Playoffzeit in der NBA – Preview zum zweiten Gameday
Playoffs, Baby.
Berühmte Signalphrase für die Einen. Verheißung des „echten“ Basketballsports für die Anderen.
So oder so kommt nach dem Ende der NBA Regular Season eine Menge Sport auf alle zu.
Die NBA Playoffs sind besser als der Ruf jener Regular Season. Gerade in der letzten Postseason zeigten eine ganze Reihe an Teams genau den Sport, oder besser: die Intensität, die manche in der Regular Season vermissen.
In einem Jahr voller Tanking, Load Managing und Verletzungen braucht die Liga das dringender denn je. Diese „PLAYOFF TIME“, die in nordamerikanischen Medien regelmäßig in besonders großen Lettern gewürdigt wird.
Bevor wir uns im Anschluss an die ersten Spiele jeder Serie nochmal einzeln widmen, wollen wir zunächst einen kurzen, groben Überflug über die Partien machen.
Philadelphia 76ers – Boston Celtics
Den Celtics ist in dieser Spielzeit gelungen, woran die Sixers seit Jahren scheitern. Schwere Verletzungen hatten massive Konsequenzen für die Kaderstruktur.
Tatums Achillessehnenriss, das frühe Ausscheiden in den vergangenen Playoffs, der Unwille der neuen Owner, zu lange und zu tief in die Luxury Tax zu gehen, aber auch das Verständnis im Front Office, dass man bei diesem teuren Team zumindest versuchen muss, den Hürden der Aprons so gut es geht aus dem Weg zu gehen, haben das Gesicht des ehemaligen Goldstandards der Liga verändert.
Wobei man „ehemalig“ eigentlich in Anführungszeichen setzen muss, denn dafür haben sie, in bester San Antonio Spurs-Manier der Gregg Popovich-Ära einen organischen Umbau geschafft, der maximal überraschend war.
Es passiert nicht häufig, dass ein Team quasi über Nacht seinen gesamten Unterbau im Frontcourt plus Superstar in Tatum verliert und dann fast stärker oder zumindest annähernd auf dem gleichen hohen Leistungslevel zurückkommt.
Beginnend mit Queta konnte man ein solides Fundament legen, durch Garza ergänzen und mit der Late Addition Vucevic komplettieren. In González, einer weiteren guten Entwicklungszeit für Hauser sowie Scheierman und Walsh wurden zusätzliche Optionen gefunden und kultiviert.
Dass nun auch noch Tatum so hervorragend und schnell von dieser Verletzung zurückkam, ist ein weiteres Testament für seine Athletik, Einstellung und nicht zuletzt dem Medical Staff in Boston.
Dass zudem sehr schnell neue Schemes in Offense und Defense zu fast genau der Dominanz vergangener Jahre führten, ist verblüffend. Nicht nur, weil es eintrat, sondern auch aufgrund des Tempos, der Vehemenz und Konsequenz dahinter. Jaylen Brown und der viel zu oft übersehene Derrick White konnten nahtlos als Leader übernehmen. Pritchard auch mit dem nächsten Step.
Hätte man Horford gehalten, wäre nach der Rückkehr von Tatum kaum ein Unterschied zu erkennen. Porzingis hatte zuletzt ohnehin wenig Impact auf das generelle Bostoner Konstrukt. Mehr ein Nice-to-have und der letzte Punch für die Postseason wenn man dort nach ganz oben ins Erfolgsregal greifen will.
Die Kelten aus Massachusetts wirken, als hätten sie eine Mission:
Wiedergutzumachen, dass sie auch selbstverschuldet und losgelöst von der Tatum-Verletzung, in den letzten Playoffs einfach nicht smart gespielt haben. 5-out und extrem perimeterlastig zu agieren mag heutzutage seine Berechtigung haben. Aber gegen die Knicks mehrfach überhaupt nicht aus diesem Modus auszubrechen, wenn man Shooting-Offnights hat, ließ Zweifel aufkommen. Am Team und vor allem an Coach Mazzulla.
Diese haben sich nun weitgehend erledigt, auch wenn man hinterfragen muss, ob die erst kurz vor Saisonende veränderte Team Chemie durch die erneute Integration von Tatum schon wieder voll ausgereift ist. Und ob man mit Queta, Garza und Vucevic wirklich einen Porzingis und vor allem Horford im Kontext Playoff-Basketball ersetzt bekommt.
