Die Basketballhauptstadt Nordamerikas ist … Toronto

Toronto ist in den letzten Jahren zu einer der Top-Talentschmieden und Basketballstädte Nordamerikas herangewachsen. Wie kam es dazu? basketball.de hat sich auf die Suche begeben und mit Torontos Basketballpaten gesprochen.

Plötzlich waren die Dinos wieder da. Nach einem unorthodoxen Playoff-Run krönten die Toronto Raptors ihre Saison 2018/19 mit dem NBA Titel. Wenngleich im Team um Superstar Kawhi Leonard viele internationale Leistungsträger standen, befand sich kein einziger Kanadier im Raptors-Kader. Dennoch wurde die Passion der Stadt Toronto für den Basketballsport deutlich. Zehntausende beim Public Viewing im Jurassic-Park und Millionen von Zuschauern bei der Meisterfeier verdeutlichen den Stellenwert des Basketballs im Bundesstaat Ontario.

In einem Land, in dem Eishockey regiert, ist eine Stadt, oder eher eine ganze Region verrückt nach Basketball. Wie kam es zu dieser Euphorie? Weshalb ist der Staat Ontario, mit Toronto als Mega-Stadt, mittlerweile eine der größten Talentschmieden Nordamerikas?

Teil I: The Foundation

„Been flowing stupid
since Vince Carter was on some through the legs, arm in the hoops shit.“

(Drake: Weston Road Flows)

Nein, dieser Artikel thematisiert nicht so sehr die Entwicklung der Toronto Raptors, als vielmehr die Entwicklung der Basketballkultur in Toronto. Aber natürlich spielen die Raptors dabei eine Rolle. Allen voran Vince Carter. Air Canada. Vinsanity. Carter brachte den Basketballstandort Toronto als erster Mega-Star wirklich „auf die Landkarte“. Basketball gab es aber lange vor Carter, lange vor den Raptors, ja bevor es Basketball eigentlich wirklich gab, war der Sport in der kanadischen DNA verwurzelt.

Vor beinahe einem Jahrhundert wuchs Basketball in Kanada langsam heran. Schließlich wurde Basketball von einem Kanadier erfunden. Zudem sollten zehn Teilnehmer des ersten Basketballspiels aller Zeiten Kanadier gewesen sein. Wenngleich das erste offizielle Basketballspiel in Massachusetts, USA, stattfand, war es irgendwie immer mit Kanada verbunden.

Nachdem das erste NBA-Team aus Toronto, die Huskies, nur eine Saison überlebte (1946/47), betraten die Raptors knapp hundert Jahre nach Einführung des Spiels die Bühne. 1995/96 wurden die Raptors geboren. Neben Damon „Mighty Mouse“ Stoudemire als Starspieler sollten bei dem gemeinen Basketballfan bei den Namen Oliver Miller oder Doug Christie zudem die Glocken läuten. Kanadier im Dino-Trikot? Nope, Fehlanzeige.

„We sort of fall into the stereotype of Canada. A lot of snow, a lot of hockey. Not a lot of parents put their kids into basketball at the young age.“

Aubrey „Drake“ Graham

Bevor die Raptors zusammen mit dem anderen kanadischen Team, den Vancouver Grizzlies, die NBA-Bühne betraten, war der Basketball ein krasser Randsport in Kanada. Hockey war schließlich Nationalsport. Hockeygrößen wie Sidney Crosby und Wayne Gretzky sind Kanadas Beckenbauer und Müller. Sportliche Nationalhelden, die man in Kanada einfach kennen muss. Basketball fand vor allem bei den Migranten Anklang.

Dabei ist fast die halbe Population Torontos im Ausland geboren. Damit ist Toronto nach Miami prozentual die Stadt mit den zweitmeisten im Ausland geborenen Einwohnern weltweit. Im Gegensatz zu Miami (starke Migrationsbewegungen aus Kuba und Lateinamerika) hat Toronto keine dominierende Kultur oder Nationalität, was es auch zu einer der vielfältigsten Städte der Welt macht. 49 Prozent der Stadtbevölkerung gehörten Stand 2017 einer sichtbaren Minderheitengruppe an (gegenüber 14% im Jahr 1981). Mittlerweile sollten die Minderheitengruppen die Mehrheit bilden.

