Steph / Stats almighty

Splash-Swish-Superstar – Stephen Curry reiht sich in den „50 / 40 / 90“-Club ein. Doch wer würde in der BBL diesem Kreis angehören? Und warum gibt es darüber keinen Diskurs?

Stephen Curry ist allgegenwärtig. Nimmt Oldenburgs Klemen Prepelic regelmäßig von neun Metern Maß, schaltet auch der Zuschauer gedanklich in den Splash-Modus. Trifft Ulms Per Günther nach mehreren Dribblings einen Dreier ins Gesicht des Verteidigers, avanciert er zum „Steph Curry der BBL“, wie man bei der Übertragung des Spiels zwischen Ulm und Berlin hören konnte. Dass der Golden State Warrior seinen MVP-Titel verteidigen wird, steht außer Frage – aber vielleicht sollte man ihm eher die MTP-Auszeichnung verleihen: die des Most Transcendent Players. 

Egal, welchen Spieler man beurteilt, Statistiken eignen sich bei gesunderer Herangehensweise als gute Argumentationsgrundlage und Illustration. Statistiken, die für Curry sprechen, sind noch einfacher zu finden, als ein offener Schütze in der „Lineup of Death“. Was Curry in dieser Spielzeit unter anderem gelang? Teil des „50 / 40 / 90“-Clubs zu werden.

Dort ziehen Spieler ein, die über eine Saison lang mindestens 50 Prozent ihrer Feld-, 40 Prozent ihrer Drei-Punkte- und 90 Prozent ihrer Freiwürfe verwandelt haben. Curry hat sich dabei zu Steve Nash (4x erreicht), Larry Bird (2x), Mark Price, Reggie Miller, Dirk Nowitzki und Kevin Durant gesellt.

In der Analytics-Evolution muten diese absoluten, aus jedem Boxscore zu ziehenden Statistiken fast altbacken an; um Wurfleistungen zu bewerten, gibt es immerhin allerhand Zahlenmaterial: Play-Type-Stats, um beispielsweise zwischen Spot-up-, off-Screen oder Isolation-Aktionen zu unterscheiden. Player-Tracking-Daten, um zwischen Pull-up- und Catch-and-Shoot-Würfen sowie Abschlüssen in der Zone oder am Elbow zu differenzieren. Dazu grafische Erklärungsversuche, detaillierte Shooting Breakdowns, selbst zu erhebende Shot-Chart-Anfragen und, und, und. Als nächsten Schritt hat die NBA zu den Playoffs übrigens ihre Hustle-Aufzeichnungen offengelegt, das nur nebenbei.

Dass in der deutschen Basketball-Bundesliga im Vergleich zu diesem fruchtbaren Zahlenboden viel mehr Brachenflächen liegen, ist nichts Neues. Ebenso wenig, dass dieses doch Zählbare für die Liga von anderer Seite aufgearbeitet werden muss. Von unserer Seite gibt es beispielsweise Erweiterte Statistiken oder ab und an Play-Type-Stats.

Hierbei besteht natürlich die Frage, inwieweit das breite Publikum offen und bereit für solche Statistiken ist. Aufgabe unserer Seite kann es deswegen auch nur sein, diese anzubieten, erklärbar zu machen und Vorteile sowie Bedeutung herauszustellen. Dass manch vermeintliches Sprachrohr des deutschen Basketballs den „ganzen Statistik-Freaks von heute“ das Wissen über Joe Dumars abspricht und diese „Basketballliebhabern“ entgegenstellt, macht es nicht besser. Doch genug dieses Exkurses.

Also, schlag den Sta… ts-Nerd, machen wir es uns einfach und gehen zurück auf Stephen Curry – und dessen „50 / 40 / 90“-Club. Hierzu brauchen wir keine erweiterten Statistiken, sondern benötigen nur einfache Quoten abzulesen – mit denen man dennoch die Wurfleistungen der besten Spieler würdigen kann. Warum findet darüber eigentlich kein Diskurs in der BBL statt? Wenn schon Vergleiche mit Steph Curry herangezogen werden. Sicherlich darf man drüber diskutieren, inwieweit die 7,24-Meter- und 6,75-Meter-Welten und damit ihre Leistungen miteinander vergleichbar sind.

