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Schadet Russell Westbrook den Thunder?

25.04.2017 || 14:41 Uhr von: ,
„In your face“ ist das Diskussionsformat der basketball.de-Lineup. Eine These, zwei Redakteure, mit pro- und contra-Position. Die These diesmal: Westbrooks Stil schadet den Thunder.

Pro: Die One-Man-Show schadet auch ihm selbst

Simon Wisser

Russell Westbrooks Statistiken sind herausragend. Alle paar Tage knackt er individuelle Rekorde. Doch ist das förderlich für den Teamerfolg? Diese Frage muss mit der Spielweise und Effizienz von Westbrook beantwortet werden. Denn die Thunder sind Russell Westbrook. Seine absurde Usage-Rate in der regulären Saison von 40,8 Prozent ist in den vier Playoff-Spielen noch einmal deutlich auf 45,6 Prozent gestiegen.

Letztlich geht es darum, welche Angriffe die größten Erfolgsaussichten haben: Westbrooks Drives gegen zwei, manchmal auch drei Gegenspieler bzw. Pull-ups mit einer Hand im Gesicht? Oder nicht doch eher ein freier Wurf seiner zugegebenermaßen nicht als Scharfschützen bekannten Mitspieler?

Der Point Guard hat offensichtlich für sich die Entscheidung getroffen, dass jeder seiner Abschlüsse – so schlecht und ineffizient sie für jeden anderen auch manchmal sein mögen – die größte Erfolgschance darstellt. Jedoch zeigt die (wenn auch kleine) Stichprobe aus den ersten vier Playoff-Partien gegen Houston, dass es sich durchaus lohnen kann, den Rollenspielern auch mal den Ball zuzupassen. Alex Abrines trifft 58,3 und Andre Roberson 46,2 Prozent seiner Dreier aus dem Catch-and-Shoot. Dies sind wesentlich bessere Quoten als die 38,8 Prozent in der regulären Saison und 34,3 in den aktuellen Playoffs, die Westbrook nach Isolations trifft.

Auch wenn sich Westbrook in der Öffentlichkeit demonstrativ vor seine Teamkollegen stellt (siehe oberer Tweet), zeigt er durch seine permanenten Alleingänge, dass er kein Vertrauen in seine Mitspieler hat. Dass dies nicht zuträglich für das Selbstvertrauen seiner Mannschaftskameraden ist, dürfte klar sein – wenngleich dies keine Entschuldigung für deren mäßigen Leistungen sein soll. Mit dieser einfallslosen One-Man-Show sorgt „RW0“ zudem dafür, dass die Thunder-Offense so ausrechenbar ist wie nur möglich. Damit schadet er vor allem sich selbst, da sich die gegnerische Defense auf ihn einstellen und fokussieren kann.

Der absolute Höhepunkt stellte das vierte Viertel des zweiten Spiels dar, in dem Westbrook unglaubliche 22 der insgesamt 31 Thunder-Angriffe selbst abschloss. Die wenigsten davon kann man als „gut“ bezeichnen. Eine kleine Zusammenfassung habe ich in dem Tweet über diesem Absatz zusammen geschnitten. Die Thunder verloren das Viertel übrigens mit 22:29 und damit auch das Spiel.

Tabelle: Play Type-Stats von Russell Westbrook im vierten Viertel des zweiten Spiels

Play TypePossPPPFG3PFT%
Isolation90,783/91/2
Transition60,500/40/133,3
Spot-Up30,000/30/3
Pick-and-Roll21,001/20/1
MISC21,50100,0
Gesamt220,784/181/718,2

Wer anmerkt, dass hier nur Westbrooks Fehler in einem Viertel beleuchtet werden, dem sei gesagt, dass der Point Guard über die gesamte Serie nur 37,3 Prozent aus dem Feld und 25,8 Prozent von der Dreierlinie trifft. Von allen Thunder-Spielern, die in jedem der vier Playoff-Partien zum Einsatz kamen und durchschnittlich mindestens zehn Minuten Spielzeit sahen, trifft nur Alex Abrines schlechter. Trotz all seiner Triple-Doubles hat kaum ein Team eine Chance, dessen Anführer solche Quoten aufweist. Dieses vierte Viertel ist daher kein Ausnahmefall für Westbrooks Ineffizienz.

Doch nicht nur im Angriff agiert der MVP-Kandidat unglücklich. Während Westbrook in der Offensive übermotiviert auftritt und regelrecht überdreht, verfällt er in der Verteidigung teilweise in Lethargie. In der ersten Szene des unteren Videos ist Westbrook damit beschäftigt, sich bei den Unparteiischen über einen No-Call zu beschweren, während die Rockets auf der anderen Seite einen offenen Dreier in der Transition versenken. Der zweite Angriff zeigt ihn regungslos im luftleeren Raum stehend: Er hilft weder bei Eric Gordon oder Nene aus und versucht auch nicht, den Kickout-Pass zu erschweren, noch bleibt er bei seinem Gegenspieler Patrick Beverley, der den völlig freien Dreier versenkt.

