Die Zauberlehrlinge

Im zweiten Jahr in Folge schreiben die HAKRO Merlins Crailsheim unter Coach Tuomas Iisalo eine Cinderella-Story – aber samt unterschiedlicher Kapitel. Ein Schlüssel? Keine Angst zu haben, zunächst wie ein Trottel auszusehen.

Welcher der jungen, aufstrebenden, ausländischen Coaches wird am ehesten ein Team von EuroLeague-Kaliber trainieren? Diese Frage warfen wir kürzlich in einem unseren Podcasts auf. Gemeint waren Pedro Calles bei den Hamburg Towers und Tuomas Iisalo bei den HAKRO Merlins Crailsheim.

Der 37-jährige Spanier Calles hat die Hamburg Towers in dieser Saison in die Playoffs geführt – nachdem die Hanseaten in der vorherigen Spielzeit, da noch nicht unter seiner Ägide, auf dem letzten Platz rangiert waren. Davor avancierte in den vergangenen beiden Jahren RASTA Vechta unter Calles jeweils zur Überraschungsmannschaft – den ersten Jahren Calles’ als Head Coach überhaupt.

„Back-to-back“-Cinderella-Storys? Das ist aktuell auch bei den HAKRO Merlins Crailsheim und dem 38-jährigen Finnen Tuomas Iisalo auszumachen. In der vergangenen Spielzeit wiesen die Merlins eine Siegquote von 71,4 Prozent auf und belegten bei Saisonunterbrechung den dritten Platz. In dieser Saison sind es nicht weniger beeindruckende 69,7 Prozent und aktuell der fünfte Rang.

Sollte John Patrick, als Trainer des Tabellenführers aus Ludwigsburg, die Auszeichnung zum Trainer des Jahres erhalten, würde Iisalo für beide Cinderella-Saisons leer ausgehen – eigentlich ein Unding (vielleicht sollte man Iisalo noch nachträglich den Award für die Saison 2019/20 überreichen).

In der vergangenen Spielzeit hatten die Merlins mit einem ansehnlichen Offensivbasketball begeistert, mitunter dem schönsten der Liga – den wir mit einigen Spielzügen und Aktionen an dieser Stelle gewürdigt haben. In dieser Saison sind die Schlüssel für den Crailsheimer Erfolg aber etwas anders zu verorten …

Verbesserte Verteidigung

… wie in der Verteidigung. Gemeinhin mögen wenige Beobachter der Merlins-Defense eine derart große Beachtung schenken, vor allem mit der Crailsheimer Offensive 2019/20 im Hinterkopf. Doch die Merlins wiederholen ihre Cinderella-Story vor allem durch eine verbesserte Verteidigung. Die Defense nennt auch Trae Bell-Haynes im basketball.de-Podcast-Interview, als es um die Schlüssel für die erfolgreiche Saison geht.

„Der größte Punkt ist unsere Intensität in der Verteidigung. Wir versuchen, jeden Tag dieses Level an Intensität und Fokus an den Tag zu legen. Und wir sind uns glaube ich alle einig, dass wir darin am erfolgreichsten sind“, schildert Bell-Haynes und führt als Beispiel den Heimsieg gegen Ludwigsburg an, als die Merlins den Tabellenführer bei 58 Punkten und einer Feldwurfquote von 28,2 Prozent gehalten haben. „Auch wenn bei uns der Wurf mal nicht so gefallen ist: Wir haben Spiele dadurch gewonnen, dass wir unseren Gegnern alles so schwer wie möglich gemacht oder sie zermürbt haben.“

Hier zollt Bell-Haynes auch seinem Head Coach Tuomas Iisalo Respekt: „Jeder Spieler wird dir sagen, dass er jedes Mal so hart wie möglich spielt. Aber Coach Iisalo hat eine großartige Arbeit darin geleistet, folgendes aufzuschlüsseln: was du selbst denkst, was dein Bestes gewesen ist. Und dich zu pushen, an ein noch höheres Level an Einsatz zu kommen. Ich glaube, das werde ich den Rest meiner Karriere nicht vergessen.“

