BBL-Turnier: unter (doppelter) Beobachtung

Ein Großteil der Basketball-Welt blickt auf die BBL – und zeigt Interesse am Hygienekonzept der Liga. Nach den ersten Turniertagen scheinen Bedenken der Spieler ob einer doppelten Beobachtung beiseite geräumt.

Wer hätte gedacht, dass im Juni Göttingen gegen Crailsheim das meisterwartete Spiel in Europa werden würde?!“ … „Bennet Hundt ist der beste Spieler des Planeten.“ Die Basketball-Bundesliga stand und steht seit dem 6. Juni unter ganz besonderer Beobachtung – und die Basketballwelt feiert es natürlich, dass endlich wieder Live-Sport zu sehen ist. Die Ligen in Turkmenistan, Nicaragua und Taiwan ausgenommen, ist die BBL derzeit die einzige Basketball-Profiliga, die ihren Spielbetrieb wieder aufgenommen hat.

Die Ligen in Spanien (ab dem 17.6.), China (20.6.) und Israel (20.6.) werden sowie die NBA (30.7.) wollen folgen. Die Basketball-Beobachter dieser Länder mögen weniger ob der Bennet-Hundt-Show gebannt sein, als vielmehr das Konzept der BBL samt Hygiene- und Sicherheitsvorschriften studieren.

„Ich habe Anrufe von Zeitungen, Fernseh- und Radiosendern bekommen. Da sie später wieder spielen werden, sind sie natürlich an unseren Erfahrungen interessiert“, erklärt Berlins Coach Aíto das Interesse aus seinem Heimatland Spanien. Die ACB wird mit einem ganz ähnlichen Konzept wie dem der BBL aufwarten (zwölf Teams am Standort Valencia mit Gruppen- und Playoff-Spielen), bzw. hatte sich die BBL vom spanischen Konzept inspirieren lassen.

Auch Luke Sikmas Erfahrungen sind in seinem Heimatland USA gefragt: „Ich habe mit einem Journalisten der New York Times gesprochen, der sehr daran interessiert war, wie unsere ,Bubble‘ hier funktioniert. Denn so etwas werden sie auch in der NBA versuchen“, erklärt der US-Amerikaner und spielt dabei auf die Pläne der NBA an, ihre ,Bubble‘ im Walt Disney World Resort in Orlando aufzuschlagen – wenn auch nicht mit ganz so strengen Regelungen wie in der BBL. Das Konzept der NBA umfasst mehr Teams, die über einen noch längeren Zeitraum spielen sollen, womit auch Familienangehörige mit in die ,Bubble‘ einziehen dürfen.

„Den Spielbetrieb so schnell wieder hochzufahren, hat viele beeindruckt“

Nicht nur wegen der Auswirkungen der Corona-Pandemie, auch auf Grund der derzeitigen Proteste gegen Rassismus und Polizeigewalt gibt es bei einigen NBA-Spielern Bedenken, ob eine Saisonfortsetzung in Disney World – der Sport als Entertainment – wirklich durchgeführt werden sollte.

„Die NBA ist eine Liga, die von Spielern angetrieben wird – sie müssen sich um weit mehr kümmern“, weiß auch Bambergs Jordan Crawford, der selbst knapp 300 Spiele in der US-Profiliga absolviert hat. Etwaige Fragen aus der NBA dürften mit Blick auf das BBL-Konzept beantwortet werden, denkt Crawford, „weil die BBL es geschafft hat, ihren Spielbetrieb so schnell wieder hochzufahren – das hat viele beeindruckt.“ Dem Bamberger Guard zufolge verfolge die NBA auch die BBL, da deren Konzept „so gut organisiert ist – daraus können sie einige Dinge mitnehmen und selbst nutzen.“

Das Nutzen einer Tracing-App dürfte wohl nicht dazugehören. „Sie fragen über die Tracker-Chips und wie wir diese nutzen. Ich glaube, hierzu gibt es in den USA einige Fragen“, ergänzt Sikma hinsichtlich seines Gesprächs mit einem US-Journalisten. Medienberichten zufolge werden die NBA-Spieler verpflichtet sein, die ganze Zeit auf dem Campus in Orlando zu bleiben – technisch verfolgt soll dies jedoch nicht werden.

Wobei hier der Unterschied zwischen „Tracking“ und „Tracing“ zu erklären ist: Denn die App, die die BBL-Spieler nutzen, ermittelt nicht den Aufenthaltsort, sondern nur Kontakte zwischen den App-Nutzern – an welchen Orten diese Kontakte schließlich stattfinden, wird nicht aufgezeichnet.