Westbrooks statistischer Output ist historisch. Dass OKC nur wegen ihm die Playoffs erreicht hat, ist unbestritten. Wenn diese allerdings beginnen und die Gegner viel Zeit zur Vorbereitung und Erstellung eines Game-Plans haben, reicht eine One-Man-Show nicht mehr aus. Bislang hat „RW0“ dies noch nicht begriffen. Er sucht sein Heil in der Flucht und rast ungebremst in eine Mauer namens Rockets-Defense. Mit diesen Ego-Trips tut er weder sich, noch dem Team einen Gefallen.

Contra: ohne Russ längst im Sommerurlab

Sebastian Hahn

Russell Westbrook ist in dieser Saison ein Ausnahmefall – statistisch wie emotional. „Brodie“ legt als erster Spieler seit Oscar Robertson ein Triple-Double im Schnitt auf und macht aus einem mittelmäßig begabten Lottery-Team einen Anwärter für die zweite Runde. Sorry Steven Adams, sorry Victor Oladipo und sorry Enes „Der-Stuhl-ist-härter-als-meine-Hand“ Kanter: Ohne Russ hättet ihr alle schon Anfang März den Sommerurlaub gebucht. Denn durch den Weggang von Kevin Durant haben die Thunder nicht nur eine neue Identität gebraucht – sie brauchten auch einen neuen Führungsspieler. Ladies and Gentlemen, „Brodie“ has entered the ring.

Worauf ich hinaus will: Westbrook muss, Durants Verletzungen in den letzten Jahren hin oder her, zum ersten Mal wirklich die Thunder als Franchise Player tragen – ohne die Gewissheit im Hinterkopf, dass die „Durantula“ irgendwann mal wieder zurückkommt. Und auch das ist für Westbrook neu: Der Point Guard war noch nie in seiner Karriere der mit Abstand beste Spieler in seinem Team. Vielmehr: So ein extremes Leistungsgefälle innerhalb eines Kaders gab es zuletzt bei den Post-Shakobe-Lakers. Und Überraschung: Auch dort sorgte die „Black Mamba“ für statistische Glanzleistungen. Einfach mal bei Sam Mitchell und den Toronto Raptors nachfragen…

Aber gut, in der NBA zählt unter dem Strich nun mal der Teamerfolg und dort hapert es aktuell bei den Thunder. 1-3 in der Serie gegen die Rockets und Mit-MVP-Kandidat James Harden; die nächsten drei Spiele müssten die Thunder für ein Comeback allesamt gewinnen, davon zwei auswärts. Russell Westbrooks Bilanz bisher: vier Spiele, drei Triple-Doubles, eines davon sogar innerhalb der ersten beiden Viertel. Auf den ersten Blick: überragend. Auf den zweiten Blick: drei Niederlagen und Quoten, die daran erinnern, warum er von vielen hämisch „Westbrick“ genannt wird.

Russell Westbrook Oklahoma City Thunder

Kommen wir mal zum Kern der Diskussion: Die letzten zwölf Minuten des zweiten Spiels. Westbrook sitzt Ende des dritten Viertels auf der Bank, die OKC-Reserve schafft es binnen Minuten, den eigenen Vorsprung wieder herzuschenken. Russ kommt also zum letzten Viertel zurück und zieht die Ego-Show ab? Falsch gedacht, denn erstmal probiert er es anders. Zunächst legt er einen Dreier für Doug McDermott auf, anschließend trifft er selbst zwei Freiwürfe. Dann kommt der Knackpunkt: McDermott, Sabonis und Singler versuchen alle ihr Glück, entweder stoppen der Ring oder die Schwingen von Center Clint Capela den Weg durch die Reuse. Erst 9:30 Minuten vor dem Ende verfehlt Westbrook seinen ersten Wurf – viele weitere sollten folgen. Die Thunder verlieren trotzdem nur knapp mit 113:115.

Ist Russ also Schuld am 1-3-Rückstand? Keinesfalls. Es sind vielmehr vermeintliche Leistungsträger wie Oladipo, Adams und Kanter, die bisher nicht ihre Leistung abrufen. Wenn „Kackklinke“ Roberson schon seine Dreier trifft und Harden wie in der vierten Partie gut im Zaum hält, wie kann es dann sein, dass ein Nene ungestraft 28 Punkte macht? Westbrook hat im zweiten Spiel natürlich einige falsche Entscheidungen getroffen, aber wenn jemand diese Würfe nehmen darf, dann er – denn er hat sie schon oft genug in dieser Saison getroffen. Und ohne ihn würden sich die Thunder jetzt schon das Schicksal mit den Pacers und Trail Blazers teilen – oder halt schon Cocktails in der Karibik schlürfen.

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