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Zach LaVine: Der Alleinunterhalter

21.11.2018 || 11:36 Uhr von:
Mit seinen spektakulären Dunks wurde Zach LaVine weltweit bekannt. In den ersten Saisonwochen zeigte der Monsterathlet, dass er auch die Offensive eines Teams tragen kann. Doch der Aufstieg blieb nicht ohne Rückschlag.

In unserer neuen Rubrik „Spieler des Monats“ nehmen wir von nun an jeden Monat einen NBA-Spieler genauer unter die Lupe. Am 15. Tag eines jeden Monats stellen wir vier Kandidaten zur Wahl – und ihr könnt auf Twitter mitentscheiden. Der Akteur mit den meisten Stimmen wird von einem Mitglied unserer NBA-Redaktion analysiert. In der ersten Ausgabe setzte sich Zach LaVine gegen Kemba Walker, LeBron James und DeMar DeRozan durch.

Es sorgte für reichlich Stirnrunzeln, vereinzelt gar für Spott: Die Chicago Bulls hatten gerade entschieden, mit dem Offer-Sheet der Sacramento Kings in Höhe von 78 Millionen Dollar für Restricted Free Agent Zach LaVine gleichzuziehen und ihren Guard damit für vier weitere Jahre an sich zu binden. Kaum war die Entscheidung des Bulls-Managements bekannt geworden, da wurde sie schon von den Experten auseinandergenommen. Knapp 20 Millionen Dollar pro Jahr für einen Spieler, der bloß von seiner Athletik lebt und gerade erst einen Kreuzbandriss überstanden hat? Von seinem miserablen Verteidigungsverhalten ganz zu schweigen. Das Urteil über den Deal war schnell gefällt.

Unaufhaltsam Richtung Korb

Doch mit starken Vorstellungen in den ersten Wochen der neuen NBA-Saison ließ LaVine die Kritiker vorerst verstummen. In den ersten vier Saisonspielen legte er immer 30 Punkte oder mehr auf. Seine Serie von 14 Spielen in Folge mit mindestens 20 Punkten, die kürzlich riss, war die zweitlängste in der Franchise-Geschichte und wurde nur von einem gewissen Michael Jordan übertroffen. Dabei war es vor allem eine Stärke, die den Guard auszeichnete: sein unwiderstehlicher Zug zum Korb. LaVine ist einer der athletischsten Akteure der Liga – und genau darauf ist auch sein Spiel ausgerichtet. Der 23-Jährige gehört zu den aggressivsten Spielern der NBA. Kaum jemand attackiert den Korb häufiger als er. Derzeit sind es 13,3 Drives in 36,0 Minuten pro Begegnung.

Gerade im Oktober zählte LaVine zu den absoluten Top-Scorern der Liga. Der Monsterathlet ging durch die Verteidigungsreihen wie ein heißes Messer durch die Butter. Nach 70,2 Prozent seiner Drives scorte der Bulls-Guard. Seine Wurfquote am Ring betrug 66,7 Prozent – ein absoluter Top-Wert für einen Spieler auf seiner Position. Zudem zog der Fünftjahresprofi 7,5 Freiwürfe pro Spiel (Platz neun ligaweit). Ob im Pick-and-Roll, im Eins-gegen-eins (meist vorbereitet durch ein Pick-and-Roll mit anschließendem Switch in der Verteidigung) oder im Schnellangriff: Der zweimalige Sieger des Slam-Dunk-Contests kam nach Belieben in die Zone.

LaVine und Carter Jr.: das Duo für die Zukunft?

Darüber hinaus gibt es noch drei weitere Dinge, die Bulls-Fans Hoffnung in Bezug auf LaVine machen sollten: Clutchness, Passing und Ballhandling.

Als erstes soll LaVines Leistung in der Crunchtime gewürdigt werden. Häufig hält der Guard sein Team quasi im Alleingang im Spiel, um dann in der entscheidenden Phase ebenfalls die wichtigen Würfe zu nehmen. In Situationen mit weniger als fünf Minuten zu spielen und einem Vorsprung oder Rückstand von nicht mehr als fünf Punkten nahm LaVine in der noch jungen Spielzeit bereits 33 Würfe aus dem Feld – eine Zahl, die nur von Kyrie Irving (41) und Kemba Walker (40) übertroffen wird (die beiden Point Guards haben allerdings auch drei bzw. fünf Partien mehr absolviert).

