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„Es ist für mich besser, wenn ich früher spiele“

22.09.2015 || 16:51 Uhr von:
Hartenstein NBA Draft
Mit 17 Jahren steht Isaiah Hartenstein vor seinem Debüt in der ProB. Das Toptalent bedauert, dass deutsche Klubs ihre Youngster erst sehr spät die Perspektive auf BBL-Einsatzzeit bieten.

In seinem Jahrgang 1998 gehört Isaiah Hartenstein nicht nur zu den größten Talenten Deutschlands, sondern mindestens zu den talentiertesten Spielern Europas. Im nbadraft.net Mock Draft für 2017 rangierte der aktuell 2,09 Meter (ohne Schuhe; 2,20 m Armspannweite) große und 107 Kilogramm (5 Prozent Körperfettanteil) schwere Power Forward, der dank seiner Ballhandling-Qualitäten auch als Small Forward eingesetzt werden kann, zuletzt sogar auf dem sechsten Platz. Im Alter von nur 17 Jahren kann Hartenstein bereits auf viele große Erlebnisse zurückblicken. Im Jahr 2014 wurde er JBBL-Meister und fuhr zum Jordan Brands Classic. In diesem Sommer war er einer der Leistungsträger der U18-Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft in Griechenland.

Jetzt steht Hartenstein vor seiner ersten richtigen Saison auf Profiniveau. Bei den Artland Dragons wird er Erfahrungen in der ProB sammeln dürfen. Danach wird er zum litauischen Vorzeigeklub Zalgiris Kaunas wechseln, welcher den 17-Jährigen für diese Saison nach Quakenbrück ausleiht. Mit Basketball.de sprach Hartenstein unter anderem über Beweggründe für seine Entscheidung, nach Kaunas zu wechseln, über das Verhältnis zu seiner Agentur, über Aspekte, an denen er noch arbeiten möchte, über Dmitar Marceta sowie über die Nachwuchsförderung in Deutschland.

basketball.de: Isaiah, was waren die Kriterien für dich, für drei Jahre bei Zalgiris Kaunas zu unterzeichnen und jetzt noch ein Jahr in Quakenbrück zu spielen?

Isaiah Hartenstein: In Kaunas habe ich mit dem Trainer von Zalgiris gesprochen. Er hat sehr viel Vertrauen in mich und wollte, dass ich in der kommenden Saison erstmal einige Minuten spiele. Das haben mir nicht allzu viele angeboten. Da waren Mannschaften dabei, die mir vielleicht ein paar Minuten geben wollten. In Quakenbrück stehe ich in diesem Jahr auf jeden Fall im Kader und habe die Chance, einige Minuten zu spielen. Ein gewisser Grund dafür, warum ich in Quakenbrück geblieben bin, war auch, dass die Fans sehr loyal sind. Zalgiris Kaunas ist dagegen in Litauen die Topmannschaft überhaupt und ein Klub, der auch in der Euroleague immer top ist. Die Club-Anlage sind hervorragend und die Halle ist schön. Für mich war aber vor allem wichtig, dass ich das Vertrauen des Trainers habe. Er hat mir gesagt, dass ich bei ihm spielen werde, egal was passiert. Ich werde dort auf jeden Fall einen Ausländerspot einnehmen.

Wird dich jemand aus deiner Familie nach Kaunas begleiten?

Nein, ich werde dort alleine hingehen.

Für dich war es immer wichtig, dass du sowohl als Vierer, aber auch als Dreier geschult wirst. In Quakenbrück habt ihr sehr viele kleine Spieler. Wirst du dort überhaupt die Chance bekommen, auf der Position Drei zu spielen?

Ich habe schon mit Coach Dragan Dojcin darüber geredet, dass ich in der Preseason erstmal eher die Vier spiele, damit wir die Plays zunächst alle durchlaufen und uns im System einfinden. Während der Saison werde ich auf der Vier, aber auch auf der Drei spielen. Das muss man auch von den Match-ups abhängig machen. Wir können dann schon mal mit Austin Bragg oder Benjamin Fumey auf der Vier und mit mir auf der Drei agieren.