Die Sixers. Nun ja. Sie versuchen seit Jahren genau diese systemischen Schritte als Organisation, im Coaching und im Kadermanagement hinzubekommen. Aber so richtig gelingt es nicht. Embiids körperliche Verfassung und vor allem Substanz wird eher von Jahr zu Jahr schlechter als besser. Die Spielkultur anzupassen gelang in der mittleren Vergangenheit ebenfalls nicht wirklich.
In diesem Jahr hingegen konnte man mit dem Trio Maxey, Edgecombe und Grimes einiges aufbauen, was in die richtige Richtung geht.
Paul George erlebt ein Revival und erinnert zumindest phasenweise wieder an den Spieler, der er einmal war. Die Bank hingegen ist mit Bona, Drummond, Oubre, Payne und Watford zwar nicht völlig zahnlos. Aber ob das für einen tiefen Run reicht, muss man hinterfragen.
Zumal Embiid mit maximalem Pech am Blinddarm operiert werden musste. Natürlich kurz vor der Postseason. Natürlich, nachdem er sich in der Saison gerade wieder an eine akzeptable Baseline in Punkto Leistungsgrundvermögen herangekämpft hatte.
Dennoch:
Das dürfte alles unterm Strich zu früh kommen für die Sixers. Maxey hat zwar den Sprung zu einem der absoluten Topspieler der Liga endgültig geschafft, aber hinter dem vielleicht zweitwichtigsten Spieler hinter ihm, Edgecombe, steht ein großes Fragezeichen.
Als Rookie sofort in der Postseason ein Team mittragen zu müssen, in diesem kritischen Philadelphia Umfeld. Das so lange auf Erfolg wartet. Könnte etwas zu viel verlangt sein.
Prognose:
Celtics in 6. Sollte Embiid die ersten 3–4 Spiele verpassen, auch Celtics in 5 durchaus vorstellbar.
Phoenix Suns – Oklahoma City Thunder
Was für Boston im großen Maßstab galt, gelang Phoenix in etwas kleinerem Rahmen. Eigentlich war das Team aus Arizona nach dem Durant-Abenteuer gefühlt klinisch tot. Man hatte nichts mehr außerhalb von Booker vom Finals-Run-Team übrig. Beal und Durant waren teure Abenteuer. Man musste fast froh sein, dass man Booker gehalten hat. Trotz auseinanderfallendem Team.
Neues Coaching, neue Spieler. Man konnte in Phoenix zumindest wieder ein ordentliches Konstrukt aufbauen und das in recht kurzer Zeit. Viel wurde über ganz unaufgeregte Hebel gelöst. Viel Struktur im Halbfeld, gutes Playmaking und Shot Creating. Phasenweise starke Defense, wenn auch mit Inkonstanzen. Die Teamchemie ist auch dank eines unerwarteten Helden, oder Bösewichts?, in Persona Dillon Brooks deutlich verändert.
Spieler wie Gillespie, Allen, Royce O’Neale und Jalen Green stehen für die neue Suns-Skill-Kultur. Letzterer ist aber auch den Nachweis schuldig, in der Postseason ein erfolgsversprechender Teil eines Teams sein zu können. Etwas, das in der letzten Postseason in Houston überhaupt nicht geklappt hat.
Neben dem mindestens ambivalenten Brooks hat Booker die Rolle als klarer Anführer sehr gut angenommen. Die Suns haben zumindest wieder mittelfristig eine Basis, aus der man etwas aufbauen kann.
Aber:
Es geht gegen den Primus. Dr. Presti-stein und sein von langer Hand geplantes und erschaffenes Monster aus dem Reißbrett-Labor des Schreckens für den Rest der NBA.
Der mutmaßliche MVP Shai Gilgeous-Alexander und diese nicht enden wollende Pipeline an exzellenten, intelligenten Two-Way-Spielern. Mit Ajay Mitchell und McCain konnten weitere Exemplare dieser Gattung hinzugewonnen werden.
