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(Miss-)Erfolg

30.04.2018 || 11:32 Uhr von:
Während der NBA-Playoffs wird wiederholt wortreich über Erfolg und Misserfolg räsoniert. Doch was bedeutet „Erfolg“ überhaupt, und wer besitzt die Deutungshoheit darüber?

Während sich zunehmend NBA-Teams in die Sommerpause verabschieden und zuschauen müssen, wie die verbleibenden Mannschaften den Meistertitel ausspielen, wird vielerorts angestrengt über Erfolg und Misserfolg diskutiert. Wortreich werden Gewinner und Verlierer besprochen, kontrastreich „Tops und Flops“ benannt, Überraschungen und Enttäuschungen ausgemacht, sowie ungenutzte Potenziale und unterstellte Dysfunktionalitäten eruiert.

Hinzu kommt das beliebte wie bemühte „Blame Game“, das viele nur allzu gern spielen. Schließlich sollen fix Schuldige gefunden und für das Ausscheiden ihrer jeweiligen Teams verantwortlich gemacht werden. Auch geht damit eine sehr gewollte Fehlersucherei einher, die „ineffizienten“, womöglich überschätzten und überzahlten Spielern obsessiv nachspürt. Nicht selten eine scheinheilige und hemmungslos schadenfrohe Routine. Besonders, wenn einst Hochgelobte ehrlos fallengelassen und mit Häme bedacht werden …

Geführt und befeuert wird der Diskurs um den (Miss-)Erfolg von all den Beobachtern und Berichterstattern, die die Basketball Association privat oder professionell verfolgen. So kommt die Deutungshoheit kultürlich nicht allein anerkannten Journalisten und Fachmedien zu. Vielmehr sind die Erfolgserzählungen erfreulich vielstimmig, jedoch vom wiederkehrenden Hype und häufig übertriebener Trennschärfe geprägt.

Gemeinhin wird dabei über Erfolg und Misserfolg befunden, indem Ergebnisse mit Erwartungen und Annahmen abgeglichen werden. Wobei die Frage zulässig erscheint, ob jene Fremderwartungen (an Spieler und Teams) im Vorfeld überhaupt realistisch waren bzw. sie es heuer sind?

Die Rede ist also von einem subjektiven Bewertungsmaßstab, der öfter einmal selbstkritisch reflektiert und neu justiert werden darf. Zumal die im Sport vorherrschende Vorgehensweise, Erfolg an den Ergebnissen – primär anhand von Saison- und Playoffsiegen, ja mitunter allein der Meisterschaft – zu messen, etwas kurzsichtig anmutet.

Ohnehin ist der NBA-Titel erfahrungsgemäß nur einer überschaubaren Anzahl an Mannschaften vorbehalten. In den vergangenen 30 Jahren haben beispielsweise nicht mehr als zehn verschiedene Franchises eine Championship errungen. Alldieweil im kommenden Juni wohl kein „neuer“ Titelträger zu erwarten ist …

Both teams played hard

Grundlegend ist in puncto Meisterschaftserfolg eine banale Erkenntnis. Nämlich, dass harte Arbeit, hilfreiche Talente, herangereifte Erfahrung und Expertise allein nicht hinreichend sind. Wer in der Association dauerhaft bestehen und oben stehen will, braucht vielmehr zugleich Gesundheit, Geduld und Glück. Zudem sind eine etablierte Kontinuität und ein entsprechendes (Selbst-)Verständnis unerlässlich.

Derweil beschreiben die Playoffs – auch wenn das gleichermaßen ausgetreten klingen mag – nochmals ein ganz anderes Terrain, das Teams erst einmal erreichen und dann erfolgreich erobern müssen. Auch weil Einsatz, Intensität und Wettbewerbsstärke ab Mitte April bekanntlich zunehmen, während das Momentum und Matchups verstärkt Gewicht haben.

