Der Mythos Michael Jordan

Irgendetwas ist anders am 11. April 2003. In der NBA laufen die Vorbereitungen auf die Playoffs, die in acht Tagen starten. An diesem Freitagabend steht das Gastspiel der Washington Wizards bei den Miami Heat auf dem Programm. Es ist eine Partie ohne große Bedeutung, nur das Team aus der US-Hauptstadt hätte bei einem Sieg noch die Minimalchance, ein Ticket für die Meisterrunde zu lösen. Aber das ist es nicht, was die einzigartige Atmosphäre prägt. Es ist vielmehr Michael Jordans letzter Sieg in der nordamerikanischen Profiliga und ein Moment, der seinen Stellenwert für den gesamten Basketballsport unterstreicht.

Ein Denkmal mit Symbolcharakter

Vor der Begegnung veranstalten die Miami Heat eine Zeremonie, um das Trikot mit der Nummer 23 zu verewigen. Obwohl Jordan nie für die Franchise aus Florida auf Korbjagd ging, hängt seither sein Jersey – als erstes Trikot, das die Heat-Organisation überhaupt aus dem Verkehr zieht –, halb rot (für seine Zeit bei den Chicago Bulls) und halb blau (für seine Zeit bei den Washington Wizards), von der Hallendecke der Sportstätte am South Beach herab. In Erinnerung an einen der größten Sportler überhaupt.

Pat Riley, Head Coach der Heat, bringt es auf den Punkt: „Das ist für alles, was du für diesen Sport getan hast – nicht nur für die NBA, sondern für die Fans auf der ganzen Welt. Niemand wird jemals wieder das Trikot mit der Nummer 23 bei den Miami Heat tragen. Du bist der Beste.“ Die Emotionen schwängern die Luft im ausverkauften American Airlines Center. Nach einem fünf Minuten langen Highlight-Film mit unzähligen Flugeinlagen, Siegergesten und MJs unvergesslichem Lächeln umarmt Jordan Riley, winkt den Zuschauern zu und geht danach auf dem Parkett der Arbeit nach.

Beim 91:87-Erfolg der Wizards steht der 40-Jährige 40 Minuten auf dem Parkett, feuert 26 Mal auf den Korb und erzielt 25 Punkte und vier Assists. Nach der Begegnung muss MJ feststellen, dass sein Einsatz nicht belohnt worden ist – Milwaukee und Orlando siegen an diesem Abend ebenfalls und beenden damit die Playoff-Hoffnungen Washingtons zum wiederholten Male. Für Michael Jordan endet seine Bilderbuchkarriere fünf Tage später in Philadelphia. Dort bestreitet der wohl beste Shooting Guard aller Zeiten das letzte Basketballspiel als Profi.#

Ein fast schon zu perfektes Drehbuch für Hollywood

Um das Lebenswerk Michael Jordans in Worte zu fassen, bedarf es unzähliger Superlative. Worte sind nicht in Ansätzen zu leisten imstande, um das auszudrücken, was Michael Jordan mit dem Basketball angestellt hat bzw. was der Sport ihm zu verdanken hat. Seine sportlichen Errungenschaften sind unerreicht, die Auszeichnungen zahllos.

Phil Jackson, der die Chicago Bulls von 1989 bis 1998 coachte, drückte es vortrefflich aus: „Die Leute kommen, um ihn zu sehen, und nicht weil wir Basketball spielen. Wir sind im Unterhaltungsgeschäft. Sie wollen Jordan [sehen].“

Niemand hat je zuvor die Brücke zwischen Sport und Wirtschaft mit derart standhaften Füßen betreten wie Michael Jordan. Als Ausnahmebasketballer veränderte er einen ganzen Sport, mit seinem Charisma brachte MJ das Mauerblümchen namens NBA dazu, wie eine Rose aufzublühen. Jordan, der Wirtschaftsfaktor, musste nur husten und einzelne Wirtschaftszweige begannen zu kränkeln. Insgesamt sollen Marken, die von Jordan beworben worden sind, an die zehn Milliarden Dollar eingebracht haben – und tun das noch heute. Der Protagonist selbst wird mit etwa 400 Millionen US-Dollar Privatvermögen als der reichste Sportler überhaupt gehandelt.

Michael Jordan ist und bleibt eine Ausnahmeerscheinung. Sollte Hollywood jemals das Gesamtwerk MJs in einen Film packen, es würde unglaubwürdig erscheinen, weil es fast schon zu perfekt scheint. Joe Dumars von den Detroit Pistons wurde von Jordan als dessen ärgster Widersacher angesehen, der MJ aber trotz der unzähligen Duelle Tribut zollt. „Auch in zwanzig Jahren werden die Leute ihn sich ansehen und sagen: Er ist unglaublich.“

Die Faszinationen von „Air Jordan“, wie er wegen seiner unfassbaren Sprungkraft und athletischen Fähigkeiten zeit seiner Karriere genannt wird, hält bis heute an. Am 11. September 2009 – fast 25 Jahre nach seinem ersten Spiel in der NBA – bekommt Jordan einen Platz in der Basketball Hall of Fame in Springfield, Massachusetts. Es ist eine längst überfällige Würdigung und nur ein Mosaikteil im überwältigenden Erfolgsbild, das das Gesamtkunstwerk verziert.

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