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Luka Doncic: The Hype is real

19.06.2018 || 15:45 Uhr von:
Luka Doncic
Luka Doncic hat auf höchstem europäischen Level dominiert wie kein 19-Jähriger zuvor. Doch ist der Slowene auch bereit für die NBA? Wo liegen seine Stärken und Schwächen? In unserer Analyse stellen wir das Wunderkind vor.

Die Skepsis des gewöhnlichen amerikanischen NBA-Fans gegenüber europäischen Talenten ist bekannt und hat quasi Tradition. Die Liste der Spieler aus Europa, deren Beurteilung vor der Draft (meistens aufgrund von Unkenntnis) durch Vorurteile geprägt ist, ist lang. Sie seien „soft“, wird da oft gesagt. Dirk Nowitzki, die Gasol-Brüder, Tony Parker, Giannis Antetokoumpo, sie alle bekamen diesen Stempel aufgedrückt. Kristaps Porzingis? Wurde bei der Draft von den anwesenden Knicks-Fans ausgebuht.

Bei Luka Doncic ist das anders. Die Welle des Hypes um den slowenischen Nationalspieler ist sehr schnell aus Europa über den großen Teich in die Staaten herübergeschwappt. US-amerikanische Journalisten, die für Reportagen nach Madrid fliegen. Diverse Draft-Experten, die in Scouting-Videos und Podcasts das Spiel des 19-Jährigen sezieren. Gamewinner, die per Twitter auf der ganzen Welt verbreitet werden. US-amerikanische TV-Sender, die das Final Four der EuroLeague live übertragen – natürlich nur wegen Doncic. Wohl selten war das Interesse an und das Wissen über einen internationalen Prospect größer als in diesem Fall. Doch damit gehen auch große Erwartungen einher. Nicht wenige erwarten, dass Doncic ein Franchise Player wird – unabhängig davon, ob nun er oder DeAndre Ayton am Donnerstag von NBA-Commissioner Adam Silver als erster Pick aufgerufen wird. Doch kann das Megatalent diesen Erwartungen gerecht werden? Es gibt keine Garantie dafür, aber viele gute Gründe.

In Europa schon alles gewonnen

Um festzustellen, dass Doncic ein absoluter Sieger-Typ ist, reicht schon ein Blick auf die Trophäensammlung in seiner noch kurzen Profi-Karriere. Auf höchstem europäischen Vereins- und Nationalmannschaftslevel hat der slowenische Nationalspieler bereits alles gewonnen: EuroLeague, EuroBasket, die spanische Liga. Und das nicht als Bankwärmer oder Rollenspieler, sondern als absoluter Leistungsträger, was diverse individuelle Auszeichnungen wie MVP-Awards oder Berufungen in All-Tournament-Teams beweisen. Doch wie kann es sein, dass ein 19-Jähriger auf europäischem Niveau nicht nur mitspielt, sondern dominiert? In dieser Analyse soll herausgearbeitet werden, was Doncic so stark macht und warum er so bereit ist für die NBA wie kein europäischer Youngster zuvor.

Playmaker mit Größe eines Vierers

Was in Doncics Spiel herausragt sind seine Passqualitäten und sein Spielverständnis. Der EuroLeague-MVP ist ein 2,03 Meter großer Playmaker, der als Point Guard, Shooting Guard oder Small Forward agieren kann. Er verfügt über Instinkte, die man nicht lernen kann. Entweder man hat diese Gabe oder eben nicht. Doncic hat sie zweifellos. Beweisen konnte er sie in der abgelaufenen Saison durchgehend bei Real Madrid. Während er bei der EuroBasket 2017 an der Seite von Goran Dragic noch der sekundäre Ballhandler war, zeigte er sich bei seinem Klub weitestgehend für den Spielaufbau verantwortlich. Grund dafür war die schwere Verletzung von Sergio Llull im August 2017. Der Spielmacher kehrte nach einem Kreuzbandriss erst im Saisonendspurt zurück.