Trotz dieser Entwicklung und der Popularität des Basketballsports bei den Migrantengruppen, kämpft Basketball, auch in Toronto, um Aufmerksamkeit. Diverse Umfragen lassen Basketball dabei nicht einmal auf den zweiten Platz kommen. Nach Hockey finden sich häufig andere Sportarten zuerst genannt: Lacrosse, Fußball, Football, Baseball, Golf und Curling. Basketball hat dabei keine Chance auf einen Platz auf dem Podest.

Das liegt auch an einem Mangel an Aushängeschildern. Der erste wirkliche kanadische Starspieler war Jamaal Magloire: späterer All-Star-Center, jahrelanger NBA-Spieler und mittlerweile Teil des Training-Staffs der Raptors. Magloire steht damit sinnbildlich für die Verwurzelung und den Stolz Torontos mit dem Basketballsport.

Außer Magloire durften zwar einige Kanadier NBA-Jerseys tragen, außer Rick Fox, der den Großteil seines Lebens außerhalb seiner Geburtsstadt Toronto verbrachte, waren die Spielanteile der Kanadier eher gering (Steve Nash, gebürtiger Südafrikaner, hatte während seiner Karriere eine ambivalente Beziehung zu Kanada). Magloire war es eben auch, der als einer der ersten Kanadier den Großteil seiner basketballerischen Grundausbildung in Kanada genoss.

So explodierte der Damm erst mit zwei heute sehr bekannten Namen: Tristan Thompson und Cory Joseph. Beide aus Toronto. Beide im letzten High-School-Jahr in den USA. Beide bei den Texas Longhorns. Beide Erstrunden-Pick im 2011er Draft. Und eine intensive Recherche bringt eine weitere Gemeinsamkeit hervor: Ro Russell.

Noch nie von Ro Russell gehört? Kein Wunder. Torontos Basketballpate steht nicht häufig in der Öffentlichkeit. Um den Aufstieg von Toronto als Mega-Talentschmiede zu erläutern, kommt man um die Personalie Ro Russell aber nicht umher.

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Ro Russell: The Godfather of Toronto Basketball

Tell the ‚God of opportunity‘ for us 80’s babys, I said whats up!“ (Justin Dennis)

Während ich für diesen Artikel recherchierte, sprach ich viel mit meinem kanadischen Mitspieler Justin Dennis. Justin, in Toronto als Kind jamaikanischer Eltern geboren und aufgewachsen, ist eines dieser Talente aus der ersten Welle, das nach vier Jahren in der NCAA sein Glück in Europa sucht. Als aktiver Spieler legt Justin einen weiteren Fokus mittlerweile auf das Individualtraining und vermittelte mich mit Ro Russell – dem Basketballpaten Torontos. Ich konnte ihn für ein ausgiebiges Exklusivgespräch gewinnen, was sehr viel Aufschluss über die Basketballgeschichte Torontos gibt.

Ro Russell hat sich seinen Namen gemacht: vom gefühlt einzig schwarzen Hockeyspieler in Toronto bis in den Green Room im Barclays Center der Nets zum Draft, als Mentor am Tisch von Tristan Thompson. Das ganze Interview mit Russell ist hier zu hören:

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In seiner Jugendzeit war Hockey Russells Sportart – in den Siebzigern. Trotz sportlicher Erfolge erntete er nur wenig Anerkennung, wohl weil er als Schwarzer in einer von Weißen dominierten Sportart nie richtig Fuß fassen konnte. Nach ein paar Jahren probierte sich Russell dann an einer damals in Toronto eher unbekannten Sportart: dem Basketball.

