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Vorherrschaft & Vorhersehbarkeit

19.05.2018 || 12:23 Uhr von:
Während die Warriors in den NBA-Playoffs erneut dominieren, wird wiederum ein Abgesang auf die Ausgeglichenheit der Liga angestimmt. Ein ermüdender Singsang, der eigentlich keine Erwiderung verdient …

Nach dem rekordsetzenden 16-1-Meisterschaftslauf der Golden State Warriors kam im Frühsommer 2017 die erwartbare Rede von „Überdominanz“, „fehlender Spannung“ und „mangelnder Kompetivität“ auf. Nicht wenigen galten die Durant-ifizierten Dubs als Totengräber einer ausgeglichenen NBA. Es hieß: Die meisterlichen Warriors seien schlicht „zu gut“ und ob ihrer Dominanz „schlecht“ für die Liga. Indes rückte die mannigfache Großartigkeit der Mannschaft aus dem Golden State – die bisweilen elektrifizierenden und überaus erfolgreichen Teambasketball zelebriert, den es zu schätzen und genießen gilt – zeitweilig in den Hintergrund.

Das ist bedauerlich, alldieweil die Kritik an den Dubs mitnichten verstummt ist. Vielmehr wird die Rede vom vermeintlichen Niedergang der NBA erneut vernehmbar angestimmt. Schließlich können die Warriors, seit Kevin Durant im Sommer 2016 in die Bay Area gewechselt ist, eine Playoff-Bilanz von 25 Siegen, gerade einmal vier Schlappen und nicht einer Heimniederlage vorweisen. Keine der sechs gespielten Playoff-Serien ging bisher über mehr als fünf Partien, derweil die gegenwärtigen Conference Finals gegen die Rockets wohl auch nicht viel länger dauern dürften. Auch wenn Houston im zweiten Spiel ein eindrucksvoller Blowout-Sieg gelungen ist.

Dabei ist das Interesse an der Basketball Association gleichwohl kaum gebremst, ganz im Gegenteil, und die positive Präsenz der Warriors sonach schwerlich wegzudiskutieren:

Zudem ist bekannt, dass Superteams polarisieren, mithin Gegengerede provozieren und trotzdem seit jeher der Erfolgsmotor der NBA sind. Etwa die „Heatles“ um LeBron James Anfang dieser Dekade; oder die Tim-Duncan-Spurs sowie die „ShaKobe“-Lakers, welche die Liga in den Nullerjahren geprägt haben (je drei Titelgewinne).

Meist vergessen werden in dieser Diskussion hingegen die ausgeglichenen 1970er Jahre. Es heißt: In der sogenannten „dunklen“ Dekade ohne Dynastien (acht verschiedene Meister, was zum Teil mit der Konkurrenzliga ABA und der damaligen Expansion der NBA zu erklären wäre) hätte es keine Überteams gegeben. Nicht wirklich.

NBA-Superteams – eine kurze Zusammenschau

Die Milwaukee Bucks um Kareem Abdul-Jabbar, Oscar Robertson und Bob Dandridge fuhren zwischen 1971 und 1974 66, 63, 60 und 59 Saisonsiege sowie zwei Finalteilnahmen ein. 1971 legten sie auf ihrem Weg zum Titel 20 Siege in Serie sowie einen 12-2-Playoff-Lauf inklusive Finals-Sweep hin – bei einer unerreichten Durchschnittsdifferenz von 14,5 Punkten.

Derweil hatten die Lakers Anfang der 70er drei Hall-of-Famer in ihrem Kader (Wilt Chamberlain, Jerry West, Elgin Baylor bzw. Gail Goodrich). In vier Jahren zogen die Lila-Goldenen dreimal in die Endspiele ein. Gecoacht von Ex-Celtic und Doppel-Hall-of-Famer Bill Sharman, verbuchten sie im Zuge ihres Titellaufs 1971/72 seinerzeit rekordsetzende 69 Saisonsiege – 33 davon in Folge. Eine famose Siegesserie, die noch immer einen NBA-Bestwert darstellt.

Unter der Regie von Trainerlegende Red Holzman boten die konkurrierenden Knicks zeitweise gar sieben Hall-of-Famer auf (Walt Frazier, Dave DeBusschere, Willis Reed, Earl Monroe, Bill Bradley, Jerry Lucas und Phil Jackson). Von 1970 bis 1974 standen die New Yorker, angeführt von Clyde Frazier, in jedem Jahr im Ostfinale und gingen aus drei Meisterschaftsserien (gegen die Lakers) zweimal als Sieger hervor.

Und auch bei den Celtics liefen für Coach Tom Heinsohn bis zu fünf Hall-of-Famer auf (John Havlicek, Dave Cowens, Jo Jo White, Don Nelson und Tom Sanders). Ein Superteam, das in Boston die Ären von Bill Russell und Larry Bird verband, aber vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit erhält. Und das zu Unrecht. Schließlich feierten die Kelten zwischen 1972 und 1976 beachtliche 294 reguläre Saisonsiege, fünf Ostfinaleinzüge und dabei zwei NBA-Meisterschaften.

