Berlin gegen Ludwigsburg: Clash de las Culturas?!

ALBA BERLIN und die MHP RIESEN Ludwigsburg werden beim BBL Final-Turnier den Meister ausspielen. Erleben wir einen Krieg der Welten? Die Analyse verdeutlicht auch Gemeinsamkeiten in Aítos und John Patricks Systemen.

„Es sind schon zwei verschiedene Spielstile, die aufeinander clashen.“ So blickt Berlins Kapitän Niels Giffey auf das BBL-Finals-Duell zwischen ALBA BERLIN und den MHP RIESEN Ludwigsburg, das am Freitagabend mit dem ersten von zwei Spielen beginnen wird.

Auf der einen Seite Ludwigsburg, das den gegnerischen Basketball zerstören, auf der anderen Seite Berlin, das den eigenen Basketball zelebrieren will. So dürften manche die Stile beider Finalisten unterscheiden. Doch ist dies wirklich so einfach schwarz und weiß zu zeichnen?

Als einer der „Godfathers des europäischen Basketballs“, wie John Patrick seinen Gegenüber Aíto im Vorfeld des Vorrundenspiels charakterisierte, hat sich auch der Ludwigsburger Coach etwas von der spanischen Trainerlegende abgeschaut: „Ballhandling, Passing, Kreativität und das Spiel lesen – das wird bei den jungen Spielerm gefördert“, geht Patrick auf Frage von basketball.de auf die Neunziger Jahre zurück, was er von Aítos Philosophie in sein System aufgenommen habe. Bei damaligen Basketball-Camps habe Patrick viel mit jungen spanischen Coaches gesprochen – auch über Aíto.

„Das war auch bei mir in Washington D.C. bei DeMatha von [Coach] Morgan Wooten so: ,Be quick but don’t hurry‘, ,read the game‘ sowie Kreativität und Freiheit für unsere Spieler“ seien dort die Hauptpunkte gewesen, womit Patrick Gemeinsamkeiten zu Aíto sieht.

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Kann Aíto genauso etwas von Patrick übernehmen? „Ich versuche es“, meint Aíto und führt mit einem Ansatz aus, den man durchaus bei Patrick finden kann: „Es geht nicht nur darum, was Coaches denken, es ist auch wichtig, was Spieler denken. Es geht auch um den technischen und physischen Zustand. Man kann von allem träumen – aber wenn die Spieler es nicht umsetzen können, ist es nur ein Traum.“

Der physische Zustand ist seit jeher ein Hauptkriterium, um im intensiven Defensivsystem von Patrick zu bestehen. Dass Spieler eine Lizenz zum Werfen begrüßen, dürfte auf der (Wurf) Hand liegen. Selbst gewählte Abschlüsse aus weniger strukturierten Plays als vielmehr nach einem einzigen Ball-Screen sich auch eine Form von Freiheit.

Etwaige Überscheidungen bei den Philosophien beider Mannschaften waren auch im Vorrundenspiel zu beobachten, als sich die Berliner dank einer starken Crunchtime mit 97:89 durchsetzten …

Die Lehren aus dem Vorrundenspiel

… und dabei gar nicht so sehr ihr markantes Offensivspiel aufziehen konnten, zumindest in der ersten Hälfte. So waren es über das gesamte Spiel die Ludwigsburger, die drei direkte Abschlüsse mehr aus dem Fastbreak verzeichneten als die Berliner. Dabei fahren die Albatrosse über das gesamte Turnier hinter Brose Bamberg die zweithöchste Pace aller Teams, während die RIESEN hierbei nur auf dem achten Rang liegen.

Auf der anderen Seite generierten die Albatrosse mehr Zähler aus dem Eins-gegen-Eins (12 Pkt in 11 Poss) als Ludwigsburg (7 Pkt in 12 Poss) – wo doch die Schwaben über das Turnier deutlich am häufigsten aus Isolationen abschließen.