Für die Stadt von Toronto ein absoluter Glücksgriff. In allen Basketballvereinen gibt es diesen einen Menschen oder diese eine Familie, ohne die der Verein nicht da wäre, wo er jetzt ist. Sei es durch aktives Coaching oder ehrenamtliches Engagement. Russell war und ist so etwas für den Basketball – nur eben auf größerer Ebene in Toronto.

„I always had the fascination for basketball. But because I was older I had to train and develop my game to catch up to the players that started when they were younger, so that was where my training mentality came from. And then I also started training other players at the age of 13 and became a coach being 15 years old.“

Ro Russell

Ein Mentor von Russell war dabei David Joseph. Ein talentierter Basketballspieler, der es nicht in die NBA schaffte, weil ihm (laut Russell) die „Exposure“ – das zur Schau stellen in der Öffentlichkeit – fehlte. David nahm Ro also unter seine Fittiche und stellte unbewusst direkt die Verbindung zwischen einem der zwei „Türöffner“ und Ro Russell her. Davids jüngster Sohn hört auf den Vornamen Cory – mittlerweile im neunten NBA-Jahr im Dienst der Sacramento Kings.

Neben David Joseph nennt Russell zudem Rowan Barrett als einflussreichen Pionier. Nachname bekannt? Kein Wunder, Sohn RJ spielt mittlerweile für die Knicks.

Rowan lief vier Jahre für die renommierte St. John’s Universität auf. Mittlerweile ist er der Teammanager des kanadischen Nationalteams. Sohn RJ ist derweil der dritte kanadische Top-drei-Pick der vergangenen sieben Draft-Klassen.

RJ Barrett, zu College-Zeiten mit Duke-Teammate Zion Williamson.

So sehr die mangelnde „Exposure“ über Jahre das Potential Kanadas als Talentschmiede schmälerte, wurde sie später zum Hauptgrund für Torontos Erfolg. Zuerst schenkte die amerikanische Medienwelt den kanadischen Talenten wenig Aufmerksamkeit. Justin Dennis und Ro Russell nennen beide sofort den Namen Denham Brown, der wohl einer der talentiertesten Kanadier, aber schlicht zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort war und es somit nie wirklich in die NBA schaffte. Erst mit Tristan Thompson und Cory Joseph rückte die Basketballstadt Toronto in den Fokus der amerikanischen Medienwelt.

Was war bei Joseph und Thompson anders als bei den vorherigen Talenten?
Die beiden waren gemeinsam erfolgreich. In den USA. 2009 und 2010 waren ihre Findlay Prep Pilots das beste High-School Team in den Staaten. 2010 mit Joseph und Thompson als unangefochtene Nummer eins und zwei in der Mannschaft. Im selben Jahr waren beide in der Top-20 der besten 100 High-School-Talente in den USA aufgeführt.

Dass beide zu Findlay kamen, war dabei kein Zufall. Die damals relativ neu gegründete Prep School hatte als akademische Kooperationsschule die Henderson International School. Denn für Nicht-Amerikaner ist es tatsächlich viel einfacher an einer Internationalen Schule eingeschrieben zu sein, aber gleichzeitig am US-amerikanischen High-School-Basketball-Programm teilzunehmen.

„The fact [Cory Joseph] could play right away, they had the visa process organized, plus they had a national schedule against the top teams [that] made it easier to go there. He was the best in Canada as a sophomore and needed more competition [and] exposure for development and opportunities. I recommended him [to] go there for his best interest.”

Ro Russell über Cory Joseph und die Findlay Prep

Wenn dieses Programm gleichzeitig überaus erfolgreich ist und zwei internationale Kids die Erfolgsgaranten sind, weckt dies natürlich die Neugierde der Medienwelt, was „da oben“ in Kanada passiert. Mit den Medien kommt die Popularität. Die „Exposure“. Die Scouts.

Bevor all dies passierte, arbeitete Ro Russell an geeigneten Strukturen, um kanadische Talente auf die NBA vorzubereiten – mit dem Ziel, diese bis zu ihrem Senior-Jahr in Kanada zu behalten.