Wer sind also die „50 / 40 / 90“-Clubmitglieder der aktuellen BBL-Saison? Hierzu ein Hinweis: Um sich in der NBA für diesen zu qualifizieren, muss ein Spieler ein paar Mindestvoraussetzungen erfüllen: in einer 82 Partien andauernden Saison 300 Würfe aus dem Feld, 82 von jenseits der Dreierlinie und 125 Freiwürfe verwandelt haben. Berücksichtigt man die unterschiedlichen Spiellängen, würden sich in der BBL nach 30 Spieltagen folgende Voraussetzungen ergeben: 91 Feldtreffer, 25 Dreier und 38 Freiwürfe (auch hier darf diskutiert werden, ob die Voraussetzungen anders festgelegt werden). Demnach gäbe es folgende Liste:

 FG%3FG%FT%TS%eFG%
Bryce Taylor56,950,595,174,069,1
Dusko Savanovic52,444,793,865,860,4

Ganz knapp verpasst hat Darius Miller den Sprung in die Liste: gegen Oldenburg zwei Würfe verwandelt statt verworfen sowie über die Saison sechs Freiwürfe mehr versenkt, und der Bamberger Allrounder wäre dabei. Robert Kulawick weist die nötigen Quoten auf, aber erfüllt nicht die Voraussetzungen – der Göttinger Scharfschütze lebt zu sehr an der Dreierlinie. Eine viel zu geringe Stichprobe ist bei Julian Albus und Niklas Kiel auszumachen.

Somit als ein Bayern-Duo (die Münchner wie Bamberg leisten offensiv historisches, siehe unten). Über die „50 / 40 / 90“-Voraussetzungen kann Taylor derweil nur lachen, er macht es sich alleine in einem überaus schicken „55 / 50 / 95“-Club bequem. Taylor agiert effektiv aus dem Feld, da er wenige Abschlüsse aus der Mitteldistanz forciert und stattdessen auf Moreyball-Versuche setzt: Drives und Dreier (vgl. Jannes Schäfers Shot-Chart).

Von Downtown bringt sich Taylor zum einen als Spot-up-Schütze von der Weakside in Position. Mit 13,8 Zählern stellt er zwar den Topscorer Münchens, der Flügelspieler agiert aber selten am Ball (wie es beispielsweise Nihad Djedovic noch häufiger tut). Ein Pick-and-Roll zweier seiner Teamkollegen, und Taylor kann vom Kickout-Pass profitieren.

Das kann er auch in Hammer-Sets zu tun. Also bei einem Spielzug, in dem Taylor ballabseits einen Flare-Screen eines Big Man erhält, um danach in der Weakside in den freien Raum zu rotieren. Überhaupt setzten die Bayern Taylor gerne nach indirekten Blöcken ein, wie in folgendem Beispiel nach einem Staggered-Cross-Screen entlang der Baseline. Taylor bewegt sich hierbei sehr gut durch den Raum, geht über den ersten Block links, über den zweiten rechts vorbei. Anschließend deutet er an, dem Ballführer entgegen zu kommen, nur um danach wieder Richtung Baseline zu schneiden. Hier zeigt Taylor auch die nötige Fußarbeit, um nach seiner Bewegung und mit dem Fangen des Balls den Sprungwurf nehmen zu können. 

Seit der Saison 2011/12 hat Taylor nie die „47 / 39 / 82“ unterschritten. Dass der Flügelspieler solche Quoten auflegt, obwohl er zudem in der Verteidigung ständig rackert, ist umso beachtenswerter. Und übrigens: Der Bayern-Akteur hat in der BBL im Jahr 2016 keinen einzigen Freiwurf danebengesetzt – über elf Spiele bzw. mit 34 verwandelten Freiwürfen in Folge!

Was kann man aus Taylors Leistung im Rahmen des „50 / 40 / 90“-Clubs nun ziehen? Sicherlich, es sind auch Zahlenspielerei – doch die Handhabe mit Statistiken erscheint relevant, wenn es beispielsweise um die Award-Vergaben geht.  Ein Argument für die Offensivleistung Savanovics ebenso wie die von Taylor, womit man in All-BBL-Team-Debatten doch zumindest über Taylor nachdenken muss. Hätte er früher zu seinen momentanen Form gefunden, wäre er auch ein MVP-Kandidat.  

Outside the boxscore …

… muss man nicht unbedingt suchen, um aussagekräftige Zahlen zu finden. Inside the boxscore sollte man dennoch aufpassen, worauf man sich bezieht. In den BBL-Statistikbögen wird u.a. die „Efficiency“ aufgeführt. Doch weder mit Effizienz, noch mit Effektivität hat dieser Wert etwas zu tun. Vielmehr ist es ein addierter Boxscore-Wert, der mehr für ein Managerspiel taugt.

Meint Effektivität, ein Ziel zu erreichen (im Basketball so viele Punkte wie möglich zu erzielen; ein Dreier gibt natürlich mehr als ein Zweier), bezieht Effizienz noch den Aufwand mit ein (im Basketball ist es am einfachsten, an der Freiwurflinie zu Punkten zu kommen, da es hier natürlich keine Verteidiger gibt). Diese Unterscheidung wird im Basketball auch statistisch in Rechnung getragen: durch die effektive Feldwurfquote (eFG%) und die True-Shooting-Quote (TS%).

Brian Qvale mag die Liga beim „Efficiency“-Wert anführen, doch am effizientesten in der Beko BBL wirft Taylor. Bryce almighty.