Trendbrecher

Die NINERS Chemnitz mausern sich unter Rodrigo Pastore zum Playoff-Anwärter. Ein Schlüssel: die Stärke in der Crunchtime. Fünf Gründe, warum die Sachsen in engen Spiel überzeugen.

In Chemnitz steht das Kürzel „KK“ gemeinhin für Kraftklub. Die fünfköpfige Musikband, die zwischen Indie, Rock und Rap wandert, ist längst über die Grenzen der Karl-Marx-Stadt hinaus bekannt. Derweil macht sich auch der ansässige BBL-Club auf, einen nachhaltigen Eindruck auf der deutschen Basketballlandkarte zu hinterlassen – und das Akronym in Knusperzeit-Könige umzuschreiben (wir hätten auch Krunchtime-Kingz schreiben können, aber das hat was von unbeholfener Rap-Combo auf der Open Stage eines JuZ).

Die NINERS Chemnitz haben in der BBL-Saison 2021/22 bisher neun Pflichtspiele absolviert, die am Ende mit höchstens sechs Punkten Differenz entschieden worden sind – und davon ganze acht gewonnen! Nimmt man Begegnungen hinzu, die zeitweise ähnlich knapp waren (also einen „Clutch“-Anteil hatten, das bedeutet, das in den letzten fünf Minuten die Punktedifferenz zu einem Zeitpunkt bei fünf oder weniger Zählern lag), sieht die Bilanz mit 11-3 weiterhin stark aus. Warum besticht die Truppe von Head Coach Rodrigo Pastore im vierten Viertel und vor allem in der Crunchtime?

Lineups mit Big-Ball

Weil Pastore nicht als Trendsetter, sondern als Trendbrecher agiert: Denn vom Smallball-Trend mag der Chemnitzer Head Coach wenig halten. Zumindest setzt Pastore am anderen Spektrum an – und lässt konstant Big-Ball spielen. Jan Niklas Wimberg rotierte in der vergangenen Saison zwischen der Drei und Vier, scheint in dieser Saison aber konstant den Small Forward zu geben. Der Neu-Nationalspieler war im basketball.de-Podcast der vergangenen Saison bereits als einer der „Most Underrated Players“ der Liga geführt worden.

Beim Heimspiel gegen die JobStairs GIESSEN 46ers schickte Rodrigo Pastore fünfeinhalb Minuten vor Schluss eine Formation aus Frantz Massenat, Mindaugas Susinskas, Jan Niklas Wimberg, Isiaha Mike und Darion Atkins auf das Parkett. Diese Lineup initiierte einen 9:2-Lauf und stand in knapp drei Minuten vor allem defensiv sicher. In der Schlussminute ging Pastore sogar noch größer: durch die Einwechslung von Johanes Richter für Wimberg. Und gegen Göttingen startete Pastore in das vierte Viertel gar mit eine Formation aus Massenat, Wimberg, Richter, Mike und Atkins (welche aber bei -3 in 3:11 Minuten war). Cleveland Cavaliers der BBL, irgendwer?

„Das ist ein einzigartiger Kader: Sie haben sechs Power Forwards, drei Combo-Guards und einen reinen Shooter in Malte Ziegenhagen“, stellte Ludwigsburgs Head Coach John Patrick bei Magenta Sport vor dem Duell gegen Chemnitz Anfang November heraus. „Sie haben keinen klassischen Point Guard, keinen klassischen Small Forward und keinen klassischen Center. Das macht die Matchups für uns schwierig – aber vielleicht auch für sie.“

Seitdem hat sich der Kader bei Chemnitz etwas verändert: Gerald Robinson ging, Ivan Karacic ebenso, Eric Washington und Trent Lockett sind neu. Letztgenannter kann wohl als Shooting Guard (und nicht Combo-Guard) definiert werden.

Auf Groß bleibt das Team aber so besonders, wie es John Patrick angeschnitten hat. Gelten gemeinhin die Ludwigsburger mit ihrer aggressiven Verteidigung, fußend auf einem Smallball-Ansatz, als der unangenehmste Gegner der Liga, sind das in gewisser Weise auch die Chemnitzer – da solch große Formationen ungewohnt zu spielen sind. Offensiv bringen die Big Men schon mal den Ball vor, entlasten so die wenigen Außenspieler und sorgen gegebenenfalls für veränderte Matchups auf der Gegenseite. Defensiv sind die großen Leute flexibel, womit Pastore in seinem Defensivsystem auf viele Switches setzt.

Warum man NINERS in Versalien schreibt? Nun, schaut euch diese Lineup aus einem 1,93-Meter-Guard und vier Forwards zwischen 2,03 und 2,06 Metern an.