„In 2002 I started the first program in Canada called Preps Academy. It was probably ten years too early, because it was the only one in Canada. We had nobody to play against. So we always had to go to the USA to play against other prep schools.“

Ro Russell

Fast alle Talente, die zusammen mit Thompson und Joseph Teil der ersten „neuen Welle“-Bewegung in die NBA waren, wurden zu irgendeinem Punkt in ihrer Karriere von Russell trainiert, dem Gründungsvater des Basketballs in Toronto.

Nach dem Erfolg im Draft 2011 wurde der Sport immer populärer. Mehr und mehr Prep Schools, Basketball-spezialisierte Sportschulen [1] , wurden gegründet. 2015 – nachdem Andrew Wiggins und Anthony Bennett in zwei aufeinanderfolgenden Drafts an erster Stelle gezogen wurden – kam ein erneutes Hoch, was dazu führte, dass immer mehr Kanadier auch in Kanada blieben: wie beispielsweise Jamal Murray, der bis zu seinem Transfer nach Kentucky in Ontario blieb und für Show-Case Events wie den Nike Hoop Summit in die USA reiste.

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Jamal Murray verbrachte seine gesamte High-School-Zeit in Kanada.

Russell betont dabei die Wichtigkeit der geographischen Lage: Toronto ist so eine große Basketball-Fabrik, weil die Stadt dicht an den USA liegt. Kurze Fahrwege nach Detroit, Buffalo und Chicago machen es kanadischen Talenten leicht, in Kanada zur Schule zu gehen, aber gegen einige der besten US-Talente zu spielen. Zudem betont Russell, dass College-Coaches und NBA-Scouts nicht nur einen kürzeren Weg sowie ähnliche Zeitzonen in Toronto haben – der kanadische Basketball ist gleichzeitig sehr amerikanisiert, was sich auch auf den Spielstil abfärbt. Viel Transition und somit Fastbreaks, hohes Tempo: Es ist für Coaches einfacher, Kanadier zu rekrutieren, die wissen, wie der Ball laufen soll.

Auch die kanadische AAU-Szene [2] um Russells Grassroots-Basketball (zu dessen Alumni Wiggins, Thompson, Joseph, Dwight Powell, Nik Stauskas oder Andrew Nicholson gehören) und das Nike-Äquivalent CIA Bounce (mit Wiggins, Xavier Rathan-Mayes, Bennett, Tyler Ennis) explodierte in den letzten Jahren immer mehr. Toronto ist angekommen und momentan laut Russell nach der DMW-Gegend (Washington DC, Maryland, Virginia) und der Metropolregion um Los Angeles die drittgrößte Talentschmiede Nordamerikas. Ein Understatement, wie ein Blick auf die Zahlen zeigt:

Seit 2010 führt ESPN in der Top-100-Liste der besten High-School-Athleten mindestens drei Kanadier in jedem Jahrgang auf – fast ausschließlich aus Ontario und der Metropolregion Toronto. Mit dieser konstanten Talentschmiederei kommen in den USA seit 2010 nur die Metropolregionen um Chicago und Los Angeles mit. Einzig die Region um L.A. stellt aktuell mehr NBA-Spieler als Toronto. Last but not least: Seit 2010 schnupperten 28 Kanadier NBA-Luft. Das sind mehr „Internationals“ als die meisten anderen Länder in ihrer Geschichte aufweisen (Ausnahme: Frankreich (32) und Serbien (31)).

Um das Kapitel Ro Russell vorerst zu schließen: ein Zitat, um seine Bedeutung für den kanadischen Basketball herauszustellen.

