Moritz Krüper: „Ein Riesenschritt für die Schiedsrichter“

Moritz Krüper pfiff beim BBL-Final-Turnier. Der Schiedsrichter spricht im Interview über den Austausch mit Spielern und Kollegen, das Pfeifen ohne Zuschauer und die Zeit im Hotel.

basketball.de: Du hast beim easyCredit BBL-Final-Turnier im Juni siebe Spiele innerhalb von 14 Tagen gepfiffen. Mit welchem Gefühl hast du das Hotel verlassen?

Moritz Krüper: Persönlich erleichtert. Das lag an der Verletzung, die ich mir am Ende zugezogen habe. Insgesamt war ich aber ziemlich glücklich, dabei gewesen zu sein.

Lass uns noch ein bisschen weiter zurückblicken: Als die Anfrage kam, wer von den Schiedsrichtern an dem Turnier teilnehmen möchte: Wie schnell war für dich klar, dass du da dabei sein willst?

Für mich persönlich war sehr schnell klar, dass ich teilnehmen möchte. Die Frage war, wie ich das darstellen konnte: Ich habe eine eigene Firma und musste organisieren, dass alles so klappt, wie ich mir das vorstelle. Vor allem musste auch meine Frau zustimmen. Weil wir drei Kinder haben, war das kein Selbstläufer. Wenn sie nein gesagt hätte, hätte ich nicht partizipieren können.

Das Turnier selbst war für euch Schiedsrichter ein Kaltstart: Du hattest dein letztes Spiel Anfang März gepfiffen; dann waren drei Monate Pause, ehe Anfang Juni direkt ein Pflichtspiel folgte. In der regulären Saison gibt es im Vorfeld hingegen Vorbereitungsspiele. Wie bereitet man sich vor, wenn nicht durch Vorbereitungsspiele?

Auch wenn wir noch nicht offiziell wussten, dass es weitergeht, gab es schon länger das Gerücht, dass ein Turnier zustandekommen könnte. Ab der Sekunde, in der die ersten Gerüchte aufkamen, habe ich mir Gedanken gemacht, ob ich dabei sein könnte oder nicht, und habe zumindest mein Fitnessprogramm angepasst, um wieder auf Bundesligalevel zu kommen. Außerdem habe ich ab diesem Zeitpunkt auch automatisch angefangen, mich wieder intensiver mit Basketball zu beschäftigen.

Konkret wurde es natürlich nach der Nominierung. Da habe ich mir schon Gedanken gemacht, welche Teams vor Ort sein werden, auch wenn wir natürlich nicht wussten, in welcher Konstellation die Teams auflaufen würden.

Der Start ins erste Spiel war schon merkwürdig, auch wenn es gut lief. Ich glaube, man hätte sich auch gar nicht viel mehr darauf vorbereiten können. Die Situation ohne Zuschauer und trotzdem „reguläres“ Spiel war einfach besonders. Da weiß ich nicht, ob da viele Testspiele geholfen hätten.

„Der Umgang untereinander war viel einfacher als in lauten Hallen“

Apropos ohne Zuschauer: Wie war das für dich im Vergleich zu einem normalen Pflichtspiel?

Ich fand es ehrlich gesagt gut, deutlich besser als erwartet. Klar vermisst man die Zuschauer. Dieser besondere Hallenflair, den eine Halle wie zum Beispiel Bamberg ausmacht, fehlt natürlich. Was aber das reine Pfeifen und den Umgang mit den Spielbeteiligten angeht, hat es das ganze ziemlich erleichtert. Du konntest viel besser verstehen, was sie von dir wollen, und konntest während des Spiels normal mit ihnen kommunizieren. Der Umgang untereinander war viel einfacher als in lauten Hallen, in denen alles übertönt wird.

In der normalen Saison hättet ihr euch als Schiedsrichter in der Kabine getroffen und das Spiel ausgewertet. Im Turnier war es ein bisschen anders: Da wurde das Spiel am Folgetag ausgewertet – und zwar mit allen Schiedsrichtern. Wie war es für euch, wenn unbeteiligte Schiedsrichterkollegen bei der Auswertung dabei waren?

Nicht so ungewöhnlich wie es jetzt klingt. Die FIBA-Schiedsrichter kennen das natürlich noch ein bisschen besser. Für mich war diese Vorgehensweise trotzdem ok, weil wir auch auf den Lehrgängen die gleiche Analyse-Situation haben. Da sprechen wir auch häufig über Szenen, die einen selbst betreffen, und erklären, warum was passiert ist. Da hören dann 30 weitere Schiedsrichter aus dem Kader zu. Darum war das keine so große Umstellung. Eigentlich war es ganz angenehm, wenn ich ehrlich bin. Du hast auch sonst mal Zuhörer aus Nachwuchsligen in der Kabine.

