Thorsten Leibenath: „Mit dem Orange Campus zu einem der Top-Ausbilder Europas“

So unsicher die Zeiten für Profi-Clubs sind, ratiopharm ulm kann positiv in die Zukunft blicken: mit dem Orange Campus. Im Interview spricht Thorsten Leibenath über die Bedeutung des Campus. Außerdem erklärt Ulms Sportdirektor, wo Deutschland unterentwickelt ist, und welche Auswirkungen die Corona-Krise auf Verträge hat.

basketball.de: Mit ratiopharm ulm habt ihr seit kurzem den Orange Campus bezogen. Wenn du dir vor Augen führst, welche Möglichkeiten die Spieler und damit auch Trainer zur Verfügung haben: Bereust du es da nicht manchmal, genau jetzt nicht mehr Head Coach zu sein?

Thorsten Leibenath: Die Möglichkeiten, die sich mir in Ulm bereits davor geboten haben, waren schon richtig klasse: Drei Monate, nachdem ich mein Engagement als Trainer begonnen hatte, bin ich ja in den Genuss der ratiopharm arena gekommen – die in meinen Augen schönste Basketballhalle Deutschlands. Und jetzt haben wir das wahrscheinlich schönste Trainingszentrum Deutschlands.

Ich habe im Campus auch schon das eine oder andere Training durchgeführt, auch wenn ich jetzt nicht mehr der Coach der Bundesligamannschaft bin: Es macht extrem viel Spaß. Von daher glaube ich, dass es ein wirklicher toller Job ist, wenn man eine feste Mannschaft oder einen festen Aufgabenbereich in der Trainingsarbeit hat. Ich weine dem trotzdem keine Träne nach – sehe aber natürlich, wieviel Freude es bereitet, in einer solchen Umgebung zu arbeiten.

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Thomas Stoll postet auf Twitter immer wieder Photos vom Campus, wie u.a. von speziellen Trainings-Tools. Gibt es etwas im Campus, auf das du besonders stolz bist?

Wir sind derzeit im Begriff, das Athletiktraining so aufzubauen, dass dies einem sehr modernen Standard entspricht. Wenn das alles steht und mit Leben gefüllt ist, dann glaube ich, dass man von einem sehr hohen Niveau im europäischen Basketball sprechen kann. Dass wir die Anstrengungen unternehmen, um uns in diesem Bereich so gut aufzustellen, finde ich klasse.

Christoph Philipps sprach in einem Interview auf eurer Homepage von einer Messplatte. Als ich mich mit Marcus Lindner, dem jetzigen Athletiktrainer des FC Bayern München, zu dessen Zeit bei UNICS Kazan unterhalten hatte, bezeichnete er die Kraftmessplatte als „Goldstandard“ im Athletikbereich. Habt ihr also diese Messplatte?

Genau. Da ich mich im Athletikbereich selbst nicht ganz so gut auskenne, kann ich nicht sagen, ob die Druckmessplatten der „Goldstandard“ sind, aber mit Sicherheit sind sie ein sehr gutes Tool für die strukturierte Arbeit mit Athleten. Man kann mit ihnen wirklich sehr gezielt arbeiten, sie liefern beeindruckende Resultate. Ich kenne Marcus Lindner auch ganz gut und stehe regelmäßig im Kontakt mit ihm. Ich hatte ihn auch gefragt, was er für das Portfolio eines ambitionierten Vereins für wichtig erachtet.

Wo würdest du den Campus mit seinen Trainingsmöglichkeiten im europäischen Vergleich einordnen?

Das fällt mir schwer, da ich nur bedingt andere Trainingszentren gesehen habe. Wenn man beispielsweise nach Valencia schaut, haben sie dort eine noch viel größere Anzahl an Hallen. Ich hätte auch nichts dagegen, wenn wir noch ein paar mehr hätten. Aber die Halle ist das eine, das andere sind dann solche Möglichkeiten wie die Druckmessplatten sowie die Skill-Courts. Zudem testen wir Spieler auf kognitiver Ebene, wir arbeiten recht innovativ.

Ich kann das aber schwer vergleichen. Wir sind wie gesagt aber auch erst am Anfang, da kann noch eine Menge mehr hinzukommen. Unsere Hoffnung, vielleicht auch unsere Erwartung, ist aber schon, dass uns der Campus dazu verhilft, einer der Top-Ausbilder im europäischen Basketball zu werden.