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Wie die Merlins das im Detail gelingt? Sie verteidigen stark die gegnerische Drei-Punkte-Linie (nur 1,10 PPP im Catch-and-Shoot zugelassen, drittbester Wert der Liga), beschützen den Ring sehr ordentlich und erlauben wenige effiziente Abschlüsse im Schnellangriff (1,08 PPP, viertbester Wert) – allesamt wichtige Ansätze im postmodernen Basketball. Mehr noch: Gemeinsam mit Berlin stellen die Crailsheimer die beste Post-Defense der Liga, und keine Mannschaft ist besser darin, den Blockstellern im Pick-and-Roll gute Abschlüsse zu nehmen.

Im Vergleich zur Vorsaison sind die Merlins auf den Außenpositionen etwas athletischer geworden. So kann Crailsheim auch bei Closeouts besser und schneller verteidigen, gegnerische Catch-and-Shoot-Abschlüsse erschweren. Herauszustellen sei hierbei Haywood Highsmith, der in den Dunstkreis der besten Verteidiger der Liga gehört. Im Eins-gegen-Eins gestattet Highsmith seinen Gegnern nur 0,56 Punkte, Ballhandlern im Pick-and-Roll nur 0,69 Punkte pro Possession. Andere Award-Kandidaten und Außenspieler wie Yorman Polas Bartolo, Nick Weiler-Babb, Jonas Mattisseck oder Max DiLeo kommen an solche Werte summiert nicht heran!

Und Iisalo verfolgt auch defensiv taktisch interessante Ansätze. In den beiden Duellen mit dem FC Bayern München mag natürlich der 105:103-Auswärtserfolg – der erste gegen die Bayern überhaupt, und das am 35. Jubiläumstag der Vereinsgründung – in Erinnerung geblieben sein. Doch auch bei der 74:79-Heimniederlage im Rückspiel gegen die Münchener wussten die Merlins zu überzeugen: mit ihrer Defense, die die Bayern bei 31 Punkten zur Halbzeit hielt.

Wie kann man die Bayern um Center Jalen Reynolds im Post stoppen? Diese Frage werden sich in dieser Spielzeit viele EuroLeague-Clubs gestellt haben. Die Antwort Iisalos? Aus einer Mann-Mann- in eine 2-3-Zonen-Verteidigung wechseln, sobald der Ball an den Zonenrand geht.

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Trae Bell-Haynes als Offensivmittelpunkt

Mit Innovation ließ sich auch die Crailsheimer Offensive in der vergangenen Saison umschreiben, so sehr spielten die Merlins teils Katz-und-Maus mit ihren Gegnern. Doch eine derart ästhetische Ballbewegung, aus Loop-Plays und Skip-Pässen, ist 2020/21 nicht mehr so stark auszumachen. Denn die Offensive hat sich stark auf Trae Bell-Haynes als Offensivmittelpunkt ausgerichtet.

Und das durchaus zurecht: Mit 16,9 Punkten und 7,3 Assists pro Partie rangiert der Point Guard aktuell jeweils in den Top-drei der Liga. Dies ist in der modernen BBL-Geschichte zuvor nur vier Akteuren geglückt (Hagens Devin White 2012/13, Frankfurts DaShaun Wood 2010/11, Triers BJ McKie 2003/04 und Tübingens DeJuan Collins 2001/02). Obwohl Bell-Haynes’ etwas langsam daherkommender und mechanisch, von der Körperhaltung her, nicht ganz sauberer Distanzwurf eine Schwachstelle ist, und Gegner demnach im Pick-and-Roll häufig unter den Block gehen können, versteht es Bell-Haynes, konstant mit seinen Drives Schaden anzurichten.