Beim Turnier hatte man aber jede Menge Schiedsrichter auf dem gleichen Level, mit denen du über die Situationen wirklich diskutieren konntest. Wir hatten ja auch Situationen, die kontrovers diskutiert wurden. Sonst bist du zu dritt in der Kabine, hast eine Meinung und holst dir hinterher vielleicht noch Input von außen. Jetzt hattest du den Luxus, mit elf Schiedsrichtern plus Schiedsrichter-Coach auf einem Level über die Situation zu diskutieren. Das hat in Hinblick auf die Kontaktbeurteilung echt etwas gebracht.

Ihr habt viele Spiele innerhalb kurzer Zeit gepfiffen, welche vom selben Coach ausgewertet wurden. Wie sehr hat das Turnier zur eigenen Entwicklung beigetragen?

Ich fand das wirklich förderlich. Du hast sonst die Situation, dass du jedes Spiel einen anderen Schiedsrichtercoach hast und damit unter Umständen jedes mal auch ein anderes „Schwerpunkt-Thema“. Jeder Coach hat seine eigenen „Vorlieben“ bzw. Schwerpunkte, die ihm besonders auffallen. Das ist hilfreich, aber nicht so effizient, wenn du an einer Sache stringent weiter arbeiten möchtest. Der Eine erarbeitet vielleicht das eine Defizit mit dir, dann arbeitest du im nächsten Spiel daran. Dann hörst du vielleicht wieder etwas ganz anderes.

Durch die Tatsache, dass Uli [Sledz] jedes Spiel begleitet hat, konntest du kontinuierlich an den gleichen Defiziten weiterarbeiten. So wurden also zu Beginn des Turniers Punkte herausgearbeitet, an denen man arbeiten muss und konnte diese kontinuierlich verbessern. Insofern fand ich es super, dass du immer von dem gleichen Coach Feedback bekommen hast. Die Tatsache, dass Uli dabei war und man dadurch mit einem Coach konzentriert über die ganzen Spiele weiterarbeiten konnte, ist extrem wertvoll für mich.

Kannst du da ein kurzes Beispiel nennen?

Ulis Steckenpferd ist sicherlich die Schiedsrichter-Technik sowie, geprägt durch seine aktive Spielerzeit, der Umgang mit den Spielern. So haben wir direkt nach dem ersten Spiel Punkte in der Schiedsrichter-Technik erarbeitet, an denen ich dann jedes Spiel weiter gearbeitet habe. Und auch bei der Frage, „Wie wirkt eine bestimmte Gestik/Mimik auf Spieler?“, konnte Uli direkt eine Antwort geben und mich immer wieder freundlich daran erinnern, wenn ich diese Gestik wieder gezeigt habe.

„Der markanteste Unterschied zu normalen Spielen war der Kontakt und Austausch mit den Spielern“

Nun wart ihr, Schiedsrichter und Schiedsrichtercoach, im selben Hotel wie die Mannschaften untergebracht. Wie sah die Kommunikation mit den Mannschaften außerhalb der Spiele aus? Wurden da auch mal Szenen auf dem Flur ausgewertet?

Das hat sich im Verlauf des Turniers immer mehr ergeben. Am Anfang hast du gemerkt, dass gerade von Spielerseite uns gegenüber eher mit Zurückhaltung agiert wurde. Keiner wusste, wie er so richtig miteinander umgehen sollte. Das hat sich im Laufe des Turniers immer weiter gegeben. Am Anfang haben wir die Spiele immer oben in unserer Lobby geguckt. Am Ende haben wir dann teilweise die Spiele auch mit den Spielern in der Empfangshalle geguckt. Das hat natürlich auch zu Diskussionen bzw. Fragen zu manchen Szenen geführt.

Beim Spiel Frankfurt gegen Ludwigsburg zum Beispiel gab es kurz vor Schluss einen strittigen Ausball. Da hatte einer der Schiedsrichter aus seiner Position entschieden, dass der Fuß auf der Aus-Linie war. Aus einer anderen Position sah es aber nicht so aus. Da wurden wir dann direkt, als wir wieder ins Hotel gekommen sind, von Spielern auch auf die Szene angesprochen und konnten erklären, warum wie entschieden wurde.