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„Die Themen Workouts und individuelle Entwicklung in der Offseason sind in Deutschland unterentwickelt“

Mit Ismet Akpinar trainierte in der Offseason ein ehemaliger Spieler von euch auf dem Campus. Mahir Agva und Bazou Koné waren auch vor Ort, sicherlich noch ein paar mehr …

Auch Leon Kratzer und Bogdan Radosavljevic waren da. Viele Bundesligaspieler, aber auch Nationalspieler aus anderen Ländern trainierten bei uns im Campus. Etwa 30 Jungs haben sich während der Offseason fit machen lassen: ganz individuell, jeder Spieler mit dem Programm, das er sich gewünscht hat. Egal, ob ein Spieler zwei Wochen oder drei Tage trainieren wollte.

Ist es auch das, was euch mit dem Campus und eurem Top-D-Programm vorschwebt?

Ganz genau. Die Hintergründe sind folgende: Erstens wird in der Offseason, also der spielfreien Zeit, das Mannschaftstraining ja oftmals heruntergefahren. Zumindest im Profibereich sind viele Spieler einfach nicht vor Ort. Das heißt für uns: Wir haben Kapazitäten, die wir natürlich nicht ungenutzt wissen lassen wollen – gerade, wenn wir solch tolle Möglichkeiten wie mit dem Campus haben.

Zweitens: Wir haben immer wieder das Feedback erhalten, dass sich Spieler hier in Ulm sehr wohlgefühlt haben. Dass sie trotzdem gewechselt sind, hatte Gründe im Bereich des Finanziellen oder der Karriereplanung: dass die Jungs einfach auf ein höheres Niveau gekommen sind als das, auf dem wir uns befinden. Wir haben uns dann Gedanken darüber gemacht, wie man diesen Spielern ein Angebot machen kann, das über die klassische Vereinszugehörigkeit hinausgeht und mit dem sie mit Ulm in Verbindung bleiben.

Drittens: Wir haben schlicht und ergreifend festgestellt, dass die Themen Workouts und individuelle Entwicklung in der Offseason in Deutschland, vielleicht sogar auch in Europa, unterentwickelt sind. In den USA haben die Spieler ein viel deutlicheres Konstrukt, von wann bis wann eine Saison geht. Wenn man bedenkt: Eine College-Saison geht von Oktober bis März – da kann man es sich nicht erlauben, sechs Monate lang nichts zu tun. Deswegen gibt es dort auch mehr Angebote, klassisch kommerzielle, die Offseason zu nutzen. So hat sich in den USA ein Markt entwickelt, den es in Europa letztlich in der Form nicht gibt.

Bei uns in Europa sind die Saisons zwar länger, dennoch gibt es viel braches Land hinsichtlich der Zeit. Wir wollen einfach ein Angebot bieten, mit dem dieses Brachland konstruktiv genutzt werden kann. Denn wir glauben, dass sich Spieler dadurch noch deutlich schneller und stärker verbessern können.

Marcos Knight ist einer von aktuell zwölf Spielern, der in der Offseason von Deutschland nach Frankreich gewechselt ist.

„Spieler in ihren ersten zwei Jahren in Frankreich werden gegenüber Spielern in Deutschland steuerlich bevorzugt“

Lass uns im Orange Campus bleiben – aber vom Trainingsparkett in dein Büro gehen. Ihr habt sechs Neuzugänge zu verzeichnen, Thomas Klepeisz inklusive. Inwieweit unterscheiden sich auf Grund der Auswirkungen der Corona-Pandemie Verträge, die jetzt geschlossen werden, zu bestehenden Verträgen?

Du versuchst als Club, der Unsicherheit Rechnung zu tragen. Unsicherheit in dem Sinne, dass du nicht weißt, wann eine Saison beginnt und ob sie mit Zuschauern startet oder nicht. Das ist kein so leichtes Unterfangen, weil sich diese Unsicherheit auch auf einen Spieler überträgt: Er verdient die Summe X, wenn alles normal läuft, aber die Summe Y, wenn es das eben nicht tut. Bis zu einem gewissen Maß kann man mit der Kooperation der Agenten und Spieler rechnen, aber tatsächlich nur bis zu einem gewissen Maß. Denn es ist auch nachvollziehbar, dass die Spieler eine gewisse Sicherheit haben wollen.

In unserem Fall ist deutlich geworden, dass sich das Gehaltsniveau deutlich reduziert hat. Wenn du eh schon von einem reduzierten Gehaltsniveau ausgehst, und man dann noch solche Klauseln reinsetzt, wird es dem Spieler irgendwann auch keinen Spaß mehr machen.