Abseits dieser kleinen Würdigung der „70s Supa-Teams“ seien in der weiteren Zusammenschau ein paar ebenso gerne ausgesparte Wahrheiten herausgestellt. Diese dürfen sich zuvorderst diejenigen zu Gemüte führen, die heuer die Vorherrschaft der Warriors und die Vorhersehbarkeit der Liga beklagen.

Zunächst wären da die Jordan-Bulls, die mit sechs Titeln in acht Jahren die 90er dominierten. Bei ihren sechs überlegen geführten Finaleinzügen mussten sie lediglich zweimal über sieben Spiele gehen (1992, 1998). Nachhaltig hatten MJ & Co. keine ernsthafte Konkurrenz zu fürchten. Neunmal erzielten sie in sechs Playoffs-Runs sonach einen Sweep (fünf weitere waren möglich), nicht einmal wurden die Favoriten in den Finals in ein siebtes Spiel gezwungen.

Zur Erinnerung: Bis dato haben die Dubs unter Coach Steve Kerr in vier Meisterschaftskampagnen zwei Titel eingefahren und vier Serien per Sweep entschieden, wobei sie je einmal in den Vorrunden und Endspielen über die volle Distanz gehen mussten.

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Im Übrigen in puncto „Überdominanz“ – auf dem Cover ihrer Märzausgabe titelte die Sports Illustrated 1997 vielsagend: „Are the Bulls so good they’re bad for the NBA?“ Denn nach Jordans erster Wiederkehr (1995) warteten die „Unbeatabulls“ mit 72, 69 und 62 Saisonsiegen auf. Der erklärte GOAT, Scottie Pippen, Dennis Rodman und Dreierschütze Steve Kerr waren nicht zu stoppen.

GOAT-Gerede – eine Gegenrede

Sodann die „Showtime“-Lakers. Unter der Ägide von Magic Johnson zogen die Lila-Goldenen in zwölf Jahren (1980-1991), in den sie sechsmal mindestens 60 Siege generierten, neunmal in die Finals ein. Allein die Rockets durchbrachen in den 80ern ihre Vorherrschaft im Westen; im Osten waren die Endspiele den Celtics, Sixers und Pistons vorbehalten. Nur zweimal absolvierten die Lakers eine Finalserie über sieben Spiele, genauso wenig wie in allen vorherigen Playoff-Runden (zweimal 1988), in denen sie insgesamt zwölf Sweeps verbuchten (wobei 19 oder 20 machbar gewesen wären).

1987 etwa traf die 65-Siege-„Lakeshow“ um Magic, Kareem und „Big Game James“ Worthy im leistungsschwachen Westen auf 37-, 44- und 39-Siege-Teams. 1984 sah sich die einzige Westfranchise mit mehr als 50 Saisonerfolgen in der Endrunde mit 38-, 43- und 41-Siege-Mannschaften konfrontiert … bevor im Finale die Kelten um „Larry Legend“ warteten.

Boston beherrschte indes bekanntermaßen nicht erst in den 80ern den Osten der NBA. Über 13 Jahre (1957-1969), in denen sie fünfmal eine Siegesquote von 73 Prozent erreichten (was 60 Siegen entspricht), standen die Russell-Celtics zwölfmal in den Finals. Siebenmal trafen sie dort auf die Lakers, viermal die Hawks, einmal die Warriors; nur die 76ers verwehrten ihnen 1967 die Finalteilnahme.

Allerdings mussten sie sich die mitunter bis zu neun Hall-of-Famer fünf ihrer elf Meisterschaften in einem Spiel sieben hart erkämpfen, während ihnen „bloß“ ein Finals-Sweep glückte (1959). Und auch in den vorherigen Playoff-Serien mussten Russells Mannen sechsmal über die volle Distanz gehen, wobei sie in 13 Jahren nicht mehr als einen einzigen Vorrunden-Sweep erspielten (1957).

Ausgeprägte Dominanz kann demnach durchaus Kompetitivität und Spannung entfalten, der Association Auftrieb geben und mitnichten ihr Ende einläuten.

In Rückkopplung an den bemühten Diskurs um die ausgemachte Vorherrschaft der Warriors und die Vorhersehbarkeit der NBA, ist dies eine banale Einsicht, die es zu behalten gilt. Zugleich sollten sich die geschichtsvergessenen Kritiker der Krieger vielleicht öfter einmal vergewissern, was sich in den gerne glorreich verklärten Zeiten de facto zugetragen hat.


In seiner Kolumne „Freiwurf“ schreibt Christian Orban jede zweite Woche über Akteure und Aspekte der NBA – gegenwartsbezogen, gesellschaftskritisch und geschichtsbewusst.

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