Doncic füllte diese Rolle mehr als ordentlich aus. 4,6 Assists bei nur halb so vielen Ballverlusten in 25 Minuten pro Spiel in der (noch) laufenden Saison beweisen seine Qualitäten als Passgeber. Vor allem aus dem Pick-and-Roll findet er stets den freien Mitspieler. Probleme bekommt er allerdings, wenn der Gegner das Pick-and-Roll aggressiv verteidigt und ihn doppelt. Mit mehr Routine wird Doncic diese Situationen in Zukunft aber besser lösen können.

Auffällig ist dennoch, dass der Europameister Probleme bekommt, wenn er es mit einem athletischen Forward bzw. Big Man zu tun bekommt. In solchen Situationen dribbelt er sich oft fest und wird am Ende nur einen ineffizienten Wurf los. Insgesamt wird seine angeblich fehlende Athletik aber ein wenig überbewertet. Es stimmt, dass Doncic nicht den explosivsten Antritt hat, aber dennoch kann das Megatalent seinen Gegenspieler per Crossover aussteigen lassen oder überpowern. Wenn er Geschwindigkeit aufnimmt, kommt es durchaus zu spektakulären Dunks, wie in der folgenden Szene.

Stepback wie Harden

Doncic ist aber nicht nur mit dem Ball in der Hand effektiv, sondern kann auch abseits des Balls agieren und somit auch beispielsweise in Phoenix neben Devin Booker funktionieren. Der Slowene findet die Freiräume zum Cut und nutzt auch Pin-Downs, um danach abzudrücken. Verbesserungswürdig ist allerdings seine Trefferquote aus dem Dreipunktebereich. Wettbewerbsübergreifend (also in der EuroLeague und der ACB) verwandelt Doncic 2017/18 nur 31 Prozent seiner Distanzwürfe. Dabei gilt es jedoch zu bedenken, dass der Slowene den Großteil seiner Dreier aus dem Dribbling nimmt. Dabei ist der Stepback bereits zu einer Art Markenzeichen geworden – ähnlich wie bei James Harden. Mit seinem robusten Körper und einem schnellen letzten Schritt gelingt es ihm, Distanz zwischen sich und seinen Verteidiger zu bringen und einen freien Wurf zu kreieren. Er ist in der Lage, sehr schwierige Würfe zu versenken.

Den Pull-up-Dreier trifft Doncic erstaunlich sicher, was ihm auch Vorteile im Pick-and-Roll verschafft. Geht sein Gegenspieler unter dem Screen durch, ist der 19-Jährige dazu in der Lage, dies zu bestrafen und von der Dreierlinie abzudrücken. Verteidigt der Gegner das Pick-and-Roll konservativ, zum Beispiel indem der Verteidiger des Blockstellers absinkt, nutzt Doncic den Freiraum in der Mitteldistanz, wo er ebenfalls zum Wurf hochgehen und den Ball mit hoher Trefferquote versenken kann – sei es per Pull-up oder Floater.

Das Catch-and-Shoot ist noch nicht die Stärke Doncics. Lieber zieht er nach Fangen des Balls zum Korb oder nimmt ein bzw. zwei Dribblings, um aus der Mitteldistanz abzuschließen. Der Slowene hat allerdings alle Voraussetzungen, ein sehr sicherer Schütze zu werden. Seine Freiwurfquote (80% FT) ist gut, sein Wurf sauber.

Vielseitiger Scorer

Neben dem Pullup- bzw. Stepback-Dreier oder Drive aus dem Pick-and-Roll sowie seinen Offball-Fähigkeiten hat Doncic noch andere Optionen, als Scorer in Erscheinung zu treten. So ist der 19-Jährige eine wirkliche Wucht im Umschaltspiel nach vorne. Doncic ist ein elitärer Rebounder und attackiert nach Fangen eines eigenen Boards sofort den Fastbreak. Auch in Transition trifft er den Dreier oder Mitteldistanzwurf aus dem Dribbling, kann aber auch in die Zone gehen. Seine Entscheidungsfindung im Fastbreak ist ebenfalls exzellent. Er findet stets den freien Mitspieler; Ballverluste unterlaufen ihm nur sehr selten. Dies ist definitiv eine Qualität, die er in der NBA einbringen kann, wo das Tempo noch einmal höher ist als in Europa.