Dies liegt vor allem daran, dass die Bulls außer LaVine derzeit keinen (gesunden) Go-to-Guy im Team haben. Die gesamte Offensivlast sowie der Fokus der gegnerischen Defense liegt somit auf dem 23-Jährigen. Umso erstaunlicher ist in Anbetracht dessen seine Wurfquote von 45,5 Prozent aus dem Feld und 44,4 Prozent von Downtown in diesen Situationen. Gegen Charlotte, Detroit und New York traf er beispielsweise kurz vor Spielende wichtige Würfe zum Sieg oder Ausgleich. Vor allem im Madison Square Garden drehte LaVine in der Crunchtime auf und führte sein Team zum Sieg.

Auch in puncto Passspiel und Ballhandling hat sich LaVine gesteigert. In Abwesenheit von Starter Kris Dunn und mangels fähiger Alternativen auf der Point-Guard-Position ist der etatmäßige Shooting Guard auch hauptsächlich für das Kreieren für seine Mitspieler zuständig. Natürlich ist der 23-Jährige nach wie vor in erster Linie ein Scorer. Nur aus 3,8 Prozent seiner Drives resultiert ein Assist. Damit liegt er gemeinsam mit Stephen Curry auf dem letzten Platz unter allen Guards mit sechs Drives oder mehr pro Spiel. Generell schließt LaVine nach drei von vier Zügen zum Korb selbst ab. Sein Assist-Turnover-Verhältnis von 1,0 ist ebenfalls zweifellos ausbaufähig (4,0 ApG; 4,0 TpG).

Dennoch zeigt LaVine eine Übersicht wie zuletzt während seiner Rookie-Saison 2014/15 in Minnesota – der einzigen während seiner NBA-Karriere, in der er überwiegend auf der Eins spielte. Vor allem das Pick-and-Roll liest er meistens gut und findet nicht nur den abrollenden Blocksteller, sondern auch den freien Schützen auf der Weakside. Insbesondere Wendell Carter Jr. profitiert von LaVines Pässen. Der Center erhält von diesem 9,7 Zuspiele pro Begegnung und damit jeden vierten Pass, den LaVine an den Mitspieler bringt. Dies liegt auch daran, dass die beiden Pick-and-Rolls en masse laufen. Auf dem Zusammenspiel zwischen dem Guard und dem Center dürfte ein großes Augenmerk bei den Bulls liegen. Schließlich gehören beide zur mittel- bis langfristigen Zukunft der Franchise.

Wurfquoten auf Talfahrt

Also alles bestens bei LaVine? Nicht ganz. Denn nach dem überragenden Start schien der Zauber mit dem Monatswechsel verflogen zu sein. So fielen seine Wurfquoten im November ins Bodenlose. Der entscheidende Faktor war, dass LaVines Wurfquote am Ring um 14 Prozentpunkte auf 52,7 Prozent sank, bei weiterhin schwachen Quoten aus der Mitteldistanz und von Downtown.

MonatMINPTSFG%3FG%FG% at rimFTA
Oktober33,728,151,038,066,77,5
November38,222,436,023,952,77,0

Es zeigt sich, dass sich die NBA-Teams nun besser auf den Top-Scorer der Bulls vorbereiten. Sie machen in den meisten Fällen nicht mehr den Fehler, in Pick-and-Rolls zu switchen. Stattdessen finden die Gegner zwei andere Antworten auf LaVines unwiderstehliche Drives: In der ersten Variante verteidigen sie das Play sehr konservativ, indem der Big Man absinkt. Dem Bulls-Guard wird dabei viel Platz in der Mitteldistanz gegeben. Der Gegner hofft geradezu, dass dieser einen ineffizienten Pull-up-Jumper nimmt. Denn es ist kein Geheimnis, dass LaVines Sprungwurf – allen voran der aus dem Dribbling – nach wie vor alles andere als verlässlich ist. Insgesamt trifft der 1,96-Meter-Mann in der laufenden Saison nur 28,7 Prozent seiner 7,2 Pull-ups pro Spiel, von hinter der Dreierlinie 29,7 Prozent bei 2,3 Versuchen pro Partie.