Als wären Wallace, Caruso, Hartenstein, Holmgren, Williams und Dort nicht genug. Sam Presti ist im Pokémon-Modus. Er will einfach alle. Oder aber er und das exzellente Coaching machen sie erst zu dem, was sie sind.
Wahrscheinlich ist es, wie immer, eine Mischung aus allem: Scouting, Coaching und nicht zuletzt die Umsetzung der Spieler.
Nicht einmal der überwiegende Ausfall des zweitbesten Spielers, Jalen Williams, oder einige Ausfälle von dem momentan und eigentlich auch künftig unverzichtbaren Isaiah Hartenstein konnten die Maschinerie der Thunder aufhalten. Das wird erst das CBA samt der Aprons in der Offseason etwas bremsen können.
Nur dann kommen die nächsten Picks ins Spiel, die die Thunder erreichen könnten wenn die Lottery günstig fällt. Und mit Sorber und Topic stehen auch schon die nächsten Spieler im Kader bereit, die im kommenden Jahr ihre nächsten Schritte machen dürften.
Der Schrecken der Liga wird also noch ein bisschen anhalten.
Prognose:
Was auch den Suns bald wieder bewusst gemacht werden dürfte:
OKC in maximal 6. Eher in 4, wenn sie Energie sparen wollen, richtig ernst machen und damit kurzen Prozess.
Orlando Magic – Detroit Pistons
Orlando hat ein ganz schwieriges Jahr hinter sich. Man hat im Grunde fast alles richtig gemacht in der Offseason. Bane war das Puzzlestück, das gefehlt hat. Mit Anthony Black wurde das nächste große Talent hervorragend weiterentwickelt.
Im Frontcourt, respektive bei den Bigs, konnte man hingegen kaum Entwicklung hinlegen oder personell endlich das Ruder herumreißen. Das ist aber auch Makulatur, wenn man an die Verletzungen denkt – vor allem die von Franz Wagner. Ohne Wagner sind die Magic in ihrem Stil entscheidend eingeengt.
Es fehlt Shooting, noch immer. Es fehlt eine konsequente Linie im offensiven Playcalling. Banchero hat weiterhin große Probleme, das Spiel zu lesen und vor allem eine vernünftige Shot Selection zu betreiben.
Dann hat man zu allem Überfluss auch noch die defensive Identität verloren. Das gepaart – oder vielleicht sogar verursacht – durch eine höhere Pace, die man gehen wollte. Gute Idee, wenn man Wagner im Team hat und sich stärker Richtung Open Court und Transition orientieren kann. Nur wird das schnell zu einer schlechten Idee, wenn man es nicht sauber umsetzt.
Oder eben genau dieser alles entscheidende Schlüsselspieler für so eine Umstellung lange ausfällt.
Die Magic sollten dennoch Ruhe bewahren. Ein Blick Richtung Boston Celtics zeigt, dass auch dort Jahre mit „Growing Pains“ durchlaufen wurden, mit zwei hochveranlagten, aber damals noch nicht perfekt harmonierenden Wings. Es ist durchaus möglich, hieraus über die Jahre einen Contender zu formen. Man hat im Grunde bereits sehr viel beisammen.
Coaching-Diskussionen werden viel zu oft, viel zu scharf und viel zu kurzgreifend in den Raum geworfen. Dennoch kann man langsam hinterfragen, ob Jamahl Mosley, ein hervorragender Fachmann, der richtige Coach für dieses Team ist.
Lösung? Taylor Jenkins. Man stelle sich die Magic mit diesem Grundsetup an Spielern und Ausrichtung einmal unter seiner Führung vor.
In Detroit hat man die Entwicklung der letzten Saison und vor allem der leider viel zu unbeachteten letzten Pistons-Postseason konsequent weitergeführt. Mit Beasley, Schröder und Hardaway sind aber auch empfindliche Abgänge zu verzeichnen gewesen, die mit Duncan Robinson und Huerter in der Theorie aufgefangen wurden.
Praktisch muss man schauen, ob das so in die Postseason übertragbar ist.
In der Regular Season hat das Shooting an den entscheidenden Stellen nämlich nicht immer funktioniert. Shot Creation und Playmaking haben die Pistons. Cade Cunningham ordnet sich endgültig in die Top-10-Region der Liga ein. Mit ihm wird man immer eine gute Chance haben. Aber es braucht Shooting und Defense. Und genau dort taten die Abgänge weh.
