Anmelden oder registrieren

Rasid rasiert, Bryant imponiert

31.01.2018 || 11:13 Uhr von:
Rasid Mahalbasic und John Bryant duellierten sich im bisher besten Matchup der BBL-Saison. Die Videoanalyse seziert das Spiel zweier Center, das gar nicht so old-school ist wie es scheint.

In Rasid Mahalbasic steckt die NBA. Zumindest bezieht sich der Oldenburger Center beim Post-Game-Interview schon mal auf den bundesligainternen Twitter-Talk. „Ich habe zu Beginn schon gesehen, dass auf Twitter das Duell von John Bryant und mir groß hochgeredet wurde“, wusste Mahalbasic bei Telekom Sport um die Geschichte des Spiels zwischen seinen EWE Baskets Oldenburg und den GIESSEN 46ers.

Dabei sollte es Mahalbasic nicht verwundern, dass genau jenes Duell im Fokus stand. Die Offensiven beider Teams zentrieren sich nicht nur um die beiden Big Men, Mahalbasic und Bryant beweisen in dieser Saison zudem eindrucksvoll, dass der Abgesang auf den klassischen Center schief klingt – zumal beide Pivoten mehr Skills im Repertoire haben als „nur“ Post-Move-Bewegungen. Die Center lieferten sich beim 99:95-Auswärtssieg Oldenburgs ein Matchup, das das vielleicht beste der bisherigen Spielzeit war.

Momentum: Marquee Matchup

64 Punkte, 23 Rebounds, 10 Assists, 5 Steals und 2 Blocks bei 23 von 33 Würfen aus dem Feld sowie 14 von 14 Freiwürfen. Die kumulierte Statistikreihe der beiden Center erfreut nicht nur Fantasy-General-Manager, sondern verdeutlicht auch, auf welch unterschiedliche Weise sie das Spiel geprägt haben.

Doch wie punkteten beide Center eigentlich? Die folgende Videoanalyse zeigt, wie sehr Bryant im Low-Post dominiert hat. 15 Zähler seines Saisonrekords von 38 Punkten generierte Bryant aus dem Post-up. Dort ist der Gießener mit seinen offiziell gelisteten 2,11 Metern und 127 Kilogramm nicht nur körperlich eine Macht, er beweist durch seine Würfe im Zurückfallen auch Finesse. Man merkt anhand Bryants Körperbeherrschung deutlich, dass sich sein Fitnesszustand im Lauf der Saison verbessert hat.

Mahalbasic mag auch das Etikett Wühlbüffel tragen, punktete aber im Vergleich zu Bryant facettenreicher: aus dem Catch-and-Shoot und sogar in der Transition. Zweimal schlug der Oldenburger Center sein Pendant im Schnellangriff.

Beide Big Men netzten zwei Dreier ein. In seinen 18 Partien davor hatte Mahalbasic erst einmal von Downtown getroffen. Dass Bryant aus der Distanz eine Gefahr ausstrahlen kann, hat er bereits während seiner Bundesligakarriere bewiesen. Doch bislang findet Bryant seinen Rhythmus von außen nicht (18,4% 3FG über die Saison). Vielleicht war das Spiel gegen Oldenburg eine Initialzündung.

Offensive: Passstarke Pivoten

Mit seinen 38 Zählern gegen Oldenburg stellte Bryant nicht nur einen BBL-Saisonrekord auf, er verbesserte auch sein persönliches Career-High in der BBL um neun Zähler. Trotz dieser Scoring-Ausbeute sollte nicht vergessen werden, dass Bryant seine Assist-Zahlen deutlich zu einem Karrierebestwert (3,2 ApG) angehoben hat. Der Gießener Center findet aus dem Post-up die Schützen auf der Weakside, agiert hierbei auch nicht mit so viel Finesse wie Mahalbasic. Die Konzentration der gegnerische Defense ist aber auch Bryant gewiss.

Gedankenschnell präsentiert sich der Center derweil nach dem Defensiv-Rebound. Bryant versteht es, sich nach dem gesicherten Fehlwurf schnell zum Spielfeld zu drehen und den Outlet-Pass zu spielen. Selbst den Überkopf-Assist über das ganze Feld hat Bryant im Repertoire, wie das Video zeigt.