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Vom „Einzelhaft-Bewährungs-Charakter“ …

Durch die Nutzung der Tracing-App war die BBL auch ein Gesprächsthema beim US-Medien-Riesen ESPN, welcher exklusiv darüber berichtet hatte. Für die BBL-Spieler kam das Ganze sehr kurzfristig – ein weiterer Punkt, nach dem fehlenden Einbinden der Spieler zu Beginn und den Äußerungen von Geschäftsführer Stefan Holz zu möglichen Protesten gegen Rassismus, der Kritik nach sich gezogen hatte.

„Da es nicht früh genug kommuniziert wurde, kam es nicht so gut an – ein kleiner Vorlauf wäre besser gewesen“, findet Crailsheims Maurice Stuckey. Dem stimmt Frankfurts Akeem Vargas zu: „Ich war etwas erschlagen – es hatte ein bisschen was von Einzelhaft-Bewährungs-Charakter.“

Die kurzfristige Einführung der Tracing-App – die zwar freiwillig sei, aber Spielern und Betreuern sehr nahe gelegt wird – hat Dr. Florian Kainzinger im „Got Nexxt“-Podcast von André Voigt erklärt. Das Konzept der BBL sei zwar von der bayerischen Landesregierung abgenommen worden, für die lokale Überwachung ist aber das Gesundheitsamt München zuständig – und ein Termin mit Mitarbeitern dessen konnte erst am Mittwoch vor Turnierstart stattfinden.

Kainzinger, der sowohl für das Hygienekonzept der BBL als auch das der DFL federführend ist, erklärt: „Wenn man die Kontakte nicht zurückverfolgen kann, zieht das Gesundheitsamt gerne einen großen Kreis um den Haushalt. Das Gesundheitsamt sagte: ,Wir definieren euch, eure Bubble aus 250 Personen, als einen Haushalt, sozusagen als die Basketball-WG. Es kann sein, dass wir euch [bei einem positiven Fall] dann alle in Quarantäne schicken‘. Das wäre für uns natürlich der Worst Case.“

… zum sinnvollen „Sicherheitssystem, das uns gut tut“

Das ständige Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes und das Einhalten eines Mindestabstandes im Hotel oder das Führen eines Kontakttagebuches, wie vom Gesundheitsamt vorgeschlagen, war nicht realistisch. „Wir haben den Teams auch etwas anderes versprochen: eine Welt, in der sie auch ein bisschen Spaß und Freiheit haben“, fügt Kainzinger an. „So kam das Thema Kinexon auf, weil drei der Teams bereits mit Kinexon arbeiten“. Ein Verständnis für die Notwendigkeit dieser von Kinexon betriebenen App „zu schaffen, einen Tag vor Turnierstart, war natürlich eine enorme kommunikative Herausforderung“, weiß Kainzinger – doch das haben er und die Liga geschafft.

So zeigt Ulms Andi Obst Verständnis: „Es ist ja nicht dazu da, jemanden zu bestrafen oder zu nerven. Es ist eine Art Sicherheitssystem, das gut für uns sein soll, falls im Worst Case etwas passieren sollte“. Auch Akeem Vargas, der sich im Vorfeld des Turniers bereits kritisch gezeigt hatte, kann sich damit gut abfinden: „Nach den Gesprächen mit dem Doc ist klar geworden, dass das zu unserem Wohl ist und auch nur genutzt wird, falls jemand positiv sein sollte. Nachdem man sich Gedanken darüber machen konnte, ist es doch sehr sinnvoll, das zu haben. Ich finde es gut!“

Letztlich ist die Bubble des BBL-Turniers ein großes Experimentierfeld. „Es sind Zeiten, in denen man solche Sachen auch nicht planen konnte“, weiß Obst mit Blick auf die Tracing-App alles einzuordnen.

Bisher dürften die Verantwortlichen mit den Ergebnissen zufrieden sein. Auch nach der ersten Turnierwoche sind alle Beteiligten negativ getestet worden, was Kainzinger als den „nächsten Meilenstein“ betrachtet. Die Spieler scheinen sich in der Basketball-WG sehr wohlzufühlen und können beispielsweise durch den Austausch mit Schiedsrichtern auch etwas Positives für diese Dynamik mitnehmen. Wenn mit Beginn der Playoff-Runde dann auch die sportliche Qualität steigen wird, dürfte das BBL-Final-Turnier – unter den Umständen – ein voller Erfolg werden.