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Ray Allen – Arbeit, Akribie und Anmut

10.09.2018 || 12:24 Uhr von:
Ray Allen war und bleibt einer der besten Schützen, die der Profibasketball bisher gesehen hat – und doch weit mehr als das. Nun wurde der 43-Jährige in die Hall of Fame aufgenommen. Ein guter Anlass für eine Würdigung eines vielseitigen Ausnahmekönners.

Zweieinhalb Jahre nach seinem letzten Spiel war Ray Allen im November 2016 vom Profibasketball offiziell zurückgetreten. Der großartige Draft-Jahrgang von 1996 – um drei weitere Hall of Famer sowie sechs All-Stars – war damit NBA-Geschichte. Nur Stephon Marbury, für den Allen einst am Draft-Tag zu den Milwaukee Bucks getradet wurde, schnürte seinerzeit weiterhin seine Sneakers. Im Februar dieses Jahres hat mit „Starbury“ nun auch der letzte „96er“ nach 22 Profijahren Schluss gemacht.

Starbury – erfolgreicher Grenzgänger

Allen, der jüngst gemeinsam mit Grant Hill, Jason Kidd und Steve Nash in die Basketball Hall of Fame aufgenommen wurde, kann derweil in Ruhe und mit sich im Reinen auf eine bemerkenswerte 18-jährige Erfolgskarriere zurückschauen.

Für die Bucks, Seattle SuperSonics, Boston Celtics und Miami Heat lief der zehnmalige All-Star und zweifache All-Teamer in exakt 1.300 Saisonspielen auf. Dabei erzielte der Hall of Famer 24.505 Punkte (Karriere-Rang 29). Davon allein 8.919 per formvollendeten Distanzwurf. Mit sonach 2.973 verwandelten Dreiern führt der Olympiasieger von 2000 die NBA-Rekordliste (weit vor Reggie Miller) an. Gleiches gilt für die Playoffs, in denen der Shooting Guard mit 385 Treffern von Downtown Maßstäbe gesetzt hat.

Denkwürdig bleiben besonders Allens sieben Dreier im entscheidenden Finalspiel 2008 – genauso wie seine acht Treffer in der zweiten Endspielpartie 2010. Sein grandioser Wurf in Spiel sechs der 2013er Finals, dank dem die Heat die Verlängerung erzwangen und den sicher geglaubten Titel der Spurs vereitelten, ist ohnehin schon Legende.

So erscheint der „Splash Father“ vielen als großartigster Werfer der Ligageschichte. (Allen selbst hält übrigens Reggie Miller, der ihn als Liganeuling inspirierte, für den besten Shooter.) Zumal er mit dem vielleicht schönsten Sprungwurf und ebenso ansehnlichen Karrierequoten aufwarten kann: 45,2 Prozent aus dem Feld, 40,0 Prozent von Downtown und 89,4 Prozent von der Freiwurflinie.

Wie sein vollkommener Wurf wirkte Allens Spiel überaus anmutig und ausbalanciert, „smooth“ und scheinbar mühelos. Treffend ließ er in seiner Filmrolle als Jesus Shuttlesworth in Spike Lees „He Got Game“ (1998) dazu verlauten: „Basketball is like poetry in motion. Cross the guy to the left, take him back to the right, he’s falling back then just J right in his face. Then you look at him and say, ‘What?’“

Als „Jesus“ und „Dreiergott“ im Meistertrikot der Celtics (2008) und Heat (2013) werden ihn wohl auch die meisten Menschen in Erinnerung behalten. Doch war und bleibt der heute 43-Jährige weit mehr als ein schauspielernder Meisterschütze.

Ausnahmespieler und -arbeiter

Während der ersten Dekade seiner Karriere brillierte Allen etwa als einer der herausragenden und vielseitigsten Scorer der NBA (acht 20-Punkte-Saisons mit durchschnittlich 23,3 PpG von 1999 bis 2007). Als erste Option der Bucks und Sonics kreierte der 1,96-Meter-Athlet für andere und schloss selbst auch gern per Druckkorbleger ab. So ist Allen, der mit seinen dynamischen Drives immer wieder attackieren konnte, einer von bislang nur elf Spielern, die am All-Star Three-Point Shootout (Sieger 2001) und am Slam Dunk Contest (1997) teilgenommen haben.

