Roy Rana im Interview: der neue Assistant Coach des DBB-Teams

Wer ist Roy Rana, der aktuelle Assistant Coach der deutschen Nationalmannschaft? Im Interview beschreibt der 52-Jährige seine Rolle unter Henrik Rödl. Zudem erklärt der langjährige Coach des Nike Hoop Summit, warum er über den Werdegang von Dennis Schröder nicht überrascht ist, über den von Nikola Jokic schon und wo auf der Welt die nächsten Basketballtalente schlummern.

basketball.de: Einige Beobachter und Fans des deutschen Basketballs waren überrascht, Ihren Namen im Coaching-Stab der Deutschen Nationalmannschaft für diesen Sommer zu sehen. Wie kam es dazu, dass Sie Henrik Rödl als Assistant Coach unterstützen?

Roy Rana: Vor über einem Jahr wurde ich Henrik vorgestellt – von ehemaligen Spielern von mir, die auch für Henrik in Trier gespielt haben: Jermaine Bucknor und Jermaine Anderson. Die beiden haben uns zusammengebracht.

Zudem habe ich Dennis Schröder beim Nike Hoop Summit 2013 trainiert, mit Isaiah Hartenstein, Kostja Mushidi und Joshua Obiesie danach noch drei weitere deutsche Spieler. So haben Henrik und ich eine gute Beziehung zueinander aufgebaut. Wir teilen einige Ansichten über Basketball und Teambuilding.

Henrik war daran interessiert, dass ich in diesem Sommer Teil seines Coaching-Stabs werde. Zu diesem Zeitpunkt war ich bei keinem anderen Basketball-Verband involviert. So war es auch für mich eine gute Möglichkeit, etwas Neues auszuprobieren sowie Teil eines anderen Verbandes und der Olympia-Qualifikation zu sein.

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„Wenn du die Möglichkeit hast, nach Switches mit Größe auf Größe zu wechseln, musst du so verteidigen“

Wie sieht Ihre Rolle im Coaching-Stab aus?

Mein Fokus liegt auf der Verteidigung. In diesem Bereich versuche ich, das meiste einzubringen – seit ich zum Team dazugestoßen bin, so ist es auch hier in Tokio. Natürlich tauschen wir uns über alles aus; ich bringe mich auch ein, wenn es um die Offensive, das Teambuilding oder die Kultur geht. Henrik ist wirklich gut darin, einen miteinander verbundenen Coaching-Stab aufzubauen, wo jeder in jedem Bereich seine Gedanken einbringt.

Da Sie die Verteidigung ansprechen: Mir ist in diesem Sommer die Switching-Defense, und dort die Scram-Switches (auch Kickout-Switches oder Triple-Switches genannt), aufgefallen – was ich bislang nicht bei der deutschen Nationalmannschaft gesehen habe. Geht diese Verteidigungsstrategie auf Sie zurück?

Ich möchte nicht die ganze Anerkennung für eine bestimmte Entscheidung bekommen. Das sind alles Entscheidungen, die wir zusammen treffen. Henrik hat mich darin gestärkt, den Spielern etwas beizubringen, Drills zu leiten und auch mal die Truppe anzuführen.

Switching, wie auch Scram-Switches, ist Teil des Spiels auf allen Ebenen geworden. Wenn du die Möglichkeit hast, deinem Mitspieler zu helfen, wieder mit Größe auf Größe zu wechseln und so einen kleineren Spieler nach außen zu bringen, dann ist das meine Meinung nach etwas, was du auf jeden Fall tun solltest. Wir haben versucht, dies mit Start der Vorbereitung in unser bisheriges System zu integrieren.

Ich bin nicht so sehr vertraut damit, wie die deutsche Nationalmannschaft bisher aus einer Switch-Perspektive verteidigt hat. Aber die Realität sieht nunmal so aus, dass wir Switches und auch Triple-Switches auf jedem Niveau erleben, von der NBA bis in untere Ligen.

Diese Verteidigungsart mag nicht immer ganz sauber laufen: Manchmal passieren Fehler, manchmal ist das Timing nicht perfekt. Aber bei jeder Art der Verteidigung sind Kommunikation und Vertrauen unter den Spielern das Wichtigste. Und hierbei haben unsere Spieler bislang eine fantastische Arbeit geleistet.

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„Die nächsten vier bis acht Jahre werden für den deutschen Basketball eine aufregende Zeit sein“

Bemerkenswert war in der Olympia-Qualifikation, wie das Team im vierten Viertel Spiele drehen sowie ein Momentum aufbauen konnte. Wie ist euch das gelungen?

