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Moritz Wagner: Magics Wahl

10.10.2018 || 12:44 Uhr von:
Moritz Wagner wird bald in seine NBA-Rookie-Spielzeit starten. Der deutsche Big Man überzeugte die Los Angeles Lakers nicht nur mit seiner Emotionalität und Spielintelligenz, sondern könnte auch eine Lücke im Frontcourt füllen.

„Mit dem 25. Pick des NBA Drafts 2018 wählen die Los Angeles Lakers Moritz Wagner aus Berlin und der University of Michigan.“

Diese Worte hörte Moritz Wagner am 21. Juni im Barclays Center in Brooklyn NBA Commissioner Adam Silver verkünden. Damit war es offiziell geworden: Nach seiner dreijährigen NCAA-Karriere bei den Michigan Wolverines hat Wagner den Sprung in die NBA geschafft und ist fortan ein Laker.

Im Nachgang zum Draft waren von Lakers-General-Manager Rob Pelinka ebenfalls großen Worte zu vernehmen: „Die Wahl von Moe Wagner war ein großes Ziel von Magic.“ Großes Lob vom Magischen. Die Rede ist natürlich von Earvin Magic Johnson, welcher 2017 die Rolle des „President of Basketball Operations“ bei seinem alten Club übernommen hatte.

Magic überzeugte sich mehrmals selbst von den Qualitäten Wagners bei Trips zu Spielen der Wolverines. Das Amüsante daran: Magic spielte früher für die Michigan State Spartans, den Erzfeind der Wolverines. Dennoch konnte Magic über diese Feindschaft hinwegsehen und war nicht nur von Wagners spielerischen Qualitäten überzeugt. Magic beeindruckte besonders „die Emotionen, die er auf dem Platz zeigt und wie er mit seinen Mitspielern kommuniziert. Wir wollen, dass Moe seine Emotionen und seine kommunikative Art beibehält“, erklärte Magic.

Viel Lob also für den 21-jährigen Wagner. Doch die Entscheidung der Lakers, Wagner in der ersten Runde des Drafts zu wählen – viele Experten hatten mit einem Pick Anfang der zweiten Runde gerechnet –, hat auch spielerische Gründe.

Der moderne Stretch-Big

Wagner fällt vor allem durch seine Wurfstärke auf. Während seiner drei Jahre am College traf er 38,5 Prozent seiner Dreier. In seiner Freshman-Saison kam er in limitierter Spielzeit nur auf eine Quote von 16,7 Prozent. Als etablierter Starter im zweiten und dritten Jahr legte er bei insgesamt über 270 Würfen eine Quote von knapp unter 40 Prozent auf.

Die meisten seiner Würfe nahm Wagner als Spot-up-Shooter. In seinem letzten Jahr erzielte er so 1,17 Punkte pro Catch-and-Shoot, was deutlich über der durchschnittlichen Punkteausbeute in der NCAA lag. Er besitzt zwar eine etwas langsame Wurftechnik, sollte aber auch in der NBA dafür sorgen können, den Center des Gegners aus der Zone zu ziehen.

Seine exzellente Fußarbeit half ihm auch in Pick-and-Pop-Situationen. Streckenweise ließ Wagner es etwas an Konstanz vermissen. So gab es Spiele, wo er Probleme hatte, einen guten Wurfrhythmus zu finden; dann gab es aber wieder Partien, wo der Big Man anscheinend einfach nicht daneben werfen konnte.

Verbesserungswürdig ist auch Wagners Freiwurfquote. Während seiner drei Jahre am College kam er bei knapp über zwei Versuchen pro Spiel gerade mal auf eine Quote von 69,8 Prozent. Auch seine Zwei-Punkte-Quote war im dritten Jahr leicht rückläufig, was aber auch auf mehr Verantwortung in der Offensive und dadurch mehr Würfe zurückgeführt werden kann.

Dennoch: Mit Wagners Größe von knapp über 2,10 Metern, gepaart mit seiner technisch einwandfreien Wurftechnik, erfüllt er alle Anforderungen, die an einen modernen Stretch-Big in der NBA gestellt werden.

Mangelnde Athletik als Hindernis

Doch auch im Pick-and-Roll überzeugte Wagner während seiner letzten College-Saison, nachdem er über den Sommer an seiner Athletik und Rumpfstabilität gearbeitet hatte. Dabei fiel er vor allem mit seiner Mobilität und gutem Timing in Ringnähe auf. 1,38 Punkte pro Versuch erzielte er direkt am Korb und lag damit im oberen Drittel dieser Kategorie.

Eine seiner bevorzugten Bewegungen ist der Shot-Fake und aggressive Drive zum Korb. Dabei helfen ihm seine exzellente Körperkontrolle und sein ausgeprägtes Ballhandling, welche bei einem Spieler seiner Größe nicht oft zu finden sind. Hierbei setzt er manchmal ein Dribbling hinter dem Rücken ein, um seinen Gegner zu überwinden – damit sorgte Wagner für so manches Highlight.

