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Der Zauberer von Westwood

05.06.2010 || 00:00 Uhr von:

Es war am 4. Juni 2010 um 18:45 Uhr Ortzeit, als in Los Angeles der Alltag aus seinen Fugen gerissen wurde. Ligaspiele im Baseball und in anderen Sportarten wurden unterbrochen, die Druckerpressen der Zeitungen gestoppt, in Windeseile Nachrufe verfasst. Denn wie ein Mantel der Ergriffenheit und Anteilnahme legte sich die Meldung über den Tod John Woodens auf die Sportmedien Amerikas.

Im Alter von 99 Jahren verstarb Wooden eines natürlichen Todes im Uni-Klinikum der University of Califonia, Los Angeles (UCLA). Als erfolgreichster Basketball-Trainer der College-Geschichte gewann er zehn NCAA-Meisterschaften. Zwischen 1967 und 1973 holte er den Titel siebenmal in Folge. Zwischen 1971 und 1974 blieben er und sein Team sogar in 88 Spielen in Folge unbesiegt. Der "Zauberer von Westwood" betreute während seiner Trainerzeit herausragende Basketball-Spieler wie Kareem Abdul-Jabbar, Jamaal Wilkes, Bill Walton oder Gail Goodrich.

Foto: wikipedia.deWelchen Stellenwert Wooden allein für den Sport hatte, zeigen die Würdigungen, die er erhielt. Er war der Erste überhaupt, der sowohl als Spieler (1961) als auch als Coach (1973) in die Basketball Hall of Fame aufgenommen wurde. Seither wurden lediglich Lenny Wilkens und Bill Sharman diese Ehre zuteil. Außerdem erhielt er 1989 von dem US-Magazin Sports Illustrated den Titel "Größter Basketball-Coach aller Zeiten" verliehen. Gemessen an seinen Errungenschaften kann sich die Konkurrenz nur ehrfürchtig verneigen: Duke-Coach Mike Krzyzewski und Kentuckys Trainer Adolph Rupp stehen an zweiter Stelle in Sachen Meisterschaften – sie beide holten jeweils vier Titel.

Das eindrucksvolle Vermächtnis Woodens ist damit aber nicht beendet. Das UCLA-Team der Saison 1971/72 gewann seine Spiele mit durchschnittlich 30,3 Punkten Vorsprung. Insgesamt vier Spielzeiten lang kassierte ein Wooden-Team keine Niederlage. Seine Siegquote in seinen 28 Jahren (von 1948-1975) als UCLA-Chefcoach ist beeindruckend: Aus 767 Partien ging er 620-mal als Sieger hervor (80,8%). Rechnet man seine Bilanz als Coach der Indiana State University hinzu, wo er von 1946 bis 1948 tätig war, steigt der Siegquotient gar auf 81,3 Prozent an (664-162).

Doch bevor Wooden als Basketball-Coach die Sportwelt in seinen Bann zog, stand er selbst auf dem Parkett. Als dreimaliger All-American Guard an der Purdue University war nichts mehr davon zu merken, dass er einst den Sport erlernte, indem er in seiner Kindheit auf alte Tomatenpaletten warf, die an die Scheune genagelt waren. 1932 holte er die Meisterschaft in den basketballverrückten Hoosier-Staat und war lange Zeit der einzige Star, ehe später ein gewisser Oscar Robertson für Aufsehen sorgte. Während seiner aktiven Zeit erhielt Wooden auch seinen ersten Spitznamen, "The Indiana Rubber Man", aufgrund seiner halsbrecherischen Züge zum Korb.

In den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg ging Wooden in einer Liga in seinem Bundesstaat Indiana für verschiedene Teams auf Punktejagd und sammelte nebenbei auch erste Erfahrungen als Coach an High Schools. Als er 1942 in den Krieg musste, erhielt er von einem Pfarrer ein kleines, silbernes Kreuz, das er bis zuletzt bei sich trug. "Ich weiß nicht, wie viele Leute davon wissen, aber ich hatte es die ganze Zeit in meiner Hand, als ich coachte", berichtete Wooden in einer Reportage, die vergangenes Jahr in der LA Times erschien.

Dank dieses Rituals schuf Wooden sich selbst sein Denkmal. 1977, zwei Jahre nach dem Ende seiner Trainerlaufbahn, wurde der John R. Wooden Award erstmals an den besten College-Spieler des Jahres vergeben.

Aber Wooden war mehr als nur ein Mann, dessen Herz dem Sport verschrieben war. "Es ist nicht leicht, über Coach Wooden in einfachen Worten zu sprechen, denn er war ein sehr facettenreicher Mensch. Allerdings coachte er auf sehr einfache Weise. Er nutzte den Sport, um uns jegliche Situation aus dem Leben zu veranschaulichen", schrieb Kareem Abdul-Jabbar in einem Nachruf. "Er war ein Vorbild, vielmehr ein Vater als ein Coach. Er war ein äußerst selbstloser und hilfsbereiter Mensch, aber besessen von Disziplin. Wir lernten von ihm all die Dinge, die man als Kind lieber vernachlässigt. Aber er hat das nicht zugelassen."