Scram-Switches in der Defense

Nicht nur auf Switches im Pick-and-Roll, sondern auch anschließend ballabseits. So soll ein mögliches Mismatch eines Guards gegen einen Big Man umgangen werden. Diese sogenannten Scram-Switches hat Andrea Trinchieri in der vergangenen Saison beim FC Bayern München implementiert, was ein Schlüssel für deren EuroLeague-Erfolg gewesen ist. Und jene Scram-Switches sieht man nun auch beim Pastore-Team (Ton an für die Erklärung).

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Jonas Richter als „Point of Attack“-Verteidiger

Dass Center gegen Point Guards verteidigen, kommt immer mal wieder vor: Entweder hat eine Offense das Spiel schnell gemacht und für Matchups gesorgt, die der Verteidigung nicht passen. Oder nach einem Pick-and-Roll kommt es zu einem Switch. Doch Chemnitz setzt mit Jonas Richter seinen Center schon mal gerne direkt auf den gegnerischen Aufbauspieler bzw. primären Ballhandler an. Mit T.J. Shorts, Parker Jackson-Cartwright, Kamar Baldwin oder Justin Robinson hat Richter bereits vier der stärksten Ballhandler der Liga phasenweise übernommen.

Mit diesem taktischen Kniff, Richter switchte auch auf Baldwin, nahm Chemnitz den Veilchen den Rhythmus, das Spiel der Göttinger wurde immer statischer. Am Ende gestatteten die NINERS der BG nur 15 Punkte im vierten Viertel und drehten die Partie durch einen 20:3-Lauf in den letzten sechs Minuten.

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Unter deutschen Big Men in der BBL mag man da an Daniel Theis denken, der in Bamberg unter Trinchieri auch mal so eingesetzt wurde. Theis hat sich mit seiner klar definierten Rolle in die NBA gebracht, offensiv als schneller Abroller.

Darion Atkins als Ball-Screener

Als zentrale Figur in der Offensive durch seine Ball-Screens darf in Chemnitz auch Darion Atkins gelten. Es ist kein Zufall, dass bei den sechs Chemnitzer Gamewinnern (Wimberg gegen Göttingen, Lockett gegen München, Wimberg gegen Frankfurt, Atkins gegen München, Susinskas gegen Ludwigsburg, Atkins gegen Oldenburg) Atkins viermal als Blocksteller beteiligt war. Zweimal schloss er selbst ab: als Abroller und nach dem Switch aus dem Post-up. Gegen Göttingen hatte Atkins auch einen Ball-Screen gestellt, aber da switchte Göttingen bewusst, und Massenat bediente Wimberg aus dem Eins-gegen-Eins.

Atkins versteht es, den Ball-Screen zu slippen, nach dem Abrollen seine Athletik einzubringen und trotz seiner vermeintlichen Leichtbau-Version im Low-Post zu bestechen. Dort bringt er gerne den Jump-Hook über die linke Schulter an.

Wimbergs Gamewinner gegen Frankfurt ist am Ende folgenden Videos zu sehen, das ein Play zeigt, indem Atkins zweimal als Blocksteller vorgesehen ist. Zunächst stellt der Center an der Freiwurflinie einen Pin-Down für einen Ballhandler, der zur Seite hoch curlt. Atkins folgt diesem und stellt einen Ball-Screen (diesen Übergang vom Off-Ball- zum Ball-Screen sieht man im Pastore-System immer wieder). Einfach, aber mit Atkins effizient.

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Plays nach Auszeiten

Geht ein Spiel in eine enge Schlussphase, sinken für gewöhnlich die Quoten aus dem Feld. Teams haben ihre funktionierenden Lineups gefunden, die Defenses verteidigen konzentrieren. Außer, du bist die NINERS Chemnitz und nimmst eine Auszeit.

Zieht man alle zuvor erwähnten (in einer Phase des Schlussviertels) engen Spiele heran und wertet die ersten Chemnitzer Angriffe nach einer Auszeit im vierten Viertel aus („stop the clock“-Phasen ausgenommen), so trifft das Team bislang 56,5 Prozent seiner Würfe aus dem Feld! Zum Vergleich: Im gesamten Saisonverlauf über die volle Partie trifft Chemnitz 48,5 Prozent, was ligaweit die drittbeste Quote hinter Crailsheim (49,20% FG) und Braunschweig (49,0% FG) ist. Mit 39 Punkten in 39 Possessions präsentieren sich die Chemnitzer aber nicht so effizient, wie es die Wurfquote vermuten lässt – denn die Anfälligkeit für Ballverluste bleibt.