Diese Stärke sollte ihm auch in der NBA zugute kommen. Jedoch wird Wagner erst noch beweisen müssen, ob er auch mit der deutlich athletischeren Spielweise auf dem höchsten Niveau mithalten kann. Denn selbst am College blieb er noch manchmal an längeren und kräftigeren Spielern hängen und verlor die Balance. Ein verlässlicher Pull-up-Jumper könnte dabei einen entscheidenden Entwicklungsschritt für Wagner darstellen.

Seine mangelnde Kraft wirkte sich auch negativ auf sein Post-up-Spiel aus. Er schaffte es zu selten, gleichgroße Gegner physisch zu dominieren, und verlor dadurch die Balance. Bei seinen Face-up-Versuchen ließ er streckenweise gegen gute Verteidiger etwas an Geschwindigkeit missen.

Eine seiner großen Stärken in Ringnähe sind gut getimte Hookshots. Dabei zeigte er seine hervorragenden Instinkte als Scorer und schien so gut wie immer im richtigen Winkel zum Korb für einen erfolgreichen Abschluss zu stehen.

„Moe wollte jeden Tag beweisen, dass er auf dem höchsten Level spielen kann“

Wagners vielleicht am meisten unterschätzte Fähigkeit ist sein Basketball IQ. Beim Drive zum Korb fand er regelmäßig den offenen Mitspieler. Dies spiegelte sich jedoch noch nicht zwingendermaßen in hohen Assist-Zahlen wieder (0,8 ApG in seiner letzten College-Saison). Auch verlor Wagner nur selten die Kontrolle über den Ball. 1,4 Turnover pro Spiel in seinen letzten beiden Jahren, bei viel Ballbesitz und Verantwortung, sprechen für ihn.

Wagner kam in seinen drei Jahren in Michigan das exzellente Coaching von Wolverines-Head-Coach John Beilein zugute. Er schien jede Saison an seinen Schwächen gearbeitet und sich stetig verbessert zu haben. Nach Wagners Ankündigung, Michigan State zu verlassen und sich für den Draft anzumelden, zeigte Beilein seine Wertschätzung für Wagners Werdegang und Persönlichkeit: „Moe wollte jeden Tag beweisen, dass er auf dem höchsten Level spielen kann“, sagte Beilein. Dies spricht dafür, dass Wagner offen für Verbesserungen ist.

Dies spiegelte sich auch in seiner Defense wieder, wo er im dritten Jahr zu einem wichtigen Anker in der Mannschaftsverteidigung der Wolverines wurde. Er verstand es viel besser, wo er sich in der Half-Court-Defense aufzuhalten hat und wann er zur Hilfe kommen muss. Teilweise blitzte sogar die Fähigkeit auf, Steals zu forcieren und so den Gegenangriff einzuleiten.

Wagner verbesserte des Weiteren seine Reboundarbeit. Aus 4,2 Rebounds pro Spiel in der Saison 2016/17 wurden 2017/18 solide 7,1 Rebounds. Trotz dieser Verbesserung dürfte sich Wagner schwer tun, gegen kräftigere Center in der NBA zu bestehen und schnellere Vierer in Schach zu halten. Dies könnte dazu führen, dass Wagner lange Strecken auf der Bank verbringt, sollte er gegen Mannschaften mit ungünstigen Matchups für ihn spielen. Es wird ganz wichtig für ihn sein, weiter an seiner Physis zu arbeiten, um im harten NBA-Alltag zu überleben. Wagners Einstellung stimmt jedoch positiv, dass er sich dieser Herausforderung annimmt.

Die Einstellung stimmt

Überhaupt sind Wagners Charakter und Drive großen Pluspunkte. Das zeigt sich auf dem Spielfeld immer wieder in emotionalen Ausbrüchen – sei es nach einer eigenen gelungen Aktion oder die eines Mitspielers. Wagner war der emotionale Anführer seiner Wolverines. Diese Leidenschaft zeigt sich auch in Wagners Unerschrockenheit während des Spiels. So traut er sich, die entscheidenden Würfe zu nehmen und in den wichtigen Spielen Verantwortung zu übernehmen. Im Halbfinale der March Madness 2018 legte Wagner gegen das Überraschungsteam Loyola-Chicago sein bestes Spiel des Turniers auf. Am Ende führte er die Wolverines nach starker Aufholholjagd mit 24 Punkten, 15 Rebounds und 3 Steals zum Sieg.

Im Finalspiel gegen Favorit Villanova erzielte Wagner 16 Punkte und 7 Rebounds, bei einer Wurfquote von über 50 Prozent aus dem Feld. Am Ende reichte die Leistung nicht ganz, um den Titel mit nach Michigan zu nehmen, dennoch bewies Wagner ein ums andere Mal seine Führungsqualitäten während des Turniers. Die Lakers hoffen sicherlich, dass Wagner nach der ersten Eingewöhnungsphase ein ähnlicher positiver Einfluss in Los Angeles sein kann.