Jenseits von Zahlenspielereien und Rekordleistungen sei bemerkt, wie würdevoll „Sugar Rays“ Spiel alterte, er es wiederholt effektiv anpasste. Denn als Celtic und Heat nahm er sich teamdienlich zurück und neue Nebenrollen als Distanzschütze, dann als überqualifizierter Backup erfolgreich an.

Dabei reduzierte er sein einst facettenreiches, teils spektakuläres Offensivspiel auf seine erarbeitete Kernkompetenz: seinen auffallend sicheren und zeitlos schönen Sprungwurf, den er so einfach, ja perfekt aussehen ließ. Warum? Weil er ihn wie kein Zweiter ein Leben lang zweckbestimmt einübte.

Allen lässt hierzu vielsagend verlauten: „Der Wurf ist eine Sache. Um ihn fliegen zu lassen, muss man erst in Position kommen. Das passiert im Training und dies bedeutet mir mehr als alles andere.“

„Die Leute haben keine Ahnung, wie hart er an seiner Fertigkeit gearbeitet hat“, betont auch Meistercoach Doc Rivers. Denn Allens alltäglich akribische Arbeit an sich selbst, das obsessive Absolvieren von Routinen und Ritualen, der stete Fokus, seine Rastlosigkeit und Selbstdisziplin waren einzigartig.

Basketball fungierte für ihn, der in einer Militärfamilie an wechselnden Orten als Außenseiter aufwuchs, als Ventil und Vehikel, Halt und Antrieb. Hierzu vertraute er auf seine beispiellose Arbeitsethik und versenkte sich in seine etablierten Gewohnheiten, um allzeit bereit und fit zu sein. „Im Leben geht es um den Weg, nicht um das Ziel“, lautet daher „Everyday Rays“ Mantra. Misserfolge, etwa tausende Fehlwürfe, dienten ihm hierbei als Motivation, um erfolgreicher zu werden.

„Mehr als bloß ein Basketballspieler“

In seinem einzelgängerisch „einsamen Streben nach Großartigkeit“ verzichtete er selbstbestimmt auf vieles und überließ nichts dem Zufall. Mit seinem Drang nach Ordnung und Perfektion eckte der Mann auch an, der unter einer Zwangsstörung litt und manchen als Sonderling erschien. Seine Freunde und Familie mussten zurückstecken.

Allen definierte sich über seine Arbeit, wobei ihm der (aus seiner Sicht flüchtige) sportliche Erfolg Recht gibt. Zumal er sich nach dem Ende seiner Profireise als „mehr als bloß ein Basketballspieler“ und auch anderweitig belohnt sieht: Als „Ehemann und Vater von fünf fantastischen Kindern“, der in Filmen mitgespielt und die Welt bereist hat. Als „Mann, der komplett mit sich im Frieden ist“, heuer als Langstreckenläufer aktiv ist und in seiner Wahlheimat Miami mit seiner Ehefrau Shannon ein Restaurant für Bio-Fast-Food betreibt und wichtige politische Bildungsarbeit leistet.

Also, wie dürfen wir Walter Ray Allen nun einordnen? Vielleicht indem wir Paul Pierce folgen, der nicht umsonst „The Truth“ genannt wird. Er hält seinen einstigen Mitspieler für „den Barack Obama der NBA“. Warum? Weil der Familienmensch stets als charakterfester Musterprofi daherkam. Makellos im Auftreten, wohlwollend und höflich, intelligent und konversationsstark, vielseitig interessiert und versiert.

Auf und neben dem Parkett strahlte Allen Professionalität und Souveränität aus. „Ray konnte dich so ziemlich von allem überzeugen“, sagt Pierce. „Er hat viele junge Spieler beeinflusst – etwa keinen Alkohol getrunken, sich gut ernährt. Er war der sauberste NBA-Profi, den man sich nur vorstellen kann.“

Eine treffende Beschreibung eines Vorzeigeathleten, der als langlebige Wurfmaschine agierte und als komplexer Mensch das „Jock“-Klischee negierte.


In der Kolumne „Freiwurf“ schreibt Christian Orban über Akteure und Aspekte der NBA – gegenwartsbezogen, gesellschaftskritisch und geschichtsbewusst.

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