Gunnar Wöbke sprach in einem teaminternen Podcast der FRAPORT SKYLINERS davon, dass es in den Standard-Liga-Verträgen sozusagen „Corona-Klauseln“ gäbe, wie: Ein Vertrag beginnt nicht am Tag X, sondern sechs Wochen vor Saisonbeginn. Wie häufig findet man solche Klauseln in den Verträgen ligaweit oder bei euch in Ulm?

Bei uns ist die Situation ja wieder eine andere: Da wir im internationalen Wettbewerb agieren und am 30. September unser erstes Spiel bestreiten, hätten die Verträge nach dem ersten Vorbereitungstraining begonnen, wenn wir diese Klausel hätten. Auf Grund dessen sind wir gar nicht in der Lage, diese Standardklausel, von der Gunnar Wöbke spricht, in unsere Verträge aufzunehmen.

In der Theorie kann man ja alles von den Spielern einfordern. In der Praxis haben wir aber festgestellt, dass der ein oder andere Wunsch von unserer Seite gar nicht so umzusetzen ist.

Es dauerte, bis der Spielermarkt in der BBL in Schwung kam – wohingegen dies in anderen europäischen Ligen früher der Fall war, wie beispielsweise in Frankreich – einer Liga, die nicht stärker als die deutsche einzuschätzen ist. Wie erklärst du dir das?

Frankreich ist in der Tat ein interessantes Beispiel, da waren wir auch überrascht: wie sie zum einen so früh gehandelt haben und auf welchem Preisniveau sie das zum anderen getan haben – einem Preisniveau, das deutlich über dem deutschen gelegen hat. Wir haben in der BBL ja auch einige Abgänge aus Deutschland nach Frankreich, die das bestätigen.

Ich kann dennoch nur spekulieren. Zum einen hat es oftmals damit zu tun, dass Spieler in den ersten zwei Jahren in Frankreich steuerlich bevorzugt werden gegenüber Spielern, die in ihren ersten zwei Jahren hier in Deutschland sind. Bei uns spielt es keine Rolle, ob ein Spieler in seinem sechsten Jahr oder in seiner ersten Saison in Deutschland spielt – in Frankreich spielt das eine Rolle. Aber das kann nur zu einem gewissen Prozentsatz der Grund sein.

Ich glaube, dass es eher damit zusammenhängen könnte, dass die französischen Vereine ihr Budget weniger über die Zuschauereinnahmen genieren, und dass das Budget häufiger am Ende einer Saison durch einen Mäzen ausgeglichen wird. In Deutschland wird in den meisten Fällen so nicht gearbeitet: Hier schaut man im Vorfeld darauf, welche Einnahmen man aller Voraussicht nach haben wird – und mit dieser Summe wird für die kommenden zwölf Monate gearbeitet. Die deutschen Vereine waren hierbei mit Sicherheit konservativer: weil es in der Offseason noch keinerlei Signale gab, dass Zuschauer in die Hallen gelassen werden dürfen. Dieses „typisch deutsche“ Wirtschaften spiegelt sich vermutlich sowohl in den Verpflichtungen als auch in dem relativ späten Zeitpunkt der Verpflichtungen wider.

Ein Grund hierfür war auch das Final-Turnier in München, da gab es in der BBL wahrscheinlich auch brennendere Aufgaben. In Frankreich war seit März nichts mehr passiert, vielleicht ist dem ein oder anderen Club langweilig geworden und hat sich gesagt: „Es ist Mai, wir müssen mal wieder was unternehmen – verpflichten wir halt.“

„Wir waren im Sommer ein interessanter Arbeitgeber. Das hat sich durch die Corona-Situation nicht verringert, eher noch verstärkt“

Du hast den EuroCup angesprochen. Für die kommende Saison sind nur vier Teams aus der BBL in europäischen Wettbewerben gemeldet. Top-Clubs wie Oldenburg und Ludwigsburg haben sich dagegen entschieden, auch Vechta oder Frankfurt zogen zurück. Inwieweit war das bei euch ein Thema?

