Orange ist dicker als Wasser

„Ich bin davon ausgegangen, dass ich den Beweis über die zweite Liga antreten müsste, dass ich ein fähiger Basketballtrainer bin.“ 2011 schenkt ratiopharm ulm Thorsten Leibenath das Vertrauen – trotz zuvor vereinsloser Zeit. In den vergangenen acht Jahren haben sich die Ulmer unter Leibenath zu einer Marke entwickelt, was für viele Clubs ein Vorbild sein sollte. Ein Kommentar.

„Ich kann mich momentan nicht bei einem anderen Verein sehen.“ Thorsten Leibenath nimmt als Head Coach von ratiopharm ulm Abschied, bleibt dem Club aber erhalten. Nach einer achtjährigen Amtszeit als Cheftrainer wird Leibenath fortan die neue Rolle des Sportdirektors bekleiden.

Jene Worte, die Leibenath auf der Pressekonferenz Mitte März 2019 zu seiner neuen Aufgabe gewählt hat, deuten an, welche Herzensangelegenheit die Arbeit in Ulm für den 44-Jährigen ist. „Hier weiter zu arbeiten und das [Ulmer Programm] weiter mitzuentwickeln, ist eine so reizvolle Aufgabe, dass ich nicht ernsthaft über alternative Möglichkeiten nachgedacht habe“, führt Leibenath aus.

Wie stark oder schwach die Ulmer Führungsetage um Thomas Stoll und Andreas Oettel in den vergangenen acht Jahren auch über Alternativen auf dem Trainerstuhl nachgedacht haben mag, in der Münsterstadt setzte man auf Kontinuität – und sprach Leibenath immer wieder das Vertrauen aus. Egal, wie schleppend die Ulmer 2015/16 in die Spielzeit gestartet waren (2-7), oder wie sehr sie die Saison 2017/18 enttäuschten (10., einzige Saison unter Leibenath ohne Playoffs) – die Ulmer hielten an Leibenath fest. Und gaben dem Trainer so auch die Möglichkeit, eine Saison herumzureißen – wie eben jene Spielzeit 2015/16, als die zu den „Glorreichen Sieben“ stilisierte Truppe als Hauptrundensiebter bis in die Finals stürmte.

Manch einer mag einen Makel an Leibenaths Amtszeit in Ulm sehen, reichte es nie für einen Titel: auch nicht in seiner Premierensaison 2011/12, als die Ulmer ebenfalls überraschend in der Endspielserie standen, oder in der Folgesaison, als dem Team trotz Final-Four-Ausrichtung kein Pokalfinalerfolg gegen Berlin glückte. Leibenath dürfte bei der Frage nach Erfolg aber weniger auf Titel, die den Briefkopf schmücken, blicken, sondern auf Nachhaltigkeit – sowohl in der Infrastruktur des Clubs als auch bei der DNA des Vereins.

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„Für mich gibt es dieses Schwarz-Weiß-Denken in Hinblick auf Erfolg nicht: alles dafür zu tun, seine Persönlichkeit, seine Moral und seine Wertvorstellungen aufzugeben, nur um diesen ultimativen Erfolg zu haben. Das ist für mich der falsche Ansatz, das benötige ich nicht. Ich werde nicht meine Integrität aufs Spiel setzen, nur um Erfolg zu haben“, antwortet Leibenath auf meine Frage nach Per Günthers Verbundenheit zu Ulm, als ich ihn im April 2017 zum Interview treffe. „Und so ein bisschen habe ich Per da auch verstanden. Er sieht zu viel Gutes in der Situation, die er hier vorfindet, als dass er das alles aufs Spiel setzen möchte, nur um irgendwann sagen zu können, ,ich war mal Meister’.“

Trotz fehlendem Titel kann ratiopharm ulm das vergangene Jahrzehnt zweifellos als erfolgreich betrachten: Kurz nach Leibenaths Amtsantritt folgte der Umzug von der Kuhberghalle in die ratiopharm arena. Nun befinden sich die Ulmer inmitten der Errichtung des Orange Campus. Bei diesem Fokus auf die Ausbildung wird Leibenath eine große Rolle zukommen, neben Chris Ensminger wird er das „TOP Development“-Programm führen. So schließt sich in gewisser Hinsicht der Kreis. In den Jahren dazwischen entwickelten sich die Ulmer zu einer Marke, wuchs der Standort stetig, was ein Vorbild für viele Märkte fernab von Millionenstädten sein kann.