In der Zone bringt der Guard gerne den Floater an oder weiß sich an die Linie zu bringen, indem er den Kontakt mit größeren Gegenspielern sucht. Das hat bei Bell-Haynes System: „Ich muss meine Gegner außer Balance bringen und den Körperkontakt nutzen, um mir einen besseren Winkel zu verschaffen und so zu finishen. Ich war schon immer klein – meinen Wachstumsschub bekam ich erst mit 17 –, womit ich schon immer schnelle und besondere Wege finden musste, um den Ball an den Ring zu bekommen“, schildert der Guard im Podcast-Interview. „Darin habe ich eine Menge Zeit investiert, und ich habe insbesondere NBA-Guards dabei studiert wie beispielsweise Kyrie Irving.“

Bell-Haynes agiere in solchen Situationen „nicht zwangsläufig, um Fouls zu ziehen“, dennoch geht aktuell kein Spieler häufiger an die Linie als der Merlins-Guard (6,5 FTA). Mit dem gezielten Kontakt gegen den Big Man, nach einem Switch, sorgte Bell-Haynes auch für den Gamewinner in München – „wahrscheinlich den besten Basketball, den ich je in meinem Leben gespielt habe“. Bell-Haynes brachte James Gist derart außer Balance und suchte den Kontakt genau im richtigen Moment, sodass der Münchener Big Man gar nicht erst zum Block hochgehen konnte (siehe die erste Szene im nachfolgenden Video).

31 Punkte und elf Assists schenkte Bell-Haynes den Bayern letztlich beim Merlins-Coup ein. Davor waren Bell-Haynes in der ersten Saisonhälfte weitere sieben 20-Punkte-Vorstellungen geglückt, gegen Bamberg ein „30/12“-Ausrufezeichen.

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Trae Bell-Haynes: „Iisalo hat mir sehr geholfen, das Pick-and-Roll-Spiel zu lesen”

Doch im Saisonverlauf verschwand etwas die Magie von Bell-Haynes’ Offensivzauber – weil die Gegner ihn vielleicht auch anders verteidigt haben? „Das würde mich nicht überraschen, ja.“ Schließlich dürften Teams – auch hinsichtlich Bell-Haynes’ Leistungen in seinem ersten BBL-Jahr in Frankfurt – nicht unbedingt mit diesem Niveau gerechnet, ihn erst als Crailsheimer Offensivmittelpunkt auf diesem Level ausgemacht haben.

„Das gleiche trifft auch auf uns zu: Wenn wir gegen Teams wie Ludwigsburg und Jaleen Smith spielen, gegen Mannschaften mit solchen Guards, fokussieren wir uns darauf, sie so gut es geht zu limitieren und ihnen das wegzunehmen, das sie gerne tun“, erklärt Bell-Haynes. Außerdem würden sich Verteidigungen ganz natürlich im Saisonverlauf steigern.

Gegnerische Defensivreihen versuchen immer wieder, durch Doppeln oder Hedgen im Pick-and-Roll den Ball aus Bell-Haynes’ Händen zu bringen. Womit es auch am Crailsheimer Offensivmittelpunkt gelegen ist, dieses Überzahlspiel früh genug zu erkennen und den Ball weiterzugeben.

Überhaupt schätzt Bell-Haynes an seinem Coach, dass er ihm Facetten des Pick-and-Roll-Spiels gelehrt hat – wie „gegen verschiedene Pick-and-Roll-Defensiven wie einem ,Hard-Show’ oder bei einem droppenden Big Man zu spielen, die Situationen zu lesen und zu verstehen, was jede Defensivart bereit ist, aufzugeben“, schildert Bell-Haynes. „Coach Iisalo hat mir sehr darin geholfen, zu verstehen, wo es Passmöglichkeiten gibt und wann es an der Zeit ist, für mich selbst zu attackieren. Es geht einfach darum, dass ich effizienter im Pick-and-Roll agiere.“

Nach einer starken ersten Saisonhälfte und einem kleinen Tief ab etwa Mitte Februar schien Bell-Haynes zuletzt gut die Balance gefunden zu haben – zwischen dem Forcieren eigener Abschlüsse und dem Kreieren für seine Mitspieler, gleichermaßen für seinen Abroller als auch die ballfernen Optionen – „Triple-Threat“ mal anders.

