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„Jeden Tag volles Tempo“

19.04.2018 || 13:48 Uhr von:
Igor Perovic
Seit Sommer ist Igor Perovic zurück im Basketball-Business. Simon Linder hat mit dem Ex-Tübinger über seine Aufgaben in Ulm gesprochen.

Ein Jahr ist vergangen, seitdem basketball.de Igor Perovic erstmals zu einem ausführlichen Gespräch traf. Ein Jahr, in dem viel passiert ist. Im April 2017 saß er voller Tatendrang, aber ohne Job in einem Tübinger Café und sagte: „Ich bin bereit!“ Das Treffen im April 2018 findet nicht mehr in Tübingen statt, sondern in Ulm. Perovic hat im Sommer einen neuen Job gefunden – in der Nachwuchsabteilung von ratiopharm ulm.

Igor Perovic arbeitet nun nicht mehr mit Profis, sondern mit Jugendlichen. Nicht mehr in den Arenen der BBL, sondern in den Sporthallen am Ulmer Kuhberg. Wer sich mit ihm unterhält, merkt jedoch schnell: Der Job ist für ihn kein Rückschritt, keine Verlegenheitslösung. Junge Spieler weiterzuentwickeln bereitet ihm echte Freude, Perovic brennt für seine Aufgabe.

„Es ist weniger Taktik, mehr Fundamentals, einfach mehr Basketball“, sagt Perovic. „Ganz anders als noch in der BBL: Mit Mitte, Ende Zwanzig haben die Spieler ihre Gewohnheiten, die kriegst du dann kaum noch raus. Dort bist du eher Manager, wie im Fußball in der englischen Premier League. Ich mag es, Fundamentals zu trainieren.“

Igor PerovicIn Ulm verantwortet Perovic den jüngeren JBBL-Jahrgang, die meisten Jungs sind 14 oder 15. Mit ihnen konnte er die Klasse halten, obwohl es häufig gegen Teams ging, deren Spieler ein Jahr älter waren – ein großer Unterschied in diesem Alter. „Eigentlich geht es aber gar nicht um Ergebnisse, sondern um die individuelle Entwicklung der einzelnen Spieler“, beschreibt Perovic seine Aufgaben. Es sind drei Dinge, die er immer wieder hervorhebt: Ballhandling, Passing, Shooting. Daran arbeitet Perovic mit seinen Jungs jeden Tag. Er schaut genau hin, wenn er sie im Eins-gegen-Eins antreten lässt. Wie sind die Bewegungsabläufe, wie verhalten sich die Spieler in der Defense?

Ensminger unter dem einen Korb, Perovic unter dem anderen

Neben dem Training mit seiner JBBL-Mannschaft arbeitet Perovic im Individualtraining auch mit jüngeren und älteren Spielern. Manchmal steht er gemeinsam mit Chris Ensminger auf dem Parkett, der in Ulm für den jüngeren Jahrgang der NBBL zuständig ist: „Ich bin dann mit den kleinen Spielern unter dem einen Korb, Chris mit den Big Men unter dem anderen. Wir trainieren erst positionsspezifisch, am Ende alle zusammen.“

Es wächst etwas heran in Ulm. Auch wenn man noch auf den OrangeCampus warte, seien die Bedingungen zur Förderung junger Spieler schon jetzt sehr gut, berichtet Perovic. Hat ein Spieler in der Schule eine Freistunde, geht er gemeinsam mit Perovic in die Halle für ein kurzes Individualtraining, danach geht es wieder zurück in den Unterricht.

Igor Perovic

Perovic genießt es, mit seinen Jungs jeden Tag hart arbeiten zu können, wie es mit Profispielern nur im Sommer möglich sei. „Ich muss hier nicht ans nächste Wochenende denken, sondern kann jeden Tag volles Tempo verlangen“, erklärt er. Als Schleifer alter jugoslawischer Schule, wie er seine Coaches in der Jugend kennenlernte, sieht er sich jedoch nicht: „Ich bin menschlicher – aber ohne Disziplin geht es natürlich nicht.“

Überraschende Entwicklungen

Perovic weiß, wie sich junge Spieler entwickeln können, die erfahrenen Coaches vertrauen und hart an sich arbeiten. Nemanja Bjelica sei vor zehn Jahren als Point Guard eingesetzt worden. Das war unter Svetislav Pesic bei Roter Stern Belgrad, der Bjelica aus der österreichischen Liga zurück in die Heimat geholt hatte. Dort eignete sich Bjelica die Fähigkeiten an, die ihn 2015 in die NBA brachten. Seitdem steht er in der Rotation der Minnesota Timberwolves und erreichte dieses Jahr erstmals die Playoffs.