In der Crunchtime bestachen die Berliner schließlich doch mit einem ihrer Markenzeichen – Dreiern: Luke Sikma traf zunächst aus dem Pick-and-Pop, aus der Early Offense bediente Johannes Thiemann nach einem Mismatch Sikma für den Spot-up-Dreier, und wenig später legte Sikma auf Marcus Eriksson auf, der einen off-ball-Screen von Thiemann nutzte. 90:81, bei 2:11 Minuten auf der Uhr, Game.

„Wir haben unseren Game-Plan nicht umgesetzt“, gab Patrick hinsichtlich dieser entscheidenden Aktionen zu. „Ich habe gesagt, dass wir bei Sikma und Nnoko im Eins-gegen-Eins nicht doppeln sollen. Wir haben die Konzentration verloren.“ Sikmas vorheriger offener Dreier aus einem Pick-and-Roll resultierte aus einer Misskommunikation der Ludwigsburger Verteidigung.

„Am Ende hat Berlin besser als Mannschaft gespielt und in der Endphase offene Dreier bekommen – man kann Berlin keine offenen Dreier geben. Sie haben 17 Dreier getroffen … dann ist es schwierig, zu gewinnen“, führte Patrick vor den Finals aus.

„Wir wussten, dass sie die Zone wirklich dicht machen – vor allem, wenn es dort ein Mismatch gibt“, erklärte Sikma. So kamen die Berliner zu ganzen 14 Dreiern aus dem Catch-and-Shoot, von denen sie sieben versenkten. Von sechs Off-Screen-Dreiern trafen sie vier. Das sind die Offensivmerkmale, die das Berliner Spiel auszeichnen und mit denen sie heißlaufen können.

„Wir haben viel gelernt und das Spiel analysiert. Ob wir diese Lessons in den Finals umsetzen können, werden wir sehen“, lässt Patrick erahnen, dass die Ludwigsburger Downtown anders verteidigen könnten.

Offensiv darf Patricks Team mitnehmen, dass es mit Berlin „auf Augenhöhe“ agierte, obwohl MVP-Kandidat Marcos Knight nie seinen Rhythmus fand. Das lag an „zwei Spielern, die wie NBA-Spieler aussahen: Nick Weiler-Babb und Thomas Wimbush“, wusste Patrick. Es ist im gesamten Turnierverlauf eine Stärke Ludwigsburgs, die Spieler mit der heißen Hand zu finden.

Vor allem Weiler-Babb demonstrierte nach der Halbzeitpause, wie schnell er seinen Rhythmus finden kann und welch komplementäres Offensivspiel er zwischen weiten Pullup-Dreiern und aggressiven Drives besitzt. Zehn Punkte innerhalb der ersten vier Minuten legte der Flügelspieler auf. Auch er weiß um das grüne Licht des Ludwigsburger „Guard Terrors“. So erklärte er während der Halbfinalserie gegen Ulm: „Wenn du das Selbstvertrauen verlierst, nimmst du dich gleich selbst aus dem Spiel. Man muss weiterwerfen: Ich bin lieber bei 0/9 als bei 0/1.“

In Ludwigsburg genießen die Spieler die Freiheit zu werfen, in Berlin haben die Spieler die Freiheit, die Offensive zu laufen.                   

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Der Stil der MHP RIESEN Ludwigsburg

Diese Freiheit führt zu einem hohen Anteil an Isolationen: Ein Anteil von 17,5 Prozent der direkten Abschlüsse bedeutet einen Turnier-Höchstwert. Die Ludwigsburger agieren daraus aber nicht sehr effizient. Besser sieht dies aus, wenn ein Spieler nach einem Ball-Screen abschließt. Auffällig bei beiden Offensivarten ist, wie selten die Ludwigsburger hierbei Freiwürfe ziehen. Dies liegt daran, dass sie in erster Linie eine Mannschaft aus Sprungwerfern sind.

