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Wo seid ihr alle hin?

11.12.2017 || 13:57 Uhr von:
Fast alle Clubs der easyCredit BBL verzeichnen bisher einen Zuschauerrückgang. Die neue Klatschpappe mit einem Plädoyer für den Hallenbesuch.

Jetzt, im Dezember, wenn der Schnee fällt und die Finger draußen lila anlaufen, fällt die Entscheidung noch schwerer. Gehe ich in die Halle oder schaue ich das Spiel auf telekomsport.de? Natürlich könnte ich mich eine Stunde vor Spielbeginn auf den Weg machen, die Autoscheiben freikratzen, während der Fahrt zitternd auf die Wirkung der aufgedrehten Heizung warten. Ich könnte vor Ort einen Parkplatz suchen; am besten einen, für den ich nicht bezahlen muss, ein Stück weg von der Halle irgendwo am Feldrand. Während des Spiels hätte ich gewiss meinen Spaß, aber beim Bierstand müsste ich anstehen und bekäme dann doch nur einen Plastikbecher. Die Bratwurst würde mich nicht richtig satt machen und sie wäre teurer als daheim. Auf dem Rückweg zum Auto würde mir der Wind ins Gesicht schneiden und mich wünschen lassen, ich hätte mich nie auf den Weg gemacht.

Oder ich schaue das Spiel einfach im heimischen Wohnzimmer. Ganz gemütlich, mit Decke und Wärmflasche. Vielleicht koche ich mir vorher ein leckeres Abendessen und mache einen Glühwein warm. In den Viertelpausen verfolge ich im Internet die aktuellsten Kommentare zum Spielgeschehen. Die Halbzeit nutze ich, um schnell zwei geschäftliche E-Mails zu beantworten. Und wenn das Spiel vorbei ist, dann brauche ich mir keine Gedanken um den Rückweg zu machen.

Zuschauerrückgang

Die Zuschauerzahlen in der easyCredit BBL sind rückläufig. Vielleicht ist das kein Wunder angesichts der hochwertigen Übertragungen und des vollen Spielplans der international aktiven Teams. In dieser Saison konnten bisher lediglich der FC Bayern Basketball und medi bayreuth ihren Schnitt steigern; die einen um 0,5 Prozent, die anderen um 0,6 Prozent. Dazu ist die Halle von ratiopharm ulm weiterhin immer ausverkauft, zumindest bei den BBL-Spielen. Alle anderen 13 Vereine aber, die auch im vergangenen Jahr schon erstklassig waren, verzeichnen bisher einen Zuschauerrückgang. Bei acht Clubs kommen mindestens 6,5 Prozent weniger Zuschauer in die Halle als im Vorjahr. Und jetzt nahen auch noch die bitterkalten Wintertage.

Andererseits ist ein Hallenbesuch vielleicht gerade in dieser Zeit eine gute Idee. In der Bamberger Arena zum Beispiel herrschen auch im Winter noch wohlige 47 Grad Celsius. Wer durch die hohen Eingangstüren tritt, der wird von der Wärme regelrecht umarmt. Und dann sind da noch die vielen kleinen Freuden am Wegesrand: Der kurze, prüfende Blick zu den Auswärtsfans am anderen Ende der Schlange. Der Scanner am Eingang, der fast nie auf Anhieb funktioniert, am Ende aber doch. Die Fachgespräche an den Bartischen neben dem Bierstand. Dann, im Innenraum, die freundliche Begrüßung durch den Hallensprecher. Die greifbare, langsam ansteigende Anspannung und Vorfreude. Ein erster Plausch mit den altbekannten Sitznachbarn über das allgemeine Befinden, das letzte Auswärtsspiel und die Hoffnungen für den heutigen Abend.

Aufgabenteilung

Und bis dahin hat das Spiel noch gar nicht begonnen. Die größten Vorteile eröffnen sich den fleißigen Hallenbesuchern schließlich erst nach dem Jump. Als Teil des Heimpublikums nehmen sie Einfluss auf die Atmosphäre in der Halle. Sie sind der Grund, warum aus einem Block oder einem Dreier eine Aufholjagd werden kann. Sie bestimmen mit über das Momentum des Spiels. Wenn der Verein anschließend auf Facebook von „unserem nächsten Sieg“ schreibt, dann sind die Fans ein Teil des „uns“.