„Ich möchte wieder variabler sein.“

Gerade im ersten Testspiel hat dein Team sehr viele Systeme für dich im Low-Post gelaufen. Bisher warst du eher der Spieler, der viel mit dem Gesicht zum Korb agiert und attackiert hat. Ist das Post-Game etwas, woran du explizit in dieser Saison arbeiten möchtest?

Vor der Saison habe ich mit Dragan darüber gesprochen, was ich verbessern möchte. Dazu gehört auf jeden Fall das Post-Game. Daran haben wir dann auch sehr stark gearbeitet, und nun versuche ich es nach und nach in mein Spiel einzubinden – mehr als im letzten Jahr, als ich eigentlich nur von außen gespielt habe. Ich möchte generell wieder variabler sein. Meine Post- und Perimeter-Aktionen sollen sich wieder vermehrt abwechseln. Ich möchte nicht 90 Prozent von außen und zehn Prozent innen agieren. Das Verhältnis sollte irgendwo bei 60 zu 40 oder 70 zu 30 liegen.

20150917_290x350_Isaiah_Hartenstein_Artland01Viele Jugendtrainer neigen dazu, große Spieler grundsätzlich zu reinen Brett-Centern zu entwickeln. Bei dir war das nicht der Fall. War dein Vater der Hauptfaktor dafür, dass du deine Vielseitigkeit immer aufrechterhalten hast und dementsprechend geschult wurdest?

Ich bin in Eugene (Oregon) geboren und auf jeden Fall hat es mir geholfen, dass ich nach Deutschland gekommen bin und die Leute hier das Vertrauen in mich haben, dass ich auch von außen agieren kann. Mein Vater war binnen der letzten drei Jahre, in denen ich mich sehr stark verbessert habe, einer der Hauptfaktoren. Der Wechsel von Amerika nach Deutschland hat mir aber sehr geholfen. In Amerika habe ich nur auf der großen Position gespielt, und seitdem ich hier bin, hat sich das sehr stark geändert. Da ist auch Tyron McCoy zu nennen. Er hat sehr viele Systeme laufen lassen für Vierer, die von außen agieren. Lawrence Hill hat sehr viel am Perimeter gespielt, und dann habe ich das auch gemacht. Diese Systeme haben mir Selbstvertrauen gegeben. Mein Vater hat natürlich enormes Vertrauen in mich gesetzt, indem er mir allerlei Möglichkeiten aufgezeigt hat. Er hat mich sowohl als Spieler als auch als Mensch verbessert.

Hatte es auch patriotische Gründe, die dich zum Verbleib in Quakenbrück bewegt haben? Wolltest du dem Verein auch nochmal helfend zur Seite stehen?

Ich kenne meinen Vater und Dragan sehr gut und fühle mich in Quakenbrück sehr wohl. Ich will jetzt ein Jahr erstmal im Herrenbereich viel spielen und mich körperlich weiterentwickeln. Auch wollte ich ein Jahr jetzt nochmal vor den Fans spielen, damit die mich im Herrenbereich mal zu Gesicht bekommen. Für mich war es die beste Option, dass Kaunas mir die Möglichkeit gegeben hat, ein Jahr in Quakenbrück zu bleiben und das Euroleague-U18-Turnier zu spielen. Die Situation hat für mich einfach gepasst, auch weil ich bei den Dragons mit Dragan Dojcin einen Coach habe, der wirklich an und mit mir arbeiten will.

Wirst du im kommenden Jahr am Hoop Summit teilnehmen?

Wir wissen noch nicht, ob ich dort schon in dieser Saison hingehe, denn wenn ich dort spiele, möchte ich sozusagen auch ein Stück weit dominieren. Ich werde mit meinem Agenten sprechen und am Ende der Saison schauen, was passiert.