Bei uns war ganz klar festgelegt, was wir offensiv wie defensiv tun wollen. Wir haben gute Entscheidungen getroffen, und Henrik hat ein fantastischen Job gemacht, im vierten Viertel – wie auch über die gesamte Partie – die Rotationen und den Kader zu managen: Die richtigen Spieler waren zur richtigen Zeit auf dem Feld. Hierbei ist es auch großartig gewesen, wie die Spieler ihre Rolle und ihre Minuten geopfert haben.

Letztlich sind viele Dinge zusammengekommen: unser Commitment in der Verteidigung und auf den Grundlagen, die wir vom ersten Tag an gelegt haben, die nötigen Veränderungen, um am Ende eines Spiels effektiv zu sein, das gegenseitige Vertrauen und Spieler zu haben, die mental tough sind, die nicht bereit sind, aufzugeben und die immer an sich selbst geglaubt haben.

Sie haben zu Beginn erwähnt, mit einigen deutschen Spielern beim Nike Hoop Summit zusammengearbeitet zu haben. Auch dank ihrer Expertise im Nachwuchbasketball: Können Sie Eigenschaften ausmachen, bei denen sich der deutsche Nachwuchs allgemein im letzten Jahrzehnt besonders entwickelt hat?

Ich glaube, es wäre nicht gerecht, wenn ich hier ein endgültiges Urteil fällen würde: Ich habe nur mit einer Handvoll Spieler beim Nike Hoop Summit zusammengearbeitet. Auf der anderen Seite habe ich eine Menge kanadischer Spieler trainiert, ich hatte Joel Embiid, Nikola Jokic, fantastische Erfolgsgeschichten – aber auch Spieler, die sehr talentiert waren, um die es großen Hype gab – aber die nicht so erfolgreich waren. Ich glaube, das trifft auch auf die deutschen Spieler zu. Im Nachwuchsbasketball gibt es immer eine „ungenaue Wissenschaft“, wenn man es so ausdrücken mag.

Ich kann nur die jungen Spieler beurteilen, mit denen ich in diesem Sommer zusammenarbeite – und das macht wirklich Spaß. Ich kann sagen, dass es wirklich eine gute Zeit für den deutschen Basketball ist, das Talentlevel ist tief. Die nächsten vier bis acht Jahre werden für den deutschen Basketball eine aufregende Zeit sein.

Sie haben auch den kanadischen Basketball erwähnt. Im letzten Jahrzehnt sind so viele kanadische Talente im NBA Draft früh gezogen worden, fast jedes Jahr gibt es Lottery-Picks. Was ist im kanadischen Basketball passiert, dass es so viele Talente gibt?

Ich habe dieses Entwicklungsprogramm landesweit über das letzte Jahrzehnt geleitet. Der Startpunkt des Ganzen war 2010, bei der ersten U17-Weltmeisterschaft überhaupt, in Hamburg. In unserer Mannschaft spielten Kevin Pangos, Anthony Bennett, Andrew Wiggins. Zum damaligen Zeitpunkt wussten wir gar nicht, was für Talente wir hatten [dieses Team gewann die Bronzemedaille, Anm. d. Red.].

Letztlich haben viele verschiedene Dinge dazu geführt: Meiner Meinung nach ist das Coaching in Kanada im Jugend- und Nachwuchsbereich exzellent. Wir haben uns darin verbessert, Spieler zu evaluieren und einzuordnen. Und generell ist der Basketballsport in Kanada einfach explodiert.

Hierbei spielt auch die Einwanderung eine Rolle. Wir haben Communities aus der ganzen Welt: aus Osteuropa, Afrika, der Karibik, Asien – und all die Kinder spielen Basketball. Sie fangen früh an und trainieren dann schon unter guten Coaches. Und das führt zu so vielen talentierten Spielern. Deswegen glaube ich, dass wir auch in Zukunft regelmäßig so viele kanadische Spieler im NBA Draft sehen werden. Auch für den kanadischen Basketball ist es gerade eine aufregende Zeit.

„Afrika wird zunehmend zu einer Basketballmacht“

Können Sie Länder, eine Region oder einen Kontinent ausmachen, wo in der nahen Zukunft auch viele talentierte Basketballer hervorkommen könnten?

