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Starbury – erfolgreicher Grenzgänger

26.07.2018 || 18:13 Uhr von:
Die NBA-Saison ist längst passé, die Offseason endgültig angebrochen. Zeit also, zurückzuschauen und einen missverstandenen Ausnahmespieler zu würdigen: Stephon Marbury.

Als Ray Allen im November 2016 offiziell zurücktrat, war damit auch der großartige Draft-Jahrgang von 1996 NBA-Geschichte. Allein Stephon Marbury (für den Allen einst am Tag dieser Draft getradet wurde) schnürte in Ostasien weiterhin seine „Starbury“-Sneakers.

Mitte Februar dieses Jahres, kurz vor seinem 41. Geburtstag, hat nun auch Marbury seine 22-jährige Profilaufbahn beendet. Ein guter Anlass für eine kursorische Rückschau und Würdigung eines missverstandenen Ausnahmespielers.

Heuer sichtlich mit sich im Reinen, kann Marbury in Ruhe auf seinen wechselvollen Karriereweg zurückblicken. In der Basketball Association lief der zweimalige All-Star und zweifache All-NBA-Teamer für die Timberwolves, Nets, Suns, Knicks und zuletzt 2009 für die Celtics auf. Dabei markierte der 1,88 Meter große Point Guard aus Coney Island (Brooklyn) in 846 Saisonspielen 19,3 Punkte und 7,6 Assists. Beachtliche Karrierewerte, die in Kombination lediglich drei Aufbaulegenden – Isiah Thomas, Magic Johnson und Oscar Robertson – sowie Vorjahres-MVP Russell Westbrook überbieten können.

Marbury betont daher selbstbewusst: „Meine Zahlen sind Hall-of-Fame-würdig.“ Zumal er auch seine nicht zu unterschätzende Rolle als globaler Basketball-Botschafter in Stellung bringt. Schließlich hatte sich „Coney Island’s Finest“ als über Dreißigjähriger in China neu erfunden und einen übersportlich sehr erfolgreichen zweiten Karriereabschnitt (2010-2018) absolviert.

Drei Mal konnte Marbury in der gerne belächelten Chinese Basketball Association (CBA) mit den Beijing Ducks die Meisterschaft erringen, wobei der sechsfache CBA-All-Star 2015 zum Finals-MVP avanciert war. In Peking steht seither eine Ehrenstatue, die an seine sportlichen Erfolge erinnert. Derweil kann der Brooklynite mit einem eigenen Museum, einer chinesischen Ehrenbriefmarke und „Green Card“ aufwarten. Auch hat er in seiner zweiten Heimat – wo der Ballsport boomt, inzwischen zahlreiche internationale Profis ihr Geld verdienen und NBA-Spieler Ausrüsterverträge abgeschlossen haben – in einem autobiografischen Bühnenwerk und einem Biopic mitgewirkt. Der Mann mit dem Sterntattoo ist demnach im Reich der Mitte Kult und zur Ikone geworden.

So sagt „Starbury“ hinsichtlich seiner lancierten Ruhmeshallen-Anwartschaft: „Was ich getan habe, um den Basketball global voranzubringen, indem ich eine Brücke von Amerika nach China geschlagen habe, sollte allein schon genügen.“ Zudem erklärt der vormalige „New York State Mr. Basketball“ und NCAA All-American, der 2004 als Olympiateilnehmer mit Team USA in Athen Bronze gewann: „Es ist nun mal die Basketball Hall of Fame, nicht die NBA Hall of Fame.“

„Baller“ & Pionier

Bevor Marbury in China zum „Renaissance Man“ und gefeierten Star avancierte, galt er vielen Kritikern und Basketballpuristen indes als gescheitertes Talent. Als unverantwortlicher und unverbesserlicher „Egozocker“, der (wie Allen Iverson) die Antwort allein zu geben suche, den (inflationär zitierten) „richtigen Weg“ nicht beherzige und so das „Team-First“-Mantra negiere. Eine vereinfachte Zuschreibung, bei der erschwerend der Ballast stereotyper Vorstellungen über die „Baller“ der Hip-Hop-Generation zum Tragen kam.

Marburys Reputation als unangepasster Querkopf wurde zudem dadurch befeuert, dass er mit Entscheidern aneinandergeriet und ihm der Teamerfolg versagt blieb. Nur vier Mal nahm er als Lead Guard mit dem gleichen Ergebnis an den NBA-Playoffs teil: Erstrundenaus. Drei Mal wurde „Starbury“, der während seiner Hochphase in sechs Spielzeiten im Schnitt mehr als 20 Zähler und acht Assists verbuchte, daher getradet. Zumal seine Ex-Teams anschließend stärker aufspielten.

Überdies fühlten sich nicht wenige um ein elektrifizierendes Duo betrogen, als Marbury Kevin Garnett im kalten Minnesota 1999 allein zurückließ, um anderswo der uneingeschränkte Rudelführer zu sein und seine übersportlichen Potenziale zu maximieren. Sicher nicht das einzige Was-wäre-wenn-Szenario seiner 13-jährigen NBA-Karriere.

Denn diese litt erheblich darunter, dass sich der scorende Einser sodann in wenig stabilen bzw. talentreichen Teams wiederfand. Zuletzt vor allem bei einer dysfunktionalen Franchise wie den Knicks unter fünf verschiedenen Coaches (13 in seiner gesamten NBA-Karriere). Dabei hatte der New Yorker in kurzer Zeit die Tode seines Vaters, einer Tante und seines Jugendtrainers zu verkraften. In der Folge litt der zunehmend harsch kritisierte „Heimkehrer“ unter schweren Depressionen und nahm kaum noch am Leben teil … bevor ihm seine Ehefrau Tasha, seine drei Kinder und die Offerte aus China letztlich neuen Auftrieb gaben.

Marbury darf aber nicht „nur“ als einflussreicher China-Pionier gelten. Vielmehr auch als sozial wacher Mensch, der selbst unterprivilegiert in einem vernachlässigten Großstadtviertel aufgewachsen ist und dort einprägsame Erfahrungen gemacht hat. So waren seine bisweilen verlachten „Starbury“-Sneakers, die er Mitte der Nullerjahre für 15 US-Dollar als erschwingliche Alternative anbot, auch als Kritik zu verstehen: an einem mit überteuerten Sportschuhen übersättigten Markt, der Fetischisierung und „Sneaker Crimes“ verantwortungslos Bahn brach. Nicht umsonst hat Marbury seine „Starburys“ seit 2016 neu aufgelegt. Nun unter dem Slogan „Be Different. It’s Time for a New Voice. Change the Status Quo“,  stellen sie wiederum einen preisgünstigen Gegenentwurf zum Mainstream dar.

Symbolisch stehen sie auch für die Profikarriere von Stephon Xavier Marbury, der einen anderen Weg gegangen ist, Grenzen überschritten hat und auf seine Weise erfolgreich war.


In der Kolumne „Freiwurf“ schreibt Christian Orban über Akteure und Aspekte der NBA – gegenwartsbezogen, gesellschaftskritisch und geschichtsbewusst.

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