Explosiva, aggressiva, Peyton Siva

Peyton Siva ist der Pulsgeber und Antreiber von ALBA BERLIN – der in seinem dritten Jahr bei den Albatrossen unter Coach Aíto er selbst sein kann. Nur in den Swimming-Pool sollte der Point Guard weniger tauchen.

von Leonard Brandbeck

Peyton Siva schaut nicht nur auf sich selbst. Der Guard von ALBA BERLIN weiß auch, was um ihn herum passiert. Auf dem Feld beweisen das die 6,4 Assists, die Siva in der Hauptrunde der BBL durchschnittlich pro Spiel an seine Mitspieler verteilt hat – der ligaweit fünftbeste Wert. Und abseits davon reicht dazu ein Blick in Sivas Twitter-Feed: Da hat der 28-Jährige regelmäßig Kollegen wie Shane Larkin (Anadolu Efes), Mike James (Olimpia Milano) oder auch Isaiah Thomas (Denver Nuggets) im Auge – man könnte sie seine Brüder im Geiste nennen: schnelle, athletische Point Guards, die bei einer limitierten Größe von plusminus 1,80 Metern vor allem über ihre Explosivität und Aggressivität kommen.

Explosiva, aggressiva, Peyton Siva – mit diesem Dreiklang sind die offensiven Fähigkeiten des Spielmachers griffig auf den Punkt gebracht. Siva ist der Pulsgeber und Antreiber in ALBAs schneller und freier Offensive; wenn Siva ins Rollen kommt, dann die Berliner gleich mit. „Das Wichtigste ist der Gameflow“, erklärt der Point Guard. „Wenn ich mich gut fühle: mehr Würfe für mich. Wenn meine Mitspieler besser drauf sind: gute Würfe für sie.“

So wie am vergangenen Sonntag, als die Berliner im dritten Spiel der Viertelfinalserie gegen ratiopharm ulm erstmals ein Viertel abgegeben hatten. 17:20 stand es nach zehn Minuten, und auch im zweiten Spielabschnitt taten sich die Berliner mit Ulms physischer Gangart und der Hektik auf dem Parkett schwer. Doch dann kam Siva, der die ersten zwei Spiele der Serie noch verletzt verpasst hatte.

Bei seinem Comeback schickte er nun erst einmal Ismet Akpinar mit einem Side-Step-Dreier ins Leere und bediente kurz darauf Kenneth Ogbe in der Transition für den Dunk zur Führung. Nach einer kurzen Verschnaufpause auf der Bank drückte er dann Akpinar den nächsten Dreier ins Gesicht, finishte im direkten Anschluss athletisch und mit viel Hangtime per Up-and-Under am Brett und legte dann im Pick-and-Roll mit Tim Schneider noch einen weiteren Dreier hinterher – acht Punkte am Stück für Siva, und zur Halbzeit führten die Albatrosse mit 50:43.

Am Ende machten die Berliner beim 100:83 mit dem dritten Sieg im dritten Spiel locker die Serie zu, Siva war nach seiner kurzen Verletzungspause mit 18 Punkten direkt wieder Topscorer und legte zusätzlich noch sechs Assists sowie vier Steals auf.

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„Unter Aíto habe ich die Freiheit, ich selbst zu sein“

„In meinem ersten Jahr mit ALBA hatte ich nicht so die Freiheit, wie ich sie jetzt habe“, blickt Siva zurück. Als er 2016 als bester Assistgeber der italienischen Liga aus Caserta nach Berlin wechselte, kam Siva unter dem damaligen Chefcoach Ahmet Caki noch nicht vollständig zur Entfaltung. Das hat sich unter Aíto Garcia Reneses geändert: „Jetzt fühle ich mich sehr viel selbstbewusster“, verdeutlicht Siva. „Ich habe die Freiheit, rauszugehen, ich selbst zu sein und so zu spielen, wie ich es gewohnt bin.“

In den beiden bisherigen Spielzeiten unter Coach Aíto erhöhte Siva sowohl seine Punkt- als auch seine Assistausbeute. Das hängt eng mit der Basketball-Philosophie der 72-jährigen Trainerlegende zusammen, meint Siva: „Er impft uns Spielern einfach viel Selbstvertrauen ein, um sehr frei und smart zu spielen.“ Vor allem von der Dreierlinie traut sich Siva seitdem mehr zu und nimmt mit etwa fünf Versuchen im Schnitt nun über einen Dreier mehr pro Spiel als noch in seiner ersten Saison für die Albatrosse.

„Das ist nicht nur bei mir so, das kann man auch bei anderen Spielern sehen“, macht Siva deutlich und verweist auf seinen Teamkollegen Luke Sikma: „Bevor Luke zu ALBA kam, hat er kaum mehr als 20 Dreier versucht – jetzt nimmt er mehr als 100 Versuche und trifft eine ganze Menge davon.“

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Nicht in den Swimming-Pool tauchen

Die Freiheiten in der Wurfauswahl sollen Siva dabei auch helfen, weniger den Infight in der Zone suchen zu müssen. Seine Schnelligkeit und Athletik machen ihn auch in Korbnähe zu einer Waffe, mit seinen unerschrockenen Dribblings bis tief ins Herz der Defense zwingt er gegnerische Teams zum Collapsen und schafft damit Raum für seine Mitspieler weiter draußen.

Gleichzeitig stellen die physischen Duelle in der Zone für den ohnehin schon verletzungsanfälligen Siva ein stetes Gesundheitsrisiko dar. Aíto ermuntert seinen Spielmacher dazu, die Attacken gegen die großen Jungs geschickter zu dosieren, ohne seinen aggressiven Spielstil aufzugeben: „Er nennt das ‚Nicht in den Swimming-Pool tauchen‘“, erklärt Siva. „Ich versuche deshalb, an meinem Passspiel zu arbeiten und das Spiel besser zu kontrollieren.“

Auch seine Reichweite aus der Distanz will Siva dazu vergrößern. Im Training arbeitet er bereits regelmäßig an Würfen aus acht bis neun Metern Entfernung, im Spiel hält er sich jedoch mit solchen Splash-Bombs noch zurück – obwohl die dort bislang gut fielen. „Die Coaches ermutigen mich sogar, mehr von diesen Würfen zu nehmen“, erzählt Siva. Nur an den Wurf aus der Mitteldistanz mag er sich nicht so recht heranwagen: „I suck at mid-range!“, platzt es aus ihm heraus.

Im Playoff-Halbfinale gegen die EWE Baskets Oldenburg, wenn Siva in der Zone mit Rasid Mahalbasic, Nathan Boothe oder Philipp Schwethelm auf eher behäbigere Verteidiger treffen wird, werden das Tempo, die Dynamik und die Courage des Point Guards jedoch wieder besonders gefragt sein. Kein Problem für Berlins Tempomacher: „Du kannst dich nicht davor drücken, wie das Spiel gespielt wird“, sagt er. „Wenn ich faul auf dem Feld bin, dann schadet das nicht nur mir, sondern auch meinen Mitspielern.“

Auch ab Sonntag dürfte also wieder der gewohnt waghalsige Berliner Spielmacher über das Parkett rauschen: Explosiva, aggressiva – Peyton Siva.