Offensiv agiert Patricks Team – entgegen den Aíto-Lehren – mit wenig Passing. Oftmals wandert der Ball von der Spielfeldmitte zum Flügel und zurück, bis ein passendes Matchup gefunden ist, das attackiert werden soll. Ein Vorteil dieser wenigen Pässe: eine geringe Anzahl an Ballverlusten. Bereits in der Hauptrunde waren die Schwaben das ballsicherste Team, das hat sich auch beim BBL-Turnier bestätigt.

Der Anteil an Isolationen mag so hoch sein, weil Patrick gerne mit drei oder sogar vier Guards aufläuft, die allesamt attackieren können. Im Turnierverlauf hat Patrick 41:58 Minuten lang mit einer Vier-Guard-Lineup gespielt, das Team steht in solchen Situationen bei einem Plus/Minus-Wert von +6. Im Playoff-Verlauf hat dies aber abgenommen – sowohl in der Quantität als auch in der Qualität. Im Vorrundenspiel gegen Berlin ließ Patrick nur 64 Sekunden lang mit einer Vier-Guard-Lineup agieren (+3).

Theoretisch könnte Patrick sogar fünf Spieler auf das Parkett schicken, die im Face-up-Game überzeugen: wenn Thomas Wimbush von der Vier auf die Fünf rutscht. Dies nutzt Patrick aber kaum – was auch an den guten Leistungen der (etatmäßigen) Center liegt: Jonas Wohlfarth-Bottermann als Starting-Center überzeugt als Defensivanker und Rebounder; Hans Brase – der eher als Wimbush von der Vier auf die Fünf rückt – ist Ludwigsburgs beste Pick-and-Pop-Option (4/9 3FG als P&R Man; Rest des Teams: 0/9 3FG); Cameron Jackson hat als Post-up-Spieler seine Momente; und da wäre noch Ariel Hukporti mit seinem vertikalen Einfluss (siehe unten).

Die Rechnung dieser Freiheit und der vielen Sprungwürfe ist einfach: mehr Possessions als der Gegner generieren, was mit wenigen eigenen Turnover und viel forcierten Ballverlusten beim Gegner sowie durch eine starke Arbeit am Offensiv-Brett bewerkstelligt werden soll. Nach Berlin haben sich die Ludwigsburger im Turnierverlauf prozentual die zweitmeisten Offensiv-Rebounds geholt, bei Putbacks verwandelt das Team 79,5 Prozent seiner Wurfversuche!

Offensiv sind die Ludwigsburger schon seit längerem ein Team, das viele Dreier nimmt, diese aber nicht hochprozentig verwandelt. Dies mag auch am Wurfprofil liegen: Patricks Team nimmt – durch die vielen Aktionen aus der Isolation und von Pick-and-Roll Ballhandlern – viele Dreier aus dem Dribbling und vernachlässigt Catch-and-Shoot-Dreier, vor allem aus der Ecke; eigentlich die effizientesten Würfe im Basketball. Selten sieht man in der Ludwigsburger Offensive, dass Spieler per Drive-and-Kick die Schützen in den Ecken bedienen (Berlin nutzt die Ecken derweil gerne aus einem Einwurf-Spielzug).

Eine größere Bedeutung in der Offensive nimmt der Flügel ein, die Position von 45 Grad: sowohl was Distanzwürfe als auch gelegentliche Cuts angeht. Das könnte gegen die spezielle Berliner Pick-and-Roll-Defense relevant werden: Hierbei doppeln die Berliner den Ballführer kurz, wenn der Verteidiger vom Weakside-Flügel einen Schritt zur Mitte macht und demnach den Flügel offen lässt. Im Vorrundenspiel konnten die Ludwigsburger daraus allerdings kaum Profit schlagen.

So dünn das Playbook von John Patrick auch daherkommen mag, so gibt es einen Spielzug, den das Team ganz effizient nutzt. Dabei stehen die beiden Big Men auf der einen, die beiden Flügelspieler auf deren anderen Seite. Durch einen Back-Screen soll ein Big Man am Korb bedient werden:

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Die Impulse deutscher Spieler 

Apropos Big Men: Mit der deutschen Version der „Stache Brothers“ sind zwei Ludwigsburger angeschlagen, Jonas Wohlfarth-Bottermann und Hanse Brase machten beim optionalen Training am Donnerstag nur Gewichtsübungen. Laut John Patrick werde sich ihr Einsatz am Spieltag entscheiden.

