#BreatheTogether

Die gesellschaftliche Auseinandersetzung gegen Rassismus ist durch George Floyds Tod neu entfacht. Basketball-Stars machen sich seit jeher dagegen stark.

Ein Meer voller Schlagzeilen durchströmt unseren Alltag. Die Medien fluten unsere Sinne mit Informationen, Fakten und Meinungen. Manche Wellen sind klein, manche sind riesig, türmen sich auf und brechen mit lauten Getose über uns. Sie überschwemmen unsere Gedanken, sickern in unser Bewusstsein und hinterlassen dort Spuren. Spuren, die bleiben. Steter Tropfen höhlt den Stein. Oder anders: Rassismus hinterlässt Spuren, besonders bei den Betroffenen.

Es ist jedoch relativ leicht in Worte gebracht, sich zu diesem Thema zu äußern, wenn man die Erfahrungen nicht selbst erleidet. Man mag zwar alles über Rassismus wissen, aber viele können wohl nur erahnen, wie es sich mit Rassismus bei Betroffenen verhält.

Gerade auch deshalb fällt es schwer, für diesen Text die passenden Worte zu finden. Denn wir leben in einer Zeit, die einer stürmischen See gleicht. Vieles ist durcheinander gewirbelt, vieles wird sich erst mit der Zeit setzen und nicht mehr an Ort und Stelle sein, wo es seinen Ursprung hatte. Es sind Wogen des Wahnsinns, denen wir im Jahr 2020 ausgesetzt sind. Künftige Generationen werden sich beim Blick in die Geschichtsbücher verwundert fragen, welche Herausforderungen die Welt in diesem Jahr (bislang) bewegt hat. Corona und Rassismus. Das sind die großen Krisen von heute, die weltbewegenden Viren der Gegenwart.

Da wirkt das Bild eines Mannes, welcher auf seinen Schultern ein Mädchen trägt und mit ihr durch die Straßen zieht, wie aus einem Hollywood-Film. Er trägt eine Schirmmütze mit der Aufschrift „FAITH“, Glauben – an eine bessere Zeit? Sie lächelt, sie halten sich an den Händen, die Arme in die Höhe gestreckt. Ein Zeichen der Hoffnung, ein Symbol der Freiheit.

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Stephen Jackson …

Doch der Schein trügt. Der Mann ist der frühere Basketballprofi Stephen Jackson. Er spielte 14 Jahre in der NBA, gewann 2003 mit den San Antonio Spurs die Meisterschaft. Auf seinen Schultern sitzt Gianna Floyd. Sie ist sechs Jahre alt. Seit dem 25. Mai hat sie keinen Vater mehr. George Floyd stirbt, weil ein weißer Polizist minutenlang auf seinem Nacken kniet, bis er keine Luft mehr bekommt.

Dieser Mord ist der buchstäbliche Tropfen, der das hässliche und zerbeulte Fass mit der Aufschrift Rassismus zum Überlaufen bringt. Floyd ist nicht der erste Afroamerikaner, der Polizeigewalt zum Opfer fällt. Die Liste ist lang, wie u.a. Rapperin Nicki Minaj auf Instagram zeigt – und bei weitem nicht vollständig.

Jackson, der Floyd als „Zwillingsbruder“ bezeichnet, ist am Boden zerstört, als er vom Tod des Freundes erfährt. Er ist wütend und voller Trauer, fordert Gerechtigkeit für George Floyd und ergreift bei den Protesten in Minneapolis das Wort.

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Eine ganze Welle von Demonstrationen folgt und wälzt sich durch die US-Metropolen. Via Social Media schwappt die Bewegung mit Hashtags wie #justiceforgeorgefloyd, #blacklivesmatter oder #blackouttuesday um den Erdball, und es ist kein Ende der Proteste und der Solidarisierungsaktionen in Sicht. Weil kein Ende des Rassismus in Sicht ist.

Soziale Ungleichheit, Ungerechtigkeit, Benachteiligung und das Be- bzw. Abwerten anderer Menschen begleitet Gesellschaften seit jeher. Vor allem in den USA als Einwanderungsland und Schmelztiegel mit Wurzeln aus allen Kontinenten ist Rassismus eine tiefsitzende und eitrige Wunde, die derzeit so offen klafft wie zuletzt vor einem halben Jahrhundert.