In dieser Situation (auch wiederholt) ein paar Spiele zu verlieren, ist keine Schande und kein Grund, danach alles in Frage zu stellen und ad hoc einen Abgesang anzustimmen. Denn Spieler und Mannschaft, Coach und Management haben in der Regel vieles richtig gemacht. Sonst wären sie (zuvorderst im wilden Westen der Liga) schwerlich in die Postseason eingezogen.

Es kann daher nicht schaden, im eifrigen Spiel der Kontraste (und Klicks) des sportmedialen Spektakelbetriebs gelegentlich mal einen Gang herunterzuschalten … sich in Ruhe der von den Akteuren erbrachten Vorleistungen zu besinnen, erarbeitete Fortschritte und ersichtliche Entwicklungen zu bedenken und generell zu wertschätzen, ja zeitweilig zu genießen, was einem auf dem Hartholz dargeboten wird. Nicht zuletzt, weil in den Playoffs meist zwei talentreiche Teams aufeinandertreffen und hart um den Erfolg wetteifern, wobei im Basketball eben nur eine Mannschaft gewinnen kann. Sei es nun ein sogenanntes Mittelklasseteam oder ein erklärter Meisterschaftsanwärter.

Jump for joy

Indes ist die NBA ein durchaus zynischer Resonanzraum. Was jüngst etwa die zwischenzeitlich gehypten Portland Trail Blazers erfahren mussten. Angeführt von All-Star Damian Lillard, haben sie als eine der Überraschungsmannschaften der regulären Saison im fünften Jahr in Folge an den Playoffs teilgenommen. Eine sehr respektable Bilanz einer Franchise, die erfolgreich und kompetitiv aufgestellt ist. Auch wenn sie erneut ein deutliches Erstrundenaus hinnehmen musste und ihre Titelchancen vorerst verschwindend gering bleiben.

“This narrative that if you don’t win a championship then it’s not worth competing, that’s a false premise”, hatte Blazers-General-Manager Neil Olshey bereits vor Beginn der Playoffs betont. “There’s got to be an intrinsic joy of watching your team play well and compete. If it’s just about the end result and not about the journey, then what’s the point?”

Müßiges Mittelmaß (das viele Olsheys Personalpolitik zuschreiben mögen) hin oder her – eine in der NBA vielfach ausagierte Einsicht, die Anerkennung verdient und ohne deren Existenz die Liga ihren Spielbetrieb im Übrigen einstellen könnte.

Erfolg ist demnach nicht allein auf das bloße Gewinnen und Verlieren beschränkt, und ebenso wenig rein zahlenbasiert – sondern vielförmig und reich an Nuancen. Erfolg hat viele Gesichter und weist sonach Schattierungen auf, die jenseits der gerne bemühten Kontraste Relevanz haben. Etwa in Form einer wechselseitigen Verbundenheit (von Lillard, den Blazers und Portland), einer festgegründeten Teamkultur (der Heat und Spurs), kollektiver Spielfreude und entfachter Begeisterung (siehe Pelicans und Pacers), beachtlicher Spielerentwicklung, singulärer Heimkehrgeschichten und gefeierter Debüts, dem unbändigen Einsatzwillen Einzelner (siehe Foto) und ihrer anhaltenden Liebe zum Spiel.

Not your typical assist ????

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Worum es also geht, ist „Erfolg“ selbst zu definieren, auszubuchstabieren und im Spiel des Lebens Erfüllung zu finden. Auf und neben dem Basketballparket. Und jenseits oberflächlicher Zuschreibungen. Schließlich gäbe es dann, abseits ausgespielter Meisterschaften, viel mehr „wahre“ Gewinner.

In diesem Sinne: „Stay Melo.“


In seiner Kolumne „Freiwurf“ schreibt Christian Orban jede zweite Woche über Akteure und Aspekte der NBA – gegenwartsbezogen, gesellschaftskritisch und geschichtsbewusst.

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