„On September 7th, our Basketball Coordinator and the Head Basketball Coach of our successful Elite Senior team, Ro Russell, was awarded the Vigor Awards Lifetime Achievement Award over 25 other nominees. In his 35 years of coaching he has had 406 players move onto NCAA D1, 102 players move onto Canadian USports schools, 13 players move onto the NBA, and over 1000 wins in his career.  Let’s celebrate this prestigious achievement with him and congratulate him when you see him!“

Crestwood Preparatory College

Teil II: Der Carter-Effekt

„When we actually expanded to Vancouver and to Toronto, the parents are going to be fans of hockey. But over time the kids, who are going to be the next generation of parents, will be basketball fans.“ (David Stern)

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2002 gründete Ro Russell seine ersten Basketball-Programme in Toronto. Sozusagen zum Höhepunkt dessen, was man in Toronto allgemein als „The Carter Effect“ versteht. Die gleichnamige Dokumentation von Uninterrupted skizziert sehr anschaulich, wie Vince Carter die Basketballlandschaft Torontos nachhaltig prägte. Doch der Anfang war nicht leicht.

Ein Jahr vor Vince Carter wurde Tracy McGrady direkt aus der High-School von den Raptors ins Team geholt. Doch McGrady wurde in seinen ersten Jahren dem Hype nicht gerecht. Mit 18 Jahren als Jugendlicher (in Kanada feiert man mit dem 19. Geburtstag die Volljährigkeit) in einem fremden Land, in einem Team, welches nicht funktionierte. Ohne Veteranen, die den Weg weisen. T-Mac, geboren und aufgewachsen in Florida, kam mit der Kälte Torontos nicht gut zurecht. Das änderte sich ein Jahr später.

Mit dem vierten Pick des 1998er Drafts sicherten sich die Toronto Raptors die Rechte an Antawn Jamison. Direkt im Anschluss zogen die Golden State Warriors Vince Carter und tauschten diesen für Jamison und Geld nach Toronto. Die Warriors wollten Jamison unbedingt haben und zugleich verhindern, dass die Raptors Tauschgeschäfte mit den Milwaukee Bucks eingehen. So kam der Deal zustande, der wie kaum etwas anderes Torontos Geschichte prägte.

Eine weitere wichtige Verpflichtung war die von Charles Oakley, der Carter und McGrady unter seine Fittiche nahm. „Oak“ hatte als Teammitglied der „Jordan Bulls“ schließlich Erfahrung im Zusammenspiel mit talentiert-athletischen Flügelspielern. So hatten die beiden Lottery-Picks nicht nur einen Mentor, sondern auch ein Familienmitglied im Team – denn wie sich erst kurz vorher herausstellte, waren Carter und McGrady Cousins.

„When Tracy became a Raptor, we didn’t know we were cousins. Over the summer, we had an open gym. And they were ready to go next weekend and Tracy said he wasn’t able to get there because of a family reunion. Tracy mentioned somebody’s name, I think it was his grandmas Roberta. And I remember my mother talking about a Roberta at a reunion. We were cousins.“

Michelle Carter-Scott

Toronto brauchte einen Star-Spieler, der nicht nur auf dem Court ablieferte, sondern gleichzeitig für Highlights sorgte. Und auch aus Vince Carters Perspektive war die Station in Toronto ein passendes Match. Familiäre Nähe und eine Franchise, die nach den ersten Gehversuchen endlich bereit war zu laufen. Carter lieferte beides: 18,3 Punkte, 5,7 Rebounds und 3,0 Assists pro Spiel in seinem ersten Jahr und Highlights von einem anderen Stern.

Vor YouTube und dem Durchbruch des Internets dominierte „Air Canada“ das Highlight-Medium der damaligen Zeit: Sportscenter. Nach jedem Spiel fragten sich Basketballfans, Spieler und Coaches, wen Carter zuletzt aufs Poster gebracht hatte, welchen Dunk er im Breakaway brachte. „Vinsanity“ war geboren (und gleichzeitig der Name des ersten Puma-Schuhs – der erste Top-Seller, den Puma bis dato hatte).

Obwohl Toronto zum Ende der Saison die Playoffs verpasste und der sportliche Erfolg viele Abende ausblieb, war Vince zumindest angekommen.

