Seiten aus dem Playbook: HAKRO Merlins Crailsheim unter Tuomas Iisalo

Der vielleicht schönste Offensivbasketball der BBL-Saison 2019/20 war in Crailsheim zu finden. Ein Blick in das Playbook von Merlins-Cheftrainer Tuomas Iisalo offenbart Ballbewegung als Poesie auf dem Parkett.

Running circles (around somebody). Dieses US-amerikanische Sprichwort beschreibt die Saison der HAKRO Merlins Crailsheim in der BBL-Saison 2019/20 ganz treffend. Dem Team von Head Coach Tuomas Iisalo gelang es nämlich, locker einige Konkurrenten zu übertreffen: Der dritte Tabellenplatz vor der Zwangspause war Ausdruck dessen. Und die Merlins liefen auch wortwörtlich im Kreis – und ihren Gegnern davon:

Vom Fast-Absteiger 2019 zum Tabellendritten 2020, mit Siegen über Ulm, Bamberg und zuletzt Berlin als Beispiele der Cinderella-Story: Tuomas Iisalo hatte sich beste Chancen auf die Auszeichnung zum Head Coach des Jahres machen dürfen. Lässt sich die Arbeit eines Trainers jedoch nur schwer bewerten – weil ein Außenstehender nicht sieht, wie die Arbeit im Training oder die Kommunikation zwischen Coach und Spielern abläuft –, so lässt sich zumindest der Basketball auf dem Parkett etwas einfacher evaluieren. Gäbe es also einen Award „Playbook des Jahres“, dürfte man Tuomas Iisalo – zusammen mit seinem Bruder und Assistant Coach Joonas Iisalo – diese Auszeichnung überreichen.

Dieser Artikel will dies mit einem Blick in das Playbook des Finnen erklären. Es werden vier Spielzüge bzw. Hauptelemente mit unterschiedlichen Ausstiegen analysiert und zwei Markenzeichen der Crailsheimer Offensive – Skip-Pässe und Ballbewegung – illustriert, veranschaulicht durch insgesamt fünfeinhalb Minuten Videobeispiele.

Play: Pin-Down Seite (1)

Die Aktion zu Beginn im Heimspiel gegen Brose Bamberg ist Teil eines Spielzugs, der mehrere Ausstiege beinhaltet. Der Flügelspieler, der zum Einsteig an der Seite einen Pin-Down nutzt (gegen Bamberg ist dies Jeremy Morgan), den Ball erhält und diesen direkt wieder zum Aufbauspieler zurückpasst, kann – wie gegen Bamberg – einmal um 360 Grad durchlaufen. Auf dem Weg dorthin nutzt Morgan zwei ballferne Blöcke.

Im nächsten Video sind drei weitere Aktionen aufgeführt. Gegen Oldenburg kommt Morgan per Alley-Oop-Anspiel direkt am Ring zum Abschluss – nachdem er am Flügel einen ballfernen Block von Center Dejan Kovacevic erhalten hat.

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Was hierbei auffällt: Es steht keine Oldenburger Help-Defense bereit. So schneidet der zweite Crailsheimer Flügelspieler – gegen Oldenburg Javontae Hawkins – die entgegengesetzte Richtung die Baseline entlang und nimmt seinen Gegenspieler mit – und damit einen potentiellen Help-Verteidiger. Auf der entstehenden Weakside könnte Hawkins einen Pin-Down von Power Forward Quincy Ford erhalten – womit Fords Verteidiger Nathan Boothe jene Aktion verteidigen muss und somit ebenfalls nicht aushelfen kann.

Gegen den MBC – aus einem Einwurfspielzug – läuft Morgan nach dem ballfernen Block von Kovacevic nicht Richtung Korb durch, sondern stoppt ab und kommt dank eines weiteren Blocks bzw. Wurfschirms des Centers zum Dreier.

Auch gegen Berlin agiert Morgan auf diese Weise. Der Flügelspieler erhält erneut den Ball, passt dann aber auf seinen Blocksteller Aaron Jones, welcher auf Fabian Bleck für den Layup durchsteckt.

Play: Pin-Down Seite (2)

Nicht immer steht der Flügelspieler, der zu Beginn des Plays an der Seite den Ball erhalten hat, im Fokus. Das nachstehende Video zeigt vier Aktionen, in denen der Center zum Pick-and-Roll mit dem Aufbauspieler kommt. In den letzten drei Aktionen sind Aaron Jones bzw. Fabian Bleck dabei auch anders positioniert (nicht am ballfernen Flügel, sondern auf der Strongside, wenn auch tiefer) als in den bisherigen Aktionen.