Eine – für viele Beobachter – ähnlich überraschende Entwicklung nahm Anthony Davis, der als durchschnittlicher Aufbauspieler gegolten habe, bevor er extrem in die Höhe schoss. Zu Beginn seiner Collegezeit maß er gerade einmal knapp über 1,90 Meter, inzwischen ist er zwanzig Zentimeter größer. Heute spielt Davis für seine New Orleans Pelicans unter dem Korb schnell und geschickt wie ein Guard im Körper eines Centers.

Igor Perovic

Ähnliche Fähigkeiten bei Spielern herauszukitzeln, die vielleicht nie einen solch großen physischen Sprung machen werden, das motiviert Perovic. Nikola Jokic habe in seiner Jugend unter starken Gewichtsproblemen gelitten, berichtet er. Deshalb musste er lernen, gut zu passen, sonst hätte er sich nicht durchgesetzt. Heute arbeite Jokic vor allem im Sommer hart an seiner Athletik, um sich weiter zu verbessern. Ein befreundeter Coach habe einmal zu Perovic gesagt: „Mein langsamster Spieler steht immer in der Starting Five.“ Dieser müsse mit Köpfchen spielen, das wiederum komme der ganzen Mannschaft zu Gute.

Die Skills der NBA-Spieler beeindrucken Perovic. Trotzdem empfiehlt er seinen Jungs, möglichst viel europäischen Basketball zu schauen. Es freut ihn, dass „europäisch“ spielende Teams in der NBA, die gerne den Extrapass spielen, in den vergangenen Jahren viel Erfolg hatten: die Warriors, die Rockets, über die letzten zwanzig Jahre hinweg die Spurs. „Das Spiel hat sich durch die weiter entfernte Dreierlinie verändert, alles ist schneller geworden“, erklärt Perovic.

Außerdem gebe es zu jeder Zeit prägende Spieler, die junge Talente sich zum Vorbild nähmen und durch harte Arbeit eine nächste Entwicklungsstufe dieses Spielertyps erreichen würden. Kurz gesagt: ohne Dirk Nowitzki kein Kristaps Porzingis oder Lauri Markkanen.

Rückkehr in die BBL?

Trotz seines Faibles für die Entwicklung junger Spieler schließt Perovic eine Rückkehr zur Arbeit in einer Profiliga nicht aus. Aber es muss passen: Im Sommer hätte er für ein Jahr in der ProA unterschreiben können, nahm aber lieber das Angebot aus Ulm an. Perovic wollte Planungssicherheit, häufige Umzüge möchte er aus Rücksicht auf seine Frau und seine beiden Töchter vermeiden.

Nun wohnen sie gemeinsam in Ulm, und Perovic spürt weniger Druck als zu BBL-Zeiten. Er beobachtet die BBL natürlich weiterhin, hat viele gute Erinnerungen an die Zeit. Auch während seiner Jahre in Tübingen hatte er die Chance, jungen Spielern einen guten Start in ihre Profikarriere zu ermöglichen und wichtige Entwicklungen anzustoßen, daran denkt er gerne zurück.

Igor Perovic

Beispielsweise war da dieser junge Amerikaner, der aus Villanova nach Tübingen kam. Der Spieler hatte an dem starken College immer wieder Probleme gehabt. Er sei zwar gut gewesen, berichtet Perovic, aber für die Amerikaner gelte nur als außerordentlich gut, wer 15 bis 20 Punkte pro Partie mache, fast egal wie viele Würfe man dafür nehme. Der uneigennützige Spieler entsprach diesem Bild nicht, brauchte mehr Sicherheit – und fand sie bei Perovic, der ihn ermutigte, seinem Wurf zu vertrauen und sein Spiel zu spielen. Heute, sieben Jahre später, hat Reggie Redding bereits eine beachtliche Karriere in Europa hingelegt, die noch lange nicht zu Ende ist. Dass er Erfolg hatte, überrascht Perovic nicht: „Reggie war ein super Teamkollege, immer hungrig und lernwillig.“ Das zahle sich auf Dauer aus.

Eine solche Karriere traut Perovic auch einigen seiner Jungs aus der JBBL zu, auch wenn bis dahin noch viel passieren kann und muss. Und deshalb arbeitet er weiter an linken Händen, guter Physis, starker Defense, Ballhandling, Passing und Shooting – den Fundamentals eben. Wenn die Ulmer Jungs weiter lernwillig sind, sehen wir vielleicht schon in ein paar Jahren einige Spieler auf Profilevel, die heute von Perovic lernen dürfen. Bis dahin stehen allerdings noch einige Stunden Arbeit in den Sporthallen am Ulmer Kuhberg an.

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