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Toronto Raptors: Die große Mauer

17.05.2018 || 08:54 Uhr von:
Wieder scheiterten die Toronto Raptors an LeBron James. Wie überwinden die Raptors ihre persönliche große Mauer? Oder sollte Masai Ujiri nach diesem Sweep besser kapitulieren?

213 Meter hoch, 482 Kilometer lang, rund 8.000 Jahre alt, mit Magie erbaut, und das größte Bauwerk von Westeros: In der US-Serie Game of Thrones sichert die große Mauer die südlich gelegenen Sieben Königslande vor den Wildlingen und Weißen Wanderern aus dem Norden.

„The Wall“, die die Eastern Conference vor der Eroberung von „We The North“ beschützt, ist LeBron James. Immer wieder gelingen den Toronto Raptors kleinere Raubzüge im Osten der USA, im Frühjahr wird deren Streitmacht jedoch Jahr für Jahr von der Mauer gestoppt.

Nach 2016 und 2017 brallte die Armee von Masai Ujiri auch in den diesjährigen Playoffs an LeBron James ab. Tief gedemütigt müssen sie sich nun einen Schlachtplan für die Zukunft zurechtlegen. Doch können die Kanadier mit diesem Heer den Osten erobern? Braucht es einen längeren Waffenstillstand, um die Truppen neu aufzustellen? Und wo bekommt Ujiri das fehlende Puzzlestück her, damit das Team in den Titelkampf eingreifen kann?

Franchise-Player

Schotten sind geizig, Russen gehen nicht ohne einen Plan aufs Klo, und die Toronto Raptors sind ein Team für die reguläre Saison. Viele Vorurteile sind massive Übertreibungen oder gar falsch, aber nicht alle entbehren jeglicher Grundlage. Toronto besitzt einen Kader, der besser für eine Saison geeignet ist, als für eine Playoff-Serie. Die Dinos sind tief und gut besetzt, es fehlt jedoch der berüchtigte Franchise-Player.

Der beste Raptor der letzten Monate besitzt offensiv wie defensiv Schwächen, die bei intensiver Vorbereitung auf solch eine Serie permanent attackiert werden können. Außerdem pfeifen die Schiedsrichter in der Postseason weniger Fouls. Das schadet Spielertypen wie DeMar DeRozan oder James Harden, die den Kontakt mit dem Gegenspieler regelmäßig kreieren. Dies war bereits vor den Playoffs bekannt. Der Zweier der Raptors war nie ein Topstar und wird es auch niemals werden. Und ohne Fanchise-Spieler gewinnt kaum ein Team einen Titel. Warum dann nicht alles einreißen?

Rebuild

Branch Rickey: “It’s better to trade a player a year too early than a year too late.”

Danny Ainge gehört zweifelsohne zu den besten General Managern der Liga. Der Umbruch des Celtics-Meisterschaftsteams verlief in kürzester Zeit ohne radikalen Neuaufbau. Grund hierfür war in erster Linie der proaktive Trade Bostons mit den Brooklyn Nets. Die Verantwortlichen in Boston hatten früh genug erkannt, dass das sich Titelfenster der Celtics geschlossen hatte. Sie konnten dank der hohen Nets-Picks trotz Playoff-Teilnahme früh draften. Warum sollte Masai Ujiri nicht eine vergleichbare Strategie anstreben?

Zwischen dem Rekordmeister und den Raptors besteht jedoch ein gewaltiger Unterschied. Danny Ainge befand sich 2013 in einer deutlich besseren Position. Kevin Garnett und Paul Pierce waren zwar in die Jahre gekommen, in den Playoffs galten sie aber weiterhin als Spielertypen, die das Zünglein an der Waage sein können. Mit Billy King befand sich außerdem ein Berufskollege auf der anderen Seite, der um jeden Preis den Fünfjahresplan seines Besitzers umsetzen musste. Ein vergleichbaren Gegenwert ist derzeit für DeMar DeRozan und Kyle Lowry utopisch. Und für einen Salary-Dump sind beide zu wertvoll. Denn trotz des enttäuschenden Sweeps befindet sich Toronto derzeit auf und abseits des Courts in der erfolgreichsten Phase der Franchice-Geschichte.

We The North

Vor 23 Jahren kamen mit den Vancouver Grizzlies und den Toronto Raptors zwei kanadische Teams in die NBA. Den Dinos gelang es, mit einem Trade für Vince Carter im Juni 1998 eine Galionsfigur zu verpflichten, die dem Team die notwendige mediale Aufmerksamkeit einbrachte. Dies gelang der Franchise aus British Columbia nie. 1999 mussten die Grizzlies sogar den zweiten Draft-Pick – Steve Francis – nach Houston traden, da dieser mit einem Boykott drohte.

Kanada war damals keine begehrte Spielstätte. Die Grizzlies konnten sich in Vancouver nie etablieren und zogen daher bereits 2001 nach Memphis. Drei Jahre später erlitt auch die letzte verbleibende Franchise aus dem Norden einen schweren Rückschlag. „Air Canada“ forderte einen Wechsel und wurde nach New Jersey getradet. Es folgte ein Jahrzehnt ohne nennenswerte Erfolge, in der der zweite Franchise-Player, Chris Bosh, 2010 ebenfalls das Team verließ.

Dies änderte sich erst mit der Ankunft von Masai Ujiri 2013. Ein „missglückter“ Rebuildversuch führte zur erfolgreichsten Phase des Teams. Nachdem die Raptors in den ersten 18 Jahren lediglich fünf Playoff-Teilnahmen und einen Seriensieg verbuchen konnten, übertrafen sie diese Bilanz allein in den vergangenen fünf Jahren deutlich. Zusammen mit der „We The North“-Kampagne ist die Franchise derzeit auf und abseits des Feldes in ihrer Blütezeit. Die Dinos sind das Aushängeschild einer ganzen Nation. Warum sollte dies ohne nennenswerte Vorteile aufgegeben werden? Die Neuausrichtung kann auch noch zwei Jahre warten.

