Anmelden oder registrieren

Eine Vision für den deutschen Basketball

02.11.2017 || 16:52 Uhr von:
basketball.de traf Henning Harnisch und Florian Gut zum ausführlichen Gespräch über Visionen und Ideen für den Nachwuchsbasketball in Deutschland.

Fortsetzung von: Eine Vision für den deutschen Basketball

Warum das alles?

Es ist eine Lebensaufgabe. Wer bis hierhin gelesen hat, wird an dieser Erkenntnis nicht vorbeikommen. Aber warum das alles? Warum, Herr Harnisch, warum, Herr Gut, sollen Kinder und Jugendliche Sport machen, oder genauer: Warum sollen sie Basketball spielen?

Harnisch: Basketball ist für mich die schönste, interessanteste und vielschichtigste aller Sportarten. Ich kenne kein Spiel, was diesen öffnenden Pass so sehr zum Thema hat. Das gibt es in jeder Spielsportart, im Fußball auch … beim Basketball ist es gefühlt aber nochmal viel besser. Basketball ist angelegt auf den öffnenden Pass als Idee. Das ist so wie wenn Kinder zum ersten Mal im Spiel den Kopf hochnehmen, das Spielfeld erahnen; wahrscheinlich ist es noch trübe und eng, aber wie eine Utopie. Auf einmal entwickelt sich die Welt.

Gut: Wenn man das gesellschaftlich mal ganz groß benennen möchte, ist unser Anspruch, zu mehr Chancengleichheit beizutragen. Wir sprechen davon, wie sehr die Chancen in vielen Ländern und auch in Deutschland abhängig sind von vielen Faktoren. Unsere Vision von Sport und die Idee, wie wir Basketball in der Region aufbauen, verfolgt den Ansatz, dass wir wirklich alle Kinder damit in Berührung bringen. Wir versuchen, alle Kinder mit positiven Erlebnissen in den Bann zu ziehen und ermöglichen ihnen damit eine eigene Erfahrungswelt, die ihnen dann, wenn es in die Jugendjahre geht, eine Orientierung bietet.

Weil, mal ganz kritisch als Gegenfrage, in welchen Lebensbereichen sollen denn Kinder wirklich wachsen können? Wenn wir sehen, dass die Schule als System viele Lücken und Probleme hat, mit denen sie umgehen muss. Einige Kinder sind zudem oft auf sich allein gestellt und mit vielen Problemen konfrontiert. Da ist doch Sport eine wichtige Chance, vor allem eine Mannschaftssportart wie Basketball mit hohem Fairplay-Gedanken, die zudem eine unfassbar hohe freie Entfaltung zulässt. Weil es keinen Torwart gibt, weil es keine zwei abgetrennten Spielfelder gibt wie beim Volleyball, weil es keine Raumbegrenzungen wie im Handball gibt. Alle Spieler können sich mehr oder weniger gleichberechtigt auf dem Feld bewegen und auf Grundlage der gemeinsamen Regeln darf jeder alles tun. Deshalb ist Basketball die perfekte Möglichkeit, Kinder mit gleichen Chancen in Berührung zu bringen und ihnen eine Möglichkeit zu geben, ein Thema zu haben, wo sie in sozialer Anbindung und im eigenen Interesse wertvolle Dinge tun: zum Training gehen, Zeit mit der Mannschaft verbringen, lernen mit Frustration umzugehen, eigene sportliche Zielsetzungen haben.

Von der Basisarbeit, vom Fundament, kommen wir nun abschließend zu den Leuchttürmen. Der Profisportsverein ist der medial präsente Teil des regionalen Basketballkonzepts. Dort kommen die Fans zusammen, dort finden junge Spieler ihre Vorbilder und Helden. In der Basketball Bundesliga lassen sich in dieser Saison vor allem zwei Vereine ausmachen, die einen ganz besonderen Wert auf die Förderung junger deutscher Spieler legen: die Oettinger Rockets und Alba Berlin. Die Vereine also, für die Florian Gut und Henning Harnisch arbeiten. Vielleicht muss man konkreter sagen, dass diese Vereine nicht nur Wert darauf legen, sondern den deutschen Spielern tatsächlich wichtige Rollen und viel Spielzeit geben. Die Trainer heißen Ivan Pavić, 36 Jahre alt und Aíto García Reneses, 70 Jahre alt. Das letzte Thema behandelt also Profisportvereine als Aushängeschilder, die Rolle von Trainern und Spielern und Wünsche für die Zukunft.

Daniel Schmidt und Filip Stanic im Spiel gegen Bamberg. Foto: Jacob Schröter/Oettinger Rockets

Alba Berlin und die Oettinger Rockets

Gut: In Berlin bekommen in dieser Saison ein Bennet Hundt und ein Tim Schneider Spielzeit. Das ist ein starkes Signal für die Nachwuchsspieler und die Jugendtrainer. Das bringt Motivation mit sich. Da schließt sich der Kreis zu den Bemühungen in der Nachwuchsarbeit.

