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Charlotte Hornets: Neues Leben im Hornissennest

23.11.2018 || 10:48 Uhr von:
Die Charlotte Hornets sind statistisch gesehen eines der besten Teams der NBA. Das liegt vor allem an ihrem Franchise Player Kemba Walker, aber nicht nur.

Fast unbemerkt von der allgemeinen Öffentlichkeit haben sich die Charlotte Hornets ungeachtet ihrer durchschnittlichen Bilanz zu einem der besseren NBA-Teams gemausert. Und sie haben eine der größten Attraktionen der noch jungen Saison in ihren Reihen: Kemba Walker. Der Point Guard ist eine der aufregendsten und faszinierendsten Erscheinungen der bisherigen Saison. Bis Mittwoch saß der 28-Jährige kurzzeitig sogar auf dem Scorer-Thron, ehe er die Spitzenposition nach „nur“ 16 Punkten gegen die Indiana Pacers wieder räumen musste. Doch die Hornets sind mehr als nur Kemba Walker. Tatsächlich sind einige Faktoren für den guten Saisonstart verantwortlich.

Der beste Kemba aller Zeiten

Beginnen müssen wir natürlich trotzdem beim Anführer der Hornets. In Charlotte ist Walker schon seit ein paar Jahren die Führungsfigur auf und neben dem Parkett. Seit der Saison 2014/15 führt der Aufbauspieler das Team bei den Punkten pro Spiel an. Er ist der Franchise Player der Hornets.

Im NBA-Kosmos flog der 28-Jährige dagegen stets unter dem Radar, was sich an den fehlenden individuellen Auszeichnungen ablesen lässt. Walker wurde noch nie in eines der drei All-NBA-Teams gewählt. In den vergangenen beiden Jahren wurde er immerhin ins All-Star-Team berufen – als Reservespieler, und zuletzt sogar lediglich als Nachrücker für den verletzten Kristaps Porzingis. Verantwortlich für die fehlende Aufmerksamkeit war zweifellos auch der ausbleibende Teamerfolg. Seit Walker 2011 von den Hornets an neunter Stelle gedraftet wurde, erreichte Charlotte lediglich zweimal die Playoffs, zuletzt 2016. Beide Male war in der ersten Runde Endstation.

Von seinen Spielerkollegen wird Walker dennoch sehr geschätzt. In den vergangenen beiden Jahren gewann der NCAA-Champion von 2011 jeweils den „NBA Sportsmanship Award“, mit dem ein Spieler für seine Fairness und Integrität auf dem Feld ausgezeichnet wird.

Dass Walker mittlerweile auch landesweit für Schlagzeilen sorgt, verdankt er seinen herausragenden Leistungen in den ersten Saisonwochen. Siebenmal schon erzielte er mindestens 30 Punkte in einer Partie, angefangen vom furiosen Saisonauftakt gegen Milwaukee, wo er 41 auflegte, bis hin zu seinen 60- und 43-Punkte-Feuerwerken gegen Philadelphia und Boston. Der 28-Jährige hat in puncto Produktivität und Effizienz noch eine Schlippe draufgelegt. Er weist derzeit Karriere-Bestwerte bei den Punkten (28,8 PpG) und Assists pro Spiel (6,4 ApG) sowie der Feldwurfquote (46,6% FG) auf. Zudem ist seine Dreierquote trotz höheren Volumens im Vergleich zu den Vorjahren konstant geblieben (39,4% 3FG bei 10,0 3FGA).

Meister der Pull-ups

Ein Spezialgebiet von Walker ist der Wurf aus dem Dribbling, den er häufig nimmt und sicher trifft. Meistens läuft der Point Guard ein Pick-and-Roll und schaut, was die Verteidigung ihm anbietet. Sinkt der gegnerische Big Man ab? Kein Problem! Walker nimmt den Platz in der Mitteldistanz oder an der Dreierlinie gerne, um von dort per Pull-up-Jumper abzudrücken und einzunetzen.

Aktuell führt Walker die Liga mit 11,4 Punkten pro Spiel nach Pull-ups an. Zudem agiert er sehr effizient (55,8 eFG%; Platz 3 unter allen 37 Spielern mit 6 FGA oder mehr). Bei den Versuchen aus der Distanz (5,5 3FGA) wird er nur von James Harden übertroffen. Einen Anteil am starken Output des Point Guards haben natürlich auch die talentierten Blocksteller wie Cody Zeller (5,0 Screen-Assists laut NBA Stats; Rang 3 in der NBA). Fürs Protokoll: Natürlich zieht Walker auch gerne zum Korb. Mit 15,8 Drives pro Begegnung liegt er auch in dieser Kategorie unter den ersten fünf.

Doch nicht nur in der Offensive ist auf Kemba Verlass, auch in der Defense steht er seinen Mann. So gelang es ihm vor kurzem im Duell mit Kyrie Irving, seinen Kontrahenten bei unter 50 Prozent aus dem Feld zu halten. Von Downtown traf der Point Guard der Celtics sogar nur einen von acht Würfen. Walker zeigt trotz seiner enormen Anstrengungen im Angriff großen Einsatz in der Verteidigung. Ihm gelingt es, viele Würfe zu erschweren, selbst wenn er vorher schon abgeschüttelt schien.