Heute wie damals zeigen Koryphäen des Sports Mut, sich klar gegen Rassismus zu positionieren und einzusetzen. Sie sind die Götzen der Neuzeit, die Wochenend-Helden, die Ikonen für Generationen. Durch ihre herausragenden Leistungen haben sie sich einen Platz an der Spitze ihres Sports geschaffen und Bekanntheit in der Bevölkerung erlangt. Diese Popularität hilft ihnen, ihrer gesellschaftlichen und sozialen Verantwortung gerecht zu werden. Sportler haben Vorbildfunktion, an denen sich vor allem Heranwachsende orientieren. Die Sportler zeigen durch ihr Handeln, welche Kraft sie auf die Gesellschaft ausüben und was sie außerhalb ihres Sports bewirken können.

Im Basketball gibt es viele Beispiele dafür. Stars haben durch ihr Auftreten auf dem Spielfeld und abseits des Parketts immer wieder auf Missstände hingewiesen und Stellung bezogen. Sie sind mutig, zeigen Haltung und Rückgrat, sie rütteln wach, um zu zeigen, woran die Gesellschaft krankt. Sei es durch stillen Protest, durch öffentliche Briefe und Reden, durch handgeschriebene Botschaften auf Schuhen oder auf T-Shirts.

Pioniere des Protests

In den 1960er Jahren sind es vor allem Bill Russell und Kareem Abdul-Jabbar (damals noch Lew Alcindor), die ihren Einfluss als schwarze Ausnahmespieler nutzen, um sich gegen Rassismus und soziale Ungerechtigkeit einzusetzen. An der Seite des Boxers Muhammad Ali, des Footballers Jim Brown und anderer Sportgrößen jener Zeiten versammeln sie sich am 4. Juni 1967 in Cleveland, um Alis Wehrdienstverweigerung öffentlich zu bekunden. Damals gibt es das Recht auf Ablehnung des Kriegsdiensts nicht in den USA, es gilt als Straftat. In der Konsequenz wird Ali seine Boxlizenz entzogen und er mit einem Kampfverbot in den USA belegt.

Bill Russell, der erste afroamerikanische Coach der NBA-Geschichte und elffacher Champion, sieht sich zeit seiner Karriere dem Rassismus ausgesetzt. Er nutzt seine Rolle als Führungsspieler der Boston Celtics, um das Thema öffentlich zu machen. Als ein Restaurant schwarzen Celtics-Profis den Zutritt verweigert, weigern sich die schwarzen Spieler aus Protest, im nächsten Spiel aufzulaufen. Russell nimmt an Massendemonstrationen für Bürger- und Menschenrechte teil, führt Kundgebungen an und marschiert an der Seite von Bürgerrechtler Martin Luther King Jr.

„Der Rassismus war überall“, schreibt er in seinem Buch „Go Up for Glory“. „Eine lebendige, schmerzende, verletzende, stinkende, schmierige Substanz, die einen selbst bedeckte. Ein Sumpf, aus dem man sich herauskämpfen muss.“

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Doch Russell ist nicht der erste schwarze Basketballer in der NBA, jedoch in den von Rassenunruhen gebrandmarkten 1960er Jahren der bekannteste.

In den 1950er Jahren ebnen Earl Lloyd, Chuck Cooper oder Nat Clifton den Weg für eine multikulturelle Liga. Cooper ist der erste Schwarze, der jemals von einem NBA-Team gedraftet wird, Clifton unterzeichnet als erster Afroamerikaner einen NBA-Vertrag, und mit Lloyd läuft am 31. Oktober 1950 erstmals ein schwarzer Spieler in der NBA auf.

Kareem Abdul-Jabbars Sichtweise auf soziale Missstände, Hautfarbe und Herkunft schärfen sich im Alter von 17 Jahren. Im Jahr 1964 wüten sechs Tage lang Unruhen im New Yorker Stadtteil Harlem. Auslöser ist der Mord an James Powell, einem 15-jährigen Schwarzen, durch einen weißen Polizisten.

„Damals wusste ich ganz genau, wer ich war und wer ich zu sein hatte“, berichtet Abdul-Jabbar in einem Artikel auf The Undefeated. „Ich war die personifizierte schwarze Wut, personifizierte Black Power.“ Als gefeierter Star am College UCLA boykottiert er die Olympischen Spiele 1968. Mr. Skyhook nutzt auch später in der NBA seine Bekanntheit und sein politisches Bewusstsein, um zu gesellschaftlichem wie sozialem Wandel anzuregen. Kareem Abdul-Jabbar ist der Muhammad Ali des Basketballs.