Rasid rasiert. Mahalbasics messerscharfen Pässe über gegnerische Köpfe (wie in Erfurt, siehe am Ende des folgenden Videos) zeugen von Raffinesse und Spielintelligenz. 3,6 Assists verteilt Mahalbasic pro Partie. Damit ist er direkt vor Bryant der zweitstärkste Big Man der BBL und rangiert nur hinter Luke Sikma (sike (sic!) 4,4 ApG).

Seine Passfertigkeiten präsentiert Mahalbasic gerne per Bodenpass – sei es aus dem High-Post für die Cutter, aus dem Give-and-Go oder aus dem Low-Post heraus. Dort gibt Mahalbasic auch deswegen den Offensivmittelpunkt Oldenburgs, weil sich die gegnerische Verteidigung auf ihn konzentriert und der Center das Auge für die Schützen um ihn herum besitzt. Mahalbasic agiert stark darin, selbst mit seiner Blickrichtung Pässe anzutäuschen.

Defensive als Schwachstelle

In der Verteidigung darf man sowohl Bryant als auch Mahalbasic schon eher als Center alter Schule umschreiben. Im postmodernen Basketball mit vielen Pick-and-Rolls sowie Switches stellen sie eine Schwachstelle dar. Doch beide Teams wissen um diese Schwerfälligkeit und lassen ihre Big Men beim Verteidigen des Pick-and-Rolls absinken. Vor allem Bryant bleibt tief in der Zone stehen und hat mit dem direkten Verteidigen des Blocken-und-Abrollen wenig zu tun. Mahalbasic präsentiert sich hier schon beweglicher und kann bei der Pick-and-Roll-Defense auch mal kurz heraustreten und zurückrotieren.

Lediglich sieben Blocks nach 19 Saisonspielen verdeutlichen, dass Mahalbasic kein Shotblocker ist. Hier weiß Bryant Vorteile auf seiner Seite. Mit 1,5 Blocks rangiert der 46ers-Center ligaweit auf dem sechsten Platz. Sein Absinken in der Pick-and-Roll-Defense zahlt sich insofern aus, als dass Bryant Ballhandler beim Drive abräumen kann. Man sollte hierbei Bryants Beweglichkeit nicht unterschätzen – wie das Video zu seiner Pick-and-Roll-Defense illustriert.

Ausblick: Awards und Triple-Doubles

Einen Rebound sowie drei Assists mehr, und Mahalbasic hätte gegen Gießen ein Triple-Double aufgelegt. Es wäre der erste statistische Dreiklang in der deutschen Beletage seit dem 1. Mai 2010 gewesen. Damals glückte Bremerhavens Louis Campbell ein Triple-Double. Mit Zack Whiting (Düsseldorf, 2009) und Igor Perovic (Tübingen, 2007) waren auch die anderen beiden Spieler, die innerhalb des letzten Jahrzehnts ein Triple-Double in der BBL aufgelegt haben, Point Guards. In dieser Saison jedoch scheinen Big Men an dem statistischen Kunststück zu kratzen.

Mahalbasic lieferte zwei weitere Spiele ab, in denen das Triple-Double möglich schien (11 Pkt, 8 Reb, 9 Ast gegen die Rockets; 17 Pkt, 8 Reb, 7 Ast gegen Braunschweig). Bryant schrammte um zwei (27 Pkt, 16 Reb, 8 Ast gegen Braunschweig) bzw. vier Assists (15 Pkt, 10 Reb, 6 Ast gegen Würzburg) an einem vorbei. Und Luke Sikma befand dich gleich in vierten Partien in Triple-Double-Tuchfühlung (10 Pkt, 10 Reb, 8 Ast gegen Würzburg; 16 Pkt, 10 Reb, 7 Ast gegen Oldenburg; 14 Pkt, 12 Reb, 6 Ast gegen Bonn; 10 Pkt, 7 Reb, 9 Ast gegen Ludwigsburg).

