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Spielst du noch oder zockst du schon?

23.01.2018 || 09:30 Uhr von:
Jan Pommer arbeitet neuerdings bei der Electronic Sports League. Prognosen zufolge könnte diese die easyCredit BBL bis zum Jahr 2020 überholt haben. Warum wir trotzdem nicht aufgeben dürfen.

Diese Zeilen entstehen direkt im Anschluss an die Basketball-AG, welche ich einmal in der Woche leite. Zurück in meinem Zimmer schmeiße ich das Ballnetz in die Ecke und trinke den Wasserhahn komplett leer. Ich bin müde. Wenn Kinder Basketball spielen, ist es laut in der Halle. Weil jeder einen Ball hat, dauert es manchmal ein bisschen, bis alle diesen festhalten und aufmerksam zuhören. Schnell bekommt ein Kind mal einen Ball ins Gesicht oder eine Hand auf den Arm beim Dribbeln. Fast immer ist jemand beleidigt, mal kürzer, mal länger. Es ist nicht leicht, alle richtig zu fordern. Es ist nicht leicht, jedem Kind gerecht zu werden. Und deshalb überlege ich, etwas Grundlegendes zu verändern. Jan Pommer hat es vorgemacht. Der Rechtsanwalt war zehn Jahre lang Geschäftsführer der Basketball Bundesliga. Inzwischen arbeitet er als „Director Team and Federation Relations“ der Electronic Sports League (ESL).

Weil Computerspiele die Zukunft sind. Das Bild des dicken Mannes, der im Feinripp Unterhemd hinter dem Bildschirm sitzt, links eine Cola, rechts die Chips, dazwischen eine fettige Tastatur – dieses Bild ist nicht mehr aktuell. Onlinezocker werden fast schon als richtige Sportler angesehen, sie trainieren stundenlang und werden dafür bezahlt. Und die Zuschauer honorieren das. Jan Pommer begründet die rasante Entwicklung der ESL folgendermaßen: „Unsere Events haben das Gepräge und Fluidum einer Sportunterhaltungsveranstaltung. Man streitet in einem hoch anspruchsvollen und geistig wie körperlich beanspruchenden Spiel sportlich fair um den Sieg, unterstützt von begeisterten Fans.“ Seine Schlussfolgerung ist da also nur logisch: „Mir scheint es genauso unterhaltsam und dicht zu sein wie ein BBL-Playoffspiel.“ Es ist dieser Vergleich mit der BBL, der schmerzt. Und das gerade aus dem Mund desjenigen, der 2011 öffentlich verkündete, die BBL bis zum Jahr 2020 zur stärksten europäischen Liga machen zu wollen.

Vielleicht hat Jan Pommer aber recht. Schließlich zahlen schon jetzt teilweise mehr als zehntausend Zuschauer Eintritt für die großen Events der Electronic Sports League. Inzwischen ist Mercedes als Partner eingestiegen. Letztes Jahr fand ein Turnier der ESL in Hamburg statt, das Preisgeld betrug eine Million Dollar. Der Computersport boomt. In den Zukunftsprognosen taucht dabei – welch Ironie – eine Jahreszahl immer wieder auf: 2020. Spox schreibt zum Beispiel Folgendes: „Laut aktuellen Untersuchungen wird das elektronische Zocken bis 2020 in Deutschland traditionelle Sportarten vom Sockel stoßen.“ Basketball gehört zu diesen traditionellen Sportarten. Jan Pommer wird dann in seinem Büro sitzen und zufrieden an seinem Espresso nippen. Seine Vision von der stärksten Liga bis 2020 ist schließlich aufgegangen – auch wenn er zwischendurch die Liga und den Sport gewechselt hat.

Die Basketball-AG der Zukunft

Und deshalb rüste ich nun um. Meine Basketball-AG wird komplett anders aufgezogen. Statt des Ballsacks bringe ich von nun an 15 Laptops mit in die Turnhalle. Jedes Kind bekommt ein Headset und eine Maus und dann werden Gegner weggeballert bis die Köpfe rauchen. Es wird sehr leise sein in der Halle. Kein Kind ist enttäuscht, weil es nicht mit seinem besten Freund zusammenspielt. Kein Kind datzt ständig diesen vermaledeiten Ball auf den Boden. Niemand bekommt einen Ball auf den kleinen Finger, niemand knickt um. Alle sind zufrieden, weil sie gerne Computer spielen. Und wenn ein Lehrer kommt, dann sage ich: „Meine AG hat das Gepräge und Fluidum einer Sportveranstaltung.“

Es wäre wundervoll, aber dummerweise habe ich kein Geld für 15 Laptops. Deswegen wird wohl auch nächste Woche alles so ablaufen wie immer. Mohammed kommt wieder als erster in die Halle. Gazei wirft ständig rückwärts auf den Korb. Anthony verzieht das Gesicht nach jeder Berührung schmerzverzerrt, kann aber sofort weitermachen. Die talentierte Berfin macht mehr Punkte als alle Jungs zusammen. Can braucht Unterstützung beim Anziehen des Leibchens. Samira will unbedingt mit einem Ball der Größe Sieben dribbeln. Fast alle wollen mit Louis in ein Team. Jakob dribbelt sich ständig durch die Beine. David erzählt vom letzten Spiel der Rockets, das er in der Halle verfolgt hat. Rosalie passt auf, dass die Regeln eingehalten werden. Leonardo hilft beim Aufräumen der Bälle.

Nach 45 Minuten kommen alle wieder im Mittelkreis zusammen. Jeder streckt seinen Arm aus, die Hände berühren sich. Basketball auf drei: eins, zwei, drei – Basketball! Abgekämpft rennen die Kinder Richtung Umkleide. „Bis nächste Woche“, sagt Samira. Ja, bis nächste Woche. Und bleibt mir bitte bloß weg vom Computer.

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