2020

Vor der Frage, wie es weitergeht, stand Ujiri bereits nach dem Sweep gegen die Cleveland Cavaliers im vergangenen Jahr. Mit Kyle Lowry und Serge Ibaka wurden zwei Leistungsträger Free Agents. Eine langfristige Vertragsverlängerung wäre ein großes Risiko gewesen. Den Verantwortlichen gelang es jedoch, die Vertragsjahre auf drei zu limitieren.

2020 ist nun der entscheidende Sommer in Toronto. Denn abgesehen von Norman Powell und DeMar DeRozan, der dann eine Spieleroption besitzt, laufen alle übrigen hochdotierten Verträge spätestens in der übernächsten Offseason aus. Der General Manager kann deshalb in zwei Jahren seinen Kader neu ausrichten. Ein sofortiger Rebuild ist nicht notwendig. Und selbst in den beiden Übergangsjahren besteht die Chance, die Mauer doch noch überwinden zu können und in die NBA Finals einzuziehen.

Der Fall der Mauer

Seit 2010 terrorisiert LeBron James die Eastern Conference. Siebenmal in Folge gelang es keinem Konkurrenten, die mächtige Mauer zu überwinden. Doch diese Serie könnte bereits in zwei Monaten beendet sein. Der König wird Free Agent und schenkt möglicherweise die Herrschaft im Osten kampflos her. Dies wäre auch eine Chance für die Toronto Raptors. Denn trotz aller Schwierigkeiten scheiterten sie in den letzten drei Postseasons nur an dem späteren Finalisten. Doch selbst wenn die Mauer fällt, werden die Kanadier den Osten nicht widerstandslos erobern.

Mit den Boston Celtics und Philadelphia 76ers stehen zwei potenzielle Dynastien bereit, den Platz der Cleveland Cavaliers im Osten zu übernehmen. Derzeit würden beide Teams von den Buchmachern sicherlich vor den Raptors gehandelt werden. Doch Masai Ujiri muss in den kommenden Jahren nicht untätig bleiben.

Ein Puzzlestück entfernt

Toronto besitzt 2018 keinen Erstrunden-Draft-Pick und liegt bereits vor einer möglichen Vertragsverlängerung mit Fred VanVleet über der Luxussteuergrenze. Selbst wenn die Besitzergruppe diese Zusatzkosten nicht scheut, sind die Raptors in der Free Agency auf die Tax-Mid-Level Exception sowie Minimalverträge limitiert. Bleibt neben der Entwicklung der eigenen Nachwuchsspieler nur der Trade-Markt.

Die letzten Jahre haben gezeigt, dass Teams ohne Franchise-Spieler kaum Titelchancen besitzen. Toronto besitzt keinen solchen Akteur. Und im Gegensatz zu Boston, Philadelphia oder den Los Angeles Lakers fehlen Ujiri auch die Trade-Bausteine, um einen solchen Superstar zu bekommen. Deshalb sind die Verantwortlichen darauf angewiesen, einen weiteren Spieler auf All-Star-Niveau zu finden. Bietet sich solch eine Gelegenheit, besitzt Toronto durchaus den notwendigen Gegenwert für solch einen Deal.

Die jungen Spieler oder zukünftige Picks sollten jedoch nur für ein vielversprechendes Upgrade genutzt werden. Die Memphis Grizzlies oder Los Angeles Clippers waren beispielsweise auch nur ein Puzzlestück davon entfernt, ins Titelrennen einzugreifen. Beide opferten jeweils einen Draft-Pick für Jeff Green. Solch ein Spieler ist nicht die Lösung.

Vorbilder sind dagegen die zwei einzigen Teams, die in diesem Jahrhundert ohne einen aktuellen Top-fünf-Spieler einen Titel gewonnen haben: die Detroit Pistons 2004 und die San Antonio Spurs 2014. Beiden Franchises wurde zuvor bereits zu einem Umbruch geraten. Doch durch die Trades für Rasheed Wallace sowie den Draft-Pick von Kawhi Leonard wurden aus sehr guten Teams jahrelange Titelanwärter. Selbstverständlich sind solche Szenarien absolute Ausnahmen. Die Raptors sind jedoch in der Position, noch bis 2020 auf solch eine Chance warten zu können.

Fazit

Die NBA ist ein schnelllebiges Geschäft. Vor dem Saisonstart prognostizierte kaum ein Experte, dass Toronto über 50 Siege holen und die erste Runde überstehen würde. Die Raptors scheiterten daher auch an der veränderten Erwartungshaltung, die eine 59-Siege-Saison mit sich brachte. Dennoch vergaben die Kanadier eine große Chance, erstmals die NBA Finals zu erreichen, da Cleveland strauchelt und Boston mit Verletzungssorgen kämpft.

Dies hatte bereits erste Konsequenzen. Dwane Casey wurde nach sieben Jahren als Coach entlassen. Masai Ujiri kündigte ebenfalls an, dass alles auf dem Prüfstand stehe. Dennoch wird der General Manager diesen Kader nicht blindlings einreißen. Schwerwiegende Veränderungen wird es nur geben, wenn sie die Franchise weiter bringen. Deshalb sollte der große Knall in der Offseason ausbleiben. Und wenn die große Mauer im Sommer gen Westen zieht, könnte der Winter im kommenden Jahr doch noch vom Osten Besitz ergreifen.

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