Der Dunk-Contest

„Everyone was just pounding on their chest and said: That’s us. That’s us.“ (Drake)

Im Jahr 2000 war es dann soweit: Nach einigen Jahren Pause war der Dunk-Contest wieder im Programm des All-Star Weekends. Keiner war vor dem Contest wohl so heiß auf die Veranstaltung wie „Vinsanity“. Er studierte Dunks, übte stundenlang und überredete sogar seinen Cousin Tracy McGrady, am Wettbewerb teilzunehmen. T-Mac tat Vince den Gefallen, obgleich in dem Glauben, gegen seinen älteren Cousin keine Chance zu haben.

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Recht sollte er behalten. Vince Carter sammelte 299 von 300 möglichen Punkten. Er brachte nicht nur den Dunk-Contest wieder zurück, sondern löste eine irre Faszination der Menschen in Toronto für den Basketball und die Kultur um den orangefarbenen Ball aus. Sneaker-Summits waren vor Vince kaum besucht. Jordan-Sneaker gingen mit 70 Prozent Rabatt über die Ladentheke. Bis „Vinsanity“ kam. Plötzlich standen die Menschen zu Hunderten vor den Sneaker-Läden an, um die ersten Nike-Signature-Schuhe von Carter zu ergattern.

„Man, everything’s just seeming so bright
I got my game face on, ready to give back, pronto
Give back to the fans, give back to Toronto.“

(Vince Carter Nike Commercial)

Vince Carter wollte der Stadt dabei nicht nur den sportlichen, sondern auch den kommerziellen Erfolg bringen. Er engagierte sich in der Party-Szene, wurde Teilinhaber von Nachtclubs, er führte sogar den Bottle-Service in Kanada ein – ging damit vor Gericht und setzte sich durch. Basketballplätze wurden in der ganzen Stadt gebaut, überall war seine Präsenz zu spüren. Und spätestens seit dem ersten Spiel der Raptors, welches in den ganzen USA ausgestrahlt wurde, wussten auch die US-amerikanischen Fans: Die Raptors um „Half Man, Half Amazing“ können nicht nur Highlights, sondern auch Basketball spielen.

Knapp zwei Wochen nach dem legendären Auftritt in Oakland beim Slam Dunk Contest waren die Phoenix Suns zu Gast in Toronto. NBC übertrug in ganz Amerika, und Carter legte 51 Punkte auf. Toronto war in der amerikanischen Basketballlandschaft angekommen.

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In den Playoffs endete der Hype-Train jedoch. In der ersten Runde sweepten die Knicks die Raptors. Und der erste „Media Turmoil“ nahm seinen Lauf. Tracy McGrady verließ die Raptors. Er wollte nicht mehr zweiter Scorer hinter Carter sein und wechselte zurück in die Heimat nach Orlando. Das Narrativ der Medien war ein anderes. Es war der erste Knacks, seitdem „Vinsanity“ in Toronto seine Zelte aufschlug.

Im folgenden Jahr schafften es die Raptors über die erste Runde hinaus. Nach einem Serienrückstand von 1-2 war es Carter, der seinen Dinos gegen die Knicks in zwei aufeinanderfolgenden Spielen das Weiterkommen sicherte. In der zweiten Runde standen die späteren Finalisten, die Philadelphia 76ers um Megastar Allen Iverson auf dem Programm. Nach sechs knappen Partien inklusive 50-Punkte-Spiel von Carter und 52 Zählern von Iverson stand die siebte Begegnung an.

Der UNC-Vorfall

Vor dem alles entscheidenden Spiel hatte Carter wichtige Überschneidungen im Terminplan. Seine Alma Mater, die University of North Carolina, hatte am selben Vormittag des siebten Spiels Carters Graduiertenfeier. Der Mega-Star, dem eine starke Verbundenheit mit den Tar Heels aus North Carolina nachgesagt wird, flog mit dem Privatjet des Teambesitzers zur Feier und im Anschluss direkt weiter nach Philly. Er traf mit reichlich Zeit vor Spielbeginn ein. Wieder spielten die Medien verrückt.