Der positive Eindruck spiegelt sich auch in den Zahlen wieder. So bringen Walkers direkte Gegenspieler nur 38 Prozent ihrer Wurfversuche im Korb unter, was 6,4 Prozent unter deren Durchschnittswert liegt. Mit dieser zugelassenen Trefferquote gehört der Hornets-Star zu den besten Guards und befindet sich in Gesellschaft mit aktuellen bzw. ehemaligen All-Defensive-Teamern wie Jrue Holiday, Jimmy Butler und Mike Conley. Charlotte lässt zudem mit seinem Starter auf der Eins 1,3 Punkte pro 100 Ballbesitze weniger zu als ohne ihn. Wie wichtig Walker insgesamt für sein Team ist, lässt sich daran festmachen, dass er der einzige Spieler im Kader ist, ohne den die Hornets ein negatives Net-Rating haben.

An seine Grenzen stößt Walker lediglich in der Crunchtime, wo er zu oft auf sich alleine gestellt ist. Bei Würfen in den letzten fünf Minuten eines vierten Viertels oder einer Overtime bei nicht mehr als fünf Punkten Unterschied fällt die Feldwurfquote des Hornets-Anführers auf 40, in der Schlussminute bei One-Possession-Games sogar auf 33,3 Prozent. Auch deswegen steht Charlotte derzeit bei einer Bilanz von 1-5 in Partien, die mit maximal drei Punkten entschieden wurden. Und so stehen die Hornets trotz des viertbesten Angriffs (Offensiv-Rating: 113,1) und des fünftbesten Net-Ratings (+5,2) nur bei einer Bilanz von 9-8. Schon in der letzten Saison verloren die Hornets die meisten ihrer knappen Spiele – ein Problem, das sie in die neue Saison transportiert haben.

Starkes Point Guard-Duo

Dass Charlotte so gut ist, liegt allerdings nicht ausschließlich an Walker, wenngleich dieser ohne Frage den größten Anteil am Erfolg hat. So entpuppt sich vor allem Tony Parker als wertvolle Verstärkung für den Kader. Der Neuzugang aus San Antonio erfüllt seine Rolle als Backup-Point-Guard sehr gut. Mit ihm und den weiteren Bankspielern Malik Monk, Miles Bridges, Michael Kidd-Gilchrist und Willy Hernangomez haben die Hornets ein Net-Rating von plus 14,1. Auch individuell ist beim 36-Jährigen keine Altersmüdigkeit erkennbar. Auf 36 Minuten gerechnet erzielt der Franzose so viele Punkte pro Spiel wie seit der Saison 2013/14 und so viele Assists pro Begegnung wie seit 2012/13 nicht mehr.

Mit seiner Schnelligkeit rennt Parker bei jeder sich bietenden Gelegenheit den Fastbreak. Er zieht zum Korb, setzt aber auch sein bewährtes Midrange-Game gekonnt ein. Alles in allem ist der viermalige NBA-Champion Charlottes beste Back-up-Point-Guard seit Jeremy Lin in der Spielzeit 2015/16. Damals gewannen die Hornets 48 Siege und schlossen die Regular Season auf Platz sechs in der Eastern Conference ab.

Doch nicht nur als Dirigent der zweiten Fünf bringt sich Parker erfolgreich ein. Auch mit Walker harmoniert der Veteran äußerst gut. Die beiden Spielmacher stehen überraschend viel gemeinsam auf dem Parkett – nämlich 7,3 Minuten pro Begegnung. Mit ihnen zusammen outscoren die Hornets ihre Gegner mit 14,2 Punkten pro 100 Ballbesitze. Vor allem der Angriff ist mit den beiden elitär (Offensiv-Rating: 115,0). Walker profitiert von seinem neuen Mitspieler, da es ihm erlaubt, häufiger abseits des Balls zu spielen. Der Star des Teams scort nun vermehrt nach indirekten Blöcken. Einzig Monk erhält mehr Passe von Parker als Kemba.

Trainer- und Kaderveränderungen wirken

Für frischen Wind sorgt auch Charlottes neuer Head Coach James Borrego. Unter ihrem neuen Übungsleiter nehmen die Hornets im Vergleich zur Vorsaison deutlich mehr Dreipunktewürfe, spielen kleiner und schneller – einfach moderner. Nicolas Batum läuft nun fast ausschließlich auf der Drei auf, in manchen Fällen sogar auf der Vier (Quelle: Basketball-Reference). In 2017/18 spielte er noch überwiegend auf der Zwei. Michael Kidd-Gilchrist startet nun nicht mehr als Small Forward, sondern kommt von der Bank – und nimmt teilweise sogar die Rolle des Small-Ball-Fünfers ein.