Umso wichtiger, dass Ariel Hukporti zurückgekehrt ist. Beim Halbfinal-Rückspiel-Sieg gegen Ulm verzeichnete der 18-jährige Center mit 19 Minuten einen neuen BBL-Karrierebestwert. Dabei präsentierte sich der 2,13-Meter-Hüne flink auf den Beinen, um die Ulmer Hand-Off-Aktionen mit einem abschließenden Pick-and-Roll zu unterbinden. Überhaupt hat Hukporti durch seine lateralen Bewegungen und Möglichkeiten der Recovery das Potential, auch am Ball als Ringbeschützer aufzutreten:

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Offensiv hat Hukporti mit einem weichen Hakenwurf das Potential, Ludwigsburgs bester Post-Spieler zu sein – wobei er das in Zukunft nicht mehr unter Beweis stellen dürfte: Schließlich soll das Center-Talent vor einem Wechsel nach Litauen stehen, einen Medizincheck konnte John Patrick auf nach das Turnier verschieben.

Sollten WoBo und Brase fit sein, könnte durch Hukportis gute Leistungen Cameron Jackson aus dem Kader fallen, womit Patrick mit Teyvon Myers und Zamal Nixon wieder mehr Guards zur Verfügung hätte; auch wenn Myers mit teils ungeschickten Aktionen (Fouls bei Dreiern, Turnover als Ballhandler) bisher keine glückliche Figur macht (und als „Entertainment-System“ auf der Bank auch seinen Wert hat).

Hukporti ist nicht der einzige Nachwuchsspieler, der in dieser Saison immer wieder in der Rotation gestanden ist: Radii Caisin und nun beim Turnier Lukas Herzog und Jacob Patrick zeigen gute Leistungen. Der Nachwuchs präsentiert sich nicht gehemmt, stattdessen mit Selbstvertrauen, wenn er in Kurzeinsätzen auf das Parkett kommt.

Vor allem wie forsch John Patricks Sohn Jacob Patrick auftritt und sich bei seinen Bewegungen schon enorm weit entwickelt präsentiert, ist eine der Geschichten des Turniers – standen in München doch viele junge deutsche Spieler im Fokus. So rutschten Herzog und Patrick in der Rotation teils vor die US-amerikanischen Turnierzugänge Myers und Nixon. 

Die jungen Spieler werden gefördert, hat Patrick hinsichtlich Aítos Philosophie angeschnitten. In Patricks Anfangsjahren hatte das Ludwigsburger Team kaum junge deutsche Spieler in den Reihen, oft waren es gebürtige US-Amerikaner mit deutscher Staatsbürgerschaft, die das Einhalten der 6+6-Regel ermöglichten. Doch in den letzten Jahren hat sich dies in Ludwigsburg geändert, auch dank einer starken NBBL-Mannschaft, die in diesem Jahr auf dem Weg zum Titel war.

Aítos Fördern und Fordern von jungen Spielern hat sich etabliert, seit er im Sommer 2017 nach Berlin gekommen ist. Die beiden U20-Nationalspieler Malte Delow und Lorenz Brenneke erweitern die Rotation in München und sorgen für Verschnaufpausen der etablierten Spieler; der 20-jährige Jonas Mattisseck hat sich mit seinem „Three and D“-Stil eh längst im Kader etabliert.

Und auch von den „älteren“ deutschen Spielern erhalten die Berliner wichtige Impulse: wie von Kenneth Ogbe, der sich als smarter Spieler im Face-up-Game verbessert hat. Oder von Johannes Thiemann, der all die kleinen Dinge tut, hustlet, in der Pick-and-Roll-Defense besticht (dort auch mal Offensiv-Fouls von Marcos Knight zieht) und offensiv gute Screens stellt. 

