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Joel Embiid: Der „Process“ in der Sommerpause

29.10.2018 || 08:31 Uhr von:
Nach seiner ersten verletzungsfreien Saison verbrachte Joel Embiid einen ereignisreichen Sommer - und macht eine gewagte Ankündigung.

Die Offseason von Joel Embiid hatte alles, was ein guter Sommerfilm braucht: Drama, Gefühle und Action. Joel Embiid ist einer der unterhaltsamsten und interessantesten Charaktere, den die NBA momentan zu bieten hat und ist auf dem Weg, einer der dominantesten Spieler der Liga zu werden. Doch Verletzungen haben ihn in der Vergangenheit immer wieder daran gehindert, sein volles Potential auszuschöpfen und den „Process“ auf die nächste Stufe zu heben.

Das selbst ausgegebene Motto von Embiid und der 76ers erreichte letzte Saison das nächste Level, nachdem der Center aus Kamerun seine erste einigermaßen verletzungsfreie bestreiten konnte. Im darauffolgenden Sommer konnte sich der 24-Jährige jedoch nicht gerade Ausruhen. Dafür passierte während des Sommers zu viel um ihn und die ganze 76ers-Organisation.

Erstes Jahr ohne große Verletzung

Nachdem Joel Embiid 2014 an dritter Stelle von den Philadelphia 76ers gedraftet wurde, verpasste der Center von der University of Kansas seine ersten beiden Saisons in der NBA aufgrund eines gebrochenen Knochens in seinem Fuß und spielte nur 31 Spiele in der Saison 2016/17, bevor er erneut das restliche Jahr mit einem Meniskusriss in seinem Knie aussetzen musste. In der Saison 2017/18 gelang es Embiid, einigermaßen fit zu bleiben und endlich sein außergewöhnliches Können unter Beweis zu stellen.

Er bestritt 63 Spiele und legte dabei 22,9 Punkte und 11,0 Rebounds im Schnitt auf. Seine dominante Spielweise half den 76ers zu 52 Siegen und damit zum dritten Platz in der Eastern Conference. In den Playoffs schied man dann gegen ein ersatzgeschwächtes Team aus Boston deutlich mit 1-4 aus. Die Celtics legten dabei die Schwächen des jungen Teams aus Philadelphia offen, wie z.B die Anfälligkeit der 76ers für Turnover. Embiid wusste in der Serie durchaus zu überzeugen. Doch zeigte sich auch, wie statisch das Spiel der 76ers ist, wenn Embiid den Ball im Lowpost bekam.

Twitterdrama

Die Offseason begann anschließend dramatisch für Embiid und die ganze 76ers Organisation. Das amerikanische Online-Medium The Ringer veröffentlichte eine Story über den damaligen General Manager der 76ers, Bryan Colangelo, der laut einer ungenannten Quelle vielleicht mehrere, aber mindestens einen „Burner“-Account auf Twitter nutzte, um Spieler zu kritisieren und teilweise brisante teaminterne Informationen zu veröffentlichen.

Einer dieser Accounts schoss sich kurz nach dem All-Star-Game in der Saison 2017 auf Joel Embiid ein. Damals wurde Colangelo scharf kritisiert, dass er Embiid erlaubte, in einem Spiel gegen die Houston Rockets zu spielen, obwohl er sich den Meniskus angerissen hatte. Diese Verletzung führte letztendlich zum Saisonaus des Centers. Die Twitter-Accounts, die Colangelo zugeschrieben werden, berichteten jedoch, dass Embiid den Ärzten seine Verletzung verschwiegen hätte.

Anfang der letzten Saison schrieb einer der anderen Accounts, er würde Embiid im Handumdrehen für Kristaps Porzingis traden, sollte die Möglichkeit bestehen. In anderen Tweets wurde Embiid als faul und eigensinnig bezeichnet und wie jemand, der sich wie ein Idiot aufführt. Eine äußerst unangenehme Situation für die Franchise, die auch nicht spurlos an Embiid vorüberging.

Mittlerweile ist Colangelo als GM zurückgetreten und seine Frau gab zu, eine Reihe der Accounts betrieben zu haben. Embiid reagierte über seinen eigenen Twitter-Account mit einem einfachen „Bruh“ am Tag als die Berichte veröffentlicht wurden. Einige Wochen nach dem Vorfall sprach Embiid über die Situation und meinte, dass die Aussagen der Tweets wehgetan haben, er aber wisse, wer er als Person und Spieler ist. Und eigentlich sei er froh über die Dinge, die über ihn gesagt wurden, denn egal, ob sie wahr sind oder nicht, werde er sie nutzen, um an sich und ein seinem Spiel zu arbeiten.

In die NBA durch harte Arbeit und Youtube

Diese Einstellung und dieser Antrieb, Negatives in Positives umzuwandeln, zog sich schon durch Embiids ganzes Leben. In seinem äußerst unterhaltsamen und empfehlenswerten Artikel auf The Players Tribune beschrieb er, wie seine Eltern in seinem Heimatdorf in Kamerun ihm nicht erlaubten, mit seinen Freunden zu spielen, da er sich auf die Schule konzentrieren müsse. Später, als er das erste Mal die NBA während der Finals 2009 im Fernsehen sah, wusste er, dass er nur noch Basketball spielen will. Mit 16 Jahren besuchte er dann das Basketballcamp von NBA-Profi Luc Mbah a Moute, wo er von Scouts entdeckt wurde und später an eine High-School in Florida eingeladen wurde, um dort Basketball zu spielen.