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Hier zeigt sich die ausgezeichnete Crailsheimer Bewegung ballabseits: Sebastian Herrera, als Flügelspieler in der ballfernen Ecke gestartet, schneidet jedes Mal die Grundlinie entlang, um als Passempfänger des slippenden Big Man zu dienen.

„Das Off-Ball-Movement macht eine gute Offensive aus. Ebenso, im Flow der Offensive zu bleiben und nicht zu relaxen, was typisch ist“, erklärt Iisalo im Podcast von Chris Oliver seine Philosophie. So harrt Herrera nicht einfach in der Ecke aus, sondern bringt sich durch seinen Baseline-Cut aktiv in die Offensive ein.

Play: „52“

Ein Ausstieg nach einem Cut durch die Zone und anschließendem Pin-Down ist auch in folgendem Spielzug enthalten. In der ersten Aktion gegen die Hamburg Towers bewegt sich Jeremy Morgan erst auf Fabian Bleck zu, der an der Birne den Ball erhalten hat – um dann aber durch die Zone zu schneiden. Bleck gibt per Hand-Off auf DeWayne Russell ab, der von Bleck und dahinter Sebastian Herrera einen Staggered-Pin-Down gestellt bekommt. Russell dribbelt zur Mitte und bedient auf der anderen Seite Morgan für den Dreier.

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Folgende Aktion gegen Hamburg beinhaltet den gleichen Einstieg, verläuft dann aber ganz anders. Was, oder vielmehr wer hierbei heraussticht: Fabian Bleck. Der Merlins-Forward stellt gleich vier Blöcke! Vor allem das Ende des Plays illustriert Bleck als unterschätzten Offensivspieler: Aus dem Cross-Screen für Jan Span wird durch eine 180-Grad-Drehung ein Ball-Screen für Sebastian Herrera – welcher den slippenden Bleck für den Layup bedient.

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Bleck dürfte einer der meistunterschätzten Spieler der diesjährigen BBL-Saison sein. Der 2,00-Meter-Mann ist unter Iisalo immer wieder auch als Smallball-Fünfer aufgelaufen, wie auch in jener Aktion gegen Hamburg. Hierbei besticht Bleck als schneller Abroller, der das Auge für die Baseline-Cutter oder die Schützen auf der Weakside hat. In Bremerhaven lief Bleck noch häufig auf der Drei auf – und zeigte in potentiellen Mismatches ein solides Post-Game. Bleck kann im Grunde alle drei Positionen im Frontcourt besetzen. Seine 4,1 Rebounds, 2,0 Assists sowie 0,5 Blocks pro Spiel sowie eine Quote von 52,1 Prozent aus dem Feld sind allesamt BBL-Karrierebestwerte.

Play: zwei Pin-Downs

Dass ein Big Man einen Spielzug einleitet, in dem er am Flügel oder der Birne den Ball erhält, sieht man auch in folgendem Play. Beide Male gibt Fabian Bleck den Ball danach zum Aufbauspieler zurück und kreuzt mit seinem Big-Man-Partner die Seiten – um jeweils einen Pin-Down für die beiden Flügelspieler zu stellen.

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Play: Iverson-Cut (1)

Ein Element, das man sehr häufig in Crailsheimer Spielzügen findet, ist der sogenannte Iverson-Cut. Dabei schneidet ein Offensivspieler über die Freiwurflinie vom einen zum anderen Flügel und nutzt dabei mindestens einen, meist zwei Cross-Screens.

In einem ersten Ausstieg tritt jener Flügelspieler nach Ballerhalt an und attackiert in Richtung Zone. In allen drei Aktionen des folgenden Videos wird danach der zweite Blocksteller beim Iverson-Cut bedient: DeWayne Russell zwei-, Jeremy Morgan einmal setzen so ihre Big Men in Szene.

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Seine Schnelligkeit spielt in diesem Play Russell aus: Der Point Guard, der zuletzt zum eindeutigen Go-to-Guy avanciert ist (siehe Artikel unten), kann also auch ballabseits eingesetzt werden. Im zuvor erwähnten Podcast mit Chris Oliver erklärt Iisalo bezüglich der Rollen, die er seinen Spielern zuschreibt: „Ich sehe in jemanden einen Spieler, der Vorteile kreiert, oder einen Spieler, der Vorteile nutzt, die andere kreiert haben.“ Russell kreiert hier einen Vorteil, die Big Men wie Jones oder Bleck nutzen diese herausgespielte Vorteile aus.