Der zweite Weg besteht darin, extrem aggressiv zu verteidigen, indem LaVine als Ballhandler im Pick-and-Roll geblitzt oder sogar gedoppelt wird. Damit erreicht die Verteidigung gleich mehrere Ziele: Sie schneidet dem Angreifer den Weg zum Korb ab, zwingt den gefährlichsten Offensivspieler der Bulls eventuell dazu, den Ball abzugeben, oder forciert sogar einen Turnover. Dass LaVine, der nicht für seine herausragende Übersicht bekannt ist, einen freien Mitspieler findet, nimmt die Defense dabei in Kauf.

So waren diese beiden Strategien der Pick-and-Roll-Verteidigung beispielsweise der Schlüssel zum Erfolg für die Dallas Mavericks beim Sieg in Chicago Mitte November. Im vierten Viertel erzielte LaVine zwar zehn Punkte, traf allerdings nur zwei seiner neun Wurfversuche und keinen seiner sechs Abschlüsse außerhalb der Zone. Außerdem verursachte er in dem Zeitraum drei Ballverluste.

Nach diesem Spiel lieferte LaVine eine weitere Erklärung für seine sinkende Effizienz: „Ich bin müde. Ich tue alles, was ich kann, aber ich mache Fehler und vergebe einfache Würfe. Mein Dreier ist heute nicht gefallen. Es sind einfache Dinge, die ich besser machen kann.“

Auf den ersten Blick sorgt diese Aussage für Verwunderung. Schließlich sind erst knapp 15 Spiele in der regulären Saison absolviert. Doch es gilt zu bedenken, dass die Verantwortung, die LaVine seit Saisonstart im Bulls-Angriff schultern muss, enorm ist. Lediglich James Harden und Russell Westbrook haben eine höhere Nutzungsrate als LaVine (USG%: 32,2). Ohne Dunn sowie Lauri Markkanen und Bobby Portis fehlen den Bulls ein verlässlicher Playmaker und drei Scorer, die ihm Verantwortung abnehmen können. Der 23-Jährige muss damit zurechtkommen, dass die Konzentration der Defense zum Großteil auf ihm liegt.

Mit LaVine in einer Wurfkrise ist Chicago gleichzeitig auf verlorenem Posten, zumindest zeigt sich dies im laufenden Monat: Bei den beiden Siegen in New York und gegen Cleveland traf der Guard 52 bzw. 40,9 Prozent seiner Würfe. Die sechs anderen Partien, in denen LaVine stets unter 35 Prozent traf, gingen verloren. Auch dies belegt die Abhängigkeit des Teams von ihrem Top-Scorer.

Hoffen auf mehr Hilfe

Anpassungen an seinem Spiel wie beispielsweise mehr Aktionen abseits des Balls kann LaVine derzeit kaum treffen. Dafür ist sein Dreier zu instabil (33,3% bei offenen Dreiern, 35,3% aus dem Catch-and-Shoot). Trotz der oftmals aggressiven Pick-and-Roll-Defense zog LaVine auch im November 13,5-mal pro Spiel zum Korb. Ohne verlässliche Offensivoptionen an seiner Seite bleibt LaVine im Moment nichts anderes übrig, als für sich und andere zu kreieren. Mit der Rückkehr von Dunn kann der Two-Guard vielleicht zumindest vermehrt nach Cuts oder Hand-offs scoren und muss nicht immer nur mit dem Ball in der Hand agieren, was seine Effizienz erhöhen dürfte.

Doch vielleicht sind schon in den nächsten Tagen bei LaVine wieder Schritte nach vorne zu erkennen. Schließlich konnte sich der Guard eine viertägige Verschnaufpause genehmigen. Die Selbstkritik des 23-Jährigen lässt Bulls-Fans jedenfalls hoffen, dass dieser weiter an seinem Game arbeiten wird. Auch Coach Fred Hoiberg ist optimistisch, dass sein Schützling an seinen Aufgaben wächst und aus seinen Fehlern lernt: „Ich rechne es Zach sehr hoch an, wie viel Verantwortung er aktuell im Angriff trägt. Er wächst daran und wird besser darin, einfache Plays zu machen.“

Mittel- bis langfristig muss LaVine jedenfalls die Frage beantworten, ob er sich zu einem vielseitigen Scorer entwickeln kann, der über einen längeren Zeitraum die Offensive eines NBA-Teams tragen kann oder bloß ein unbeständiger Athlet ohne Wurf bleibt. Dass er phasenweise über einen Zeitraum von ein paar Wochen vorangehen kann, hat er nun spätestens bewiesen.

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