Das Morgen-Meeting war jeden Tag obligatorisch. Was habt ihr sonst den Tag über gemacht, insbesondere wenn ihr kein Spiel hattet?

Das hat sich bei den Kollegen unterschieden, je nachdem, wer noch im „Home-Office“ arbeiten musste oder wer sich die Zeit komplett freigenommen hatte. Neben dem Besuch beim Physio oder Arzt, um meinen Körper zu regenerieren, habe ich probiert, die freie Zeit zu nutzen, um zum Training zu kommen. Wir konnten, wenn es zeitlich gepasst hat, mit einem der Teams auf das Trainingsgelände des FC Bayern München fahren und dort für uns alleine trainieren.

Oder – und das war leider die meiste Zeit – musste ich in meinem Zimmer arbeiten. Ich hatte mir quasi mein Büro mitgebracht. Aber ab einem gewissen Zeitpunkt des Tages – je nachdem, ob du frei oder abends noch ein Spiel hattest – stand dann wieder Basketball im Vordergrund. Entweder durch Spielvorbereitung und Pfeifen oder durch das gemeinsame Gucken der Spiele mit den Kollegen.  

Und da sicher hier und da über gewisse Szenen…

… gelästert.

Das hast du jetzt gesagt.

(lacht) Nein, aber natürlich diskutierst du die Szenen. Wenn es zu kontroversen Szenen kommt, fällt das natürlich sofort auf, wenn nur Schiedsrichter im Raum sitzen. Meistens gab es eine einheitliche Meinung, dass alle sofort gesagt haben: „So ist es!“.

Es gab aber natürlich auch Szenen, bei denen wir intensiv diskutiert haben, „Ja oder nein“ – je nachdem, wie die Qualität der Videoauflösung war. Denn manchmal hatten wir in der Halle, wenn wir das IRS genutzt haben, bessere Video-Perspektiven als die, die im Fernsehen gezeigt wurden. Dann war eine strittige Szene auch durch das Fernsehbild eben nicht final zu beurteilen.

War das Turnier auch nebenbei eine teambildende Maßnahme für euch Schiedsrichter? Sonst seht ihr euch nur ein paar Mal in der Saison, und dann auch in unterschiedlichen Konstellationen.

Ich denke schon, dass der Team-Gedanke bei dieser Maßnahme nochmal intensiviert wurde. Aber es musste auch die Balance gefunden werden, sich nicht irgendwann gegenseitig zu nerven. Man darf ja nicht außer acht lassen, dass der Druck, ständig eine gute Leistung zu bringen, nicht gerade gering war, und dass wir zusätzlich zwei bzw. drei Wochen in „Quarantäne“ waren. Da blieb als Rückzugsort nur das eigene Zimmer.

Um den Bogen zur ersten Frage wieder zu schließen: Ich habe dich eingangs gefragt, mit welchem Gefühl du das Hotel verlassen hast. Was hast du für dich aus dem Turnier mitgenommen?

Der markanteste Unterschied zu normalen Spielen – warum ich mich auch so gefreut habe, dabei gewesen zu sein-, war der zu erwartende Kontakt und Austausch mit den Spielern. Es hat zwischen den Parteien definitiv Hürden abgebaut. Da waren zum Beispiel Spieler dabei, da wusste ich ganz genau, dass die mich bei einem Spiel im März bei einer strittigen Entscheidung, etwa einem Ausball, nach dem Motto angeschrien hätten: „Ey Schiri, was pfeifst du für ein Scheiß?!“. Der gleiche Spieler sprach mich während des Turniers bei einer Ausball-Situation an: „Moritz, bist du dir sicher? Ich habe das anders gesehen.“ Der Umgang ist dadurch anders geworden. In beide Richtungen.

Ob das für die Zukunft Bestand hat, kann ich natürlich nicht sicher sagen. Aber ich denke schon. Man hat mehr verstanden, was die anderen antreibt, und hat auch gemerkt, dass ohne die angespannte Situation eines Spiels hinter Spielern oder Schiedsrichtern recht normale Personen stecken.

Das hat das Ganze deutlich entspannt und oft zu einer viel vernünftigeren Kommunikation geführt. Deswegen bin ich sehr glücklich, dabei gewesen zu sein. Ich denke auch für den gesamten Schiedsrichter-Kader, auch wenn nicht alle dabei gewesen sind, ist das ein Riesenschritt nach vorne gewesen.