Bell-Haynes, das muss man zudem bedenken, hatte auch stets viel Verantwortung auf seinem 1,82 Meter kleinen Körper zu schultern. Zu Saisonbeginn fiel sein Backup Nimrod Hilliard aus, seit Ende Januar ist mit Tim Coleman ein wichtiger sekundärer Playmaker von den Flügelpositionen verletzungsbedingt nicht mehr einsatzfähig. Offensivmittelpunkt ist Bell-Haynes auch deswegen, da er ballabseits eine nicht so starke Option ist.

Dass sich auch dahingehend mehr auf Bell-Haynes konzentriert, darf nicht verwundern. Ebenso, dass die Merlins nicht mehr die Ballbewegung exerzieren wie 2019/20, was auch die verringerten Anteile von Spot-up-Abschlüssen (2020/21 in 31,5 Prozent der Abschlüsse, 2019/20 waren es 36,6 Prozent) wie auch off-Screen-Aktionen (4,6% statt 5,8%) verdeutlichen. Stattdessen suchen die Merlins häufiger die direkten Abschlüsse aus dem „Two-Man-Game“ zwischen Ballführer und Blocksteller (27,5% statt 17,6%).

„Wenn man auf unsere Offensive blickt: Wir machen alles aus dem Pick-and-Roll heraus; daraus musst du Lösungen finden, das ist eine unsere Restriktionen“, erklärt Iisalo – und hat dabei auch einen interessanten Vergleich außerhalb des Sports parat: „Wie sagte Jack White von den White Stripes: ,Restriktionen sind der Schlüssel für Kreativität.’ Deswegen hatten sie ja drei Instrumente, drei Farben – alles war dreimal vorhanden. Sobald du Restriktionen hast, kannst du innerhalb dieser Grenzen arbeiten.“

Dank „Boggy“: mehr als vertikales Spacing auf der Fünf

Beim Fokus auf das Pick-and-Roll spielt natürlich nicht nur ein Ballhandler wie Trae Bell-Haynes eine Rolle, sondern auch der Blocksteller – wie Starting-Center Bogdan Radosavljevic. Denn „Boggy“ gibt der Crailsheimer Offensive eine neue Dimension: als Pick-and-Pop-Option. Vor der aktuellen Saison hatte der Center 30,3 Prozent seiner Dreier in der BBL getroffen, dabei aber nur alle zwei Partien einen Distanzwurf genommen. In dieser Spielzeit: 40,6 Prozent bei 2,3 Dreierversuchen pro Partie!

Mit Aaron Jones in der vergangenen und Jamuni McNeace in dieser Saison hatten bzw. haben die Crailsheimer Center für vertikales Spacing gesorgt: als harte Abroller, als Abnehmer in Alley-Oop-Anspielen. „Boggy“ kann nach einem Ball-Screen aber auch nach außen rotieren sowie in die Mitteldistanz abrollen. Bei diesen sogenannten „Short-Rolls“ präsentiert sich der Big Man als guter Passgeber – wichtig in der „0.5“-Offensive Crailsheims, die auf schnelle Entscheidungen beruht. So erweist sich „Boggy“ als wichtige Passstation und Ballverteiler, wenn der Ballhandler gedoppelt worden ist – und hält ein Spurs-eske-Passpoesie am Leben:

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Bell-Haynes ist in dieser Saison bislang 753 Mal das Pick-and-Roll gelaufen – in 343 dieser Aktionen stellte „Boggy“ den Block. Schon in der vergangenen Saison stiegen die Merlins gerne mit einem Iverson-Cut in einen Spielzug ein. In dieser Saison tun sie das auch – oft kann man dabei beobachten, wie bei einem Staggered-Cross-Screen der Vierer (wie Fabian Bleck oder im nachfolgenden Video Jeremy Jones) dem Cutter folgt und es dann zu einem High Pick-and-Roll zwischen dem Aufbauspieler und dem Fünfer – also häufig Bell-Haynes und Radosavljevic – kommt.

Ebenfalls im Video ersichtlich: Bell-Haynes’ starker einhändiger Kickout-Pass, ein schöner Spielzug mit Elias Lasisi als Ghost-Screener und Schützen aus dem Flare-Screen sowie Bell-Haynes’ Fähigkeit, das Pick-and-Roll zu splitten.