Wie regelmäßig stehst du im Kontakt mit deinem Agenten und worum geht es in den Gesprächen?

Mein Agent ist B.J. Armstrong von der Wasserman Media Group. Auch Tadas Bulotas, der ebenfalls von der Wasserman Media Group ist, steht mir als beratende Kraft zur Seite. B.J. ist mein Agent in Amerika, und Tadas kümmert sich um die Dinge, die für mich in Europa anstehen. Ich habe noch gar nicht so lange einen Agenten. Vor meiner Entscheidung habe ich dann bei Wasserman unterschrieben. Im Moment spreche ich fast wöchentlich mit meinem Agenten. Kurzfristig habe ich mit Nike und Jordan unterschrieben. Darüber spreche ich auch mit ihm und zudem darüber, was ich in den kommenden Sommern mache. Wir reden auch darüber, was in Kaunas und in Quakenbrück passiert.

Bisher warst du in all deinen Teams der absolute Spitzenspieler. In Kaunas wirst du hingegen vermutlich erstmal jemand sein, der sich dort zurecht- und hineinfinden muss. Dann wirst du sicherlich auch noch mehr auf deine Mitspieler schauen müssen. Wird das eine Umgewöhnung für dich darstellen?

Das bin ich eigentlich schon aus der Nationalmannschaft und auch aus dem Training mit den Dragons gewohnt. Man braucht vielleicht einen Monat, um seine Position zu finden. Das wird keine sehr einfache Aufgabe, aber das wird schon machbar sein.

20150917_290x350_Isaiah_Hartenstein_Artland03Euer Spielstil in der U18-Nationalmannschaft war extrem von Freiheiten geprägt. Es wird häufig von Experten im Jugendbasketball gefordert, dass den Spielern Freiheiten eingeräumt werden müssen, damit sie ihre individuellen Skills verbessern können. Aber war das in der Nationalmannschaft in diesem Sommer nicht vielleicht etwas übertrieben?

Das, was Alan Ibrahimagic gespielt hat, war auf jeden Fall gut für uns. Wir hatten viele Spieler, die selbst kreieren können. Es gab nicht den einen Spieler, der das Spiel an sich reißen konnte, sondern wir hatten Kostja Mushidi, Niklas Kiel, Leon Kratzer, Richard Freudenberg und mich, die allesamt aus dem Eins-gegen-Eins heraus kreieren können. So viele kreative Spieler muss man erstmal haben. Das war in vorherigen Jugendnationalmannschaften vielleicht nicht immer der Fall. Manchmal muss man das auch ausnutzen.

Wie siehst du die Zukunft deines Jahrgangs in Deutschland?

Der Jahrgang ist auf jeden Fall sehr talentiert. Wir haben überragende Spieler, die es auf jeden Fall in die Euroleague oder in die NBA schaffen können. Richard Freudenberg ist sehr athletisch und kann sehr gut werfen. Kostja Mushidi kann sehr gut im Eins-gegen-Eins spielen und rebounden. Wir haben zudem eine Chemie zueinander gefunden, sodass wir drei gemeinsam auf dem Feld stehen können. Wenn unsere Entwicklung so weitergeht und wir wirklich alle weiterhin so hart arbeiten, können wir es in die A1-Nationalmannschaft schaffen.

„Ich wollte jemanden, der auf mich achtet“

Wie ist dein Eindruck von Dmitar Marceta, eurem neuen Athletiktrainer, der zurzeit mit der Mannschaft arbeitet? Er hat schon mit Leuten wie Boban Marjanovic, Nikola Pekovic und Stefan Markovic zusammengearbeitet.