Doch zurück zur guard-trächtigen Geschichte. Denis Wucherer, jetzt Trainer in Köln und letztes Jahr noch an der Seitenlinie bei den 46ers, gelang 2003/04 sogar das Kunststück, zwei Triple-Doubles hintereinander aufzulegen. Deswegen erlaubte sich der ehemalige Guard von Bayer Leverkusen auch ein wenig Trash-Talk: „Das war ein großartiges Spiel von Big John, allerherzlichst[en] Glückwunsch von mir. Er soll sich jetzt aber erst einmal die Zähne daran ausbeißen, zwei Triple-Double[s] in Folge zu machen. Denn dann haben wir ein richtiges Problem“, witzelte Wucherer gegenüber der Oberhessischen Zeitung.

John Bryant, GIESSEN 46ers

Ob das erste Triple-Double der BBL seit siebeneinhalb Jahren fällt und ob es dann von einem Big Man erzielt wird, beiseite genommen, spielen sich Bryant und Mahalbasic derzeit sicherlich schon auf die Zettel der Journalisten, wenn es um die Awards geht. Mit ihren derzeitigen Statistiken bewegen sich Bryant (16,3 PpG, 3,2 ApG, 2,5 ORpG, 50,0% FG, 9/49 3FG, 72,9% FT) und Mahalbasic (16,7 PpG, 3,6 ApG, 1,9 ORpG, 69,0% FG, 3/7 3FG, 75,7% FT) zum einen aktuell im Dunstkreis der besten Offensivspieler, zum anderen darf man zumindest darüber nachdenken, die MVP-Diskussion für sie zu öffnen. Wenn nicht für Mahalbasic, so doch für Bryant:

Denn mit ihm kann ein Umschwung bei den 46ers einher. Bei einem Team, welches viele vor Saisonstart als Abstiegskandidaten gehandelt hatten. Individuell reicht Bryant tatsächlich an seine Werte aus seinen beiden MVP-Saisons heran (16,1 PpG, 10,0 RpG, 1,5 ApG, 1,4 BpG, 48,6% FG, 38,0% 3FG in 2012/13 sowie 14,5 PpG, 9,4 RpG, 1,4 ApG, 1,2 BpG, 57,9% FG, 3/7 3FG in 2011/12). Beim Vergleich jener Spielzeiten in Ulm stechen natürlich die unterschiedlichen Tabellenpositionen ins Auge: Derzeit liegen die 46ers mit einer negativen Bilanz (9-10) auf dem elften Tabellenplatz; mit Ulm schloss Bryant die Hauptrunde damals als Zweiter respektive Dritter ab. Bei MVP-Diskussionen spielt die Tabellenposition immer eine Rolle; zumindest kann man über die Defintion von „wertvoll“ diskutieren.

Wird Bryant derzeit vielleicht sogar zu wertvoll für Gießen? Soll heißen: Spielt er sich mit seiner starken Leistung nicht zu sehr auf den Zettel anderer, finanzkräftigerer Teams? Sicherlich. Mittelfristig könnte sich Bryant auch für noch mehr Teams empfehlen, wenn er wirklich die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten wird. „Das Ziel ist es, zum Saisonende hin die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten. […] Ich möchte den Rest meiner Karriere [in der BBL] verbringen“, hatte Bryant zu mir im Interview für die FIVE gesagt.

Auf seine persönlichen Ziele angesprochen, kann man mit Blick auf Bryants stetes Lächeln auf dem Parkett und weg von etwaigen Awards oder Rekorden nur konstatieren: Ziel erfüllt. „Ich will einfach in einen guten Rhythmus kommen und das Beste aus dem Jahr machen. Ich persönlich war nie ein Spieler, der sich um Statistiken gekümmert hat. Ich will einfach wieder Spaß am Basketball haben – das ist die Hauptsache.“


Material zur Verfügung gestellt von Telekom Sport: Alle Spiele der easyCredit BBL, der deutschen Teilnehmer des Eurocup und der Euroleague exklusiv. Alle Infos hier.

Rasid rasiert, Bryant imponiert
5 (100%) 2 votes
Jetzt mitdiskutieren Anmelden oder Registrieren

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklärst Du Dich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.