Du weißt ja momentan auch noch nicht, was passiert. Vier der fünf Gegner unserer Gruppe kommen aus Ländern, die derzeit Reisebeschränkungen unterliegen und als Risikogebiet eingestuft werden [Anm. d. Red.: das Interview fand am 8. September statt; mittlerweile ist Ulms Gegner Maccabi Rishon durch Mornar Bar ersetzt worden]. Das Ganze zu planen, ist extrem aufwendig und teilweise unmöglich auf Grund der Unsicherheit, das ändert sich ja auch fast wöchentlich … Ich kann demnach jeden Club verstehen, der sagt: Dieses Risiko – kombiniert mit dem finanziellen Risiko, sehr geringe Einnahmen zu generieren, wenn keine Zuschauer kommen – ist für uns ein zu großes Risiko. Gerade in einer Saison mit den ganzen Unwägbarkeiten. Das ist meine Spekulation, eine genaue Antwort werden diejenigen Teams geben können.

Wir sind ein Team, das immer international spielen möchte. Wir sehen darin einen Mehrwert für uns als Organisation und für die Spieler. Zu dem Zeitpunkt, als wir uns für den EuroCup entschieden hatten, haben die positiven Aspekte überwogen. Und diese Aussage würde ich auch heute noch immer so tätigen.

Ein positiver Aspekt ist, dass die Teilnahme an einem internationalen Wettbewerb auch immer ein Argument ist, Spieler zu verpflichten …

Es ist ein Recruiting-Tool, ohne Zweifel.

Aber da es diese Unsicherheiten gibt, denen sich Spieler und Agenten sicherlich bewusst sind: War es in dieser Offseason wirklich ein solcher Vorteil beim Recruiting?

Nach wie vor. Ich hatte weiterhin den Eindruck, dass unsere Situation als sehr spannend wahrgenommen wird, und dass gegebenenfalls auch ein paar Euro weniger akzeptiert werden: Ulm ist eine gute Adresse, es ist Deutschland, und es ist der EuroCup. All diese Punkte haben dafür gesorgt, dass wir in diesem Sommer ein interessanter Arbeitgeber gewesen sind. Das waren wir die Jahre davor auch schon, aber durch die Corona-Situation hat sich dies nicht verringert, eher noch verstärkt.

Du sagtest vor dem Final-Turnier, dass du Thomas Klepeisz vor dessen Verpflichtung gar nicht persönlich kennenlernen konntest. Das wird bei den Neuzugängen in dieser Offseason meist auch so gewesen sein. Inwieweit hat sich der Recruiting-Prozess allgemein schwieriger gestaltet?

Einfach dadurch, dass die direkte Kontaktaufnahme verwehrt geblieben ist, weil man nicht in den USA war. Ansonsten haben wir 60 bis 70 Prozent der Import-Verpflichtungen immer persönlich kennengelernt, mit ihnen Gespräche geführt oder von ihnen einen Live-Eindruck durch beispielsweise die Summer League erhalten – genau das ging diesmal nicht. Das heißt, dass du dich mehr auf andere Kommunikationsmöglichkeiten mit Video-Chats oder Telefonate verlassen musstest, und dass bei der Bewertung von Spielern Videoanalysen und Feedback aus deinem Netzwerk noch wichtiger waren.

Gleichzeitig haben wir in dieser Saison einige Jungs dabei, die wir auch schon vor diesem Sommer im Blick hatten. Wenn du längere Zeit deine Augen auf einem Spieler hast, geht das aber oftmals noch nicht so weit, dass du direkt ein persönliches Gespräch führst. Das tut man wirklich erst, wenn es ganz konkret wird.

Um allgemein auf dein erstes Jahr als Sportdirektor zu kommen: Auch in deiner Zeit als Trainer wirst du Spieler gescoutet und mit ihnen bzw. deren Agenten gesprochen haben …

So schrecklich viel hat sich da gar nicht verändert. Der Umfang ist etwas größer geworden, weil ich nun während der Saison etwas mehr Möglichkeiten habe, Spieler zu beobachten. Du kommst jetzt einfach mehr ins Detail. Es ist aber nicht so, dass ich jetzt über Recruiting-Tools verfüge, die ich vorher nicht hatte. Die Schritte, die ich jetzt als Sportdirektor mache, sind also nicht anders als die, die ich als Trainer gemacht habe. Was in Ulm immer der Fall gewesen ist: Der Trainer ist sehr aktiv in den Verpflichtungsprozess mit eingebunden. Das ist Jaka Lakaovic jetzt übrigens auch. Die Arbeit, die wir in der Vergangenheit überwiegend zu zweit gemacht haben, machen wir jetzt eben zu dritt.

Im zweiten Teil des Interviews spricht Thorsten Leibenath über die Auswirkungen einer verschobenen NBA-Saison auf den Spielermarkt in Europa, den Killian-Hayes-Effekt und über die Identität der Basketball-Bundesliga. [zum zweiten Teil]