DeWaynes World

DeWayne Russell hat die HAKRO Merlins Crailsheim per Gamewinner zu zwei Auswärtssiegen in Folge geführt. Der Guard bringt dabei eine in der BBL oftmals vernachlässigte Komponente ins Spiel: Mismatches ausnutzen. Doch ist das am Ende zu viel Eins-gegen-Eins?

„We look to isolate right here.“ Viermal fällt der Name „DeWayne“. Man muss während Tuomas Iisalos Auszeit in der Schlussphase des vierten Viertels des Crailsheimer Auswärtsspiel in Frankfurt nur ein paar Wortfetzen aufgreifen, um den Wert von DeWayne Russell für die HAKRO Merlins Crailsheim zu begreifen. „DeWayne is the target.“

Als Iisalo seine Truppe bei 2:17 Minuten auf der Uhr zur Auszeit bittet, liegen die Merlins bei den FRAPORT SKYLINERS mit acht Punkten Differenz im Rückstand. An der eigenen Grundlinie werfen die Crailsheimer ein – sechs Sekunden später haben sie dank Russell auf fünf Zähler verkürzt. Nach einem Block von Aaron Jones schon an der Mittellinie hat Russell nur noch den abgesunkenen Frankfurter Center Leon Kratzer vor sich … ein Hesitation-Dribbling später hinter sich. Der hoch über das Brett abgelegte Korbleger fällt trotz Foul, ebenso der Bonusfreiwurf.

Eineinhalb Minuten später eine ähnliche Situation: Nach dem Pick-and-Roll stellt sich Russell erneut den gegnerischen Big Man zurecht, diesmal Shaquille Hines, und wieder verwandelt Russell den Layup per Plexiglas. 76:76-Ausgleich, Krönung eines 8:0-Laufs, Verlängerung!

Hatte Russell in jenen beiden Aktionen nach dem Ball-Screen und Switch relativ frühzeitig attackiert, womit man nicht unbedingt von einer reiner Isolation sprechen muss, lässt sich der Crailsheimer Go-to-Guy in der Schlussminute der Verlängerung Zeit. Zeit, sich beide Mal Joe Rahon zurechtzustellen und nach Dribbling-Einlagen erst vom linken, dann vom rechten Ellenbogen die Pull-up-Jumper einzunetzen. DeWayne called game – „Hero-Ball“, wie Kommentator Stefan Koch es nennt, zum 82:81-Crunchtime-Erfolg.

„Coach setzt sehr viel Vertrauen in mich, in der Crunchtime Würfe zu treffen“, weiß Russell im Post-Game-Interview bei MagentaSport um seine Verantwortung. Was sich auch direkt im nächsten Spiel der Crailsheimer in Hamburg zeigen sollte – unter ganz unterschiedlichen Voraussetzungen.

„Wir haben sehr viel Vertrauen in DeWayne Russell, die richtige Entscheidung zu treffen“

Glückt den Merlins in Frankfurt eine Aufholjagd, verspielen die Crailsheimer bei den Towers eine Sieben-Punkte-Führung in knapp drei Minuten – womit sie erneut in die Verlängerung müssen. Nachdem Russell dreieinhalb Minuten vor Ende des vierten Durchgangs auf das Parkett zurückkehrt, muss sein Team viertelübergreifend einen 1:14-Lauf hinnehmen! Russell leistet sich in dieser Phase sechs Fehlwürfe bei keinem Treffer und drei Ballverluste!

Dennoch bleibt er auf dem Feld. Und dennoch nimmt er – weiter – die Würfe in der Crunchtime. Wieder mit Erfolg. Zweimal bestraft er die Hamburger Switches, um Michael Carrera auszuspielen. Bei fünf Sekunden Restspielzeit trifft er aus der Early Offense einen Midrange-Jumper zum 92:91-Erfolg – der zweite Gamewinner innerhalb von drei Begegnungen. DeWayne called game – wenn auch mit etwas kratziger Stimme.