Afrika wird zunehmend zu einer Basketballmacht. Natürlich ist dies ein riesiger Kontinent, deswegen möchte ich nicht alle über einen Kamm scheren. Nigeria hat sich rasant entwickelt, Senegal besitzt enorm viele talentierte Spieler, Angola ist seit langem ein Powerhouse. Auch die Demokratische Republik Kongo, Kamerun und Mali sind einen Blick wert, Mali hat bei den letzten Nachwuchs-Events immer ganz gut abgeschnitten. Es gibt einige afrikanische Länder, in denen Wachstum und Entwicklung auszumachen sind – das ist großartig. Dieser Trend wird sich fortsetzen.

Aber nicht nur junge talentierte Spieler treten in Afrika hervor, auch großartige Führungspersönlichkeiten: wie Amadou Gallo Fall, der den NBA-Betrieb in Afrika führt, oder Masai Ujiri, der nicht nur Afrika, sondern auch die NBA beeinflusst hat.

Von welchem Spieler, den Sie beim Nike Hoop Summit trainiert haben, waren sie am meisten überrascht, wie er sich entwickelt hat?

Ich gebe Ihnen zwei Namen. Zuerst einen Spieler, von dem ich nicht überrascht bin, wohin er sich entwickelt hat: Dennis Schröder. Schon damals liebte ich seine Intensität, diesen „Edge“, diese „Grittiness“. Diese Art zu spielen passt gut zu ihm, und sie hat ihm auch geholfen, in der NBA so erfolgreich zu sein und zu dem Spieler zu werden, der er heute ist. Er besitzt diesen natürlichen Wettbewerbsgeist. Er hat bis jetzt eine unglaubliche Karriere hingelegt. Deswegen bin ich auch ein klein wenig enttäuscht, dass er nicht hier sein kann. Aber er hat das Team wahnsinnig gut unterstützt.

Der Spieler, der mich am meisten überrascht hat, ist Nikola Jokic. Ich habe unter keinen Umständen vorausgesehen, dass er einmal der MVP der NBA werden würde. Niemand hat das. Das spricht für ihn. Nikola Jokic ist ein gutes Beispiel dafür, wie unberechenbar das Ganze ist: Erfolg und Misserfolg sind so unberechenbar. Der Spieler, den du im Alter von 18 Jahren siehst, muss nicht zwangsläufig der Spieler sein, wenn er 25 oder 26 Jahre alt ist.

Nikola Jokic hat sich wirklich den Hintern aufgerissen. Er ist so talentiert und hat so viele Skills. Wir haben von einem elitären Basketballer ja die Wahrnehmung, dass dieser ein Athlet ist, der höher springt und schneller läuft als alle anderen. Aber Jokic hat bewiesen, dass du mit der Kombination aus Spielintelligenz und einem großartigen Skill-Set der Beste sein kannst. Er hat viele Leute eines Besseren belehrt – ich denke, das wird er auch weiterhin noch tun.

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Leider wird es bei diesen Olympischen Spielen auch für die Teilnehmer nicht möglich sein, andere Sportarten in den Arenen und Stadien vor Ort zu verfolgen. Aber wenn dies möglich gewesen wäre, was hätten Sie sich gerne angesehen?

Da gibt es eine Menge: Leichtathletik und Schwimmen zum Beispiel. Ich bin auch ein großer Box-Fan. Zudem herrscht um das 100-Meter-Finale immer so eine große Aufregung … Letztlich wären das 100-Meter-Finale und Boxen meine zwei Highlights gewesen.


Roy Rana ist seit 2019 als Assistant Coach der Sacramento Kings in der NBA tätig. Davor arbeitete der 52-Jährige ein Jahrzehnt lang als Head Coach der Ryerson University in Toronto. Für den kanadischen Basketball hat Rana viel geleistet, u.a. sechs Medaillen gewannen Nachwuchs-National-Teams unter seiner Ägide. Die kanadische A-Nationalmannschaft führte Rana zur Weltmeisterschaft 2019. Seit 2011 trainiert Rana zudem die Weltauswahl beim renommierten Nike Hoop Summit – unter ihm spielten unter anderem NBA-Stars wie Joel Embiid und Nikola Jokic sowie Dennis Schröder. Fun Fact: Rana hat dabei auch Spieler aller deutschen Gruppengegner in Tokio trainiert: Dante Exum (2013, Australien), Josh Green (2018, 2019, Australien), Precious Achiuwa (2019, Nigeria) und Nico Mannion (2019, Italien).