Washington Wizards: Defensivprobleme, COVID-19 und ein Alleinunterhalter

Kaum ein Team hat bisher so enttäuscht wie die Washington Wizards. Nach dem Westbrook-Wall-Trade planten die Wizards den Angriff auf die Playoff-Plätze, finden sich derzeit aber am Tabellenende des Ostens wieder. Die Probleme sind vielschichtig, und auch die Lage der beiden deutschen Akteure bleibt unklar.

Mit viel Euphorie, aber auch einigen Fragezeichen gingen die Washington Wizards in die neue NBA-Saison. In der Offseason hatte der US-Hauptstadt-Club seinen langjährigen Franchise-Spieler John Wall samt eines Lottery-geschützten Erstrunden-Picks für Ex-MVP Russell Westbrook nach Houston geschickt.

Wenige Wochen zuvor hatten die Wizards noch betont, mit dem Duo John Wall / Bradley Beal in die neue Saison starten zu wollen. General Manager Tommy Sheppard erklärte im November bei NBC Sports, wie sehr Beal von einer Rückkehr des Point Guards profitieren würde: „Wir werden versuchen, Bradley etwas Last von den Schultern zu nehmen und seine Effektivität zu steigern. Durch die Rückkehr von jemandem wie John wird das deutlich einfacher.“

Gleiches sollte sicherlich auch für Russell Westbrook gelten, dennoch stehen die Wizards derzeit bei mageren fünf Siegen aus 18 Spielen und belegen den vorletzten Platz der Eastern Conference. Die schlimmsten Befürchtungen sind mittlerweile Realität geworden: Westbrook legt erneut ineffiziente Wurfquoten auf, Beal spielt den Alleinunterhalter, die Defense erweist sich als katastrophal, und allem Übel zum Trotz macht die Corona-Pandemie auch vor den Washington Wizards nicht halt.

Doch der Reihe nach: Die Probleme des Hauptstadt-Clubs beginnen bereits in der auf den ersten Blick eigentlich gut laufenden Offensive. Mit 116,3 Zählern pro Partie belegen die Wizards den sechsten Platz der Association, was jedoch in der hohen Pace begründet liegt. Beim Offensiv-Rating finden sich die Wizards nur im Mittelfeld der Liga wieder. Bei den Offensiv-Rebounds (22. Platz bei der OREB%) steht die Franchise noch weiter unten.

Hinzu kommt, dass die Wizards immer abhängiger von den Leistungen von Bradley Beal werden. Der Shooting Guard führt zurzeit die Liga in Punkten pro Spiel an (34,8 PpG), greift aktuell mit 5,1 Rebounds ein Career-High an Boards ab und verteilt zudem noch 4,6 Assists. Beal macht, was er immer macht, und liefert ab. Westbrook bezeichnete ihn kurz nach seinem Wechsel nach Washington bereits als „Silent Assassin“: „Ich war schon immer ein großer Fan seines Spiels. […] Er sagt nicht viel, aber wenn das Spiel beginnt, ist er da. Das liebe ich an ihm, allein vom Zusehen.“

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Doch was macht der Rest der Mannschaft in der Offense? Beals Backcourt-Partner Westbrook nimmt im Schnitt rund 19 Würfe pro Spiel und trifft von diesen gerade einmal zu 41,1 Prozent trifft. Immerhin befindet sich „Russ“ beim Dreier, der nie zu seinen Stärken gehörte, auf Career-High-Kurs (36,4% 3FG). Die Freiwurfquote von 67,2 Prozent ist wiederum die zweitschlechteste seiner Karriere.

Dass Westbrook nebenbei im Schnitt mit einem Triple-Double flirtet (20,6 PpG, 9,6 RpG, 9,5 ApG), hilft dabei nur bedingt. Gleiches gilt für Aktionen, wie die unnötige Ejection gegen Atlanta, als sich Westbrook zu einem erneuten Wortgefecht mit Rajon Rondo einließ und zu Beginn des vierten Viertels nach einem Schubser gegen eben diesen frühzeitig duschen gehen durfte.

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Die Probleme des Point Guards liegen sicherlich auch an der kurzen Offseason und dem neuen Team, an das er sich erst gewöhnen muss, dennoch helfen Aktionen wie diese nicht dabei, dass eine Mannschaft sich einspielen und ihre Rollen entwickeln kann. Viel Zeit hierfür blieb sowieso nicht: Nach nur sieben Spielen folgte eine Verletzung am Oberschenkel, mit der Westbrook einige Spiele aussetzen musste. Zudem ging man mit dem Plan in die Saison, dass der 32-Jährige bei „back-to-back“-Spielen nicht in beiden Partien zum Einsatz kommt. Hinzu kommen weitere Ausfälle im Team.

Starting-Center Thomas Bryant verletzte sich nach nur zehn Spielen so schwer (Kreuzband), dass er diese Saison nicht mehr zur Verfügung stehen wird. Der Ausfall wiegt schwer: Bryant zeigte tolle Leistungen und legte die besten Statistiken seiner noch jungen Karriere auf.