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Iisalo: „Es ist okay, am Anfang wie ein Trottel auszusehen“

Innovativ geht es auch im Training Crailsheims zu, wenn Iisalo beispielsweise erklärt, wie er die nötigen schnellen Entscheidungen trainieren lässt: „Beim Vier-gegen-Vier oder Fünf-gegen-Fünf verzichten wir auf den Prozess des Vorteil-Kreierens. Wir spielen also nicht über ein Post-up, eine Isolation oder ein Pick-and-Roll. Wir bringen stattdessen die Verteidigung direkt in einen Nachteil: Der Verteidiger am Ball muss sich beispielsweise mit dem Rücken zum Ball aufstellen, woraus der Ballhandler dann zieht. Oder wir beginnen damit, dass alle vier oder fünf Verteidiger in der Zone stehen und Closeouts laufen müssen. Und daraus spielen wir dann.“

Schnelle Entscheidungen? Auch wenn die Ballbewegung in dieser Saison nicht mehr so stark daherkommt wie 2019/20 – die Option des dritten Manns als Passgeber im Pick-and-Roll kommt weiterhin zur Geltung. Wie im nachfolgenden Video mit Jeremy Jones als Passgeber von mit dem Lineal gezogenen Anspielen:

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Auch Bell-Haynes macht deutlich, dass „es bei uns im Training keine verlorene Zeit gibt. Jeder Drill hat eine bestimmte Funktion und bringt uns in spielähnliche Situationen, auch wenn es sich um kein Fünf-gegen-Fünf handelt.“ Bell-Haynes habe bislang noch nicht für einen Trainer gearbeitet, dem es gelungen ist, „Drills zu entwerfen, die so sehr spielähnlichen Situationen gleichen.“

Was demnach für neue Spieler unter Iisalo sicherlich eine Umgewöhnung darstellt. „Unser System ist spezifisch, und wir beginnen bei den Grundlagen. Es ist wie LEGO: Wir stecken Stein um Stein zusammen“, blickt Iisalo auf das Training und die Saisonvorbereitung. „Und dafür musst du unvoreingenommen sein. Du musst mit der Einstellung herangehen: Es ist okay, am Anfang Fehler zu machen und wie ein Trottel auszusehen.“ Demnach sei es wichtig, als Spieler keine Abwehrmechanismen zu haben und sich nicht von Enttäuschungen beirren zu lassen.

Umso beeindruckender ist es, dass die Merlins nach dem Umbruch in der vergangenen Offseason in dieser Saison so schnell zueinandergefunden hatten und an die erfolgreiche vergangene Saison anknüpfen konnten: Nach einem Start von 5-0 in der Saison 2019/20 legten die Merlins in dieser Spielzeit gar einen Start von 10-1 hin – inklusive Heimsiege über Bamberg, Oldenburg und Ulm. Erneut ist es Iisalo und den Entscheidungsträgern um den Sportlichen Leiter Ingo Enskat gelungen, bei der Spielerrekrutierung gute Akteure in vermeintlich unterklassigen Ligen wie denen in Dänemark, Finnland oder Österreich zu finden.

Auf der Suche nach effizienten Lineups

Dieser Umbruch hat auch nicht vor der (anfänglichen) Starting Five halt gemacht, in deren Reihen mit Maurice Stuckey nur ein Akteur der vergangenen Saison gestanden war. Aber: Die meistgenutzte Lineup – eben jene, über weite Strecken der Saison genutzte Starting Five aus Trae Bell-Haynes, Maurice Stuckey, Haywood Highsmith, Jeremy Jones und Bogdan Radosavljevic – hat einen negativen „+/“-Wert. Klar: Sie muss bzw. musste auch gegen gegnerische Startformationen, und damit die besten Lineups der Liga, antreten. Bei den neun nachfolgenden, meistgenutzten Formationen stehen die Merlins aber stets besser da als ihr Gegner.