Mitunter war Wagners positiver Charakter einer der Hauptgründe für den Pick der Lakers, zumindest wenn man den Worten Magics Glauben schenken darf. Magic war selbst immer für seinen positiven Charakter bekannt und galt als absoluter Leader der Showtime-Lakers der 80er. Solche Spieler wie Wagner mag er also.

Die Lakers scheinen überzeugt zu sein, dass sich Wagners Erfolg auch in die NBA übertragen wird und dass er Lücken im Kader füllen kann. „Im heutigen Spiel benötigt man Bigs, die das Spielfeld in die Breite ziehen können. Was uns bei allen Spielen, zu denen wir persönlich gegangen sind, aufgefallen ist, waren seine exzellente Passfähigkeit und seine Fähigkeit als Screener in Pick-and-Roll-Situationen“, sagt General Manager Pelinka im Nachgang zum Draft. Auch scheinen die Coaches überzeugt davon zu sein, dass sich Wagner aufgrund seines hohen Basketball-IQs in Zukunft deutlich verbessern kann. „Luke [Walton] hatte das Gefühl, dass sein Basketball-IQ unwahrscheinlich hoch ist, als wir ihn hier zum Workout hatten“, führt Pelinka aus.

In Anbetracht der guten Draft-Picks der Lakers, vor allem jene spät in der ersten Runde oder in der zweiten Runde, ist man gewillt zu glauben, dass die Lakers tatsächlich von Wagners Qualitäten überzeugt sind. Josh Hart, Kyle Kuzma, Larry Nance Jr. und Jordan Clarkson wurden in den letzten vier Jahren außerhalb der Draft-Lotterie von den Lakers gewählt oder direkt nach der Daft zu den Lakers getradet und haben sich allesamt zu soliden Spielern entwickelt.

Gute Chancen auf Minuten

Sollten sich also die Voraussagen der Lakers bestätigen und Wagner schafft es, zum dem modernen Stretch-Big zu avancieren, den sie sich erhoffen, steht Wagner einer guten Rookie-Saison nichts im Weg. Spieler mit seinem Skill-Set stehen in der NBA momentan hoch im Kurs.

Ein Blick auf den Kader der Lakers nächstes Jahr zeigt, dass die Mannschaft auf den großen Positionen dünn besetzt ist. Neuverpflichtung JaVale McGee ist genauso wenig als Drei-Punkte-Waffe bekannt wie Ivica Zubac, welcher sich in seinen zwei Jahren bei den Lakers auch noch nicht in die Rotation spielen konnte.

Michael Beasley, die nächste Neuverpflichtung der Lakers, spielte letztes Jahr eine solide Saison bei den Knicks. Seine Fähigkeit, im Eins-gegen-Eins zu scoren und auch den Drei-Punkte Wurf regelmäßig zu versenken, wird ihn bei den Lakers viele Minuten bescheren. Sein allgemeiner Vorbehalt gegen Verteidigungs- und Reboundarbeit und eine gelegentliche Lethargie auf dem Feld limitieren jedoch seinen Wert für jede Mannschaft. Der letztjährige Draft-Steal Kyle Kuzma wird ebenso viele Minuten bekommen und hat sich bereits letzte Saison als potente Catch-and-Shoot-Waffe bewiesen. Seine etwas geringe Körpergröße von 2,05 Metern qualifiziert ihn jedoch genauso wenig gegen Center oder große Vierer zu verteidigen wie Beasley.

Wagner könnte durch seine potentielle Stärke im Pick-and-Roll eine weitere Option für Point Guard Lonzo Ball darstellen. Vergangene Saison haben beispielsweise Ball und Kuzma in diesem Bereich immer wieder geglänzt. Coach Luke Waltons System mit vielen Pick-and-Rolls kommt den Stärken von Ball und Wagner dahingehend entgegen.

Die Starverpflichtung LeBron James wird natürlich einiges am etablierten System der Lakers ändern. Die Vergangenheit hat jedoch gezeigt, dass James am effektivsten agieren kann, wenn ihn vier weitere Shooter umgeben. Deswegen hat Tristan Thompson letztes Jahr bei den Cavaliers deutlich weniger Minuten gesehen als noch in den Jahren zuvor. Es gab schon viele Spieler vor Wagner, die von James’ Brillanz und Präsenz auf dem Feld profitiert haben. Der Idealfall wäre, wenn Wagner eine ähnliche Rolle als Pick-and-Pop-Partner für James einnehmen kann wie Channing Frye in der Vergangenheit. James’ Präsenz auf dem Spielfeld öffnet für gut postierte Mitspieler viele Möglichkeiten. Sollte Wagner es schaffen, sich in diesen Situationen richtig zu positionieren, sei es an der Drei-Punkte-Linie oder als Cutter, kann er als wertvolle Anspielstation für James fungieren.

Wagner befindet sich also in einer durchaus guten Position, um in seiner Rookie-Saison Minuten abzugreifen und in die Rotation vorzudringen. Die Frage wird sein, wie sehr Wagners Schwächen im NBA-Spiel offengelegt werden und ob er seine vorhandenen Fähigkeiten auf das NBA-Parkett übertragen kann.

Moritz Wagner: Magics Wahl
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