Ich finde die Zusammenarbeit mit ihm sehr gut. Ich habe mich im letzten Monat körperlich sehr verbessert, kann etwas höher springen und bin etwas schneller geworden. Es gibt manche Athletiktrainer, die Anweisungen geben und dann weggehen. Er aber ist ein Typ, der sich für dich Zeit nimmt und sich die Sachen, die du machst, genau anschaut. Er nimmt einen auch mal zur Seite und sagt einem, wie bestimmte Bewegungen auszuführen sind. Das war ebenfalls ein Grund dafür, warum ich geblieben bin. Ich wollte jemanden, der wirklich auf mich achtet und mich nicht alleine lässt mit den Übungen.

Hast du ein konkretes mittelfristiges Programm mit Marceta ausgearbeitet?

Wir machen an jedem Morgen Athletikübungen, die dem ganzen Körper dienen. Er macht sehr viel für die Beine, aber auch spezielle Übungen für die Arme. Manchmal gibt es Sessions, in denen man vielleicht einmal nur Übungen für die Beine und am nächsten Tag nur für die Arme und die Brust absolviert, aber grundsätzlich ist das schon ein Ganzkörper-Workout. Er hilft mir wirklich sehr und versucht alles mit mir zu machen.

Du warst kürzlich unter den ersten sechs Plätzen beim nbadraft.net Mock Draft 2017 gelistet. Wie nimmst du den Druck wahr, der von außen auf dich ausgeübt wird?

Ich versuche das ein bisschen auszublenden. Ich merke das schon. Man muss sich nur bei Facebook anmelden und liest diese Nachrichten. Ich versuche jetzt einfach, in jedem Training noch härter zu arbeiten und in jedem Training besser zu werden. Ich weiß, was ich für Talente habe, und versuche diese jetzt noch besser auszunutzen.

Deine Mutter sagt über dich, dass dein härtester Kritiker du selbst bist. Würdest du ihr in dem Punkt zustimmen?

Auf jeden Fall. Es gibt manche Momente, in denen ich weiß, dass ich etwas falsch gemacht habe und dass wir wegen mir ein Spiel verloren haben. Das macht mich nach einem Spiel manchmal fertig. Ich muss das natürlich ein bisschen mehr ausblenden. Wenn ich merke, dass ich einen schlechten Wurftag habe, versuche ich direkt, am nächsten Tag mehr zu werfen. Das gilt auch für die Sachen, die jetzt bei der EM nicht gut geklappt haben. Während des Turniers kann man nicht viel ändern, aber ich sehe mir nach dem Turnier mit meinem Vater auf jeden Fall nochmal Videos von den Spielen an und versuche auf Kleinigkeiten zu achten. Aus solchen Turnier kann man meiner Meinung nach am besten lernen. Man macht nicht alles perfekt, und es gibt viele Sachen, bei denen man sieht, dass man sie ändern muss, um auf einem höheren Niveau zu agieren. Das ist in der Form in der NBBL nicht immer der Fall. Im Herrenbereich oder in der Nationalmannschaft stellt man ziemlich genau fest, was noch besser werden muss.

Ich habe an mir festgestellt, dass ich an meinem Körper, meinem Post-Game und auch an meinem Wurf arbeiten muss. Man hat nach dem Turnier zwar eine Woche Pause, aber währenddessen haben mein Vater und ich schon wieder darüber gesprochen, was nach der Pause anders werden muss. Ich versuche überall aus mir noch mehr herauszukitzeln – auch außerhalb des Basketballs. So versuche ich auch, als Mensch zu reifen und mich besser zu ernähren. Als man noch ganz jung war, hat man darauf noch nicht so geachtet, doch jetzt merkt man, dass die Ernährungstipps doch sehr helfen.

In der NBBL schwankt das Niveau zwischen den Mannschaften sehr stark. Denkt man dann manchmal vor einem Spiel: „Muss das denn wieder sein?“ Im vergangenen Jahr wart ihr selbst noch ein sehr junges Team, aber es gibt doch schon Gegner, bei denen man vorher weiß, dass man einen Blow-out-Sieg einfährt.

Ich finde das eher gut für mich, weil das Spiele sind, in denen man sehr viel ausprobieren und Dinge neu erlernen kann, die man in der ProB nicht ausprobieren würde. In der NBBL kann man auch mal Sachen testen und beobachten, wie oft sie klappen. Und wenn sie öfter klappen, wendet man sie auch in der ProB an. Für mich ist die NBBL ein Wettbewerb, in dem man viel lernen und die Sachen umsetzen muss, die man sich im Training erarbeitet hat. Ich versuche mich aber natürlich jedes Mal anzustrengen. Einmal will ich noch das TOP FOUR erreichen. Wir haben auch in diesem Jahr eine sehr junge, aber sehr talentierte Mannschaft.

„Als ich die Halle betreten habe, habe ich eine Gänsehaut bekommen“

Wie war es für dich, 2014 vor 15.000 Leuten beim Jordan Brand Classic gespielt zu haben?

Die NBA-Halle der Brooklyn Nets ist sehr modern und für mich eine der schönsten Hallen. Als ich die Halle betreten habe, habe ich eine Gänsehaut bekommen. So viele große Spieler haben dort schon gespielt. Für mich war das eines der schönsten Erlebnisse. Auch die Aktionen außerhalb des Spiels in Manhattan oder anderswo in New York werde ich nicht vergessen. Es war einfach richtig geil, wie die Leute dieses Event organisiert haben.

Dario Saric wurde 2014 von Orlando in der ersten Runde gedraftet, spielt aber weiterhin für ein absolutes Topteam in Europa. Ist es für dich keine Option, jahrelang für europäische Spitzenklubs zu spielen? Oder ist die NBA ohne Wenn und Aber das absolute Ziel für dich?

Die NBA ist natürlich schon das Ziel. Wenn es aber mal so weit kommt und man dann nur auf der Bank sitzt, kann der europäische Weg aber schon eine Möglichkeit sein. Dann würde ich lieber viele Minuten in der Euroleague als Starter spielen und irgendwann nochmal einen Anlauf wagen. Es gibt viele Spieler, die erstmal Probleme in der NBA hatten, es später nochmal versucht und dann doch geschafft haben. Die NBA ist aber auf jeden Fall mein Ziel und das wird es für immer bleiben. Darauf arbeite ich hin. Ich möchte jeden Tag besser werden.

20150917_290x350_Isaiah_Hartenstein_Artland02Warum war der Weg über das College keine Option mehr für dich?

Es gab viele Trainer, die mir zwar im ersten Jahr viele Minuten angeboten haben, aber sie wollten nicht, dass ich so spiele, wie ich es gerne möchte. Sie haben mir gesagt, dass sie mich gerne innen sehen und dass ich vielleicht einmal von draußen schießen darf. Ich hätte meinen Spielstil nicht durchsetzen können. Zwar haben mir das manche Colleges versichert, jedoch habe ich mir dann Videos angeschaut und festgestellt, dass das so nicht stimmen würde. Außerdem fand ich, dass das europäische Spiel besser auf mich zugeschnitten ist. In den letzten Jahren schaffte es auch immer mal wieder ein Europäer unter die ersten fünf Picks beim Draft – in diesem Jahr sogar zwei. Früher kamen quasi nur College-Spieler in die NBA, oder aber man musste schon richtig gut sein und vielleicht auch ein bisschen Glück haben. In diesem Jahr gehen mindestens sieben Spieler aus Europa in die NBA.

Das war der Schlagpunkt für mich, um für mich die Entscheidung zu treffen, in Europa zu bleiben. Ich kann auch das Profileben jetzt schon ein wenig lernen und zudem von Leuten lernen, die vielleicht selbst mal in der NBA gespielt haben. Am College würde ich vielleicht von Spielern lernen, die drei Jahre älter sind als ich. Wenn ich nach Kaunas komme, werde ich dort auf Euroleague-Spieler treffen, die mitunter sechs bis zehn Jahre älter sind als ich und all das schon durchgemacht haben, was hoffentlich noch vor mir steht. Das ist etwas Schönes.

Erachtest du das Nachwuchsförderungsprogramm in Deutschland für rückständig? Ein Mario Hezonja ist nur ein Beispiel für einen Spieler, der schon im Alter von 17 Jahren für Barcelona in der Euroleague debütierte. In Deutschland wird Frankfurt schon dafür gelobt, dass sie 22-Jährigen Verantwortung schenken.

Ich finde es sehr schade, dass es nicht wirklich eine Mannschaft gibt, die einen jungen Spieler einfach auf das Feld schickt. In Spanien oder in Kaunas wird den jungen Spielern gesagt: „Spiel einfach.“ In Deutschland gibt es kein Team, das einen Spieler, der noch nicht 18 Jahre alt ist, spielen lässt. Dabei ist es nicht so, dass Deutschland keine talentierten Spieler hat. In fast jedem Jahrgang von 1995 bis 1998 haben wir viele talentierte Spieler und mindestens eines der zehn größten Talente gehabt. Man muss diese Talente aber auch spielen lassen. Mahir Agva fällt mir da ein, der immerhin in der letzten Saison in Tübingen viel spielen durfte. Aber das hätte alles noch früher passieren können. Wenn die Nationalmannschaft irgendwann mal eine Medaille gewinnen möchte, muss sie den jungen Spielern eine Chance geben.

Bambergs Geschäftsführer Rolf Beyer hat im Kontext der Frage danach, ob du auch für Bamberg ein Thema warst, geantwortet, dass es Spieler gibt, die eher auf die kurzfristige und nicht auf die langfristige Perspektive schauen. Was sagst du dazu?

Das ist meine Entscheidung und es ist für mich besser, wenn ich früher spiele und in Quakenbrück jetzt diese Rolle habe. Vielleicht schaffe ich dann früher und nicht mit 22 Jahren den Schritt in die NBA. Man merkt, dass es nicht viele gibt, die so früh gedraftet werden. Mario Hezonja war 20, Kristaps Porzingis 19. Die kriegen ihre Chance und verbessern sich, indem sie sich schon früh an das körperliche Spiel gewöhnen können. Für mich hat das mit Kaunas einfach gepasst. Die Leute dort sind alle basketballverrückt und die Stadt ist auch nicht so groß mit knapp 300.000 Einwohnern. Alles ist für mich eigentlich perfekt. Sie haben gute Trainingsmöglichkeiten, einen tollen Kraftraum, eine schöne Halle und gute Trainer. Der Trainer spricht übrigens auch noch Deutsch. Er hat jahrelang in Iserlohn gespielt.

Wirst du denn auch die litauische Sprache lernen?

Ich versuche es ein bisschen. Ich hoffe, dass ich die Sprache im zweiten Jahr ein bisschen flüssiger sprechen kann. Wenn man schon zwei Jahre dort ist, muss man schon versuchen, die Sprache zu lernen.

Du hast deinen Schulabschluss schon gemacht. Strebst du beruflich nebenbei auch noch irgendeinen Zweig an, falls irgendetwas Unvorhersehbares in deine Basketballkarriere eintritt?

Ich werde wahrscheinlich Onlinekurse belegen. Wenn ich mein Ziel erreichen will, kann ich schwerlich weiterhin an eine Schule gehen. Da müsste sich schon etwas in der Richtung ergeben, dass man morgens trainieren kann und später zur Schule geht. Sowas gibt es aber wohl nicht. Die morgendlichen Trainingseinheiten und das Profileben verbessern mich richtig. Es ist auch einfach besser, wenn man morgens und abends trainiert und mit der Mannschaft zusammen ist. Bei den Dragons habe ich in der vergangenen Saison gemerkt, dass man doch sehr viel verpasst, während man in der Schule ist.

Wie wurdest du aufgenommen, als du im letzten Jahr mit den Artland Dragons in der BBL trainiert hast? Hast du dich wie das Küken im Team gefühlt? Gab es Spieler, zu denen du eine besondere Beziehung hattest und die dich unter ihre Fittiche genommen haben?

Sie haben mich sehr gut aufgenommen. Wegen meines Vaters kannten die mich schon vorher. Es gab schon einige Leute, die versucht haben, mir Sachen beizubringen. Guido Grünheid, Anthony King und Lawrence Hill haben wirklich auf mich geachtet. Brandon Thomas, der als Small Forward etwa auf meiner Position gespielt hat, hat mir auch gut zugeredet. Wie sie mich unterstützt haben, hat mir sehr gefallen. Es hat mir in meinem ersten Jahr mit einem Profiteam sehr geholfen, dass die Spieler so offen waren.

Warst du trotzdem ein wenig enttäuscht darüber, dass du in der gesamten Saison nur auf einen Kurzeinsatz kamst?

Auf jeden Fall. Man muss aber auch sehen, dass das Team die Playoffs nicht erreicht hat. Ich habe mich im Training zwar bewiesen, jedoch ist es schwer, wenn man sechs große Spieler hat. Für mich war es dann schwierig, auf Einsatzzeit zu kommen, wenn man nicht einmal die Playoffs erreicht. Ich habe es am Ende verstanden, aber es ist schade.

„Man muss die deutschen Spieler früher heranführen“

Wie ist deine Meinung zur Quotenregelung in der Beko BBL?

Die Quote ist ganz in Ordnung. Die Mannschaften sollten schlichtweg darauf achten, die jungen Spieler früher spielen zu lassen. Wenn man will, dass man mit den deutschen Spielern später auch in der Euroleague spielen kann, muss man sie früher an das Level heranführen. Natürlich dauert es ein wenig, bis die jungen Spieler auf dem Niveau spielen können, aber später erntet man für die frühen Bemühungen umso mehr den Lohn. Die spanischen Teams haben vielleicht drei Amerikaner und spielen mit vielen Spaniern oder anderen jungen Spielern. Sie versuchen wirklich, die Spieler zu verbessern. Das ist auch in anderer Hinsicht gut für die Mannschaften: Wenn andere wahrnehmen, dass sich ein Spieler sehr stark verbessert, kann man ihn für viel Geld ins Ausland an ein NBA- oder Euroleague-Team verkaufen. Das ist hingegen schwierig, wenn ein junger Spieler sowieso nicht spielt.

Wie gestaltet sich das Verhältnis zwischen dir und deinem Vater als Trainer. Ist dein Vater zu dir strenger als zu deinen Teamkollegen?

Das ist grundsätzlich eigentlich bei allen gleich. Er ist ein normaler Trainer. Aber ich habe mein Ziel und habe ihm auch gesagt, dass er mich in der Form behandeln soll, dass ich es weit schaffe. Er ist zu mir schon etwas strenger, weil ich vermeintlich ein größeres Ziel vor Augen habe als andere. Es gibt im Jugendbereich schließlich Spieler, die Basketball nur als Hobby ausüben. Bei uns ist das jetzt etwas anders. In der NBBL haben wir schon so fünf Spieler, die einmal Profi werden wollen. Aber man muss auch auf diejenigen achten, die mal anderweitig und nicht als Profibasketballer arbeiten möchten.

Vielen Dank, dass du dir die Zeit für uns genommen hast.

„Es ist für mich besser, wenn ich früher spiele“
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Rakelski
Rakelski 23. September 2015 um 8:29 Uhr

Konnte man gut lesen. War letztens auch ein Artikel in der Five, da fand ich das schon interessant. Mal gucken, wie er sich macht. Die Entscheidung für Europa, vor allem mit diesen Begründungen, sind schon durchaus vertretbar.

Hi-Jack
Hi-Jack 23. September 2015 um 9:53 Uhr

„Vielleicht schaffe ich dann früher und nicht mit 22 Jahren den Schritt in die NBA.“

Puh, hoffe der Junge bleibt auf dem Boden.

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