Doch Verletzungen sind nicht das einzige Problem: Zwischenzeitlich bestritten die Washington Wizards fast zwei Wochen lang kein einziges NBA-Spiel. Neben dem Verletzungspech versetzte die Corona-Pandemie die Franchise in einen Ausnahmezustand. Zwischenzeitlich wurden mehrere Spieler im Rahmen des „Health and Safety Protocol“ der NBA unter Quarantäne gestellt. Nach positiven Coronatests von fünf Teammitgliedern sah sich die NBA gezwungen, sechs Partien der Franchise zu verschieben. Kein Team traf es bisher so hart wie die Wizards.

Bradley Beal: „Im Moment können wir nicht mal ein parkendes Auto verteidigen“

So scheint es wenig verwunderlich, dass die Wizards eine Bilanz von 5-13 aufweisen. In der bereits angesprochenen Offensive wird auch nach der Coronazwangspause eine große Last von Bradley Beal getragen. Dass seine überragende 60-Punkte-Performance vor einigen Wochen gegen Philly nicht zum Sieg reichte, zeigt das größte Problem im Spiel der Wizards deutlich auf: Trotz 136 erzielten Punkten war man nicht in der Lage, die 76ers auch nur annähernd zu stoppen, und ließ 146 Punkte zu.

Die Defense findet teilweise überhaupt nicht statt. Mit einem Defensiv-Rating von 115,9 – ein noch schlechterer Wert als in der vergangenen Saison – rangiert Washington auf dem drittletzten Platz, kein Team gestattet seinen Gegnern eine höhere Wurfquote aus dem Feld (48,6% FG). Beim angesprochenen Spiel gegen Philly lag die Quote gar bei 61,7 Prozent …

Zwar verteidigen die Wizards die Drei-Punkte-Linie sehr solide, innerhalb aber katastrophal: In der Zone erlauben sie eine Quote von 58,4 Prozent, der schlechteste Wert der Liga. Hinzu kommen magere 3,6 Blocks pro Spiel. Zum Vergleich: Myles Turner von den Indiana Pacers kommt allein in dieser Saison auf 3,8 Blocks …

Diese Probleme haben sicherlich zwei Gründe: Auf der einen Seite fehlt den Wizards aktuell ein echter Ringbeschützer, den man wohl auch unter den aktuellen Verpflichtungen von Jordan Bell und Alex Len vergeblich suchen wird. Auf der anderen Seite machen es die individuellen Verteidiger der Wizards den gegnerischen Teams zu leicht. Der prominente Backcourt aus Beal und Westbrook ist zu anfällig für Drives zum Korb, und das gesamte Team tut sich schwer, Korbattacken zu verteidigen, ohne zu foulen. So gehen die Gegner Washingtons zurzeit im Schnitt 25,7 Mal an die Linie.

Auch ein Starter wie Rui Hachimura oder ein Scharfschütze wie David Bertans haben alles andere als einen Ruf als Edelverteidiger und tun sich schwer im Lückengeflecht der Wizards-Defense. Beal selbst erkannte das Problem bereits Anfang Januar und gab offen und ehrlich zu: „Es ist unsere Defense. Ich weiß nicht, warum sie es ist. Im Moment können wir nicht mal ein parkendes Auto verteidigen.“

Bereits vergangene Saison stellten die Wizards eine der schlechtesten Verteidigungen der Liga; das Front Office verpasste es, das Team in der Offseason mit guten Verteidigern zu verstärken. Stattdessen schien die Franchise zu versuchen, die Defizite unter dem eigenen Korb in der Offensive wieder ausgleichen zu können – bisher ohne Erfolg.

Keine Team-Option auf Moritz Wagner / Isaac Bonga fällt aus der Rotation

Auch an den beiden Deutschen im Kader der Franchise geht der Negativtrend nicht spurlos vorbei. Die Wizards verzichteten bei Moritz Wagner darauf, ihre Team-Option zu ziehen – womit der Center nach der Saison zum Unrestricted Free Agent werden wird. Zwischenzeitlich flog „Mo Swagner“ sogar ganz aus der Rotation.

Durch die Bryant-Verletzung ergeben sich hier natürlich wieder einige Möglichkeiten für den Berliner. Zwar wird auch er die bereits dargestellten Defensivprobleme in der Zone der Wizards nicht lösen können, dennoch kann er sich gerade durch sein Rebounding einbringen. In der Offense machen die aktuellen Quoten Hoffnung. Gerade als Stretch-Big könnte Wagner seinem Team in Sachen Spacing weiterhelfen, was beispielsweise auch Russell Westbrook zugutekommen würde. Voraussetzung hierfür ist natürlich ein stabiler Dreier, wie er ihn zu College-Zeiten im Repertoire hatte.

Zudem gilt es für Wagner, die Spielzeit, die ihm gegeben wird, auch möglichst effektiv zu nutzen und Werbung für sich und die kommende Spielzeit zu machen. Ob er diese dann bei den Washington Wizards oder einem anderen NBA-Team absolvieren wird, steht aktuell noch in den Sternen.