„Donald Trump ist ein Zerstörer. In seiner Gegenwart zu sein, lässt dich sterben“

Rassismus ist allgegenwärtig und ein Schwelbrand, der in diesen Tagen neue Nahrung bekommen hat – er lodert lichterloh in den Gemütern der Gesellschaft. Sportgrößen in den USA drücken ihre Anteilnahme aus und nutzen ihre Macht über Soziale Medien, um die Welt zu sensibilisieren. Kobe Bryant lässt nach dem Tod von Eric Garner im Jahr 2014 schwarze Shirts mit dem weißen Aufdruck „I can’t breathe“ anfertigen, aus Solidarität und Zeichen der Ungerechtigkeit. Es waren Garners letzte Worte vor seinem Tod. Sechs Jahre später sind die Shirts aktueller denn je. Superstars wie LeBron James, Kyrie Irving, Derrick Rose tragen sie als Ausdruck des stillen Protests.

Auch Michael Jordan, der als Spieler und Funktionär selten bis gar nicht außerhalb seines sportlichen Mikrokosmos geblickt hat, bezieht nach Floyds Tod öffentlich Stellung: „Ich bin zutiefst traurig, wirklich gequält und einfach wütend. Ich sehe und fühle jedermanns Schmerz, Empörung und Wut.“

Die Stellungsnahmen reißen nicht ab. NBA-Boss Adam Silver sowie die NBA-Coaches Doc Rivers („Schwarz zu sein in Amerika ist hart. Dies ist kein afroamerikanisches Problem. Das ist ein Problem der Menschheit.“), Gregg Popovich („Er [Präsident Donald Trump] ist nicht nur spaltend. Er ist ein Zerstörer. In seiner Gegenwart zu sein, lässt dich sterben. […] er kann nichts dazu beitragen, uns auf einen guten Weg zu bringen, weil er kein Anführer ist.“) und Steve Kerr („Die jüngere Generation, die heranwächst, ist vielfältiger, toleranter und bessere informiert als vorherige […]“) prangern den systematischen Rassismus in den USA öffentlich an. Sie übernehmen öffentlich Verantwortung, sie geben Orientierung und spenden Hoffnung.

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Diese Aufgaben sollten bei Prominenten, Sportlern und öffentlichen Personen auf der Agenda stehen: Sie sollten das Bewusstsein schärfen, auf Missstände aufmerksam machen und sensibilisieren. Sie können durch Worte und durch Taten helfen. Wie die neue Generation von NBA-Profis, die aktiv an den Protesten teilnimmt. Jalen Brown von den Celtics ist 15 Stunden mit dem Auto von Boston nach Atlanta gefahren, um dort zu demonstrieren.

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Enes Kanter hat 20 Stunden auf sich genommen, um an der Seite von Marcus Smart für eine Protestaktion von Chicago nach Boston zu reisen. Dennis Smith Jr. von den Knicks ist in Fayetteville auf die Straße gegangen, 76ers-Flügel Tobias Harris hat in Philadelphia protestiert. Auch Bucks-Guard Malcolm Brogdon, dessen Großvater mit MLK demonstrierte, oder Hawks-Stars Trae Young haben sich Protestmärschen angeschlossen. Wie Bradley Beal erheben sie ihre Stimme für ihre Mitmenschen, um auf die sozialen Benachteiligungen hinzuweisen, die sie teilweise selbst erlebt haben.

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Auch die deutschen NBA-Spieler Moritz Wagner und Maxi Kleber nutzen ihren Status, genauso wie Dirk Nowitzki („Ich bin am Boden zerstört und traurig, dass wir so etwas immer und immer wieder sehen. Ich habe Angst um die Zukunft meiner Kinder. Wir müssen jetzt etwas ändern.“). Die beiden Wahl-Texaner haben jüngst mitgeholfen, die Straßen Dallas‘ nach den Unruhen wieder aufzuräumen.

Es geht darum, Zeichen zu setzen, zu protestieren, Widerstand zu leisten und auf Fehler im System hinzuweisen. Sport als soziales und ethnisches Sammelbecken kann und sollte diese Aufgabe erfüllen, Sportler sollten Botschafter sein.

Auch in Deutschland ist das Thema Rassismus allgegenwärtig. Dennis Schröder musste es in Braunschweig aufgrund seiner Hautfarbe früh am eigenen Leib erfahren. In den Bundesligastadien und Sportarenen ist kein Ende in Sicht. Bildung muss hier ein Instrument sein, um Rassismus zu „entlernen“, wie die Politikerin Aminata Touré betont und fordert.

Das Thema Rassismus wird uns weiter begleiten. Immer wieder werden im Alltag Situationen auftreten, die mit Rassismus einhergehen; die andere Menschen verletzen können, weil sie in ihrem Anderssein bewertet und verurteilt werden.

Es ist an der Zeit, dass die Gesellschaft dieses Virus mit all seinen Möglichkeiten bekämpft. Und dass dann eines Tages wahr wird, was Gianna Floyd auf den Schultern von Stephen Jackson in die Welt rief: „Daddy changed the world.“