Was lässt Rodrigo Pastore nun laufen? Unter anderem das gar nicht mehr so weit verbreitete Back-Screen Pick-and-Roll (gemeinhin auch „Stack Pick-and-Roll“ oder „Spain Pick-and-Roll“ genannt). Mit Andrea Trinchieri zu dessen Bamberger Zeiten in die Liga gekommen, befand sich der Spielzug in so gut wie allen Playbooks – dementsprechend auch mit unterschiedlichen Einstiegen. Auch Plays sind ein Prozess, im Lauf der Zeit verzichteten Offensivspieler immer häufiger, den Back-Screen wirklich zu stellen, und cutteten direkt zur Dreierlinie heraus. Zudem scheint es, als habe die Kreativität für facettenreiche Einstiege nachgelassen. Da ist es auch aus basketballästhetischer wie -taktischer Sicht interessant zu beobachten, wie Pastore es nutzt.

Folgendes Video enthält drei Szenen des Back-Screen Pick-and-Rolls, wobei nur die Aktion gegen Ludwigsburg aus einer Auszeit heraus stammt. Pastore nutzt als Einstieg einen Staggered Pin-Down. Jener Spieler, der diesen doppelten Block ballabseits nutzt, erhält den Ball, gibt ihn per Hand-Off zurück (darauf kann auch verzichtet werden) und rotiert Richtung Weakside-Ecke. Von dieser kommt dann der Back-Screener ins Spiel.

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Starkes Fundament

Mit einer Bilanz von 11-6 rangieren die Chemnitzer derzeit auf dem sechsten Platz. Der FC Bayern München als Tabellenführer befindet sich nur zwei Spiele davor. Und auch wenn der Pokal-Viertelfinal-Sieg gegen die Bayern und damit der Einzug in das Top-Four als Überraschungscoup gelten darf: So wirklich überraschend kommt das bisherige Abschneiden der Sachsen für viele nicht daher. Auch von dieser Seite wurden die Chemnitzer vor der Saison als Playoff-Kandidat eingestuft. Punktuell spielten die Chemnitzer schon in ihrer BBL-Debütsaison stark auf, nach Weihnachten 2020 gewannen sie immerhin elf ihrer 26 Spiele.

Zur Saisonhalbzeit zeigt sich, wohin die Richtung eines Teams geht – auch zum Saisonende dürften sich die Chemnitzer inmitten des Playoff-Rennens befinden. Natürlich können sich im Saisonverlauf Teams aufeinander einstellen, Stärken und Schwächen scouten und dementsprechend Facetten wegnehmen – doch gegen solche Big-Ball-Lineups spielt man zu selten, als dass man sich daran gewöhnen könnte. Diese Stärke (in der Verteidigung) sollte der Truppe von Rodrigo Pastore bleiben. Fraglich ist mehr, ob die Sachsen offensiv effizienter auftreten können – indem sie vor allem ihre Ballverluste reduzieren. Zudem haben zwar alle Bigs den Distanzwurf im Repertoire (jeder der vier nimmt mindestens 1,3 Dreier pro Spiel), doch als Stretch-Optionen kann man sie (derzeit) nicht bezeichnen.

Mit Trent Lockett als Scorer und sekundärem Ballhandler könnte die Offense im Saisonverlauf dennoch effizienter agieren. Auch die Rückkehr von Nelson Weidemann, um die Rotation auf den Außenpositionen zu erweitern, ist wichtig. Der 22-jährige Combo-Guard befand sich vor seiner Handverletzung schnurstracks auf Kurs, ein Karrierejahr zu absolvieren. Und er zeigt, was für einen starken deutschen Kern mit immer noch Upside die Sachsen zur Verfügung haben: Jan Niklas Wimberg und Jonas Richter haben als 25- bzw. 24-jähriges Big-Men-Duo immer noch Steigerungspotential. Derweil kann Malte Ziegenhagen zum Gesicht des Clubs avancieren, wenn er das nicht schon ist.

Was nicht nur für diese Saison, sondern allgemein für die mittel- bis langfristige Zukunft spricht. Die Sachsen zeigen bisher ein gutes Auge bei Verpflichtungen, haben einen versierter Trainer, der vor unorthodoxen Methoden nicht zurückgeschreckt, und besitzen eine starke Anhängerschaft und gute Trainingseinrichtungen: also ein starkes Fundament seitens der Infrastruktur, konstant um die Playoffs zu spielen – und vielleicht irgendwann auch das internationale Geschäft anzugehen.

Mit seinem zum Smallball entgegengesetzten Stil mag Rodrigo Pastore eher Trendbrecher sein – aber vielleicht wird er damit ja auch zum Trendsetter.


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