Ohne große Englischkenntnisse und das erste Mal mit organisiertem Basketball konfrontiert, hatte Embiid es jedoch nicht leicht. Seine Mitspieler lachten ihn aus und selbst sein Coach warf ihn am ersten Trainingstag aus der Halle, weil er so schlecht war. Embiid spielte sogar mit dem Gedanken, zurück in die Heimat zu fliegen, doch dann packte ihn der Ehrgeiz und er sagte sich: „Ok, ich werde so lange an mir Arbeiten bis ich gut bin.“

Die strenge Erziehung seiner Eltern zahlte sich also letztendlich aus. Das einzige, was Embiid kannte, war harte Arbeit bis er an seinem Ziel angekommen war. So war es auf der High-School, und so war es später auf der University of Kansas. Seine weiche Wurfhand führt er übrigens auf „weiße Typen auf Youtube“ zurück, durch die er die Grundlagen eines Sprungwurfes lernte.

Afrikanischer MVP

Embiids Verbundenheit zu seiner Heimat Kamerun und ganz Afrika bleibt trotz seiner neuen Heimat in den USA stark. Beim Africa Game im August, welches die NBA seit 2015 fast jährlich während des Sommers austrägt, war Embiid der große Star  des Team Afrika. Zusätzlich beteiligte sich Embiid auch an einer Reihe von Wohltätigkeitsveranstaltungen, die die NBA und FIBA im Rahmen des „Basketball without borders“ -Programms jährlich durchführt.

Er besuchte eines der Talentcamps, in dem er 2011 auf sich aufmerksam gemacht hatte. „Ich versuche, jedes Jahr hierher zu kommen und mich um die Kids zu kümmern, da ich 2011 auch eines dieser Kids war“, sagte Embiid im Anschluss. Überhaupt ist er überzeugt, dass Afrika ein Reservoir an unentdeckten Talenten ist. „Wenn ich einer von ihnen bin, und es noch ein paar andere in die NBA geschafft haben, muss es noch einige unentdeckte Talente geben.“, sagt er.

Während des Spiels in Pretoria legte Embiid übrigens 24 Punkte und 8 Rebounds auf und unterstrich mit einigen spektakulären Aktionen, dass er der Star dieses Spiels war. Während der Veranstaltung kündigte Embiid an, er hätte ein Auge auf die MVP-Trophäe in der nächsten Saison geworfen. „Ich glaube, es wäre großartig – vor allem für die Kids und Basketball im Allgemeinen – zu wissen, dass der beste Basketballer auf der Welt aus Afrika kommt,“, meinte er. Sollte es tatsächlich so weit kommen, wäre Embiid der erste MVP aus Afrika seit seinem großen Vorbild Hakeem Olajuwon, der die Trophäe 1994 gewann.

 

 

Embiids Heimatverbundenheit ist auch einer der Gründe, warum er über den Sommer einen Werbevertrag mit Under Armour abschloss. Der Vertrag zwischen dem Spieler der 76ers und dem Sportartikelhersteller wird über fünf Jahre laufen und Embiid zum bestbezahltesten Center der NBA machen.

Doch laut Embiid war einer der Hauptgründe , warum er sich für die Marke Under Armour entschied, das geplante soziale Engagement in Philadelphia und Kamerun, wo die beiden Partner zukünftig Wohltätigkeitsveranstaltungen und Basketballcamps, wie das von Luc Mbah a Moute veranstalten wollen. „Als ich mich mit Under Armour zusammensetzte, war eines der ersten Dinge, über die wir sprachen, dass dies viel mehr sehr kann als nur Schuhe, mehr als nur Basketball“, erklärte Embiid seine Entscheidung. „Ich will dabei helfen, das Leben von Leuten zu verändern, so wie damals Luc meines verändert hat.“

Nächster Schritt im „Process“

Joel Embiid hatte also einen ereignisreichen Sommer hinter sich gebracht. Wo seine Reise als nächstes hingeht, wird sich in der kommenden Saison zeigen. Sollte er gesund bleiben, werden die Sixers eines der Teams im Osten sein, die um die Finals mitspielen, nachdem LeBron James die Eastern Conference in Richtung Los Angeles verlassen hat. Ob Embiid wirklich wie angekündigt ein ernsthafter MVP-Kandidat sein wird, hängt davon ab, ob er sich noch weiterentwickeln kann oder ob er schon das Ende seiner Entwicklung als Spieler erreicht hat.

Die Reduzierung der Turnover wäre ein erster Ansatzpunkt, um  zu einem noch dominanteren Spieler zu werden. Seine Entscheidungen, wenn er gedoppelt wird, sind ebenfalls nicht immer optimal. Das zeigte die Playoff-Serie gegen die Celtics letztes Jahr. Seine Wurfquote etwa litt unter der erdrückenden Defense der Celtics. Sie fiel auf 44 Prozent, was nicht gerade auf eine ausgesprochene Spieldominanz schließen lässt.

Auch ist es eher selten, dass Center überhaupt die MVP-Auszeichnung in der NBA gewinnen. Der letzte echte Center, der diese Auszeichnung gewinnen konnte, war Shaquille O’Neal in der Saison 1990/00, also zu einer Zeit, als die Big Men noch die Liga beherrschten. Embiids Dominanz auf dem Spielfeld wird oft mit der von „Shaq“ verglichen, doch muss er erst noch beweisen, ob er über eine ganze Saison der Akteur sein kann, der einzig und allein das Endergebnis jedes einzelnen Spiels bestimmt. Nur dann wird der nächste MVP aus Afrika kommen und der ausgeschriebene „Process“ zu einem erfolgreichen Ende kommen können.

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