Nicht ganz so effizient, aber ebenso solide ist Doncics Spiel mit dem Rücken zum Korb. Real Madrid nutzt ihn auch aus dem High-Post heraus, von wo er dank seiner Übersicht die Mitspieler bedienen kann. Zudem mag es der Slowene, kleinere Gegenspieler aufzuposten. Der Europameister von 2017 beherrscht auch schon einige Bewegungen. Sein Fadeaway sieht sehr geschmeidig aus, auch Pump-Fakes sowie den Up-and-Under hat Doncic drauf. In der NBA könnte der 19-Jährige auch als Blocksteller im Pick-and-Roll eingesetzt werden, um durch den Switch der Verteidigung ein Mismatch zu provozieren. Infolge dessen könnte Doncic seinen kleineren und weniger kräftigen Gegenspieler aufposten.

Solider Verteidiger

In der Defense leistet Doncic solide Arbeit. Im Gegensatz zur Offensive könnte ihm auf der anderen Seite des Courts seine durchschnittliche Schnellig- und Beweglichkeit daran hindern, ein überragender Verteidiger zu werden. Er wird Mühe haben, auf NBA-Niveau kleinere und flinkere Gegenspieler vor sich zu halten. Dies hat sich bereits in der EuroLeague gezeigt. Seine Spielintelligenz wird ihm aber dabei helfen, dies zu kompensieren. Genauso wie er im Angriff Passwinkel sieht, bevor sie entstehen, sieht er oft auch in der Verteidigung vorher, was der Gegner vorhat. Dies ermöglicht ihm, Passwege zuzustellen oder Pässe abzufangen. 1,1 Steals pro Spiel sind ein Beleg dafür. Zudem ist Doncic dank seiner Größe ein starker (Defensiv-)Rebounder mit gutem Stellungsspiel beim Ausboxen, was er ebenfalls seinen erstklassigen Instinkten zu verdanken hat. Mit etwas mehr Arbeit im Gewichtraum wird er auch in puncto Post-Defense einen ordentlichen Job machen.

Insgesamt lässt sich sagen, dass Doncic vielleicht kein großartiger Verteidiger wird, er aber mit seiner Kombination aus Größe, Schnelligkeit und Basketball-IQ zumindest auf ordentlichem Niveau wird agieren können. Ein Schwachpunkt der Defense, wie viele Europäer in der NBA vor ihm, dürfte er nicht werden.

Luka Doncic

Bereit wie kein anderer

Der große Hype über Doncic ist absolut berechtigt. Er ist der reifste 19-Jährige, der jemals aus Europa in die NBA wechselt. Er ist nicht nur basketballerisch, sondern auch von seiner Einstellung her in der Lage, in der besten Liga der Welt auf Anhieb mitzuhalten. Doncic ist sehr selbstbewusst und hat bereits bewiesen, auch in wichtigen Momenten Verantwortung schultern zu können. In Madrid und der slowenischen Nationalmannschaft trat er auch als verbaler Leader in Erscheinung und hat das Zeug zum Führungsspieler.

Der Slowene dürfte in seiner Rookie-Saison einen größeren Einfluss auf das Spiel seines Teams haben als alle anderen Top-Prospects. Doncic spielt und denkt wie ein wesentlich älterer Spieler. Ob er letztlich auch das größte Potenzial der Draftklasse hat, wird erst in ein paar Jahren beurteilt werden können. Doncic wird ein noch kompletterer Spieler werden, auch wenn sein Spiel bereits jetzt sehr vielseitig ist. Nahezu alle (kleineren) Schwächen wie der Distanzwurf aus dem Stand oder das Lösen von Double-Teams sind korrigierbar. Er kann die Positionen Eins bis Drei (gegen NBA-Power-Forwards fehlt es ihm (noch) an Masse) ausfüllen und passt damit in das positionslose Spiel von heute.

Am Ende bleibt die große Frage: Wird Doncic von Phoenix an erster Stelle gedraftet? Auch wenn Ayton als Favorit gilt, darf es niemanden überraschen, wenn sich die Suns für den Slowenen entscheiden. Und irgendwie würde ich es gerne so kommen sehen. Nicht nur, weil man sich sicher sein kann, dass er bei Head Coach Igor Kokoskov in den besten Händen wäre. Auch das Duo Booker/Doncic wäre einfach nur aufregend anzuschauen.

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