Diverse Reporter berichteten von Unmut in der Raptors-Kabine: Mitspieler zauderten mit Carters Prioritätenliste. Als Leader müsse er sich voll und ganz auf das Spiel konzentrieren. Am Ende verlor Toronto mit einem Punkt. Carter hatte den Sieg in der Hand, aber verfehlte den letzten Wurf. Auf die Frage, ob er seinen Besuch in Chapel Hill bereute, erwiderte er nur: „Das einzige, was ich bereue, ist diesen Wurf nicht getroffen zu haben.“ Es sollte dennoch Carters letzter Playoff-Auftritt mit den Raptors sein.

Zwar verlängerte er im Anschluss um sechs Jahre, engagierte sich im Sommer weiter für die Stadt und sorgte sogar dafür, dass Benefizspiele ausverkauft waren, doch irgendwie war die Stimmung eine andere.

Ein neues Managerteam wollte neue Akzente setzen und sprach sich scheinbar nicht gut mit Carter ab. Dieser laborierte an Verletzungen und fiel durch patzige Aussagen in der Öffentlichkeit eher negativ auf.

„A turning point usually happens when a team is trying to figure out whether they want to trade you or not. For public consumption what ends up happening is, they start to sully your name. They start to leak things that may or not be true […] that makes people say, ,Oh, then they should get rid of him. He doesn’t really want to be here‘.“

Jalen Rose

Die Trennung von Carter und Toronto war eine wahre Seifenoper. Nach wie vor scheiden sich die Geister an dieser Episode der Karriere von Vince Carter. Provozierte er in der Öffentlichkeit einen Transfer, oder wurde es von den Medien so inszeniert? War „Air Canada“ wirklich verletzt? Hing er sich richtig rein? Und die wichtigste Frage: Wer ließ wen zuerst im Stich? War es Carter, der die Stadt hängen ließ, oder ließ Toronto Carter vorher fallen?

Der „Carter Effect“ war zu diesem Zeitpunkt lange abgeklungen. Misserfolge und mangelnder Einsatz ihres Leaders führten zu einer Distanzierung der Fans aus Toronto mit Carter. Wenngleich dieser nach wie vor die meisten Stimmen für die All-Stars-Teams sammelte (vor Iverson, Bryant, O’Neal und Jordan), die Ehe mit den Raptors musste geschieden werden.

Als Gegenwert für den Spieler, der die Sportlandschaft in Toronto wie niemand anderes geprägt hatte, erhielten die Raptors einen nierenerkrankten Alonzo Mourning und zwei späte Draft-Picks in der ersten Runde.

In den kommenden Jahren wurde Carter bei jeder Rückkehr nach Toronto konsequent und vehement ausgepfiffen. Bis 2018, der ersten vermeintlich letzten Saison. Zeit heilt auch die tiefsten Wunden, und so haben die Fans in Toronto und „Air Canada“ letztendlich Frieden geschlossen.

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Teil III: Was die Zukunft bringt

„The schools that recruited me back then, they see Canada as a gateway to talent, that is untapped. Everybody is fighting for the top players in the USA, while there are as many good players up here.“ (Jamaal Magloire)

2019 wurden sechs Kanadier im NBA Draft gezogen. Mittlerweile spielen 22 Kanadier aktiv in der NBA. Bestimmt genauso viele stehen kurz davor, ebenfalls den nächsten Schritt zu machen. Wie Russell betont, sprießen Basketballprogramme in Ontario aus dem Boden, und auch international stehen die Kanadier mittlerweile vor einem Luxusproblem.

Wenn alle NBA-Spieler am Start sind, müssen sich Rowan Barrett und Nick Nurse (als Nationaltrainer der Kanadier) tatsächlich Gedanken darum machen, welche Top-Stars sie zu internationalen Turnieren mitnehmen wollen. Und das in einem Land, in dem Hockey eigentlich ja Nationalsport ist. In dem Basketball vor allem in Ontario gespielt wird – mit Toronto als Fixpunkt und Talentschmiede, die in der Quantität und Qualität weltweit seinesgleichen sucht. Russell betont, dass in Zukunft immer mehr Kids an US-amerikanische Unis gehen würden.

