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Heroes of Today

16.10.2017 || 13:21 Uhr von:
In Bayreuth nennen sie ihre Mannschaft die "Heroes of Tomorrow". Eine Glosse darüber, warum die Hoffnung auf eine bessere Zukunft trügerisch sein kann.

In der NBA spielt eine Mannschaft, die wie keine andere an ihre eigene Zukunft glaubt. Dabei verlieren die Philadelphia 76ers seit Jahren Spiel um Spiel. In den Trikots steckten teilweise Spieler, die bei Bremerhaven durchs Tryout fallen würden. Das ist aber nicht schlimm. Denn das ausgelobte Motto heißt „trust the process“, vertraue der Entwicklung. Aktuell sind wir beschissen, in ein paar Jahren aber rocken wir die Liga – das ist das Versprechen des Managements. Natürlich gibt es auch passende T-Shirts zu kaufen und Mützen. Das Motto ist Teil der Franchise-Kultur geworden, die Fans brüllen es bei Spielen ab und an durch die Arena.

Die Hoffnung auf bessere Zeiten liegt im System der NBA begründet. Die schlechtesten Mannschaften dürfen sich die besten Nachwuchsspieler ins Team wählen. Die Philadelphia 76ers wählten 2015 an dritter Stelle und dann zwei Mal in Folge als Erste aus dem Talentpool: Joel Embiid spielte bisher 31 Partien in zwei Jahren und freut sich dennoch über die Vertragsverlängerung um fünf Jahre und insgesamt 148 Millionen Dollar. Ben Simmons verpasste wie Embiid sein erstes Jahr verletzungsbedingt und geht jetzt seine ersten Schritte in der NBA. Und Markelle Fultz, in diesem Jahr ausgewählt, verletzte sich im Sommer gleich an der Schulter. Vielleicht auch deshalb wirft der Point Guard seine Freiwürfe nun ähnlich ungelenk wie dereinst Shaquille O’Neal. Aber warum Sorgen machen, wen interessiert schon die Gegenwart? Uns gehört die Zukunft!

Und damit sind wir endlich zurück in der BBL. Denn auch in Deutschland gibt es einen Verein, dessen Slogan eine große Zukunft verspricht: Medi Bayreuth. Dort spielen die „Heroes of Tomorrow“. Wer dieses Motto bis jetzt noch nicht kannte, dem sei hier ein Absatz geschenkt, um darüber erstmal in Ruhe nachzudenken.

So. Die Helden von morgen also. Klingt vielversprechend, klingt nach einer spannenden Entwicklung. Wirft aber sofort die Frage auf, was die Spieler denn aktuell sind. Keine Helden jedenfalls, und das allein ist schon eine merkwürdige Aussage. In dieser Saison hat sich dann noch ein weiteres Problem aufgetan, das den Verantwortlichen in Bayreuth Kopfzerbrechen bereiten dürfte: die Mannschaft von Cheftrainer Raoul Korner ist zu gut für ihren eigenen Slogan. Nach vier Spieltagen ist Bayreuth plötzlich Tabellenführer. Noch vor Bayern und Bamberg. Dabei schlugen sie Tübingen, den MBC, Ratiopharm Ulm und auswärts den letztjährigen Finalisten aus Oldenburg. Auch in der FIBA Champions League startete Bayreuth mit einem klaren Sieg. Auf den Hemden im Fanshop steht aber weiterhin „Heroes of Tomorrow“, und man kann sich die aufgeregten Telefonate zwischen Marketingabteilung und Trainer bildhaft vorstellen.

Das Hier und Heute nicht zu verpassen ist im Sport manchmal schwer. Irgendwo lockt immer schon ein noch besserer Trainer, ein noch besserer Spieler, ein noch höherer Sieg, ein noch größerer Triumph. Die Würdigung der „Heroes of Today“ kommt deshalb manchmal zu kurz. Es ist möglich, dass Raoul Korner in nicht so ferner Zukunft den Schritt zu einem Euroleague-Team geht. Schon mehrfach hat er geäußert, dass das sein mittelfristiges Ziel sei. Vielleicht verlässt dann auch der Ägypter Assem Marei die BBL. Ein Center, wie ihn die Liga nicht allzu oft gesehen hat, mit mächtigen Händen, wilden Locken und großem Kämpferherz. Es ist das Schicksal einer Liga wie der BBL und im Besonderen eines Clubs wie Bayreuth, dass die besten Akteure irgendwann das Weite suchen.

Als die Briten 2012 in London zur Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele ins Stadion zogen, lief ein Song von David Bowie. „Heroes“ heißt das Lied, und es hätte wohl kein passenderes gegeben. „We can be heroes, just for one day“, singt Bowie da. Held sein für einen Tag, für einen kleinen Moment. Den darf man dann nur nicht verpassen. Das fünfte Saisonspiel hat Bayreuth am Sonntagnachmittag dann verloren. Ausgerechnet gegen Jena, die „Heroes of Yesterday“. Deren jüngster Spieler ist kurzfristig ausgefallen, weil einer seiner Urenkel heiratete. Aber egal. Im Hier und Heute waren sie besser. Und David Bowie singt: „We can beat them, just for one day.“


Klatschpappe ist die Glosse von Linus Müller, der sich jeden zweiten Montag in einem möglicherweise überspitzten Kommentar zu einem Thema aus der Welt des Basketballs äußert.

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