Sind diese Entwicklungen dem gesamten Club um Stoll und Oettel zuzuschreiben, stieß Leibenath auch basketballerisch Entwicklungen in der BBL an: Im postmodernen Basketball sind dreierwerfende Big Men nichts mehr Besonderes, doch als John Bryant 2012/13 im Ulmer Trikot 100 Dreier geworfen hatte, war dies für einen 2,11-Meter-Koloss exotisch. „Dieses grüne Licht zu bekommen, steigert auf jeden Fall dein Selbstvertrauen. In Ulm hat man verstanden, dass ich werfen kann. Das war der Wendepunkt“, blickt Bryant auf seine Jahre unter Leibenath zurück.

Ein Begriff, der im postmodernen Basketball immer wieder fällt, ist der sogenannte „Smallball“. Bambergs ehemaliger Maestro Andrea Trinchieri mag sich als Meister dessen proklamiert haben, doch auch Leibenath war am Puls der Zeit: unter anderem mit einer Lineup aus Per Günther, Chris Babb, Taylor Braun, Augustine Rubit und Raymar Morgan, die wohl eine der imposant-interessantesten der vergangenen BBL-Jahre ist (und auch enorm gut verteidigt hatte, was man Leibenath-Mannschaften häufig abspricht). Mit jenem Quintett sowie Eckenpfeilern wie Da’Sean Butler, Braydon Hobbs oder Tim Ohlbrecht stellten die Ulmer 2016/17 ein BBL-Rekord von 28 Erfolgen in Serie auf.

Ein Grund für jene Erfolge sind auch in der individuellen Entwicklung zu finden, die viele Spieler unter Leibenath genommen haben: Neben Bryant entwickelte sich mehr noch Per Günther zu einem starken Distanzwerfer. Den nächsten Schritt – in der Karriere und/oder finanziell – machten unter Leibenath auch Akteure wie eben Babb, Braun, Rubit und Morgan sowie selbstverständlich Daniel Theis und Will Clyburn. 20 respektive 23 Jahre waren die beiden jung, als sie in Ulm unterschrieben hatten. Theis spielt seit zwei Jahren in der NBA, Clyburn feierte als Final-Four-MVP jüngst den EuroLeague-Titel mit CSKA Moskau.

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„Mein Ziel war es, dass ich beweise, dass ich erfolgreich als Basketballtrainer arbeiten kann. Ich glaube, den Beweis habe ich erbracht – aber das war es dann auch. Ich behaupte nicht, dass ich ein höchst etablierter Top-Trainer bin“, blickt Leibenath im Gespräch im April 2017 auf den Beginn seines Engagements in Ulm zurück, als er in seiner Premierensaison zum Trainer des Jahres gewählt wurde. Den Beweis hat er durchaus erbracht – was vor allem mit Blick auf Leibenaths Vorgeschichte erwähnenswert ist: Denn vor seinem Wechsel nach Ulm war er ein halbes Jahr vereinslos gewesen.

„Als ich den Job hier übernommen habe, war ich dankbar und auch überrascht, dass es einen Erstligisten gibt, der mir eine Chance gibt. Das soll nicht heißen, dass ich von meinen Qualitäten nicht überzeugt war. Aber die Tatsache, dass wir in Quakenbrück zweimal die Playoffs verpasst haben, hatte mir einen Stempel aufgedrückt, der für mich hieß, ich sei schwer vermittelbar. Zumindest für die erste Liga. Ich bin davon ausgegangen, dass ich den Beweis über die zweite Liga antreten müsste, dass ich ein fähiger Basketballtrainer bin.“

Leibenaths Amtszeit als Ulmer Trainer ist zweifellos eine Erfolgsgeschichte – individuell wie auch kollektiv hinsichtlich der Entwicklung des Clubs. Wo wir froh um die Entwicklung des deutschen Nachwuchsbasketballs sind, gefördert durch die Gründungen der NBBL und JBBL, so muss auch die Arbeit der Trainer in den Vordergrund gerückt werden, damit beispielsweise eine hauptberufliche Arbeit als Jugendtrainer attraktiv erscheint. Letztlich tut man auch in der BBL gut daran, deutsche Trainer zu fördern (in anderen europäischen Ligen haben ausländische Trainer ganz andere Hürden zu nehmen).

Als Trainer durfte Leibenath die Symbiose aus Vertrauen und Kontinuität genießen. Man darf gespannt sein, inwieweit Leibenath dies auch als Sportdirektor weitergeben wird. „Blood is thicker than water“? Mit Blick auf den Ulmer Basketball scheint man konstatieren zu können: Orange ist dicker als Wasser.