So überzeugte bei Berlin im Vorrundenspiel eine Drei-Mann-Lineup aus Mattisseck und Thiemann sowie Luke Sikma mit einem Plus/Minus-Wert von +19 in 12:27 Minuten (die anderen zwei Positionen wurden von Peyton Siva, Marcus Eriksson und Rokas Giedratis ausgefüllt). Das „In Game Coaching“ von Aíto ist zu Beginn seiner Amtszeit, samt Verweis auf fehlende Auszeiten, gerne mal kritisiert worden. Doch die richtigen Lineups zu finden, das lässt sich beim BBL-Turnier durchaus beobachten.

Der Stil von ALBA BERLIN

Besagte Drei-Mann-Lineup – mit Siva und Eriksson – auf dem Feld, gewann Berlin die Partie; in der Crunchtime stand sie bei +11 in 3:21 Minuten! Mit seinem Dreier besorgte Eriksson den Dagger, natürlich samt zusätzlichem off-ball-Screen. Der Scharfschütze ist Berlins beste Option, wenn es um das Nutzen indirekter Blöcke geht (Eriksson: 1,38 PPP; 52,6% FG).

Aus neun Prozent ihrer Offensivaktionen schließen die Berliner derart ab, Off-Screens sind, mit Rücksicht auf den hohen Anteil, ihre effizienteste Option (1,40 PPP). Die Berliner laufen dabei einen Spielzug, der zwei verschiedene Ausstiege bereithält: Entweder wird der Big Man nach einem Back-Screen per Alley-Oop-Anspiel bedient, oder der Schütze kommt nach einem Pin-Down an der Spielfeldmitte zum Wurf.

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Die Berliner machen es clever und nutzen den Schützen als Screener. Eriksson demonstriert derweil, um was es bei einem großartigen Schützen auch ankommt: die ständige Bewegung ballabseits und die Fußarbeit, um sich nach einem Block schnell richtig Korb zu positionieren.

Eriksson hat seit dem Vorrundenspiel gegen Ludwigsburg seinen Rhythmus gefunden: 64,3 Prozent seiner Dreier (bei 5,6 3FGA) netzt er seitdem ein. Dabei präsentiert sich der Flügelspieler aber nicht nur beim Distanzwurf stark, sondern auch bei Aktionen nach Dribblings, wenn er in der Zone mit Floatern operiert.

Unter Aíto legten die Berliner schon immer weniger Wert auf direkte Abschlüsse aus dem Pick-and-Roll, neben Off-Screen-Aktionen werden vermehrt Aktionen in der Transition und aus dem Spot-up-Bereich forciert. Auffällig ist, dass die Berliner im BBL-Turnier nun auch häufiger das Eins-gegen-Eins suchen – womit ihre Offensive noch facettenreicher und variabler geworden ist.

10,3 Prozent der Abschlüsse entfallen auf Isolationen, 9,4 Prozent auf das Post-up. Vor allem im Face-up Game präsentierten sich die Albatrosse – ungewohnt – effizient. Dies liegt vor allem an Peyton Siva. Unter den 16 Spielern, die beim Turnier mindestens zehn direkte Abschlüsse aus dem Eins-gegen-Eins forciert haben, ist der Berliner Guard hinter Bambergs Jordan Crawford der zweiteffizienteste Spieler des Turniers (Siva: 1,32 PPP).

Beabsichtigt sei der höhere Anteil an Eins-gegen-Eins-Aktionen nicht, wie Siva auf Frage von basketball.de erklärt: „Unser Stil besteht ja darin, das Spiel zu lesen. Wir reagieren darauf, was uns die Verteidigung gibt. Und wenn das die Möglichkeit ist, Eins-gegen-Eins zu gehen – dann müssen wir das nutzen. Glücklicherweise fallen bei uns die Würfe; und unsere Big Men machen einen großartigen Job darin, in den Post zu kommen und dort zu punkten.“

Am Zonenrand hat sich derweil Landry Nnoko enorm verbessert. Gegen Oldenburg konnte der Center dies zwar nicht bestätigen, doch über das Turnier präsentiert sich Nnoko mit gutem Stellungsspiel und mehr Geduld. Durch seine 1,21 Punkte pro Possession avanciert Nnoko zum effizientesten Post-up-Spieler des Turniers (ja, auch vor Rasid Mahalbasic)!