Play: Iverson-Cut (2)

Laufen die Merlins jenen Spielzug durch, folgt der erste Blocksteller beim Iverson-Cut dem Flügelspieler und stellt ihm an der Seite einen Ball-Screen. Das Merlins-Markenzeichen der Ballbewegung steigert sich in den drei Aktionen des folgenden Videos immer weiter:

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Play: Iverson-Cut (3)

Ergibt sich aus dem seitlichen Pick-and-Roll zwischen Flügelspieler und erstem Blocksteller nichts, geht der Ball zurück zum Aufbauspieler, der ein hohes Pick-and-Roll mit dem anderen Big Men läuft.

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Play: Iverson-Cut (4)

Ein solches 1-5er Pick-and-Roll kann es auch direkt geben. Der Ball geht also zum Einstieg nicht zum Flügelspieler, der den Iverson-Cut gelaufen ist; stattdessen geht der zweite Blocksteller direkt zum Ball-Screen für den Aufbauspieler.

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Ein um das andere Mal haben in dieser Saison DeWayne Russell und Aaron Jones für Highlight-Aktionen per Alley-Oop gesorgt. Mit seiner schnellen Abrollbewegung – oft per Slip, also ohne lange beim Ball-Screen stehen zu bleiben, sondern direkt zu attackieren – und seiner Athletik über Ringniveau dürfte Jones der vielleicht stärkste Alley-Oop-Abnehmer ligaweit gewesen sein.

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Markenzeichen: Skip-Pässe

So sehenswert ein Blick in das Playbook Iisalos ist, so wenig starten die Merlins mit wirklichen Plays in die Saisonvorbereitung, wie Iisalo im Podcast mit Chris Oliver verdeutlicht hat: „Wir beginnen mit bestimmten Arten von Spacing. Wir absolvieren unsere ersten Testspiele – für gewöhnlich nach zwei Wochen [der Preseason] – ohne wirkliche Spielzüge. Aber wir spielen eben aus einem bestimmten Spacing heraus.“ Iisalo führt im Podcast ein paar Möglichkeiten hierzu aus.

Aus einem guten Spacing sind Skip-Pässe wie in folgendem Video möglich. Anspiele von der einen zur anderen Spielfeldseite sind ein Markenzeichen der Merlins-Offensive. Oftmals wird auch im Pick-and-Roll ein dritter Spieler involviert – gar nicht so sehr als Reaktion auf eine aggressive Verteidigung, sondern als bewusst gewählte Aktion, um das Spiel zu verlagern.

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Markenzeichen: Ballbewegung

In der ersten Aktion gegen Braunschweig ist eine weitere Stärke Crailsheims ersichtlich: das Attackieren von Closeouts, um einen Vorteil zu erspielen bzw. aufrechtzuerhalten. Sebastian Herrera lässt den herauseilenden Braunschweiger Center Scott Eatherton fliegen. Durch die Help-Rotation der Löwen-Verteidigung – die schon beginnt zu kollabieren – ist Maurice Stuckey ganz offen für den Dreier.

Im Podcast mit Chris Oliver geht Iisalo bezüglich seines Offensivsystems ins Detail: „Wir sind größtenteils eine Pick&Roll-Offense und versuchen, [bei uns] Vorteile sowie beim Gegner Closeouts zu kreieren.“ Genau das gelingt den Merlins gegen Braunschweig in den ersten beiden Aktionen.

„Wenn bei uns im Training das Offensivteam den Vorteil verliert oder keine schnelle Entscheidung trifft, dann zählen wir das nach unseren Regeln oft als Ballverlust“, erklärt Iisalo, wie er dieses Prinzip trainieren lässt. Und aus dieser Idee ist die wohl schönste Ballbewegung der Liga entstanden:

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Der Ball nach innen, um ihn per Kickout wieder nach draußen zu verlagern – um dann doch den Abschluss am Ring zu finden – wie in den ersten beiden Aktionen –, oder eine Spurs’sche Passstafette wie in der letzten Aktion: Die Offensive der HAKRO Merlins Crailsheim unter Tuomas Iisalo war in der Saison wahrlich meisterhaft.

Umso bitterer ist die derzeitige Saisonpause und der drohende Saisonabbruch für die Merlins – die eine Playoff-Teilnahme mehr als verdient gehabt hätten. Und auch aus neutraler Sicht wäre es interessant zu beobachten gewesen sein, wie die Crailsheimer in Playoff-Serien bestanden hätten. Denn einige Teams versuchten in Switch-intensiven Verteidigungssystemen, deren Ballbewegung zu unterbinden. Wie hätten die Merlins in einer Serie darauf reagiert?

Running cirles … Man kann nur hoffen, dass wir auch eine Art Kreislauf erleben – indem die Merlins unter Tuomas Iisalo in naher Zukunft wieder auf dem Parkett stehen und an diesen Offensivbasketball anknüpfen können. Ein Basketball, der eine Bereicherung für die gesamte Liga gewesen ist.


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