Natürlich gibt es in jedem Block eine gewisse Aufgabenteilung, damit die Arbeit niemanden überlastet. Zwei oder drei Fans mit lauten Stimmen kommentieren stellvertretend die Schiedsrichterentscheidungen; drei weitere nehmen lautstark den Gesang des Fanblocks auf und geben ihn weiter. Dabei klatschen sie so laut und schwungvoll, dass ihre Hände immer röter werden. Ein bis zwei holen für sich und die anderen Getränke, auch während des laufenden Spiels. Zwei Senioren werfen situationsbedingt passende Anekdoten ein und sorgen so dafür, dass auch die jungen Zuschauer die Geschichte des Vereins nicht vergessen. Ein weiterer gibt dem Trainer Hinweise, wann er die Auszeit nehmen sollte zum Beispiel oder welchen Spieler er dringend auszuwechseln hat. Andere Fans im Block beobachten das Spiel stoisch und ohne Regung und melden sich nur zu Wort, wenn ihnen etwas auffällt, was den anderen entgangen sein könnte. Dass der Center nun vier Fouls hat zum Beispiel oder dass der Schiedsrichter, der weiter weg stand, das Foul gepfiffen hat, der Kollege unter dem Korb aber stumm geblieben ist.

Der Block ist ein Ort, an dem Freude und Leid geteilt werden. Besonders in den großen Spielen, wenn das Heimteam plötzlich gegen das favorisierte Auswärtsteam mithält oder sogar in Führung liegt. Aber damit bei diesen Partien alles reibungslos funktioniert, muss trainiert werden. Und trainiert wird im Alltag. Auch Kantersiege oder trostlose Duelle am Montagabend können genutzt werden, um als Fangemeinschaft zusammenzuwachsen. Auf dem Weg aus der Halle raus grüßt der Arbeitskollege von früher. Am Parkplatz hilft man einem Fremden, sein im Matsch festgefahrenes Auto anzuschieben. Im Autoradio läuft vielleicht ein schönes Lied, und wenn man nicht alleine fährt, kann man hier wunderbar noch ein wenig über das Spiel reden oder über Dinge, die wirklich wichtig sind. Der Nachbar schippt Schnee, wenn man nach Hause kommt. Er hat das Spiel am Laptop verfolgt und sagt: „Gutes Spiel, oder?“ Ja. Aber noch viel mehr als das.

Wo seid ihr alle hin?
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King Cavalera
King Cavalera 12. Dezember 2017 um 12:35 Uhr

Moin zusammen,
es ist ja nicht so, dass die Hallen leer sind. Man muss anerkennen dass Basketball in Deutschland eine Rand- bzw. Trendsportart ist.
Als Familienvater stehe ich Samstag oder Sonntag lieber selbst in der Halle und zocke in der Kreisliga um mich fit zu halten. Ich hoffe auch, dass viele andere es mir gleich tun und lieber selber zum Ball greifen. Denn davon würde unser Sport viel mehr profitieren.
Junge Leute müssen wieder mehr Basketball spielen!
Da reicht es nicht, wenn Sport1 mal ein Spiel im Free-TV zeigt. Man muss die Kids abholen (Schule/mehr Freiplätze/mehr Hallenzeiten). Das geht nicht bei einem Live-Spiel in der Halle. Mehr Werbung für den Sport. Das wäre wichtig.

Die Hallen werden dann auch von alleine wieder voll. Kinder, die so lange bei Eltern und Großeltern quängeln bis einer mit ihnen hingeht. Das muss das Ziel sein.

MfG

Steffen

backdoor_cut
backdoor_cut 12. Dezember 2017 um 22:26 Uhr

Guten Abend Steffen,

danke zunächst für deinen Kommentar. Es ist immer schön, wenn sich hier mal ein Leser zu Wort meldet.

Dein Einsatz als Aktiver ist natürlich absolut vorbildlich. Im Zweifel gewinnt das BBL-Team deines Herzens eher ohne dich als dein Kreisligateam – zumindest hoffe ich das.

Deinen letzten Absatz möchte ich am liebsten nochmal fett unterstreichen, denn das sehe ich genauso. Vielleicht ist für dich in diesem Zusammenhang folgendes Interview mit Henning Harnisch und Florian Gut interessant: http://basketball.de/lineup/eine-vision-fuer-den-deutschen-basketball

Dort erzählen die beiden von ihren Visionen für den deutschen Basketball und wie sie hoffen, mehr Kinder für den Sport begeistern zu können.

Liebe Grüße
Linus

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