Interessant an der Berliner Offensive ist, dass sich auch ein Flügelspieler durch einen schnellen Cut mal in der Zone positioniert; mit Stefan Peno wissen die Berliner zudem einen Aufbauspieler in den Reihen, der sich am Low-Post wohler fühlt als von Downtown (wobei Peno in den Finals wohl nicht im Kader stehen dürfte, genau wie Tyler Cavanaugh). Eine Lineup aus Peno, Martin Hermannsson, Niels Giffey, Sikma und Nnoko könnte jeder Oldenburger Formation um Zonenkämpfer Rasid Mahalbasic Konkurrenz machen.

Gerade weil die gegnerischen Defensivreihen auf der Hut vor Berlins Ball- und Mannbewegung sein müssen, ergeben sich daraus Optionen, selbst zu attackieren. So spekuliert im folgenden Video die Verteidigung auf die Berliner Dribble Hand-Offs – womit Luke Sikma per Drive attackieren und Niels Giffey einen offenen Jumper nehmen kann.

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Mit seinem ersten BBL-Triple-Double im Vorrundenspiel gegen Ludwigsburg hat Sikma wieder einmal bestätigt, dass er zu den besten und spielintelligentesten Akteuren der Liga zählt. Doch Sikma besticht nicht nur offensiv, sondern hat sich in der Berliner Teamverteidigung durch seine Antizipation als essentieller Bestandteil herausgestellt bzw. dies bestätigt.

So stellen die Berliner über den Turnierverlauf nicht nur die effizienteste Offensive, sondern auch die effizienteste Verteidigung (knapp vor ratiopharm ulm). Eine Verteidigung, die ihrem Gegner schon mal etwas von deren eigenen Medizin gibt.

So warfen die Berliner im Vorrundenduell mit Ludwigsburg selbst eine Full-Court-Presse ein und kamen so Mitte des zweiten Viertels zu einem Layup von Rokas Giedratis. Bei all der Basketballpoesie in der Bundeshauptstadt vergisst man gerne, wie sehr die Berliner auch defensiv ein Spiel beeinflussen können.

Auf der Gegenseite hat man bei Ludwigsburg das eigentliche Markenzeichen der „40 Minutes of Hell“ in diesem Turnierverlauf gar nicht so häufig beobachten können. Unter den zehn Turnierteams belegen die RIESEN nur den fünften Platz beim Defensiv-Rating. Ein weiteres Indiz dafür, dass sich der „Guard-Terror“ mehr Richtung Offensive verschoben hat.

Die Erweiterten Statistiken aller zehn Teams vor den Finals. Kein Team geht sicherer mit dem Ball um als Ludwigsburg. Berlin ist sowohl beim Offensiv- als auch beim Defensiv-Rebound am stärksten.

Ausblick

„Man sieht in dem Turnier abseits von ALBA, dass die Kräfte nachlassen. Es schleichen sich Fehler und Unkonzentriertheiten ein“, hatte Per Günther nach der Ulmer Halbfinalniederlage resümiert. Wenn Berlin und Ludwigsburg am Freitagabend für das erste Finals-Spiel aufeinandertreffen, werden beide Teams ihre neunte Partie innerhalb von 19 Tagen absolvieren.

Mit einem Kader von bisher 14 eingesetzten Spielern konnte Berlins Coach Aíto immer wieder rotieren und beispielsweise Sikma, Giedraitis und Nnoko ein, Siva gar zwei Spiele aussetzen lassen. Mit nur 159:18 Minuten ist Marcus Eriksson unter allen Berlinern die längste Zeit auf dem Parkett gestanden, rangiert unter alle Turnierteilnehmern – obwohl als Finalist – aber nur auf dem 19. Rang. Auf der anderen Seite mussten vier Ludwigsburger die meisten Minuten abspulen (Knight: 261:14 Min; Weiler-Babb: 260:18; Wimbush: 223:01; Smith: 222:15)!

