Deutschlands Olympia-Gegner im Portrait: Nigeria

Im dritten Anlauf will Nigeria erstmals die KO-Phase bei Olympia erreichen. Das Talent dazu ist zweifelsfrei vorhanden, doch ist die junge Mannschaft schon reif genug?

Nach der Niederlage gegen Italien benötigt das DBB-Team im zweiten Vorrundenspiel dringend einen Erfolg, um die Chance auf das Viertelfinale zu wahren. Den Deutschen steht dabei die nächste schwere Aufgabe bevor, denn Nigeria erwies sich zuletzt als unangenehmer Gegner. Die Westafrikaner stehen nach dem 67:84 gegen Australien ebenfalls unter Zugzwang. Immerhin machte das Team von Head Coach Mike Brown dem Favoriten aus Down Under drei Viertel lang das Leben schwer.

In der Vorbereitung schockten die Nigerianer die Basketballwelt, in dem sie in Las Vegas den Topfavoriten USA und Vizeweltmeister Argentinien bezwangen. Ein Underdog sind die D’Tigers, so der Spitzname des Teams, seitdem nicht mehr.

Stärken und Schwächen

Nigeria verfügt über eine Reihe junger und hochtalentierter Spieler. Nach den USA sind die Westafrikaner das Team mit den meisten NBA-Profis im Kader (8 von 12) – wenngleich dort keiner von ihnen Leistungsträger ist. Dennoch ist dies ein Indiz für die hohe individuelle Qualität. Die Mannschaft ist enorm athletisch und physisch. Das niedrige Durchschnittsalter im Kader (ca. 25 Jahre) kann sich positiv in Form von Unbekümmertheit äußern. In entscheidenden Situationen könnte aber die geringe Erfahrung auf FIBA-Level den Ausschlag zu Ungunsten der Afrikaner geben.

Die enorme Athletik des Teams spiegelt sich auch in der Spielweise wider: Nigeria rennt bei jeder sich bietenden Gelegenheit den Fastbreak, um zu einfachen Punkten zu kommen. Im Halbfeld tut sich die Mannschaft schwerer, auch weil sich kein klassischer Point Guard im Kader befindet. Spieler wie Josh Okogie (Minnesota Timberwolves), Gabe Nnamdi Vincent (Miami Heat), Obi Emegano (Fuenlabrada) und Caleb Agada (Hapoel Beer Sheva), die im Nationalteam für das Playmaking verantwortlich sind, treten im Klub mehr als Scorer denn als Ballverteiler in Erscheinung. Am vergangenen Sonntag gegen die Australier machte sich das Fehlen eines Floor Generals und generell die verbesserungswürdige Entscheidungsfindung bemerkbar, als sich Nigeria 24 Turnovers erlaubte.

Aus diesem Grund hält Coach Brown die Offense recht unkompliziert. Auch im Halbfeld versuchen die D’Tigers zu schnellen Abschlüssen zu kommen, meistens aus einem simplen High Pick-and-Roll oder nach einem indirekten Block bzw. einem Handoff. Das folgende Video zeigt ausgewählte Szenen, wo Schützen wie Gabe Vincent per indirektem Block freigespielt werden.

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Nicht anders sieht es bei den Spielzügen nach Einwurf von der Seitenauslinie (auf Englisch „Sideline Out of Bounds“ oder abgekürzt „SLOB“) aus. Diese Plays liefen in den Vorbereitungsspielen nach ähnlichem Muster ab: Ein Spieler erhält nach indirektem Block den Ball. Dieser Aktion schließt sich direkt im Anschluss ein Pick-and-Roll an. Dem Ballführenden eröffnen sich nun mehrere Möglichkeiten: Er kann entweder selbst den Abschluss suchen, den abrollenden Big Man bedienen oder den Kick-out-Pass spielen. Beispiele dafür sind im nächsten Video zu sehen.

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Trotz der vergleichsweise simplen Offense ist die Fehlerquote der Nigerianer hoch, was aber weitestgehend in Kauf genommen wird. Sie versuchen, durch ein hohes Volumen an Dreiern die verlorenen Ballbesitze zu kompensieren und dadurch mehr Punkte als Gegner zu erzielen. Im Test gegen die USA, als sie 20 Dreier trafen, funktionierte die Strategie, gegen Australien (29,2% 3FG) dagegen nicht – und das, obwohl Nigeria selbst 21 Ballverluste des Gegners forcierte.