Harnisch: Das ist doch die Sportromantik, die alle sehen wollen. Wenn der Junge aus der eigenen Region auf dem Parkett steht. Besonders, wenn es nicht nur ein Alibi ist, sondern wirklich funktioniert. Das hängt letztlich immer stark am Trainer. Wenn es ernst wird, haben Trainer tausend Gründe, warum es nicht geht, warum der junge Spieler noch nicht bereit ist. Man kann sich das als Verein noch so sehr anziehen, die sportliche Leitung kann das noch so sehr einfordern… Trainer sind geübt und geschickt darin, das zu verhindern. Viele Trainer denken ganz normal an das nächste Spiel und wollen gewinnen, gewinnen, gewinnen. Aíto denkt daran auch, ganz sicher; aber er hat es einfach in seiner DNA drin, dass es eine wichtige Aufgabe seiner Arbeit ist, junge Spieler einzuführen. Und das geht halt nur durch Spielzeit. Es ist interessant, da Zeuge zu sein. Bisher habe ich das nur bei Svetislav Pesic so erlebt, sonst nirgendwo. Uns passt das natürlich total gut, weil wir jetzt in der Phase sind, dass wir seit zehn Jahren in den Nachwuchs investieren. Jetzt ist wirklich ein Pool von Spielern da, die das machen können. Und man merkt, du brauchst dann auch so einen Trainer.

Gut: Bei den Oettinger Rockets stehen sechs junge deutsche Spieler in der Rotation. Andreas Obst und Johannes Richter sind Anfang 20 und stehen nun bei einem Erstligaclub in der Pflicht. Daniel Schmidt zeigt jetzt, wo er Spielzeit bekommt, dass er als Aufbauspieler eine Mannschaft in der ersten Liga führen kann. Dino Dizdarevic hatte noch keine Minute in der ersten Liga gespielt, den würde deshalb sonst keiner holen. Auch er zeigt, dass er mithalten kann. Das ist eine wichtige Botschaft. Wir brauchen diese Spitzenwirkung, diese Leuchttürme, um für die Nachwuchsarbeit Werbung zu machen. Und es gibt noch mehr dieser deutschen Spieler. Ich kann auf Anhieb noch zehn andere junge deutsche Spieler nennen, denen wir genauso vertraut hätten. Es gibt viele junge deutsche Spieler, denen man Verantwortung geben kann. Wenn man sie kennt, wenn man ihre Stärken kennt und ihr persönliches Vertrauen hat. Leider macht das außer uns in der ersten Liga so gut wie niemand. Auch Alba Berlin hatte die Spielerqualität schon die letzten ein, zwei Jahre. Jetzt haben sie einen Trainer, der das möchte und der auch weiß, wie man mit jungen Spielern arbeitet.

Harnisch: Das wird ein großes Thema sein im deutschen Basketball in den nächsten Jahren, diesen Typus Trainer zu finden. Und eine sportliche Leitung zu haben, die vom Kita-Sport bis zum Profiteam weiß, was da passiert. Die eine sportliche Linie hat, nach deren Muster gearbeitet wird. Wenn wir das erkannt haben, dann sind wir ein echtes Basketballland. Und warum sollten wir dann nicht Europameister werden, also zwangsläufig? Hier leben 82 Millionen Menschen, alles ist da. Neben Fußball ist Platz, wir können problemlos Sportart Nummer zwei werden. Wir haben gemerkt, dass Schulen kein Fußball wollen, die wollen Basketball. Basketball ist was Schönes, was Edles. Und wenn wir daran arbeiten und Probleme benennen und bewusst machen, wenn wir weiter an der Vernetzung arbeiten und mehr Vereine und Leute einsteigen, dann kann das gehen. Das hört sich zunächst nach viel Arbeit an, dafür profitiert der Proficlub davon aber letztlich in seinen ganzen Abteilungen: Marketing, PR, Ticketing, Merchandising. Das ist auch ein wichtiges Argument, das schafft neue Potenziale. Wenn die Kinder spielen, gehen sie eher mit ihren Eltern in die Halle und kaufen vielleicht mal ein Trikot. Du kannst neue Marketing-Ideen entwickeln und dich als Club anders erzählen.

Gut: Nochmal zurück zu den Trainern: Wir brauchen in den nächsten Jahren im deutschen Basketball, gerade auch im Profibereich, Trainer, die dieses Konzept umsetzen. Die in ihrer eigenen Biographie mit Nachwuchsleistungssport in Berührung waren und idealerweise in diesem Bereich gearbeitet haben. Vielleicht haben sie sich sogar als Trainer dadurch entwickelt, quasi mit den Spielern die Entwicklungssprünge gemacht. Dementsprechend haben sie dann auch eine ganz hohe Motivation, junge Spieler zu fördern. Und sie haben die Überzeugung – das ist das Entscheidende – dass sie damit als Mannschaft erfolgreich sind. Wenn wir Trainer haben, die das vorleben, auch in der ersten Liga, dann wird es bezüglich der jungen Spieler in der BBL nochmal einen richtigen Push geben.