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Dennoch darf man die RIESEN ob der vermeintlich weniger Reserven nicht abschreiben. „Overcoming adversity“ nennen es die US-Amerikaner, wenn man widrigen Umständen trotzt – und beispielsweise Rückstände aufholt.

Und das bewiesen die Ludwigsburger in ihren vergangenen fünf Spielen – unter anderem auch im Vorrundenspiel gegen Berlin, als sie einen Acht-Punkte-Rückstand am Ende des dritten Viertels innerhalb von viereinhalb Minuten wettmachten und die Partie ausglichen.

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Wo eine Wille ist, ist auch ein Weg. Wo ein Knight steht, ist ein Rider nicht weit. Kein Ludwigsburger Spieler verkörpert den Einsatzwillen mehr als der Knight Rider: Marcos Knight kämpft und kreiert sich zum MVP-Kandidaten – sollten die Berliner den Titel holen, könnte Knight bei Bestätigung seiner bisheriger Playoff-Leistungen den Jerry West machen.

Trotz der großen Offensivlast legt Knight in den Playoffs eine „20 / 10“-Stat-Line auf (21,8 PpG, 11,3 RpG) und macht es sich im „50 / 40 / 90“-Club bequem (50,8% FG, 43,8% 3FG, 93,3% FT). Dass dieser 1,88 Meter kleine Kugelblitz ein Viertel seiner Punkte nach Putbacks oder im Post erzielt, ist absurd …

Knights Scoring-Vielfalt wurde in der Schlussphase des zweiten Duells gegen Ulm ersichtlich: In drei aufeinanderfolgenden Angriffen punktete Knight – erst nach einem Offensiv-Rebound, dann per Fadeaway nach einer Aktion mit dem Rücken zum Korb und schließlich per Pullup-Dreier aus dem Crossover-Dribbling.

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„Er ist ein smarter Spieler und tut von allem etwas: verteidigen, rebounden, scoren, das auch im Low-Post, werfen, Assists verteilen – alles. Er spielt exzellent“, muss auch Aíto anerkennen.

Auch wenn Knight die RIESEN über das Turnier getragen hat, ist es eine Stärke Ludwigsburgs, dass auch andere Spieler als Go-to-Guy übernehmen können: Neben Wimbush (der aber auch Aktionen forciert, obwohl es bessere andere Optionen gibt) und Weiler-Babb darf auch Jaleen Smith nicht vergessen werden, der zwar nicht im Vordergrund steht, aber ein gutes Gespür aufweist, wann er gebraucht wird.

„Bei uns weiß man manchmal einfach nicht, was kommt – das ist unser Vorteil“, schätzt WoBo ein. „Wir sind soweit gekommen und haben sehr viel Selbstbewusstsein“, räumt der Center seinem Team Titelchancen ein.

Die Vorteile liegen dennoch bei Berlin: Die stärkste Offensive des Turniers, die sich noch variabler präsentiert, sowie die stärkste Verteidigung in München, die sich mit nicht ganz so schweren Beinen bewegen wird, sprechen für die Albatrosse.

Wenn sich nun also ALBA BERLIN und die MHP RIESEN Ludwigsburg in den BBL-Turnier-Finals gegenüberstehen, ist vielleicht weniger ein Clash der Kulturen auszumachen wie zunächst angenommen; wobei die feinen Unterschiede dennoch auf der Hand liegen. Sicher ist nur eines: Der Meistertitel 2020 wird eine Zäsur darstellen. Nicht nur auf Grund des Sternchens durch die Corona-Pandemie, auch durch die Tatsache, dass zum ersten Mal seit 2009 kein Team aus Bamberg oder München am Ende die Trophäe nach oben recken wird.


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