Womit wir bei der Defense angelangt wären. Hier verfügt Nigeria aufgrund der Athletik über großes Potenzial. Selbst Center Precious Achiuwa von den Miami Heat ist dank seiner Beweglichkeit in der Lage, gegnerische Point Guards vor sich zu halten. Und so überrascht es nicht, dass Nigeria bei Screens häufig switcht. In der Vorbereitung gegen Argentinien spielten die Nigerianer teilweise auch Zonenverteidigung und waren ebenfalls damit erfolgreich.

Der Star

Josh Okogie ist zwar erst 22 Jahre alt, übernimmt aber bereits viel Verantwortung in der Nationalmannschaft. Bei der WM 2019 war er mit 12,6 Punkten, 4,4 Assists und 3,6 Rebounds pro Partie effektivster Spieler des Teams. In der abgelaufenen NBA-Saison war er fester Bestandteil der Rotation bei den Minnesota Timberwolves (5,4 PpG in 20,3 MpG). Während er im Klub auf der Zwei oder Drei eingesetzt wird, ist er in der Nationalmannschaft aus Mangel an Alternativen als Aufbauspieler gefragt.

Nichtsdestotrotz liegen die Stärken des 1,93 Meter großen Guards im Scoring. Okogie kann sich seinen eigenen Wurf kreieren, sei es im Pick-and-Roll oder Eins-gegen-Eins. Auch in Transition ist der 22-Jährige effizient. In der Defense ist auf Okogie Verlass, wobei ihm seine starke Antizipationsfähigkeit und die für seine Größe enorme Armspannweite von 2,13 Metern zugutekommen. Bei der vergangenen Weltmeisterschaft in China sammelte er 2,4 Steals und 1,2 Blocks pro Begegnung.

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Prognose

Nigeria ist die größte Wundertüte in der Gruppe B. Die Vorbereitung zeigte dies eindrucksvoll: An starken Tagen kann das Team Argentinien überrennen und das Team USA besiegen, genauso kann es an gebrauchten Tagen gegen die Zweitbesetzung der Australier untergehen. Auch ohne bekannte Spieler wie Al-Farouq Aminu, OG Anunoby und Monte Morris verfügt dieses Team über jede Menge individuelle Qualität. Ausbaufähige Entscheidungsfindung und Unerfahrenheit sind jedoch Schwachpunkte, die von starken und abgezockten Gegnern ausgenutzt werden.

Um gegen Nigeria zu gewinnen, muss die deutsche Mannschaft physisch dagegenhalten und in der Transition-Defense hochkonzentriert sein. Wenn es den Deutschen gelingt, nur wenige Fastbreak-Punkte zuzulassen, können sie es dank ihrer sehr guten Team-Defense den Nigerianern schwer machen. Taktische Reife und Erfahrung auf internationalem Niveau sprechen für das DBB-Team. Ausschlaggebend kann auch sein, wer an dem Team den Distanzwurf besser trifft.

Trivia

Woran liegt es, dass plötzlich so viele hochtalentierte Nigerianer aus dem Boden sprießen? Wer dem Ursprung dieses Phänomens in dem westafrikanischen Land selbst auf den Grund geht, wird wohl nicht fündig werden. Denn von allen D’Tigers bei Olympia sind gerade einmal vier Spieler dort geboren worden; der Rest wuchs in den USA auf. Alle zwölf Spieler waren vor Beginn ihrer Profi-Karrieren an Colleges in Nordamerika aktiv.

An der Identifikation mit dem Heimatland ihrer Vorfahren ändert dies jedoch nichts. Vielleicht kann die nigerianische Nationalmannschaft mit einem starken Abschneiden in Tokio sogar eine Basketball-Euphorie in Nigeria auslösen und den Beginn einer noch größeren Zukunft darstellen. Bereits jetzt ist die Zahl an unentdeckten Talenten in dem bevölkerungsreichsten Staat Afrikas riesig. Mit dem Aufbau eines professionellen Programms könnte dieses schier unbegrenzte Potenzial in den nächsten Jahren noch mehr genutzt werden.