Ein weiterer Beleg für Borregos Rotationsumbau: In der vergangenen Saison stand das Frontcourt-Trio Kidd-Gilchrist, Marvin Williams und Dwight Howard in 69 Partien insgesamt 1390 Minuten gemeinsam auf dem Parkett. Es war die am fünfthäufigsten genutzte Drei-Mann-Lineup der Hornets überhaupt. In der laufenden Spielzeit standen die beiden ersteren und der neue Starter Zeller dagegen noch gar nicht zusammen auf dem Feld. Indem einer der Forwards für einen Guard ausgetauscht wurde, hat sich das Spacing der Hornets verbessert. Denn mit „MKG“ und Howard bzw. Zeller ständen zwei Spieler ohne Gefahr von draußen auf dem Court.

Um an dieser Stelle eine Lanze für Steve Clifford zu brechen: Dieser hatte nicht das Personal zur Verfügung wie sein Nachfolger Borrego. Ohne den Druck, auf Howard setzen zu müssen sowie mit den Neuzugängen Parker und Bridges sind die Hornets nun besser aufgestellt. Dies ermöglichte eine drastische Verbesserung in der Offensive.

Die bereits angesprochene phasenweise Berufung von Kidd-Gilchrist als Small-Ball-Fünfer ist ein weiterer interessanter Move von Borrego. Damit kann der Forward seinen größten Makel, sprich den fehlenden Distanzwurf, kaschieren. Dafür kann der 25-Jährige seine Qualitäten als Blocksteller und Rebounder einbringen. Auch in der Verteidigung schlägt sich der 2,01 Meter- und 105 Kilo-Mann tapfer.

Zu Beginn der zweiten und vierten Viertel, während Walker pausiert, spielen die Hornets gerne klein, also mit „MKG“ oder Williams als größter Spieler auf dem Court. In der noch jungen Saison sind diese Aufstellungen bislang eine absolute Erfolgsgeschichte. Zwar rebounden die Lineups verständlicherweise schlechter, verteidigen dafür aber auf elitärem Niveau. Der Wert von weniger als 100 gespielten Minuten ist immer noch relativ gering. Es bleibt daher erst abzuwarten, ob der Trend anhält oder der Hornets-Small-Ball irgendwann von den Gegnern gekontert werden wird.

Small Ball Lineups*: Erweiterte Statistiken

LineupMINOffRtgDefRtgNetRtgeFG%REB%
Mit Williams und MKG34101,386,714,649,251,3
Mit Williams, ohne MKG48112,099,110,758,645,2
Mit MKG, ohne Williams15102,972,230,655,247,1
Insgesamt98110,893,917,055,847,9

*Aufstellungen ohne Cody Zeller, Willy Hernangomez, Bismack Biyombo und Frank Kaminsky
MIN: Minuten total, OffRtg: Offensiv-Rating, DefRtg: Defensiv-Rating, NetRtg: Net-Rating, eFG%: Effective FG%, REB%: Rebound Percentage

Wichtige Entscheidung steht an

Kemba, die Bankspieler, Borrego, Small Ball: All diese Komponenten machen Charlotte zu einem sehr guten Team aktuell. Und trotzdem: Nehmen wir die Hornets wirklich ernst? Würden wir sie aufzählen, wenn wir von den besten Teams der Eastern Conference sprechen? Rein vom Talentlevel würden die allermeisten immer noch zumindest fünf Teams vor Charlotte aufzählen: Toronto, Boston, Philadelphia, Milwaukee und Indiana.

Ein Aufstieg in die Beletage der Conference ist somit nur schwer vorstellbar. Und die Bilanz gibt einem bei dieser Einschätzung Recht. Was hilft ein tolles Net-Rating, wenn die knappen Spiele größtenteils verloren werden? Gerade in diesen Situationen wird offensichtlich, was in anderen Phasen von der Taktik und Ansammlung an soliden Spielern kaschiert wird: Neben Walker fehlt es an verlässlichen Optionen im Angriff.

Interessant ist ebenfalls, wie die Franchise damit umgeht, dass der Vertrag ihres Stars im kommenden Sommer ausläuft. Letztlich hat das Management zwei Möglichkeiten: Entweder mit dem 28-Jährigen in dieser Saison versuchen, die Playoffs zu erreichen, ihm im nächsten Juli einen Maximalvertrag anbieten und danach weiter um die (hinteren) Playoff-Plätze mitspielen? Oder ihn bis zur Trade-Deadline im Februar (im Idealfall mit einem weiteren hochdotierten Vertrag) traden. Bei ersterer Variante müsste sich Charlotte auch gewiss sein, dass Walker verlängern wird. Ihren Franchise Player ohne Gegenwert zu verlieren, wäre der Worst Case für die Hornets. Oberes Mittelmaß oder Rebuild? So lautet die Frage, die sich unweigerlich stellt. Besitzer Michael Jordan und das Front Office werden schon bald diese wegweisende Entscheidung treffen müssen.

Statistiken: Stand 22. November 2018

Charlotte Hornets: Neues Leben im Hornissennest
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