Was hingegen weniger schmerzte, war die Entscheidung pro Duren und contra Ivey im Hinblick auf die Vertragsstruktur. Durens Entwicklung in dieser Saison ist bemerkenswert. Gerade in der letzten Phase hat er – ohne Cunningham, der mit einer eingefallenen Lunge ausfiel – neue Facetten gezeigt.
Dieses Two-Man-Game könnte das Fundament für eine große Ära werden. Ein weiterer Geheimtipp im Pistons-Kader: Daniss Jenkins, der mit starken Einsätzen für Furore sorgte. Gerade auch, wenn Cunningham fehlte. Die Pistons sind unterm Strich auf einem richtig guten Weg.
Den die Magic bei sich leider vorerst unterbrochen haben. Es ist aber nicht auszuschließen, dass sie mit ihrer Physis, wie im Play-in-Spiel gegen Charlotte, Detroit auf dem falschen Fuß erwischen können. Zumindest phasenweise. Auch wird Cade noch nicht bei 100 % sein.
Prognose:
Pistons in 6 oder 7
Portland Trail Blazers – San Antonio Spurs
Net-Rating-Unterschiede von Wembanyama-On/Off-Lineups hin oder her: Bei den Spurs wird über das ganze Team hinweg hervorragend gearbeitet. Alle verstehen immer besser, wie man ein Team um das Alien herum bauen muss. Das ist nämlich gar nicht so trivial, um einen quasi völlig neuartigen Spielertyp herum zu konstruieren. Es ist defacto ein Neuland.
Rollen werden verstanden und auch angenommen. Keldon Johnson ist das beste Beispiel. Angefangen als primäre Scoring-Option und potenzielle Zukunft der Franchise, ist er nun einer der besten Sixth Men der Liga und ein Glue Guy par excellence.
Die etwas merkwürdig anmutende Ansammlung im Backcourt, wo man eigentlich einen zu großen Überfluss mit Fox, Harper und Castle hat, findet immer bessere Wege, sich in gestaffelten Rotationen sinnvoll zu integrieren.
Aber über allem thront natürlich der Impact von Victor Wembanyama. Defensiv ist das ein komplett neuer Sport mit ihm. Was OKC für die Liga als Team ist, ist er als Spieler auf dem Court. Man kann sich geradezu nur wünschen, dass man eine Serie gegen genau dieses OKC-Team bekommt und vor allem, dass Wemby Playoff-Basketball physisch schon komplett wegstecken kann.
Die Spurs sind einfach ein aufregendes Experiment. Offensiv fehlt jedoch phasenweise noch einiges. Und sie wären gut beraten, das nicht auch noch auf Wembys Schultern lösen zu wollen.
Auch nicht uninteressant ist Portland. Avdija konnte einen großen Sprung machen. Einen sehr großen sogar. Clingan entwickelt sich ebenfalls hervorragend weiter. Defensiv ist das bisweilen sehr stark was Portland zeigt. Offensives Decision Making hingegen teils fragwürdig und Stückwerk. Auf Scoot Hendersons Entwicklung wartet man auch noch immer.
Dafür hat man eine interessante Zukunft. Man benötigt Struktur, klares Playcalling in der Offense. Und vor allem Shooting. Und dann fällt einem eine gewisse Franchise-Legende ein, die zurück ist in Portland und nächstes Jahr eingreifen wird. Diesem Team ist zuzutrauen, Lillard defensiv zu verstecken. Und Lillard ist zuzutrauen, eine neue Rolle mit etwas weniger Usage zu akzeptieren.
Mit Jrue Holiday und Jerami Grant hat man auch noch weitere Veterans im Kader, die bei dieser Hauptaufgabe, dem Finden einer klaren Struktur, helfen können.
Struktur, die die Spurs bereits besser für sich eruiert haben.
Daher:
Prognose:
Wird eine sehr interessante Serie. Vom Upset-Sieg für Portland bis zum Sweep für die Spurs ist alles drin.
Daher:
Egal, wer gewinnt. Das sind sehr interessante Spiele. Tendenz unterm Strich zu den Spurs. Und zwar mit Alien-Faktor.