Auch Isaac Bonga macht gerade harte Zeiten in der Hauptstadt durch. Nachdem er zu Saisonbeginn noch Starter war, setzte ihn Headcoach Scott Brooks Anfang des Jahres kurzerhand auf die Bank, welche Bonga mitunter gar nicht verlassen durfte. Bonga teilt sich seine Minuten mit Troy Brown Jr., einem seiner direkten Konkurrenten. Coach Brooks betonte zwar zwischenzeitlich, dass er bemüht sei, beiden Swingmen Spielzeit zu ermöglichen, auf Dauer scheint dies aber nicht möglich zu sein. In den letzten Spielen vor dem COVID-19-Ausbruch innerhalb der Franchise sah es wieder so aus, als würde eher Bonga den Zuschlag erhalten.

Bonga ist zwar offensiv limitiert, glänzt jedoch stetig in der Verteidigung, wie die ausführliche Analyse aus der Offseason verdeutlicht. Im defensivschwachen Wizards-Team hat er positiven Einfluss auf die Verteidigung: Mit ihm auf dem Feld weist das Team ein um 15,8 Punkte pro 100 Possessions besseres Defensiv-Rating auf, als wenn er auf der Bank sitzt – teaminterner Bestwert! Bonga hat sowohl in der On-Ball-Verteidigung, als auch abseits des Balles seine Stärken.

Dennoch spielt Bonga in der aktuellen Saison gerade mal 14,1 Minuten im Schnitt. Eigentlich nicht zu glauben, wenn man die bereits angesprochenen Probleme des Teams bedenkt. Welchen Plan Headcoach Scott Brooks mit dem Deutschen genau verfolgt, bleibt weiterhin unklar. Das Potential von Bonga hingegen ist unbestritten, und es ist davon auszugehen, dass die Wizards ihm das Qualifying Offer in Höhe von 2,1 Millionen Dollar in der kommenden Offseason vorlegen werden. Gerade, weil er weiterhin erst 21 Jahre alt ist und man immer noch auf eine Entwicklung seines Potentials hofft. Dennoch sollte Bonga dies auch in der laufenden Saison öfter unter Beweis stellen, um seinen Weg in der NBA auch weiterhin sichern zu können.

Ausblick

Die Saison der Wizards scheint vorüber zu sein, bevor sie überhaupt richtig angefangen hat. Die Defensivprobleme lassen sich nicht ohne Weiteres lösen; der Ausfall von Bryant schmerzt, lässt aber für Moritz Wagner hoffen. Auch das Experiment Westbrook-Beal steht auf der Kippe. Und dass sich John Wall in Houston immer wohler zu fühlen scheint, trägt nicht gerade dazu bei, die Wizards in diesem Deal als Sieger zu küren. Dies unterstrich er zuletzt mit seiner 24-Punkte-Performance gegen sein Ex-Team und erklärte im anschließenden Post-Game-Interview: „Sie dachten, ich wäre fertig. Deswegen kam ich hierher und tat, was ich tat.“

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Stattdessen werden Trade-Gerüchte um Bradley Beal immer lauter. Der Guard gilt als heiß begehrt in der Liga und könnte einem Großteil der Teams von jetzt auf gleich zum nächsten Schritt verhelfen. Beal selbst, der seine komplette bisherige Karriere bei den Wizards absolviert hat, macht bisher zwar nicht den Eindruck, einen Trade forcieren zu wollen, dennoch scheint in der heutigen NBA nichts unmöglich zu sein. Vielleicht ist es auch an der Zeit, dass GM Sheppard einen Trade des Guards anpeilt, bevor der bisher sehr loyale Beal seine Meinung nach einer weiteren verschwendeten Saison ändert und selbst einen Trade fordert.

Aktuell besitzt „Big Panda“ noch einen großen Wert. Dieser könnte bei einer Trade-Forderung dramatisch nach unten fallen. Coach Brooks meinte zu einem möglichen Trade-Szenario rund um Beal: „Wir sind nicht interessiert. Ich werde Tommy einfach sagen, er könne genauso gut alle Nummern der anderen 29 Teams blockieren. Wir werden nicht antworten.“ Und stellte nochmal klar, dass der Guard nicht umsonst bei den Wizards verlängert habe: „Er will hier sein, er hat eine Verlängerung unterschrieben. Das hätte er nicht tun müssen.“

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Unabhängig davon, werden die kommenden Wochen wegweisend für die restliche Saison der Wizards sein. Bleibt die Defensive so anfällig und bleibt Westbrook der gleiche Fremdkörper im System wie bisher, so wird man weiter Spiel nach Spiel verlieren. Eine Playoff-Teilnahme kann dann auch durch das neue Play-In Tournament nicht mehr garantiert werden.

Allerdings befinden wir uns noch früh in der Saison, und die Wizards mussten wie kein anderes Team mit den besonderen Umständen einer Pandemie kämpfen. Findet Westbrook seinen Wurf und seinen Platz im System und können die Probleme der Defensive wenigstens stellenweise durch eine überragende Offense kaschiert werden, könnten die Playoffs im Osten möglich werden. Hierzu muss sich jedoch schnellstmöglich das Zusammenspiel des Backcourts verbessern und Bradley Beal vom Posten des Alleinunterhalters abgelöst werden.