Harnisch: Ich glaube, es braucht mehr Leute, die diesen Trainerbaum ab Kita-Alter bis zum Profitrainer so denken. Schlechtestes Beispiel ist immer der, der komplett in seinem Tunnel ist: „Ich bin in der U14 und ich will Deutscher Meister werden“, der dem alles unterordnet. Das ist für die Spielerentwicklung totaler Quatsch.

Tim Schneider in einem Spiel gegen Breitengüssbach. Heute spielt er in der BBL.

Gut: Die Trainer müssen die Entwicklungsstufe der Spieler verstehen. Sie müssen verstehen, dass eine U14-Mannschaft nicht eine Profimannschaft mit jüngeren Spielern ist. Sondern dass diese Mannschaft einen ganz anderen Entwicklungsschritt darstellt und deshalb eine ganz andere Form der Ansprache und Ausrichtung benötigt. Die Gefahr ist, dass sich viele Jugendtrainer zu stumpf am Profisport orientieren. Dass die sagen: toller Trainer, der macht das so und so, und das übertrage ich auf meinen Altersbereich. Aber jeder Altersbereich, jede Entwicklungsphase hat eine eigene Logik. Nicht nur pädagogisch, sondern auch sportlich-inhaltlich. Das ist ein ganz entscheidender Punkt. Und das ist der Punkt Richtung Profitrainer. Ein Spieler lernt auf einem Wettkampfniveau zu bestehen, indem er auf diesem Wettkampfniveau Spielzeit bekommt. Das ist ein Problem, denn es bedeutet, dass diesem Totschlagargument von Erstligatrainern – „Der kann hier nicht spielen, der kann das nicht“ – schwer entgegenzukommen ist. Weil der Trainer hat ja Recht, noch kann er es nicht; aber um es zu Lernen braucht er Spielzeit. Und da sind wir wieder in diesem Kreis, um den es geht. Und der Gott sei Dank durch eine Trainerlegende wie sie Alba jetzt hat positiv vorgelebt wird.

Harnisch: Auch bei vielen deutschen Spielern, die schon ein bis zwei Runden hinter sich haben, gibt es inzwischen ein bisschen so ein Aufwachen. Zum einen, dass College überhaupt keine Lösung ist. Und dass man nicht gleich aufs erste Pferd setzt, wo es vielleicht ein paar Euro mehr gibt, der nächste Schritt aber nicht passieren kann.

Gut: Die Clubs haben hier den jungen Spielern gegenüber auch eine Verantwortung. Der Hype von jungen Spielern durch die Medien kann eine Gefahr sein. Es braucht eine gute Balance aus Aufmerksamkeit und dem klaren Fordern der nächsten notwendigen Schritte. Nehmen wir als Beispiel mal Filip Stanic. Letztes Jahr hat er noch NBBL und Regionalliga gespielt, jetzt sieht er Minuten in der BBL. Man könnte fragen, was ist da richtig oder falsch gelaufen, aber das ist nicht der Punkt. Es geht auch um die Bereitschaft der Spieler. Viele junge Talente sind wie auf einer Autobahn, wo es nur in eine Richtung geht: Sie sind in einem großen Programm, haben gute Trainer, es gibt gute Fördermöglichkeiten. Dann lassen sie sich so treiben, teilweise medial gehyped, da gibt es einige Beispiele. Ein junger Spieler muss immer an Grenzen stoßen, er muss immer auf Widerstände treffen, und dann muss er die richtigen Schlüsse daraus ziehen. So entwickelt er sich nach oben.


Henning Harnisch ist einer der erfolgreichsten Basketballer Deutschlands. Im Laufe seiner Karriere wurde er neunmal Deutscher Meister und fünfmal Pokalsieger. Er war einer der wichtigsten Spieler beim Gewinn der Europameisterschaft 1993. Noch während seiner aktiven Zeit absolvierte Harnisch eine Buchhändlerlehre. Im Alter von 30 Jahren beendete er seine Karriere und begann ein Studium in Berlin. Nach dessen Abschluss kehrte er zurück zu Alba Berlin, zunächst als Teammanager, dann als Sportdirektor. Seit dem Jahr 2010 ist er Vizepräsident des Hauptstadtvereins. Er ist verantwortlich für den dortigen Nachwuchsbereich.

Diese Verantwortung trägt auch Florian Gut. Erste Erfahrungen in diesem Bereich sammelte er als Nachwuchskoordinator in Bamberg, wo er sechs Jahre lang tätig war. Anschließend wechselte er zur BBL Ligazentrale und bearbeitete dort schwerpunktmäßig die Themenfelder Nachwuchs und Trainerausbildung. Seit etwas mehr als einem Jahr kümmert er sich nun um die Nachwuchsarbeit der Oettinger Rockets, die sich mit Sportdirektor Wolfgang Heyder und Headcoach Ivan Pavic bewusst auf die Entwicklung junger deutschen Spieler konzentrieren.

Warum Nachwuchsförderung so wichtig ist
5 (100%) 7 votes
Jetzt mitdiskutieren Anmelden oder Registrieren
Basketball.de - Footer-Icon
entwickelt von Markenwirt, Werbeagentur Bamberg
Copyright BASKETBALL.de. Alle Rechte vorbehalten.

Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklärst Du Dich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden.