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Sixers-Offseason: Der letzte Schritt

25.06.2018 || 18:43 Uhr von:
Nach der Rückkehr in die Playoffs steht den Philadelphia 76ers der vielleicht wichtigste Sommer ihrer Franchise-Geschichte bevor. Wird es Philly gelingen, Stars an Land zu ziehen und den nächsten Schritt auf dem Weg zum Titelkandidaten zu gehen?

„Irgendwann, wenn die Zeit reif ist, denke ich, dass wir Hilfe brauchen, um eine Meisterschaft zu gewinnen. Wenn das das Ziel ist – und für mich und für uns ist es das – dann ist das die Antwort, die ich gebe.“ Dies waren die Worte von Sixers-Head Coach Brett Brown auf der abschließenden Pressekonferenz nach dem Saisonaus in der zweiten Playoffrunde gegen die Boston Celtics. In dieser Offseason könnte der Punkt gekommen sein, an dem die Zeit reif ist. Nach fünf bitteren Jahren des Rebuilds kehrte der Postseason-Basketball in die Stadt der brüderlichen Liebe zurück. Dank der starken Leistungen ihrer Shooting-Stars Ben Simmons und Joel Embiid sind die Sixers endlich wieder relevant. Und sogar mehr als das: Philadelphia gilt als eines der Teams, das in den kommenden Jahren die Eastern Conference dominieren und um die NBA-Meisterschaft spielen wird. Um diesen letzten entscheidenden Schritt zu machen und den „Process“ abzuschließen, müssen – wie Brown sagte – in absehbarer Zeit externe Verstärkungen her.

Wie Boston vor zwei Jahren

Die aktuelle Situation der 76ers ist in etwa mit der der Boston Celtics vor zwei Jahren zu vergleichen. Damals hatte deren junges Team durchaus überraschend Platz fünf im Osten erreicht und sich souverän für die Playoffs qualifiziert. Da die Celtics viele Spieler mit günstigen Rookie-Verträgen (Marcus Smart, Jaylen Brown, Terry Rozier) und weitere (im Vergleich zu ihren Leistungen) Niedrigverdiener wie Isaiah Thomas, Avery Bradley und Jae Crowder im Kader hatten, verfügte die Franchise über jede Menge Platz unter dem Salary Cap. In der Free Agency 2016 und 2017 machte Boston den Schritt, der nun für Philadelphia ansteht. In ersterer Offseason verpflichtete Boston Al Horford, in der zweiteren dann Gordon Hayward. Kurze Zeit später kam auch noch Kyrie Irving per Trade hinzu.

Auch die Sixers haben genug Gehaltsspielraum bzw. können diesen sehr leicht freischaufeln, um einen Maximal-Spieler an Land zu ziehen. Nachdem die Franchise T.J. McConnell und Richaun Holmes für eine weitere Saison gehalten hat, stehen etwa 72 Millionen Dollar an garantierten Gehältern für die kommende Saison in den Büchern. Nicht enthalten ist zum Beispiel J.J. Redick, dessen Vertrag ausläuft. Um einen Superstar zu verpflichten und den so wichtigen Schützen gleichzeitig zu halten, müsste Philly ihn für einen wesentlich schmaleren Tarif weiterverpflichten als in der vergangenen Saison, in der Redick 23 Millionen Dollar erhielt. Auch mit Marco Belinelli und Ersan Ilyasova müsste neu verhandelt werden, sollte von Seiten der Franchise Interesse an einem Verbleib der Rotationsspieler bestehen.

Die prognostizierte Gehaltsobergrenze liegt in der kommenden Spielzeit bei 101 Millionen Dollar. Damit würden die 76ers mit einem Cap Space von ca. 30 Millionen Dollar in die Free Agency starten. Interessanter Nebenaspekt: Philadelphia profitiert dabei davon, dass Embiid in der abgelaufenen Saison nicht ins All-NBA-First-Team, sondern ins Second-Team berufen worden ist. Hätte der Center ersteres geschafft, hätten ihm 2018/19 circa 30 statt etwa 25 Millionen Dollar zugestanden, wodurch die Sixers weniger Platz unter dem Salary Cap gehabt hätten. So hat Philly noch mehr Flexibilität, um einen Starspieler unter Vertrag zu nehmen.

Ein wichtiges Thema neben den finanziellen Belangen sind aber auch die neuerlichen Schlagzeilen im Bezug auf das Management der Franchise. Basketball-Präsident Bryan Colangelo trat nach dem Twitter-Skandal von seinem Posten zurück; ein Nachfolger wurde noch nicht bestimmt. Trainer Brett Brown leitet nun vorübergehend die operativen Angelegenheiten. Die Frage ist, ob diese Geschehnisse Auswirkungen auf die Position der Sixers auf dem Free Agency-Markt haben. Vermutlich wird dem nicht so sein. Colangelo ist weg, zudem berücksichtigen Free Agents bei ihrer Entscheidung vor allem die sportliche Situation. Und die ist in der Stadt der brüderlichen Liebe (endlich wieder) rosig.

Draft als Vorgeschmack

Dass die 76ers in der Free Agency 2018 alles daran setzen werden, hochkarätige Verstärkung an Land zu ziehen, zeigten auch die Entscheidungen bei der diesjährigen Draft. An zehnter Stellte wählte das Management Flügelspieler Mikal Bridges, der als „Three-and-D“-Spieler ideal ins Team gepasst hätte. Dennoch wurde er kurze Zeit später für den 16. Pick (Zhaire Smith) und den Erstrunden-Pick der Miami Heat im Jahre 2021 nach Phoenix getradet. Nicht nur, dass Philadelphia durch das Heruntertraden an Cap Space gewinnt (der 10. Pick erhält im ersten Jahr ca. 2,5 Millionen, der 16. rund 1,9 Millionen Dollar). Zudem wurde der 38. Pick für zwei zukünftige Zweitrunden-Picks und der 39. Pick für einen 2019er Erstunden-Pick eingetauscht – ebenfalls, um Geld zu sparen und einen eventuellen Blockbuster-Trade vorzubereiten.

Auch das zukünftige Draft-Recht der Heat könnte noch sehr wichtig für die Sixers werden. Der Pick ist „unprotected“, was in der heutigen NBA selten ist. Sollte Miami in diesem Jahr die Playoffs verpassen, können die Sixers ihrem möglichen Contender-Team ein vielversprechendes Talent hinzufügen – oder den Pick in einen Trade für einen Star packen. Dies deutete auch Head Coach Brett Brown nach dem Draft an: „Dieser Pick könnte der Schlüssel für uns sein. Er könnte zu einem möglichen Trade führen.“ Stand jetzt ist 2021 von einem sehr tiefen Draft auszugehen, da in diesem Jahr die „One-and-Done“-Regel für College-Spieler wegfällt und sich nicht nur die besten Akteure aus der NCAA, sondern auch die talentiertesten Highschool-Prospects für die Talentziehung anmelden werden. Dies macht den Pick noch wertvoller. Insgesamt war der Draft 2018 damit ein Hinweis auf das, was in Sachen Trade-Gespräche demnächst folgen könnte.

Drei Stars im Visier

Welche Free Agents und Trades hat Philadelphia im Fokus? Als erstes ist LeBron James zu nennen. Sollte sich der „King“ gegen einen Verbleib in Cleveland entscheiden, zählen die 76ers neben den Los Angeles Lakers und den Houston Rockets zu den drei wahrscheinlichsten Destinationen. Würde James einen Maximal-Vertrag in Philadelphia unterschreiben, läge dessen Salär im ersten Vertragsjahr bei etwas mehr als 35 Millionen. Die 76ers müssten also etwas Platz unter dem Salary Cap freiräumen. Eine Möglichkeit wäre, Jerryd Bayless, der in den Planungen der Franchise keine Rolle mehr spielt, zu entlassen. Das ihm zustehende Gehalt von 8,5 Millionen Dollar in 18/19 könnte Philly im Rahmen der „Stretch-Provision“ auf die kommenden drei Jahre aufteilen und würde damit etwa 5 Millionen Dollar für den Sommer freischaufeln.

Es ist aber durchaus möglich, dass der beste Basketballer der Welt gar nicht Priorität Nummer eins in Philadelphia ist. Schließlich lässt sich darüber streiten, ob eine Verpflichtung von LeBron aus basketballerischer Sicht Sinn macht. James ist ein Point Forward – genau wie Ben Simmons. Der Australier braucht den Ball in der Hand, da er ohne verlässlichen Wurf abseits des Balls nicht gut aufgehoben ist. Er und James müssten sich aber den Spielaufbau teilen, aber wäre dies sinnvoll? Simmons stellt die Zukunft der Franchise dar. Seiner bestmöglichen Entwicklung sollte alles untergeordnet werden.

Ein besserer „Fit“ wäre daher Paul George, der zwar ebenfalls ein Scorer ist, aber dafür den Ball nicht so oft in der Hand braucht wie es bei James der Fall ist. Sein Einstiegsgehalt läge bei ca. 30 Millionen Dollar. Dies entspricht fast dem Cap Space der Sixers. Ob Paul George die Oklahoma City Thunder überhaupt verlässt und falls ja, ob er sich dann für Philadelphia entscheidet (auch die LA Lakers zählen zu den Anwärtern), steht auf einem anderen Blatt Papier.

Das Front Office der 76ers wird jedenfalls alles investieren, um einen der beiden Stars zu verpflichten. Dies verriet Brown im Anschluss an den Draft: „Ob wir zum Beispiel nach Los Angeles gehen müssen und mit einer Familie, einem Agenten oder einem Spieler verhandeln müssen, ob wir sie dafür begeistern können, hier nach Philadelphia zu kommen, wir werden es tun. Wir beraten uns schon eine ganze Zeit lang über die Strategie, wie wir die Informationen präsentieren. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir nicht zögern werden, jetzt wo der Draft vorbei ist und wir uns auf die Free Agency ab dem 1. Juli konzentrieren können.“ Das Beispiel Los Angeles wählte der 57-Jährige nicht zufällig aus. Sowohl LeBron James als auch Paul George verbringen ihre Sommer zum Großteil im Großraum LA. Eine Verpflichtung von James oder George würde die Sixers schlagartig in die Riege der Top-Teams katapultieren.

Doch was, wenn Philly sogar noch einen weiteren Superstar verpflichtet? Die Rede ist natürlich von San Antonio Spurs-Forward Kawhi Leonard, der Gerüchten zufolge einen Trade fordert. Die Sixers haben im Kampf um den Finals-MVP von 2014 allerdings nicht die Pole Position inne. Los Angeles soll Leonards Wunschziel sein, die Boston Celtics können den Spurs zudem ein vielleicht noch attraktiveres Trade-Angebot machen. Doch Philadelphia hat zumindest Außenseiterchancen. Ein Paket bestehend aus Robert Covington, Markelle Fultz, Dario Saric und dem Heat-Pick wäre – je nachdem, was die Konkurrenz den Spurs anbietet – ein Deal, über den San Antonio möglicherweise nachdenken würde. Immer unter der Prämisse natürlich, dass die Gräben zwischen Leonard und Franchise so tief sind, dass ein Trade für die Texaner unausweichlich ist.

Im Falle eines Trades für Kawhi Leonard wohl nicht mehr für Philadelphia aktiv: Markelle Fultz (l.) und Dario Saric.

Aufgeschoben statt aufgehoben

Und was, wenn die Sixers leer ausgehen sollten? Dann bleibt ihnen immer noch die Möglichkeit, während der Saison einen großen Trade einzufädeln oder 2019 erneut auf Free Agent-Jagd zu gehen. In letzterem Fall dürfte sich Philly natürlich den Cap Space von 25 Millionen Dollar nicht mit langfristigen Verträgen verbauen. Es hieße also, in diesem Sommer Verstärkungen zu finden, die sich mit einem Einjahresvertrag zufriedengeben. Man könnte beispielsweise Redick weiter verpflichten und einen weiteren Schützen auf den Forward-Positionen. Aber das wäre bloß die Notlösung für die Franchise, die bereits in diesem Sommer nach den Sternen greift. Der Aufbau eines Superteams wie in Golden State ist das Ziel. Simmons, Embiid, James/Geoge und Leonard wäre zweifellos ein Quartett, mit dem die Sixers die Konkurrenz schocken und den „Process“ auch endgültig abschließen würden. Philadelphia ist vorbereitet, um dieses Szenario wahr werden zu lassen.

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