„Wir haben in DeWayne Russell einen Spieler, der eine Partie für uns entscheiden kann. Er hat das schon in Frankfurt gezeigt, und heute auch. Wir haben sehr viel Vertrauen in ihn, dass er die richtige Entscheidung trifft“, erklärt Tuomas Iisalo auf der Pressekonferenz – fügt mit einem Grinsen aber an: „Heute hat es ein bisschen länger gedauert als in den vorherigen Spielen. Aber am Ende setzt er sich einfach durch.“

Das hat Russell in dieser Saison nicht nur bei den Overtime-Erfolgen gegen Frankfurt und Hamburg bewiesen. Auch gegen s.Oliver Würzburg, die EWE Baskets Oldenburg und Basketball Löwen Braunschweig sowie im Hinspiel gegen die Hamburg Towers war Russell mit Clutch*-Plays zur Stelle: 

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Neuer Signature-Move: Iso-Dreier ohne Dribbling

Wie gefährlich die Kombination aus Russell als Ballhandler und Center Aaron Jones als Abroller im Pick-and-Roll ist, müssen zu Beginn des Videos die Oldenburger erfahren. Eine Möglichkeit, dies zu umgehen? Direkt zu switchen, womit ein Big Man gegen Russell verteidigen muss. Vor allem in Crunchtime-Situationen pflegen Mannschaften diesen Ansatz; bei einer Pick-and-Roll-Defense gilt es einfach viele Dinge zu beachten, woraus Fehler entstehen können.

Warum Iisalo so viel Vertrauen in Russell setzt, beantwortet dessen Scoring-Vielfalt: Der Guard besitzt die Geschwindigkeit samt Verzögerung-Dribblings, um bis zum Ring zu ziehen; er präsentiert sich stark beim step-back-Dreier; und er kann auch den Pull-up-Jumper aus der Mitteldistanz einnetzen. Hamburgs Michael Carrera erfährt diesen Dreiklang bei der Crunchtime-Niederlage der Towers gegen Crailsheim am eigenen Leib.

Wirft man derzeit einen Blick in die NBA, scheinen vor allem die Houston Rockets das basketballerische Weltbild durcheinanderzubringen – dank „Microball“ ohne wirklichen Center. Der argwöhnische Blick hatte sich bereits davor schon nach Texas gerichtet, als die Rockets mit James Harden als „Points Guard“ ihre Pick-and-Roll- für mehr Eins-gegen-Eins-Aktionen heruntergefahren haben – weil Harden daraus einfach effizienter agiert.

Was das mit den Merlins und der BBL zu tun hat? Konsequent und kontinuierlich etwaige Mismatches auszunutzen, sieht man in der deutschen Beletage nicht in der Regelmäßigkeit wie in der NBA. Das bereitwillige Switchen mag in der BBL seltener exerziert werden, doch gerade Teams, die gegen Crailsheim spielen, nutzen diese Verteidigungsart mehr – hatten die Merlins doch gerade zu Saisonbeginn mit der vielleicht besten Ballbewegung der Liga überzeugt. Einen ersten Vorteil aufrechtzuerhalten, eben durch ein Pick-and-Roll generiert, verstand und versteht Iisalos Team ungemein gut.

Wie die Merlins, und Russell im Speziellen, in solchen Eins-gegen-Eins-Aktionen agieren bzw. diese auch forcieren, dies sollte man dieser Saison genauer beobachten. Zumal es auch ein Skill ist, sich in solchen Isolationen den nötigen Raum zu verschaffen. Hervorzuheben bei Russells Spielweise ist die Tatsache, wie sehr dessen Gegenspieler seine Drives respektieren (müssen).

Im vorherigen Video sieht man, wie Russell im Duell gegen Braunschweigs Jairus Lyles mit seinem rechten Fuß einen Antritt antäuscht, Lyles somit einen kurzen Schritt zurückgeht – womit Russell Platz für den Dreier hat. Dieser ein- oder zweimalige Antritts-Fake scheint sich als Markenzeichen Russells herauszukristallisieren. Somit schafft es der Guard, ein Isolation-Play ohne Dribbling zu nutzen:

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Diese Bewegung braucht einen Namen – vielleicht Weezy-Fake?

Dass die Merlins schon zu Saisonbeginn trotz hoher Fluktuation zur vorherigen Spielzeit harmonierten, mag auch an der klaren Hierarchie liegen. Denn Iisalo setzt seine Spieler gemäß deren Stärken ein – was ein Blick auf die Play-Type-Statistiken aufzeigt. So fällt auf, dass Russell in einem Erhebungszeitraum von Ende Oktober bis Mitte Dezember (dabei wurden alle Offensivaktionen von sechs BBL-Spielen Crailsheim ausgewertet, Feldwürfe, Ballverluste und Freiwürfe eingerechnet) 31,4 Prozent aller Eins-gegen-Eins-Aktionen Crailsheims beansprucht hat. Russell erzielte dabei absurd starke 1,82 Punkte pro Possession!

