Deutschlands Olympia-Gegner im Portrait: Italien

Jede Menge Shooting und großer Zusammenhalt: Das ist das neue Italien, gegen das Serbien jüngst sein blaues Wunder erlebte und das auch in Tokio für Furore sorgen will.

17 Jahre nach den Olympischen Spielen in Athen hat sich die italienische Nationalmannschaft erstmals wieder für Olympia qualifiziert. Das Team von Head Coach Meo Sacchetti buchte sein Ticket wie die deutsche Auswahl über den Umweg Qualifikationsturnier. In Belgrad setzte sich Italien erst gegen Puerto Rico und die Dominikanische Republik und anschließend im Finale gegen Gastgeber Serbien durch.

Bei der Weltmeisterschaft 2019 in China scheiterten die Italiener in der zweiten Gruppenphase und beendeten das Turnier auf dem zehnten Platz. Die Mannschaft in Tokio hat mit diesem Team aber nur noch wenig gemein. Mit Danilo Gallinari (Atlanta Hawks) und Amedeo Tessitori (Virtus Bologna) sind nur zwei Spieler aus dem damaligen Kader übriggeblieben. Einige bekannte Namen wie Marco Belinelli und Luigi Datome hatten für Belgrad abgesagt und wurden nach erfolgreicher Qualifikation nicht nachnominiert. Doch auch ohne diese renommierten Spieler verfügt die Mannschaft über genügend Klasse, um die Weltelite ärgern zu können.

Stärken und Schwächen

Wenn etwas im italienischen Kader in Hülle und Fülle vorhanden ist, dann ist es Shooting. Das Aufgebot ist gespickt mit exzellenten Distanzschützen. Insbesondere die Forwards Gallinari, Achille Polonara (zuletzt bei Baskonia, zur kommenden Saison bei Fenerbahce) und Simone Fontecchio (von Berlin zu Baskonia gewechselt) sind hervorzuheben. Doch auch die Guards treffen den Dreier allesamt solide bis gut.

Wer die Schützen der Italiener heiß laufen lässt, wird womöglich ein blaues Wunder erleben. Italiens Gegner in Belgrad haben dies am eigenen Leib zu spüren bekommen. Über das Quali-Turnier hinweg trafen die „Azzurri“ starke 42,7 Prozent von Downtown. Beim 102:95-Erfolg gegen Serbien trafen die Italiener kurz vor und nach der Halbzeitpause sieben Dreier in vier Minuten und setzten sich dadurch entscheidend ab.

Trainer Sacchetti hat, den Stärken des Kaders entsprechend, eine Five-Out-Offense installiert. Zu nahezu jedem Zeitpunkt stehen fünf Spieler auf dem Feld, die von draußen oder aus der Mitteldistanz gefährlich sind und sich auch dort postieren. Big Men treten nach dem Block zumeist hinter die Dreierlinie zurück anstatt zum Korb abzurollen. Das gewünschte Ergebnis: Die gegnerische Defense wird auseinandergezogen und das Feld so weit wie möglich geöffnet. Das folgende Video zeigt ausgewählte Aktionen aus der Partie gegen Serbien.

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Von diesem System profitieren die wurfstarken Flügelspieler, aber auch Niccolò Mannion. Der erst 20-jährige Point Guard der Golden State Warriors hat seine Stärken im Scoring und überzeugte in Belgrad durch seine Schnelligkeit und seine furchtlosen Drives, sowohl im Fastbreak als auch im Pick-and-Roll. Im Finale gegen Serbien trug er mit 24 Punkten und vier Assists maßgeblich zum Sieg bei.

Doch die Italiener können noch viel mehr als nur Dreier werfen. Ein Paradebeispiel für Vielseitigkeit ist der letztjährige Berliner Fontecchio, der beim Quali-Turnier einen bärenstarken Eindruck hinterließ. Der Small Forward war mit 19,7 Punkten pro Spiel teaminterner Top-Scorer. Der 25-Jährige war nicht nur von draußen gefährlich, sondern auch aus der Nah- und Mitteldistanz und im Post. Zudem trat er als starker Verteidiger und Offensiv-Rebounder in Erscheinung.

Zum Nachteil könnte für die Italiener die fehlende Tiefe im Kader werden. Im entscheidenden Spiel gegen Serbien rissen sechs Spieler den Großteil der Minuten ab. Ausfälle der Leistungsträger können nicht kompensiert werden. Mit Gallinari stößt in Tokio immerhin eine weitere hochkarätige Option zum Team.