Das gleiche gelte übrigens auch für Frauen. Er hofft, dass auch die WNBA in Zukunft nach Toronto expandiert. Masaj Ujiri („a honorable Canadian“, wie Ro Russell sagt) schafft in Toronto eine nachhaltige Basketballkultur, von der hoffentlich auch die Frauen profitieren.

Mit seiner bescheidenen Art hofft Russell zudem, dass Kanada es schaffen wird, in Zukunft eine Medaille bei den Olympischen Spielen zu holen. Dabei schaffte es bereits ein kanadisches U19-Talent, sich 2017 gegen die USA bei einer Weltmeisterschaft durchzusetzen. Mit 38 Punkten schlug RJ Barrett ein talentiertes Team USA um Cam Reddish, Josh Okogie, Kevin Huerter und viele weiterer Toptalente.

Barrett war es auch, der nach Andrew Wiggins als nordamerikanischer Top-High-School-Spieler galt. Und der nächste Spieler steht in der nordamerikanischen Pipeline:

Elijah Fischer schnürt für die Crestwood Academy die Schuhe. Fischer, das größte Basketballtalent der Klasse 2023 – weltweit –, das ist der Konsens vieler Talentbeobachter im Jahr 2020. Der 15-Jährige soll noch mehr Potential haben als sogar Andrew Wiggins, welcher zu High-School-Zeiten als „Next LeBron“ gehypt wurde.

Dabei muss Fischer nicht mehr regelmäßig in die USA reisen, um sein Talent zu zeigen. Er hat genug „Exposure“ in Kanada und möchte es Jamal Murray gleichtun. Und wer weiß, vielleicht gibt es bis 2023 auch die erste NCAA-Mannschaft in Kanada. Fischer ist ein weiteres Paradebeispiel für die herausragende Jugendarbeit Torontos. Sein Basketball-Coach? Ro Russell.


  1. [1] Prep Schools wollen in den USA ihre SchülerInnen explizit auf das College vorbereiten. Dabei gibt es viele Sportprogramme, die sich auf die Fahnen schreiben, ihre Talente mit Sportstipendien zu versorgen.
    Berühmtester Name ist dabei wohl die Oak Hill Academy (Virginia), die unter anderem von Carmelo Anthony, Kevin Durant, Rajon Rondo, Brandon Jennings, Ty Lawson, Josh Smith und Jerry Stackhouse besucht wurde. Neben Findlay (Tristan Thompson, Cory Joseph, Avery Bradley, Anthony Bennet, PJ Washington) ist auch Floridas Montverde Academy (Ben Simmons, Joel Embiid, RJ Barrett) in den letzten Jahren überaus erfolgreich.
  2. [2] AAU: Die Amateur Athletic Union möchte Sporttalenten in Nordamerika eine Bühne geben, um sich zu präsentieren. Das sieht für den High-School-Sport dann so aus: Die drei großen Sportartikelhersteller (Under Armour, Nike, Adidas) sponsern eigene Sportligen. In den Ligen spielen meist Vereine aus Städten oder Metropolregionen gegeneinander. Dabei vereinen die Vereine meist die besten Talente der Stadt in ihrem Team, das deutsche Äquivalent wäre das Bezirks- bis Landeskadertraining. Der EYBL Circut (Nike) tourt beispielsweise mit den verschiedenen Teams über die Sommerferien durch die ganze USA. In verschiedenen Städten werden Turniere gespielt, in South Carolina, zur Peach Jam, dann das große Abschlussturnier. Bei allen Turnieren sind nicht nur NBA-Scouts, sondern vor allem College-Coaches anwesend, die die kommenden High-School-Seniors beobachten.