Die effizienteste Lineup ist die nachfolgende mit Trae Bell-Haynes, Elias Lasisi, Jeremy Jones, Fabian Bleck und Bogdan Radosavljevic – welche nach Highsmiths Verletzung sicherlich noch häufiger auf dem Parkett stehen wird. Diese Formation hat seit dem Heimspiel gegen Bonn am 7. April auch alle folgenden Partien begonnen. Seitdem gewannen die Merlins fünf ihrer sieben Partien, zuletzt mit vor allem defensiv überzeugenden Vorstellungen gegen Hamburg und in Oldenburg (dort teilten die beiden Center „Boggy“ und McNeace auch mal gemeinsam das Parkett).

In Lasisi haben die Crailsheimer einen der besten Schützen der Liga zur Verfügung, der die stärkste Catch-and-Shoot- (1,42 PPP) sowie Off-Screen-Option (1,68 PPP) für die Merlins ist. Jones hat sich im Saisonverlauf enorm gesteigert und ist in die „Three and D“-Rolle geschlüpft. Und in Bleck haben die Crailsheimer einen der wohl meistunterschätzten Spieler in der Liga in den Reihen, der sich unter anderem ballabseits sehr spielintelligent bewegt und der mit seiner Vielseitigkeit eine so wichtige Rolle in Iisalos System einnimmt:

„Meistens spielen wir ,Four Out, One In’. Unser Fünfer hat eine sehr definierte Rolle. Der Fünfer hat sein Bewegungsmuster, und die vier Außenspieler haben ihr Bewegungsmuster. Deswegen ist Fabian Bleck für uns so extrem wertvoll: Er kann nahtlos zwischen diesen beiden Mustern wechseln“, macht Iisalo deutlich.

Das nachfolgende Video zeigt Blecks Basketball-IQ, wenn er in den ersten beiden Aktionen per 45-Grad-Cut eine Anspielstation für den Ballführer generiert (dabei nicht nur seinen Verteidiger mit-, sondern auch den Help-Defender auf sich zieht) und zudem um die Position des Weakside-Schützen weiß: Bleck beginnt seine Passbewegung schon dann, als er sich noch mit dem Rücken zu jenem Passempfänger befindet – eine Sikma-eske Spielintelligenz …

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Smallball-Formationen mit Bleck auf der Fünf schickt Iisalo zwar relativ selten auf das Parkett. Aber die, die Iisalo gerne nutzt, agieren sehr effizient: Die drei meistgenutzten Lineups mit Bleck auf der Fünf weisen in zusammen 35:42 Minuten einen „+/-“-Wert von +50 auf (das würde bedeuten, dass die Merlins über eine ganze Partie mit 56 Zählern Differenz gewinnen)!

Auf der Suche nach den richtigen Lineups wird Iisalo gerade mit Playoff-Start auch gezwungenermaßen sein: Denn beim Auswärtsspiel gegen Ulm verletzte sich Jermaine Haley am Knie – welcher erst nach der Verletzung von Tim Coleman nachverpflichtet worden war und welcher nach der Verletzung eines anderen Flügelspielers, in Haywood Highsmith, wichtige Minuten erhalten sollte.

Und so bleibt abzuwarten, ob die Cinderella-Story in dieser Spielzeit so ähnlich wie die der vergangenen Saison endet … als die Merlins beim Final-Turnier von Verletzungen (sowie vorherigen Abgängen) gebeutelt gewesen waren und nicht an die so starke reguläre Saison anknüpfen konnten. Zumal der Playoff-Spielplan sehr eng getaktet sein dürfte – eine große Herausforderung gerade für Teams mit kleiner Rotation und hoher Intensität in der Verteidigung.

Sicher ist derweil, dass die Erfolgsgeschichte Iisalos in Crailsheim enden wird. Denn nach der Saison wird der Finne das Team verlassen. Schon die vergangene Offseason hat gezeigt, dass der 38-Jährige das Interesse einiger europäischer Top-Clubs auf sich ziehen sollte. Würde die BBL einen versierten Coach verlieren? Ohne Zweifel. Wird dafür an anderer Stelle eine Mannschaft und deren Spieler in die Rolle von Zauberlehrlingen unter Iisalo schlüpfen? Sehr gut möglich.


Alle Erweiterten Statistiken von InStat; Stand der Stats: 4. Mai 2021

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