, dies immer wieder zu versuchen.“

Dem stimmt Leibenath zu: „Man würde ihm zu viel von seiner Qualität nehmen“, würde man Green in seiner Antizipation einschneiden. „Dann lebe ich auch damit, dass wir vielleicht mal einen kassieren, den man eigentlich nicht kassieren muss.“ Ähnlich sei dies auch bei Dominique Sutton gewesen, der zu Beginn der Saison 2016/17 für zwei Monate das Ulmer Trikot getragen hat und mit einer ähnlichen Athletik ausgestattet ist.

„Wir leben beim Basketball nunmal nicht in einer Demokratie: Manche Spieler haben andere Rechte als andere. Javonte gehört sicherlich zu denen, die etwas mehr gamblen dürfen als andere“, macht Leibenath deutlich.

Die Beispiele zeigen, dass dem gegnerischen Offensivteam bei einer harten Verteidigung die Optionen für Pässe genommen werden. Dann muss man antizipieren, wohin das nächste Anspiel geht. „Manchmal liegst du falsch. Wenn du richtig liegst, dann sieht das natürlich gut aus“, schmunzelt Green hinsichtlich seiner daraus resultierenden Highlight-Dunks.

Und mit diesen Dunks würden viele BBL-Fans Green wohl gerne beim Slam-Dunk-Contest sehen. Wenn er Ende März fit ist, könne er sich eine Teilnahme auf jeden Fall vorstellen – auch wenn sich Green selbst als „Game Dunker“ betrachtet und kein „Aaron Gordon oder Zach LaVine, der von der Freiwurflinie einen Windmill macht“, sei. Ein paar Ideen, wie 360- oder Windmill-Dunks, hätte er schon – für einen anderen Dunk muss man nur auf sein Twitter-Profil gehen (dort nennst sich Green passend „2Xtremebounce“).

Bet? „Der Assistant Coach meinte: ,Wenn du das schaffst, dann lade ich dich zum Essen ein.’ Ich meinte nur: ,Okay, Bet!’ Und ich hab’s geschafft.“ Wetten, dass Green mit seinen Dunks – egal ob im Spiel oder beim Slam-Dunk-Contet – weiter die Massen begeistert? Und dabei vielleicht auch die Fans des Gegners zum Applaus bringt.


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