Andre Iguodala – der ewig junge Edelrollenspieler

In den NBA-Playoffs 2019 zeigt Andre Iguodala, wie wichtig er für die Abomeister der Golden State Warriors noch immer ist. An beiden Enden und auch abseits des Feldes.

Wenn die Playoffs anstehen, weiß Andre Iguodala, dass es seine Zeit ist, um an der Uhr zu drehen. Die Endrunde 2019 illustriert dies beispielhaft – und widerlegt die Zweifler. „Wir haben es all die Jahre gesehen, aber jedes Jahr wird während der regulären Saison gesagt: ‚Vielleicht ist es das für ihn‘“, äußert Teamkollege Draymond Green. „Vielleicht wird er mit zunehmendem Alter doch etwas langsamer?“

Korrigierend fügt Green an: „Aber ich denke, Andre ist in dieser Postseason noch besser als in den vergangenen Jahren. Es ist schon bemerkenswert, wie sprunggewaltig er ist; die Verteidigung, die er spielt, und das Selbstvertrauen, das er ausstrahlt. Er ist ein großartiger Allround-Spieler für uns.“

Iguodalas Playoff-Zahlen stützen diese Einschätzung. Bisher legt er in 29,3 Minuten pro Partie 9,7 Punkte (58,0% TS), 4,6 Rebounds, 4,2 Assists und 2,0 Stocks (Steals + Block) auf. Die Schonmaßnahmen während der Hauptrunde haben sich also abermals ausgezahlt. Entsprechend standen für den altgedienten Flügelspieler 2018/19 mehrere Karriere-Tiefstwerte zu Buche: 5,7 Zähler in durchschnittlich 23,2 Minuten bei einer Nutzungsrate von zehn Prozent.

Die Denke der Warriors dahinter ist diese: „Wir wollen, dass Andre zu Playoff-Andre wird und nicht Januar-Andre“, sagt Steve Kerr über den 35-Jährigen, der seine 15. NBA-Saison absolviert. Der Erfolgscoach merkt zugleich an: „Andre sieht für mich nicht wie 35 aus. Er ist einfach ein unglaublicher Athlet. Was ihn aber so besonders und zu einem brillanten Spieler macht, ist, dass er diese Athletik mit viel Verstand kombiniert.“

Auch deswegen betont Kerr: „Ich sage es immer wieder: Ich habe Glück, ihn trainieren zu dürfen. Denn er verbindet viele lose Enden für uns. Er tut so viele Dinge für uns.“ Und zwar…

An beiden Enden

Es sind die Aktionen, die oft den Unterschied machen, aber nicht im traditionellen Boxscore auftauchen. Etwa erstickende Rotationen, effektive Closeouts und erzwungene Ballverluste. So ist der ewig junge Edelrollenspieler vor allem am defensiven Ende ein Maestro.

Schließlich deckt „Iggy“ als smarter und vielseitiger Verteidiger alle fünf Positionen. Dabei ist er neben Defensivass Green der beste Help-Verteidiger der „Dubs“. Zumal er am Ball ebenfalls vortrefflich arbeitet. Denn Iguodala hat ein ausgeprägtes Verständnis für die Tendenzen seiner Gegnerspieler und passt sich entsprechend an.

Der 1,98 Meter große Ausnahmeathlet hebt nicht unbedacht ab, greift trotz schneller Hände kaum unnötig rein und lässt sich keine leichten Fouls anhängen. Hinzu kommt die Fähigkeit, Dinge auf dem Feld zu sehen, bevor sie sich entfalten. Eine Art außersinnliche Wahrnehmung des Spiels, die nur wenige Profis besitzen.

Kombiniert mit seiner Physis, macht diese seltene Mischung aus defensivem Talent und Feingefühl Iguodala zu einem der versiertesten Verteidiger der Liga. Dies mussten in den Playoffs 2019 mehrere Profiscorer im direkten Duell erfahren: Lou Williams traf gegen ihn in der Auftaktrunde nur 14 von 42 Würfen. Als Primärverteidiger hielt er James Harden in der zweiten Runde bei einer Feldwurfquote von 41,2 Prozent. Zudem verwandelte der Bärtige mit Iguodala als Gegenspieler nur sieben seiner 24 Dreierversuche. Damian Lillard klaute „Iggy“ in Spiel zwei der Conference Finals mit Ablauf der Uhr gekonnt dieselbige:

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In den Finals konnte Playoff-MVP Kawhi Leonard in den ersten beiden Partien gegen den Flügelspieler der Warriors nicht mehr als 13 Punkte erzielen. Und auch MIP-Anwärter Pascal Siakam, den er in der zweiten Hälfte von Spiel zwei vermehrt übernahm, dämmte er effektiv ein:

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Der Finals-MVP von 2015 ist zudem ein vielseitiger Angreifer, der zum Fluss der Offensive beiträgt. Ein Akteur, der das Spiel versteht und dessen Wert besonders in den Playoffs aufscheint, wenn ein umfangreiches Paket an Fähigkeiten gefragt ist.

Zuvorderst besticht Iguodala in Transition und mit cleveren Cuts zum Korb (2018/19 jeweils im 80. Perzentil ligaweit). Dass er am Ring herausragend abschließt (Regular Season: 83,3% FG, Playoffs: 79,2% FG) und in der Postseason 2019 die drittmeisten Dunks (31) vollendet hat, mag daher kaum verwundern.