Derweil gab Aaron Jones den designierten Abroller (65,7% der Abschlüsse der abrollenden Big Men Crailsheim entfielen auf den Center), Javontae Hawkins die Post-Option (57,1%) und Sebastian Herrera die Off-Screen-Waffe (35,5%).

Geht es in die Crunchtime, sinkt häufig die Effizienz. Wie clutch ist also Russell? Wertet man alle bisherigen Saisonspiele Crailsheims aus und blickt auf die Clutch-Zeit, hat Russell nur elf seiner 30 Feldwürfe getroffen, seinen fünf Assists stehen acht Ballverluste gegenüber. Dennoch hat er – in sieben Spielen mit Cluch-Zeit, wovon Crailsheim fünf gewonnen hat – immerhin 30 Punkte erzielt. Neben den Gamewinnern gegen Frankfurt und Hamburg zuletzt bestach Russell auch gegen Braunschweig – jene Auswärtspartie gewannen die Merlins ebenfalls nach Verlängerung. So gelingt es Russell häufig, im Vergleich zum vierten Viertel in einer Verlängerung nochmal eine Schippe draufzulegen. Was auch von Selbstvertrauen zeugt.

Nun sind die Merlins per se keine Mannschaft, die die vollen 40 Minuten nur auf Iso-Basketball setzt – findet man in Tumoas Iisalos Playbook doch zahlreiche interessante und facettenreiche Spielzüge. Und so nimmt auch nicht immer Russell die Rolle des Playmakers ein. Immer mal wieder lässt Iisalo seine beiden Point Guards – Russell und Jan Span – zusammen im Backcourt auflaufen.

Generell lässt Crailsheims Coach einen Spielzug gerne mit einem Iverson-Cut eröffnen. Dann schneidet ein Spieler von Flügel zu Flügel, über die Freiwurflinie, und nutzt dabei einen oder zwei Cross-Screens. Wenn ein Spieler mit der Schnelligkeit eines DeWayne Russells gleich zwei ballferne Blöcke gestellt bekommt, ist er nach dem Catch-and-Drive auch eine Waffe als Passgeber:

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Einer der besten Offensivspieler der Liga?

Russell hat zuletzt stark für die Merlins übernommen und vielleicht auch etwas forciert – wie die Crunchtime gegen die Hamburg Towers gezeigt hat. Nun ist es aber eine Stärke Russells, in diesen Situationen zu agieren und am Ende die wichtigen Würfe zu treffen. Zudem hatten die Merlins zuletzt auch mit Verletzungen zu kämpfen, in Hawkins oder Quincy Ford fielen wichtige Offensivoptionen aus.

Über den Saisonschnitt stechen Russells 10,2 Feldwurfversuche pro Partie gar nicht so sehr heraus. Bei Crailsheim nimmt Hawkins mehr Würfe, vier weitere Merlins-Akteure versuchen sich mindestens 8,2 Mal aus dem Feld – das ist eine ausgeglichene Offensive.

Russells Formkurve zeigt derweil stark nach oben: Viermal in Folge hat der Guard mindestens 20 Punkte erzielt, gegen Braunschweig BBL-Karrierebestwerte von 28 Zählern und 14 Assists aufgelegt. Sowohl bei seinem Punkte- (14,1 PpG) als auch bei seinem Assist-Schnitt (6,2 ApG) rangiert Russell ligaweit in den Top-15. Das schaffen sonst nur Würzburgs Cameron Wells, Hamburgs Jorge Gutierrez und Weißenfels‘ Kaza Kajami-Keane.

In den fünf meistgespielten Lineups Crailsheims (siehe Jan Sodoges Lineup-Tool) ist Russell durchgängig enthalten, die Merlins weisen dabei stets mindestens ein Offensiv-Rating von 111 Punkten pro 100 Possessions auf.  

Kollektiv nimmt Russell also eine zentrale Rolle im Offensivsystem Crailsheims ein. Individuell ist der Guard einer der stärksten Spieler der Liga, wenn es darum geht, sich den eigenen Wurf zu kreieren. Setzt Russell seine jüngsten Leistungen im letzten Saisondrittel fort, kommt vielleicht noch der eine oder andere Gamewinner hinzu, wird sich der flinke Guard ganz schnell auf einige Wahlzettel zum besten Offensivspieler der Liga manövrieren.

* Als Clutch-Zeit werden die letzten fünf Minuten des vierten Viertels und die Verlängerung eines Spiels betrachtet, wenn kein Team mit mehr als fünf Punkten Differenz führt


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