Zudem gilt es für den Gegner, die fehlende Länge der Italiener auszunutzen. Tessitori war mit 2,08 Metern der größte „Azzurri“ beim Quali-Turnier. Der einzige echte Center im Team erhielt dort jedoch nur wenig Einsatzzeit. Gegen Serbien, wo man das Duell an den Brettern für sich entschied, kam der Größennachteil nicht zum Tragen. Die deutsche Mannschaft dagegen dominierte die Italiener im Test in Hamburg am offensiven Brett (13:4 OREB).

In der Verteidigung könnte Italien gegen Big Men Probleme bekommen, die im Low-Post Gefahr ausstrahlen. In der Pick-and-Roll-Verteidigung kommt den Italienern ihre Mobilität zugute. Dort spielten sie gegen Serbien äußert erfolgreich das Hedge-and-Recover oder eine Switch-Defense, sodass dem Gegner häufig nur der schwere Dreier aus dem Dribbling blieb.

Insgesamt hat sich der Kaderumbruch im Vergleich zu den vergangenen Turnieren nicht als Nachteil herausgestellt – im Gegenteil: Die Mannschaft versteht sich und spielt guten Team-Basketball.

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Der Star

Die Olympia-Qualifikation mussten die Italiener ohne Danilo Gallinari bestreiten, der zu diesem Zeitpunkt noch mit den Hawks in den NBA-Playoffs im Einsatz war. Nun kann das Team aber auf seinen besten Spieler bauen. Für den 32-jährigen Power Foward, der 2006 sein Debüt im Nationaltrikot gab und seitdem 63 Länderspiele absolvierte, ist Tokio der Höhepunkt seiner internationalen Karriere.

Wie weit die „Azzurri“ im Turnier kommen, wird maßgeblich von Gallinari abhängen. Der 2,08-Meter-Mann ist ein elitärer Scorer, der sowohl hochprozentig von draußen wirft als zum Korb ziehen und dort finishen kann. Auch im Low-Post ist der 32-Jährige effektiv, womit er dem Angriff Italiens eine neue Facette gibt. In der abgelaufenen NBA-Saison legte Gallinari im Schnitt 13,2 Punkte und 4,0 Rebounds auf. Seit drei Jahren trifft er seinen Dreier konstant mit einer Quote von 40 Prozent.

Bei der WM 2019 war Gallinari bester Scorer (17,2 PpG) und Rebounder (5,6 RpG) der italienischen Auswahl. Auch die deutsche Mannschaft hat bereits schlechte Erfahrungen mit dem Forward gemacht: Bei der EM 2015 führte „Gallo“ Italien mit 25 Punkten zum Sieg gegen das DBB-Team.

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Prognose

Deutschland und Italien trafen in den vergangenen Jahrzehnten häufig aufeinander. Bei Olympia gab es das Duell dreimal (1936, 1972, 1984) – dreimal siegte Italien. Das Spiel am Sonntag (Tip-Off: 6:40 Uhr, live auf sportschau.de) könnte bereits Finalcharakter im Kampf um das Viertelfinale haben. Schließlich hat der Sieger gute Chancen, sich mindestens als einer der beiden besten Gruppendritten für die KO-Runde zu qualifizieren.

Mit der Firepower in der Offensive können die Italiener an einem guten Tag selbst die Großen ärgern. Eine Wiederholung des Silbermedaillengewinns von 2004 ist aufgrund der genannten Schwachstellen aber unrealistisch. Die Abhängigkeit vom Jumper ist enorm. Wie lautet Plan B, wenn der Wurf nicht fällt?

Die deutsche Mannschaft muss sich vor den „Azzurri“ jedenfalls nicht verstecken, wenngleich die individuelle Qualität – Stichwort Gallinari – für Italien spricht. Wenn das DBB-Team an den Brettern dominiert und wie zuletzt stark verteidigt, ist ein Sieg drin.

Trivia

Danilo Gallinari erfreut sich in Italien und bei Basketballfans auf der ganzen Welt großer Beliebtheit. Die schwedische Musikgruppe „De Vet Du“ produzierte 2017 sogar eine Hymne für das italienische Aushängeschild. Für den Song nannte sich das humorvolle Quartett kurzerhand in „Italian Stallions“ (englisch für „Italienische Hengste“) um. In der Videobeschreibung schreiben die Vier: „Dies ist ein Song für unseren HELDEN Danilo Gallinari! Er ist der beste Spieler auf der Welt und ein echter italienischer Hengst!“ Wie viel Prozent Wahrheit und wie viel Ironie dabei drinsteckt, ist nicht bekannt.

Im Moment steht das YouTube-Video bei etwa 300.000 Klicks, auf Spotify wurde der Hit fast 1,3 Millionen Mal aufgerufen. Bei Fans der NBA-Teams, für die „Gallo“ seitdem auflief, fand der Song bereits großen Zuspruch. Sollte der Power Forward seine Farben in Tokio zu einer Medaille führen, dürfte der Song auch in Italien noch populärer werden.