Die Weisheit des John Wooden ist in mehren Büchern zu finden, die nicht nur für Basketballbegeisterte eine Fundgrube darstellen, sondern auch Lebenshilfe bieten. Wooden versteht es, mit einfachen Worten an die Werte und Normen des gemeinschaftsorientierten Menschen zu appellieren. Der Basketball-Sport hilft ihm dabei, diese Botschaft zu übermitteln. So schrieb Wooden beispielsweise in seiner 1972 erschienen Biographie "They Call Me Coach", dass drei Dinge maßgeblich für den Erfolg im Basketball sind: "Kondition, Grundlagen und der Zusammenhalt innerhalb der Mannschaft". Genau diese Prinzipien zeichneten auch die Meisterteams aus, die mit Fastbreak-Basketball und Pressverteidigung den Gegner in Grund und Boden spielten.

Berühmt geworden ist auch seine Erfolgspyramide. 15 Bausteine bilden eine Pyramide, an dessen Spitze der Erfolg steht. Eben jene Motivationsbilder sind es, die John Robert Wooden unsterblich machen.

“Be true to yourself. Make each day a masterpiece. Drink deeply from good books. Make friendship a fine art. Build a shelter against a rainy day.’’
– John Wooden

Video-Nachrufe:

CBS2
ESPN

Artikel über John Wooden:
– LA Times ("J.W. is too busy to deal with death" | "J.W.’s life was a love letter" | Fotos)
Boston Globe
New York Times
Sports Illustrated

UCLA-Newsroom (Zeitstrahl)

Der Zauberer von Westwood
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MavsFan
MavsFan 5. Juni 2010 um 19:17 Uhr

R.I.P John Wooden

Der beste Coach aller Zeiten

5. Juni 2010 um 20:10 Uhr

Wahrscheinlich der zweitwichtigste Mann des Basketballs nach James Naismith. Ein schöner Artikel über einen großen Mann.

Magic-Marco8
Magic-Marco8 5. Juni 2010 um 23:23 Uhr

Klasse Artikel. Aber keiner unserer Generation sollte sich ein Urteil über etwas oder jemanden bilden, den man nie in Aktion gesehen hat. Is wie zu sagen, dass Wilt der beste Spiler war. Nie zu vergessen: Andere Zeit, anderes Spiel.Klar ist es beeindruckend was der o.g. Mann erreicht hat, aber sind Jacksons 10(11) Tietel nich noch bewundernswerter? Ein ganz anders Level. Wäre der Bball ohne Wooden nie wie er JETZT ist? Ich denke: NEIN!!! Wäre der Bball ohne Jackson wie jetzt? NEIN
Ohne Cousy, Russel, Jabbar, Johnson, Bird, Jordan oder Kobe wäre er nichts. Es hat leider seinen Grund, dass erst der Coach geht bevor ich einen Spieler trade. Kein Coach hat den Einfluss aufs Game, wie ein außergewöhnlicher Soieler.
Das Herr Naismith alles gegrüdet hat, KLAR. Nur ohne einzellne Coaches wäre der Bball trozdem da wo er jetzt ist. Die Spieler prägen das Game!

Nur weil wer stirbt, muss man nicht die Relation verlieren, was nicht heißt, dass ich Herrn Wooden nicht respektier.

Hurricane
Hurricane 5. Juni 2010 um 23:38 Uhr

Mhh, Marco. Mhh so ganz stimme ich dir da nicht zu. Sagen wir mal so ein coach kann aus einem Rohdiamanten eine Edelsteinformen. Desweiteren würden einige der genannten Spieler nicht das heutige spiel prägen bzw. geprägt haben wenn sie keinen gehabt hätten der gesagt hat was sie falsch gemacht bzw wie sie ihre Schwächen ausmerzen können bzw geringer machen.

schlund
schlund 6. Juni 2010 um 2:00 Uhr

da ich schon unter verschiedensten trainern trainiert habe und auch selber trainer bin, weiß ich, was ein trainer ausmacht. Vor allem ein guter Trainer, kann aus "miesen" spilern sehr gute teams formen. Wer jemals dirk bauermann live gesehen hat und dessen training dann mit seinem eigenen vergleicht weiß was ich meine (bezogen auf die arbeit als trainer)
Also ehre wem ehre gebührt. John Wooden ruhe in Frieden

8. Juni 2010 um 17:09 Uhr

@Magic-Marco8

Es geht nicht um das Eifern nach Superlativen oder Rankings, nur weil jemand das Zeitliche gesegnet hat. Ich bezog meine Aussage auch nicht auf nachweisliche Erfolge, sondern auf den Einfluss, den Wooden auf den Sport und eine Vielzahl von Coaches und Spielern hatte. Im Gegensatz zu den von Dir genannten Namen, hat Wooden Basketball nicht nur praktiziert, sondern geprägt und das über Generationen. Er hat Basketball so weiterentwickelt, dass auch "unsere" Generation das ist, was sie ist und ich nehme Deine These auf, und sage ja, Basketball wäre ein stückweit anderer Sport ohne die Person John Wooden.

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