Auch kann der agile Flügel den Ball auf den Boden setzen und ihn als sekundärer Playmaker sicher verteilen. Seine herausragende Assist-zu-Ballverlust-Rate steht dafür exemplarisch (Regular Season: 4,00, Playoffs: 4,50). Am häufigsten assistiert er hierbei Klay Thompson, der nach einem Anspiel von Iguodala formidabel trifft (Regular Season: 51,8% FG, Playoffs: 51,2% FG).

Sein eigener Sprungwurf fällt hingegen nur inkonstant – doch trifft „Iggy“ aus der Distanz gut genug (35,4% 3FG in 141 Playoff-Partien), um abseits des Balles für Spacing zu sorgen. Dass er dabei als Schütze ernstgenommen werden sollte, verdeutlichte das zweite Spiel der Finals anschaulich.

Trotz einer anhaltenden Wadenverletzung – und nach einem harten Screen, den er von Raptors-Center Marc Gasol im zweiten Viertel einstecken musste – lieferte Iguodala ab. Als die Warriors im dritten Viertel 18 Zähler in Serie erzielten und großartig den Ball bewegten, steuerte der erfahrene Swingman fünf Punkte bei. Erst netzte er einen langen Zweier von der linken Seite ein, dann folgte wenig später ein Dreier aus der rechten Ecke – sein erster Distanztreffer seit den Semis gegen die Rockets.

Hinzu kam der gefeierte Dagger, als „Iggy“ 5,9 Sekunden vor Schluss von Downtown den Auswärtssieg der „Dubs“ sicherte und damit den Serienausgleich eintütete.

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„Es ist nur eine Denkweise“, gab der körperlich angeschlagene Veteran nach der Partie zu Protokoll. „Geh und spiele. Ich sage nicht, dass es klug war, aber du hast nur noch zwei Wochen übrig, eine Woche, was auch immer es ist. Du versuchst nur, nicht nachzugeben und zu sehen, ob du dem Team nicht helfen kannst … Mir wurde dabei zwar fast der Kopf abgeschlagen, doch hat es mich irgendwie ein wenig aufgeweckt.“

Eine andere Erklärung für seine Leistung ist folgende:

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Vorbild und Mentor

Sonach ist der geschätzte Teamplayer für die Warriors nicht nur ein exzellenter Ergänzungsspieler, sondern auch ein Mentor und Vorbild. „Andre hat so viel mehr Erfahrung als wir alle“, sagt daher Draymond Green stellvertretend. „So viel mehr Weisheit und Wissen. Wenn du eine Frage hast, wird er dir eine fundierte Antwort geben. Es ist großartig, so jemanden zu haben, von dem man lernen kann.“

Denn Iguodala geht als Musterprofi mit all seiner Erfahrung und vorbildhaften Einstellung voran. Insbesondere, was die physische Selbstsorge anbetrifft. „Wenn es darum geht, auf deinen Körper Acht zu geben, ist er wahrscheinlich der beste Teamkollege, den ich je hatte“, betont Green, der während der Saison 23 Pfund abspeckte, um sich für die Playoffs in Form zu bringen. „Du schaust zu. Es ist nicht seine Aufgabe, meine Hand zu nehmen und mich anzuleiten, aber du siehst die Dinge, die er tut. Es ist etwas Besonderes, solch einen Typen in der Nähe zu haben.“

„Es ist etwas, wofür er nicht genug Anerkennung erhält, wenn es um unseren Erfolg geht“, bekräftigt Green. „Es ist die Präsenz, die er hat, die Stabilität, die er uns gibt. Wir haben Steve [Kerr] oft sagen hören, dass er der Erwachsene im Team ist. Denn wenn er reinkommt, beruhigt er das Spiel. Und abseits des Feldes tut er dies genauso. Er ist definitiv jemand, zu dem du aufsehen und darauf achten kannst, wie er die Dinge angeht.“

Nämlich ein führungsstarker Erfolgsträger, der nicht nur gesundheitsbewusst auf sich und andere achtgibt, sondern obendrein auch Spaß und Freude am Spiel ausstrahlt.

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„Ich versuche einfach nur, Spaß zu haben“, erklärt Iguodala. „Das Wichtigste für mich ist, so viel Spaß wie möglich zu haben. Freude darin zu finden. Meine Freude rührt etwa daher, KD spielen zu sehen, Steph zuzuschauen, Klay zu beobachten … Das Spiel hat sich ein wenig verändert und bewegt sich weg von meinen Stärken – aber ich versuche weiterhin, Wege zu finden, Spaß zu haben. Dieses Team ist in dieser Hinsicht sehr gut für mich, und hat mir dabei enorm geholfen.“

Letzteres gilt im Übrigen auch für den Staff der Warriors. „Seit ich hier bin, haben wir ein wirklich gutes Team, was das Kraft- und Konditionstraining anbetrifft“, lobt „Iggy“ die oft vergessenen Coaches im Hintergrund. „Sie haben mir mit ihrer täglichen Arbeit, Hingabe und Aufgeschlossenheit für Neues nachhaltig geholfen, meine Karriere zu verlängern.“

Eine Erfolgskarriere, die im sechsten Jahr im „Golden State“ demnächst mit dem Threepeat und Iguodalas viertem Meistertitel gekrönt werden könnte…